Das Wort des Lebens
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Das Lob der Herrlichkeit der Gnade Gottes

11 Min. Lesezeit

Viele Christen sprechen selbstverständlich von Gnade, Herrlichkeit und Lob, und doch bleiben diese Worte oft unklar und abstrakt. Wer sich dem Epheserbrief öffnet, merkt, dass hinter der Formulierung „zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade“ ein gewaltiger Heilsplan steht, in dem Gott sich selbst schenkt, sichtbar macht und ewig preisen lässt. Gerade wenn wir unsere Begrenztheit spüren, lädt uns Gottes Wort ein, neu zu entdecken, was es bedeutet, als Söhne und Töchter in seiner Gnade angenommen zu sein.

Gottes Gnade – Gott selbst zu unserem Genuss

Wenn das Neue Testament von Gnade spricht, meint es nicht zuerst eine himmlische Hilfeleistung oder ein unpersönliches Entgegenkommen, sondern die Zuwendung Gottes in einer konkreten Person. Johannes bekennt: „Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ (Johannes 1:16). Die Fülle, aus der wir empfangen, ist Christus selbst, der eingeborene Sohn, der im Fleisch gekommen ist. Gnade ist darum nicht nur etwas, das Gott gibt, sondern Gott, wie er sich in seinem Sohn gibt – zugeneigt, zugewandt, genießbar. Die Unterscheidung, die derselbe Abschnitt macht, ist sprechend: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wirklichkeit kamen durch Jesus Christus“ (Johannes 1:17). Gesetz kann man weitergeben wie einen Text; Gnade kommt nur, indem eine Person kommt und bleibt.

Nach dem Neuen Testament ist Gnade das, was Gott für uns ist, damit wir es genießen können (Joh. 1:16–17; 2.Korinther 12:9; 1.Korinther 15:10). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünf, S. 47)

Paulus beschreibt seine eigene Geschichte genau in dieser Linie. Er schaut nicht heroisch auf seine Leistungen zurück, sondern legt sie in die Hände einer anderen Wirklichkeit und schreibt: „Doch durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin; und Seine Gnade mir gegenüber hat sich nicht als vergeblich erwiesen, sondern im Gegenteil, ich habe mich überströmender abgemüht als sie alle, jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist“ (1. Korinther 15:10). In diesen Worten verschränkt er sein Tun und eine in ihm wirkende Person so eng, dass Gnade und Christus kaum mehr voneinander zu trennen sind. Gnade ist nicht bloß eine Kraft, die einmal von außen her zufließt, sondern der Herr selbst, der durch den Heiligen Geist mit dem menschlichen Geist verbunden ist und so in der Tiefe eines Menschen lebt, denkt, trägt und handelt.

Wo dieser Christus gegenwärtig ist, dort beginnt Gnade, Gestalt im Alltag anzunehmen. Sie bleibt nicht an der Schwelle der Vergebung stehen, so kostbar diese ist, sondern führt hinein in eine Lebensgemeinschaft, in der Gott selbst zum Inhalt der Tage wird. In Momenten der Schwachheit wird das besonders deutlich. Auf die Bitte des Paulus, von einer quälenden Last befreit zu werden, antwortet der Herr: „Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht“ (2. Korinther 12:9). Es ist bemerkenswert, dass der Herr nicht sagt: Meine Befreiung, meine Lösung, meine Veränderung ist genug, sondern: Meine Gnade. Er schenkt sich selbst als Genüge – nicht immer die Veränderung der Umstände, wohl aber das tragende, bleibende Sich-selbst-Geben mitten in ihnen.

Aus dieser Sicht wird Gnade zu einem Lebensraum. In einer Welt, die ständig nach Selbstoptimierung drängt, tritt Gnade als die stille Gegenbewegung auf: Gott selbst wird zum Maß und Inhalt dessen, was ein gelingendes Leben ausmacht. Entwicklung geschieht dann nicht durch Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit, sondern durch ein tieferes Hineinwachsen in die Gegenwart dessen, der sich schenkt. Wo ein Mensch entdeckt, dass Gnade bedeutet: Gott ist meine Kraft in der Schwachheit, meine Treue in der Unbeständigkeit, meine Liebe in der inneren Kälte, dort beginnen sich Wertmaßstäbe zu verschieben. Es entsteht ein Lebensstil, in dem die Frage nicht mehr lautet: Was habe ich vorzuweisen?, sondern: Wem gehöre ich, aus wem lebe ich?

Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. (Joh. 1:16)

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wirklichkeit kamen durch Jesus Christus. (Joh. 1:17)

Gnade als Gott selbst zu verstehen, verschiebt den inneren Schwerpunkt: Nicht unsere fromme Leistungsbilanz steht im Zentrum, sondern die Frage, wie weit wir uns von Christus als der gegenwärtigen, wirkenden Gnade tragen lassen. Wer so lebt, gewinnt eine ruhige Freiheit gegenüber sich selbst und den Erwartungen anderer, weil er lernt, aus der Fülle dessen zu schöpfen, der sich ihm Tag für Tag neu schenkt.

