Das Geheimnis des Willens Gottes
Viele Christinnen und Christen kennen Gottes Willen vor allem als persönliche Führung: die richtige Entscheidung, der passende Beruf, der nächste Schritt. Hinter all diesen Fragen steht jedoch ein viel größeres Geheimnis: Wozu gibt es überhaupt das Universum, warum existiert die Menschheit, und welche Rolle spielt die Gemeinde in Gottes Herzen? Wer diesem Geheimnis nachspürt, entdeckt, dass Gottes Wille weit über unsere individuelle Biografie hinausreicht und doch tief in unserem inneren Leben mit Christus konkret wird.
Der verborgene Ratschluss: Gottes Wille und das Geheimnis des Universums
Wenn die Schrift von dem „Geheimnis seines Willens“ spricht, öffnet sie einen Horizont, der weiter reicht als persönliche Führung oder fromme Lebensplanung. In Kolosser 1:26 heißt es von diesem Geheimnis, dass es „von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist“. Das Geheimnis betrifft nicht lediglich einzelne Wege, sondern den Sinn des Ganzen: Warum gibt es Himmel und Erde, warum die Geschichte der Völker, warum ein Menschengeschlecht? Die Bibel ordnet diese Fragen nicht in abstrakte Begriffe, sondern in die Beziehung zwischen dem Dreieinen Gott und einem von Ihm bereiteten Gegenüber. Sein Wille ist der Ausdruck des Verlangens seines Herzens, nicht nur Schöpfer, sondern auch Mitteilender, Liebender und Wohnender zu sein.
Gottes Wille birgt ein Geheimnis, ein Geheimnis, das durch die Zeitalter hindurch verborgen gewesen ist (3:5; Kol. 1:26). Das Universum ist ein Geheimnis. Warum gibt es einen Himmel, und warum existiert die Erde? Warum gibt es so viele Millionen von Dingen im Universum? Warum ist der Mensch hier auf der Erde? All diese Fragen sind geheimnisvoll und haben viele verschiedene Philosophien hervorgebracht. Dieses Geheimnis, das der Wille Gottes ist, ist der Gemeinde durch die Apostel bekannt gemacht worden. Ein Wille ist eine Absicht, und der Wille Gottes ist Gottes Absicht. Gottes Absicht steht in inniger Beziehung zu dem Verlangen Seines Herzens. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sieben, S. 64)
Schon der Anfang der Schrift deutet in diese Richtung. In 1. Mose schafft Gott alles durch sein Wort, aber beim Menschen hält Er inne und spricht: „Lasset uns Menschen machen in unserem Bild, uns ähnlich“ (1. Mose 1:26). Die Schöpfung des Menschen ist kein Nachtrag, sondern der Schlüssel: Ein Wesen, das Gottes Bild tragen und seine Herrschaft repräsentieren soll, ein Gefäß, in das Gott sich selbst hineingeben möchte. Erlösung, Erwählung, Vorherbestimmung – all das gehört zu diesem Ratschluss, ist aber nicht das letzte Ziel. Sie bereiten eine Menschheit, die in Christus mit Gott verbunden ist, bis sie seine Fülle widerspiegelt. Darin liegt das Geheimnis des Universums: Nicht „was“ die Welt ist, sondern „wer“ Gott in seinem Volk sein will. Wer sich von dieser Sicht prägen lässt, beginnt Geschichte, eigene Biografie und Gemeindeleben nicht mehr als lose Aneinanderreihung von Ereignissen zu sehen, sondern als Schauplatz, auf dem Gottes Herz seine Gestalt gewinnt.
Diese Sichtweise beleuchtet auch die Spannungen und Dunkelheiten der Welt. Römischer 8:28 fasst dies zusammen: „Und wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind.“ Die Formulierung „alle Dinge“ ist umfassend und mutig. Sie schließt Gelingen und Scheitern, Freude und Leid, sichtbare Erfolge und verborgene Verluste ein. Nicht jedes Einzelereignis ist für sich gut, aber der lebendige Gott fügt das Zersplitterte zu einem Ganzen, das seinem Vorsatz dient. Der Maßstab, an dem Er dies misst, ist nicht zuerst unser kurzfristiges Wohlergehen, sondern die Entfaltung dessen, was Er in Christus beschlossen hat.
