Die Vermengung der Göttlichkeit mit der Menschlichkeit
Viele Christen kennen die Worte Erlösung und Wiedergeburt, finden sich aber im Alltag oft in denselben Schwächen, Mustern und Kämpfen wieder. Die Bibel zeigt jedoch ein viel tieferes Werk Gottes: Er bleibt nicht bei der Vergebung der Sünden stehen, sondern teilt uns sein eigenes Leben mit und verbindet es untrennbar mit unserer Menschlichkeit. Wer dieses Geheimnis der Vermengung von Göttlichkeit und Menschlichkeit entdeckt, beginnt seine Errettung nicht nur als einmaliges Ereignis, sondern als fortlaufende, verwandelnde Wirklichkeit zu sehen.
Gottes vollständige Errettung: mehr als Vergebung
Gottes Errettung setzt bei unserer tiefsten Not an, aber sie bleibt nicht bei der Vergebung stehen. Am Kreuz hat Christus als wirklicher Mensch unsere Sünden getragen, die Trennung aufgehoben und uns vor Gott gerecht gemacht. Paulus schreibt, dass Gott uns „durch Christus mit sich selbst versöhnt“ hat und dass Christus „für uns zur Sünde gemacht“ wurde, „damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2.Korinther 5:18–21). Vergebung und Rechtfertigung sind darum ein gewaltiger Neubeginn: Die Schuld ist nicht nur zugedeckt, sondern weggetragen; die Anklage ist nicht nur beruhigt, sondern erledigt. Und doch bezeichnet die Schrift diesen Schritt immer wieder als Anfang, nicht als Ziel. Erlösung öffnet die Tür, aber dahinter liegt ein weiter Raum, in dem Gott selbst unser Inneres erneuern will.
In Gottes vollständiger Errettung gibt es mehrere entscheidende Schritte. Zu diesen Schritten gehören Erlösung, Wiedergeburt, Umwandlung und Verherrlichung. … Die Erlösung ist jedoch nur die erste Stufe von Gottes vollständiger Errettung. Als wir an den Herrn Jesus glaubten, wurden wir für Gott erlöst. Zugleich aber kam der Geist Gottes – auf der Grundlage der Erlösung Christi – in unser Inneres. Insbesondere kam der Geist in unseren Geist, um uns wiederzuerzeugen, Gottes Leben in unseren abgestorbenen Geist hineinzubringen und unseren Geist lebendig zu machen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 342)
In dem Moment, in dem ein Mensch auf Christus vertraut, wird unsichtbar mehr geschenkt, als die Wahrnehmung erfasst. Der Geist Gottes tritt auf der Grundlage des vollbrachten Erlösungswerks in unseren menschlichen Geist ein und macht ihn lebendig. Jesus beschreibt dieses Geschehen mit den knappen, aber erschütternden Worten: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3:3). Wiedergeburt bedeutet, von Gott geboren zu werden, sein Leben und seine Natur in sich zu tragen – nicht nur an Gott zu glauben, sondern seinen Lebensstrom in sich aufzunehmen (vgl. 1.Johannes 5:11–13). Von hier an beginnt eine stille, aber durchgreifende Geschichte: Der Gott, der uns von außen gerecht spricht, wohnt nun in uns, um uns nach innen in das Bild seines Sohnes umzuwandeln. Wo wir vorher nur Vergebung suchten, entdecken wir nach und nach, dass Gott uns durch und durch mit seinem Leben durchdringen will.
Diese Umorientierung der Sicht ist befreiend und zugleich herausfordernd. Befreiend, weil unsere Beziehung zu Gott nicht am Punkt der ständig neu gesuchten Vergebung festhängt, sondern auf die Verheißung einer wirklichen inneren Erneuerung zusteuert. Herausfordernd, weil sie unser Bild von einem „geregelten religiösen Leben“ sprengt. Wir sind nicht dazu bestimmt, auf der Schwelle des Kreuzes stehen zu bleiben, sondern hineinzuwachsen in eine vertraute Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott, der in uns wohnt. „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2.Korinther 3:18). In solchen Worten klingt eine große Hoffnung: Gott will keine äußerlich disziplinierten, innerlich aber unveränderten Menschen, sondern Männer und Frauen, deren Inneres Schritt für Schritt seiner Herrlichkeit ähnlich wird. Wo diese Perspektive unser Denken prägt, bekommt auch der Alltag einen anderen Klang: Er wird zum Raum, in dem Gottes vollständige Errettung leise, aber real weitergeht.
Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist. (2.Kor 3:18)
Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns. (2.Kor 4:7)
Wer Gottes Errettung so versteht, sieht im Kreuz nicht nur einen einmaligen Rettungsring aus der Schuld, sondern den Beginn eines langen Weges der inneren Erneuerung. Das entlastet von der Angst, ständig „genügen“ zu müssen, und öffnet gleichzeitig für ein Leben, in dem Gottes Geist an unserem Inneren arbeiten darf. Vergebung bleibt kostbar, doch sie wird zum Tor in ein Leben, das von der Gegenwart Christi geprägt und in sein Bild hinein verwandelt wird.