Die Herrlichkeit der Gnade – Gott sichtbar in seinen Söhnen

Wenn die Bibel von Herrlichkeit spricht, meint sie nicht nur Glanz, sondern das Gewicht und die Sichtbarkeit Gottes selbst. Herrlichkeit ist der Moment, in dem der unsichtbare Gott erkennbar wird, seine Gegenwart sich verdichtet und mitteilt. Ein eindrückliches Bild dafür findet sich im Auszug Israels: „Da bedeckte die Wolke das Zelt der Begegnung, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung“ (2. Mose 40:34). Am Ende der Wüstenwanderung, als die Stiftshütte vollendet ist, steigt die Wolke herab, und Gott macht sichtbar, dass er mitten unter seinem Volk wohnt. Das, was bis dahin in Verheißungen und Worten angekündigt war, tritt in eine erfahrbare Wirklichkeit ein. Herrlichkeit bedeutet: Gott bleibt nicht im Verborgenen, er nimmt Raum ein.

Wenn du das Thema der Herrlichkeit in der Bibel sorgfältig studierst, wirst du feststellen, dass Herrlichkeit der ausgedrückte Gott ist. Immer wenn Gott offenbar wird, ist das Herrlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünf, S. 49)

Im Neuen Bund wird diese Herrlichkeit nicht mehr an einem Zelt aus Stoff sichtbar, sondern an einer Person. Der Hebräerbrief nennt den Sohn die „Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und den Abdruck seines Wesens“ (Hebräer 1:3). In Jesus von Nazareth leuchtet das, was Gott ist, in menschlichen Gesten auf: in seiner Art zu lieben, zu vergeben, zu leiden, zu dienen. Wenn er Kinder segnet, Sünder annimmt und Feinde liebt, wird Gottes Herz erkennbar. Herrlichkeit hat dann nichts Abgehobenes, sondern tritt in den Staub der Wege Galiläas hinab. Zugleich zeigt sich hierin schon eine Bewegung: Gottes Herrlichkeit will nicht bei einem einzelnen bleiben; sie sucht Raum in einer Gemeinschaft, die sein Wesen widerspiegelt.

Der Epheserbrief spannt diesen Gedanken in große Linien. Dort verbindet Gott die Herrlichkeit seiner Gnade mit der Sohnschaft, zu der er Menschen in Christus bestimmt hat. Er schenkt nicht nur einen neuen Status, sondern teilt das Leben des Sohnes, den Geist des Sohnes und die Nähe des Sohnes mit. Paulus sieht das Ziel klar vor Augen: Gott hat uns vorherbestimmt, „dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein“ (Römer 8:29). Wenn Gott aus ehemaligen Fremden Söhne und Töchter formt, die ihm ähnlich werden, dann wird seine Gnade sichtbar. Herrlichkeit ist dann nicht nur Licht, sondern ein erneuertes Menschsein, in dem die Züge des Sohnes erkennbar sind.

So erklärt sich auch die große Erwartung, von der Paulus spricht: „Denn die sehnsüchtige Erwartung der Schöpfung wartet sehnlichst auf die Offenbarung der Söhne Gottes“ (Römer 8:19). Die Schöpfung wartet nicht einfach auf ein kosmisches Feuerwerk, sondern auf Menschen, an denen ablesbar wird, wer Gott ist. Wo Kinder Gottes in Freiheit, Wahrhaftigkeit und Liebe leben, beginnt etwas von dieser künftigen Offenbarung schon jetzt aufzuscheinen. Die Herrlichkeit der Gnade Gottes besteht darin, dass der Gott, der sich schenken will, sich nicht nur in einem einzelnen Sohn, sondern in einer ganzen Schar von Söhnen und Töchtern ausdrückt. Sie sind keine eigenständigen Lichter, sondern Spiegel, in denen der eine Glanz des Sohnes widerstrahlt.

Da bedeckte die Wolke das Zelt der Begegnung, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung. (2.Mose 40:34)

Er ist die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens und trägt alle Dinge durch das Wort seiner Macht; nachdem er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, hat er sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe. (Hebr. 1:3)

Herrlichkeit als ausgedrückter Gott zu verstehen, lenkt den Blick weg von äußerem Glanz hin zu der schlichten Frage, wo Gottes Wesen in unserem Leben erkennbar wird. Wer sich als Sohn oder Tochter in dieser Geschichte der Gnade verortet, kann die eigenen Begrenzungen nüchtern sehen und sich zugleich darauf verlassen, dass Gott selbst daran interessiert ist, in seinem Volk sichtbar zu werden – Schritt für Schritt, oft unscheinbar, aber mit einer Herrlichkeit, die am Ende die ganze Schöpfung staunen lässt.