Wer so auf Gottes Willen schaut, wird innerlich gelöst von der Enge, das eigene Leben vor allem als Projekt der Selbstverwirklichung oder Selbstoptimierung zu sehen. Gottes Wille ist nicht kleiner als unsere Pläne, sondern unendlich größer und zugleich persönlicher: Er umfasst die Weite des Kosmos und legt doch Wert auf jedes einzelne Herz, in dem Er erkannt und geliebt werden will. In dieser Spannung von kosmischer Größe und intimer Nähe darf Glauben wachsen. Es ist tröstlich zu wissen, dass wir nicht die Last tragen müssen, dem Dasein selbst Sinn zu geben; der Sinn ist bereits im Herzen Gottes beschlossen und in Christus sichtbar geworden. In dieses bereits vorhandene Ja Gottes dürfen wir mit unserem begrenzten Ja Antwort geben.
das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist, (Kol. 1:26)
Und wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind. (Röm. 8:28)
Wer den verborgenen Ratschluss Gottes so betrachtet, darf seinen Alltag weniger als Rätsel und mehr als Weg in eine Beziehung verstehen, in der Gott sich selbst mitteilt. Die großen Fragen nach Sinn und Ziel müssen nicht in abstrakten Theorien enden, sondern finden Halt in einer Person, in der Gott seinen Willen offenbart hat. Daraus erwächst eine stille Zuversicht: Auch das, was heute noch unverständlich bleibt, steht unter dem Zeichen eines Willens, der von Liebe und nicht von Willkür getragen ist.
Gott arbeitet sich in uns hinein: Sohnschaft, Gemeinde und Leib Christi
Wenn Epheser 1.von der „Sohnschaft“ spricht, führt der Blick mitten in das Herz des Evangeliums. Gott will nicht nur begnadigte Untertanen, sondern Söhne und Töchter, die sein Leben, seine Freiheit und seine Nähe teilen. Diese Sohnschaft ist kein religiöser Ehrenstatus, sondern ein Vorgang, in dem Gott sich selbst mitteilt. In Epheser 4:6 heißt es: „ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist.“ Der Vater wirkt nicht von außen an uns, sondern kommt in seinem Sohn durch den Geist in unser Inneres, um dort Wohnung zu nehmen und uns zu durchdringen. Gnade ist in diesem Sinn nicht zuerst eine milde Behandlung, sondern Gott selbst, der sich schenkt, trägt und verwandelt.
Sohnschaft ist ganz und gar eine Sache der Gnade. Durch Gottes Gnade werden wir zu Söhnen Gottes. Der Geist des Sohnes, das Leben des Sohnes, die Stellung des Sohnes, das Bild des Sohnes, die Vollendung der Sohnschaft und das Erbe von allem, was Gott ist, in der Sohnschaft – all dies ist Gnade. Wie wir hervorgehoben haben, ist Gnade Gott Selbst. Gott Selbst ist gekommen, um alles für uns zu vollbringen, damit wir Seine Söhne mit der vollen Sohnschaft sein können. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sieben, S. 63)
Der Weg dahin führt über die Erlösung, aber er bleibt dort nicht stehen. Durch das Blut Christi werden Schuld und Trennung beseitigt, damit Raum entsteht, in dem der Geist des Sohnes unser inneres Klima prägen kann. So wird wahr, was Paulus mit den Worten beschreibt: „Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Diese innere Wirklichkeit bleibt oft verborgen, gerade wenn der Alltag rau wird und das Gemeindeleben alles andere als ideal erscheint. Doch gerade dort arbeitet Gott an seiner Sohnschaft: Er verwendet Missverständnisse, Enttäuschungen und unsere eigenen Grenzen, um uns zu lösen von uns selbst und empfänglicher zu machen für den inneren Strom seines Lebens.
Aus dieser Sohnschaft wächst die Gemeinde als Leib Christi. Die Gemeinde ist nicht zuerst ein Verein von Gleichgesinnten, sondern ein lebendiger Organismus, in dem Christus das Haupt ist und die Gläubigen als Glieder seinen Ausdruck bilden. Kolosser 1:18 beschreibt es so: „und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“. Wo Christus wirklich Haupt sein darf, hört die Gemeinde auf, eine Bühne für religiöse Selbstdarstellung zu sein, und wird zu einem Raum, in dem sein Leben zirkuliert. Jeder Gläubige trägt etwas von diesem Leben, niemand alles; gerade in der gegenseitigen Ergänzung wird sichtbar, wer Christus ist.
Der Herr selbst hat dieses Leben mit dem Bild vom Weinstock und den Reben beschrieben: „Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15:5). Was den Weinstock auszeichnet, ist der stille, beständige Zufluss des Saftes in die Reben. So wirkt der Dreieine Gott in der Gemeinde: unaufdringlich und doch kraftvoll, verborgen und doch fruchtbar. Gemeindeleben kann sich manchmal wie ein Ofen anfühlen, in dem Konflikte, unterschiedliche Prägungen und Schwächen aufeinanderprallen. Aber gerade dieser Ofen wird zum Ort, an dem die Gnade sich als tragfähig erweist und sich mehr von Christus in die Glieder hineinarbeitet. Darin liegt ein tiefes Geschenk: Inmitten von Unvollkommenheit entsteht ein Leib, der Christus trägt und ausdrückt.
ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist. (Eph. 4:6)
und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)
In der Sicht Gottes ist kein Gläubiger zufällig in der Gemeinde, und kein gemeinsamer Weg ist vergeblich. Wo der Dreieine Gott sich hinein arbeitet, wird das alltägliche Miteinander zum Ort der Gnade: begrenzte Menschen werden zu Trägern eines unbegrenzten Lebens. Wer das im Glauben annimmt, kann auch in mühsamen Phasen des Gemeindelebens damit rechnen, dass Gott gerade dort seine Sohnschaft vertieft und den Leib Christi formt.
Aufhauptung in Christus: Gottes Verwaltung und unsere Hoffnung
Die Weltgeschichte wirkt oft wie ein Strom, der jede Ordnung mit sich reißt: Systeme kommen und gehen, Ordnungen zerbrechen, Beziehungen scheitern, selbst die Schöpfung seufzt unter der Last von Zerstörung und Missbrauch. Die Schrift erschreckt über diese Realität nicht, sondern benennt ihre Wurzel: Durch die Rebellion Satans und den Fall des Menschen ist das geschaffene Ganze in einen Zustand der Zerstreuung geraten. Paulus beschreibt die Schöpfung als der Nichtigkeit unterworfen, „in Hoffnung“ (Römer 8:20). Gerade diese Hoffnung entfaltet Epheser 1: Gott hat einen Plan, „in der Verwaltung der Fülle der Zeiten alles in Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, unter ein Haupt zusammenzufassen“ (Epheser 1:10, sinngemäß).
Vers 10 spricht von der Aufhauptung aller Dinge in Christus, und Vers 11 von der Tatsache, dass wir zu einem Erbteil gemacht worden sind, „indem wir vorherbestimmt worden sind nach dem Vorsatz dessen, der alle Dinge wirkt nach dem Rat Seines Willens“. Gottes überströmende Gnade hat uns zu Gottes Erbteil, zu Gottes Besitz, gemacht. Vers 14 zeigt, dass auch wir ein Erbe haben werden. Durch Gottes Gnade sind wir zu Seinem Erbteil gemacht worden, und durch Seine Gnade ist Er zu unserem Erbteil geworden. Welch überströmende Gnade! (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sieben, S. 64)
Diese Aufhauptung bedeutet nicht lediglich eine neue äußere Ordnung, sondern die Wiederherstellung des inneren Zusammenhangs aller Dinge in Christus. In Kolosser 1:17 heißt es von Ihm: „Und Er ist vor allem, und alles besteht durch Ihn.“ Derselbe Christus, in dem alle Dinge geschaffen sind, trägt sie und hält sie zusammen. Die Auflehnung des Geschöpfes hat diese innere Bindung nicht aufgehoben, wohl aber verdunkelt. Gottes Verwaltung (oikonomia) zielt darauf, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen, indem Christus als Haupt anerkannt wird. Er beginnt damit in der Gemeinde: In einem Leib, in dem Christus wirklich Haupt sein darf, werden zersplitterte Lebensbereiche geordnet, versöhnte Beziehungen entstehen und eine andere Art des Miteinanders wächst, die nicht von Konkurrenz, sondern von füreinander gelebtem Leben geprägt ist.