Begnadigt in der Geliebten – leben aus dem Lob der Gnade

Wenn Paulus im Epheserbrief davon spricht, dass Gott uns „begnadigt hat in dem Geliebten“ (Epheser 1:6), beschreibt er eine tief veränderte Wirklichkeit: Menschen werden aus der Sphäre der Anklage, der Distanz und der Unsicherheit herausgenommen und in den Raum der Gunst Gottes hineingestellt. Der Schlüssel liegt in der Bezeichnung „der Geliebte“. Sie erinnert an die Stimme des Vaters über Jesus am Jordan: „Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sagte: Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Matthäus 3:17). Dieselbe Stimme erklingt auf dem Berg der Verklärung noch einmal und fügt hinzu: „Hört auf Ihn!“ (Matthäus 17:5). In diesem einen Sohn bündelt sich das ganze Wohlgefallen des Vaters.

Dass Gott uns begnadigt, bedeutet, dass Er uns in die Stellung der Gnade versetzt hat, damit wir der Gegenstand Seiner Gnade und Seines Wohlwollens sind, das heißt, damit wir alles genießen, was Gott für uns ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft fünf, S. 51)

Begnadigt in der Geliebten zu sein bedeutet, in diese Beziehung hineingenommen zu werden. Gott sieht die Seinen nicht mehr isoliert, sondern in Christus, und was er in ihm liebt, das umschließt nun auch sie. Der Blick des Vaters auf den Sohn wird zur Atmosphäre, in der glaubende Menschen leben. Es geht nicht nur darum, dass Schuld vergeben ist, so unendlich wichtig das ist, sondern darum, dass eine neue Stellung geschenkt wird: Menschen werden zu Objekten göttlichen Wohlgefallens. Wenn Paulus davon spricht, dass wir „in dem Geliebten“ begnadigt sind, rückt er die Perspektive zurecht: Das Zentrum liegt nicht bei der Veränderlichkeit unserer Gefühle, sondern bei der Beständigkeit der Liebe, mit der der Vater seinen Sohn ansieht.

Aus dieser Stellung erwächst ein neues Selbstverständnis. Wer über lange Strecken gelernt hat, sich vor allem als Fehlbarer, als nicht Genügender zu sehen, kann sich nur schwer in den Spiegel dieses Wortes stellen. Doch gerade hier zielt die Gnade Gottes auf eine innere Befreiung: Sie löst den Menschen aus dem Kreislauf von Selbstanklage und Selbstverteidigung und stellt ihn auf den festen Grund der Liebe Gottes. Paulus beschreibt die Adressaten seines Briefes deshalb schlicht als „Berufene Jesu Christi“ (Römer 1:6) – ihr innerster Name kommt von der Beziehung her, nicht von der Summe ihrer Erfolge oder Versäumnisse. In der Geliebten begnadigt zu sein heißt, von Gott her einen neuen Namen, eine neue Geschichte und einen neuen Ort im Herzen Gottes zu haben.

Diese neue Sicht bleibt nicht ohne Folgen. Wo ein Mensch sich als von Gott Angenommener erkennt, verliert die fixierende Macht von Minderwertigkeit und Stolz an Gewicht – beides sind in der Tiefe nur zwei Seiten derselben Selbstbezogenheit. An ihre Stelle kann ein Lob treten, das sich auf Gott konzentriert: auf seine Gnade, seine Geduld, seine schöpferische Treue. Der Epheserbrief spricht nicht zufällig vom „Lob der Herrlichkeit seiner Gnade“. Wenn die Schöpfung einst die Offenbarung der Söhne Gottes sieht und aus der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit wird (vgl. Römer 8:19–21), wird sie genau dieses Lob hören: ein Staunen darüber, wie weit Gottes Gnade Menschen getragen und verwandelt hat.

zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. (Eph. 1:6)

Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sagte: Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe. (Matt. 3:17)

Begnadigt in der Geliebten zu sein heißt, sich von Gott her ansehen zu lassen – unter dem Licht seiner Liebe zum Sohn und nicht unter dem Schatten eigener Maßstäbe. Wer diese Sicht nach und nach verinnerlicht, kann lernen, sich weniger über Leistung und Scheitern zu definieren und mehr aus dem festen Boden göttlichen Wohlgefallens zu leben; daraus erwächst ein Lob, das nicht von wechselnden Umständen abhängig ist, sondern von der Treue dessen, der seine Gnade über unserem Leben festgeschrieben hat.


Vater, wir preisen dich für die überfließende Gnade, die du uns in deinem geliebten Sohn geschenkt hast, und für die Herrlichkeit, mit der du dich in unserer Sohnschaft offenbaren willst. Stärke in uns den Glauben, dass wir in Christus wirklich angenommen und dir zur Freude sind, auch wenn unsere Gefühle oft etwas anderes sagen. Lass uns immer tiefer entdecken, dass du selbst unsere Gnade bist – unsere Kraft in der Schwachheit, unser Licht in der Dunkelheit und unsere Freude mitten in allen Herausforderungen. Fülle unser Herz mit einem Lob, das nicht bei unseren Bedürfnissen stehen bleibt, sondern dich bewundert für das, was du bist und was du tust, heute und bis zur Offenbarung deiner Söhne vor der ganzen Schöpfung. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 5

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