Dabei bleibt es nicht bei einem innergemeindlichen Geschehen. Römischer 8:28 erinnert daran, dass „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind“. Der Vorsatz Gottes ist nicht auf die Gemeinde als geschlossenen Raum beschränkt, sondern führt durch die Gemeinde hindurch auf seine Schöpfung zu. Wenn Gott „alle Dinge“ zum Guten zusammenwirken lässt, dann arbeitet Er an einer Geschichte, in der sich seine Aufhauptung Schritt für Schritt abzeichnet – oft hinter den Kulissen, oft gegen den Augenschein. Der Tag wird kommen, an dem diese verborgene Ordnung öffentlich wird: im Kommen Christi, in der Offenbarung der Söhne Gottes und zuletzt in der neuen Schöpfung, deren Bild uns in der heiligen Stadt, dem neuen Jerusalem, geschenkt ist. Dort ist nichts mehr zerstreut; alles ist durchdrungen von der Herrlichkeit Gottes, von der es in Offenbarung 21:11 heißt, sie sei wie ein Jaspisstein, „so klar wie Kristall“.
Diese Perspektive nimmt dem Chaos nicht seine Schärfe, aber sie nimmt ihm die letzte Deutungshoheit. Wer sich an Christus als dem Haupt ausrichtet, steht nicht ohnmächtig vor den Bewegungen seiner Zeit. Das persönliche Leben, die Geschichte der Gemeinde vor Ort und die großen Umbrüche der Welt behalten ihre Schwere, aber sie verlieren den Charakter des Zufälligen und Sinnlosen. In Christus werden sie Teil einer größeren Bewegung auf den Tag zu, an dem Gott sichtbar „alles in allen“ sein wird. Bis dahin darf jede noch so unscheinbare Entscheidung, sich unter das Haupt zu stellen, als Beitrag zu dieser kommenden Ordnung verstanden werden. Aus dieser Hoffnung wächst eine stille Standfestigkeit: Nicht die Zerstreuung, sondern die Aufhauptung hat das letzte Wort.
Und Er ist vor allem, und alles besteht durch Ihn. (Kol. 1:17)
Und wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind. (Röm. 8:28)
Die Hoffnung auf die Aufhauptung aller Dinge in Christus nimmt dem Heute nicht seinen Ernst, aber sie schenkt ihm Richtung. Wer sein Leben, seine Beziehungen und sein Gemeindeleben im Licht dieses Zieles sieht, darf mit einer tiefen Gelassenheit durch unübersichtliche Zeiten gehen. Nicht das Durcheinander, sondern der Wille Gottes behält das letzte Wort – und dieser Wille ist in Christus schon jetzt sichtbar und wirksam.
Vater im Himmel, du kennst den Rat deines Herzens von Ewigkeit her, und du hast uns in Christus in dieses große Geheimnis hineingenommen. Wo wir nur unsere Begrenzungen und die Unordnung um uns sehen, öffne unsere Augen für deinen Willen, der darin besteht, dich selbst in uns hineinzulegen und alles in Christus unter ein Haupt zu bringen. Stärke unser Vertrauen, dass jede Situation, die wir durchlaufen, ein Ort sein darf, an dem mehr von Christus in uns Gestalt gewinnt und deine Gnade reichlich wird. Lass dein Licht in unserem persönlichen Leben und in der Gemeinde aufgehen, damit wir als Leib Christi etwas von deiner kommenden Herrlichkeit widerspiegeln. Richte unsere Hoffnung auf den Tag aus, an dem die neue Schöpfung in vollendeter Schönheit sichtbar sein wird und du alles in Christus zusammenfasst. Bewahre unsere Herzen fest in dir, bis du vollendest, was du begonnen hast. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 7