Die Vermengung von Göttlichkeit und Menschlichkeit
Wenn die Schrift von Gottes vollständiger Errettung spricht, ist nicht nur das Nebeneinander von Gott und Mensch im Blick, sondern eine geheimnisvolle Nähe. Die Bibel scheut sich nicht, von einer echten Teilhabe des Menschen an Gottes Leben zu reden. Johannes fasst es schlicht: „Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (1.Johannes 5:11). Wo dieses Leben in einen Menschen einzieht, bleibt Gott unverändert Gott und der Mensch unverändert Mensch, und doch entsteht eine neue Wirklichkeit: Gottes Wesen berührt unsere Natur so nah, dass beides untrennbar aufeinander bezogen ist. Nicht Verschmelzung, in der die Unterschiede verschwinden, und nicht bloßes Nebeneinander, in dem Gott uns von außen inspiriert, sondern eine lebendige Vermengung, in der zwei Wirklichkeiten miteinander verbunden werden, ohne ihr je eigenes Sein zu verlieren.
Wir können uns mit einem Glas Wasser vergleichen. Ob das Glas sauber oder schmutzig ist, es enthält nichts anderes als reines Wasser. … Wenn jedoch Tee in dieses Glas Wasser gegeben wird, kommt ein anderes Element in das Wasser hinein. Dann sind zwei Substanzen, das Wasser und der Tee, der Tee und das Wasser, miteinander vermengt. Diese Vermengung ist es, was wir mit Konstitution meinen. Das Wasser wird in den Tee hinein konstituiert, und der Tee in das Wasser. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 343)
Die Schrift deutet dieses Geheimnis mit Bildern an. Im Speisopfer wird feines Mehl, das für die ausgewogene Menschlichkeit Christi steht, mit Öl vermengt, das ein Bild für den Geist Gottes ist (3.Mose 2). Mehl und Öl bilden kein drittes Element, keinen undefinierbaren Brei, und doch sind sie nicht mehr voneinander zu trennen. Ähnlich beschreibt 2. Mose das Ephod des Hohenpriesters als Gewebe aus Goldfäden und Leinenfäden (2.Mose 28): Das Gold steht für die Göttlichkeit, das Leinen für die Menschlichkeit; beides ist unauflöslich miteinander verwoben, ohne dass Gold aufhört, Gold, oder Leinen aufhört, Leinen zu sein. Was an Christus sichtbar wird, setzt sich in seinem Leib fort: „Er hat alles unter seine Füße getan und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ (Epheser 1:22–23). In der Wiedergeburt zieht gewissermaßen ein goldener Faden in das Gewebe unseres Menschseins ein. Wir werden nicht zu Halbgöttern, sondern zu Gott-Menschen: wirkliche Menschen, in deren Leben Gottes göttliche Wirklichkeit mitschwingt und ihre Menschlichkeit prägt, ohne sie zu vernichten.
Wer so von Vermengung spricht, geht behutsam mit Worten um. Die Grenzen, die die Schrift zieht, schützen: Gott bleibt der Schöpfer, wir bleiben Geschöpfe. Und doch dürfen wir staunend wahrnehmen, wie weit Gott sich herabneigt. Der ewige Sohn wird Mensch, um als Hoherpriester einer neuen Menschheit voranzugehen – einer Menschheit, in der Göttlichkeit und Menschlichkeit nicht mehr gegeneinander stehen, sondern innerlich aufeinander bezogen sind. In unserem Leben zeigt sich diese Vermengung oft unspektakulär: in einer Weisheit, die wir uns nicht zurechnen können, in einer Liebe, die unseren natürlichen Grenzen widerspricht, in einer inneren Kraft, die über unsere Reserven hinausreicht. „Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ (2.Korinther 4:7) – zerbrechliche Menschlichkeit, durchzogen von einer göttlichen Gegenwart. Gerade diese Spannung ist tröstlich: Gott rechnet mit unserer Schwachheit und nimmt sie dennoch ernst genug, um sie mit seinem eigenen Leben zu erfüllen.
Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns. (2.Kor 4:7)
Das Bild der Vermengung lädt zu einem ehrlichen und zugleich hoffnungsvollen Blick auf das eigene Menschsein ein. Schwäche und Begrenztheit werden nicht romantisiert, aber sie werden auch nicht mehr als Hindernisse für Gottes Wirken verstanden, sondern als Raum, den er mit seinem Leben füllen will. In dieser Sicht wird das alltägliche, oft unscheinbare Menschsein zum Ort, an dem Gottes göttliche Wirklichkeit aufleuchtet – nicht in spektakulären Momenten, sondern in einem Leben, das von innen her von ihm durchzogen ist.
Umwandlung: wenn Christus unsere Menschlichkeit neu ordnet
Wo Gottes Leben in einen Menschen einzieht, bleibt es nicht untätig. Die Vermengung von Göttlichkeit und Menschlichkeit führt dazu, dass unser Inneres neu geordnet wird. Die Bibel nennt diesen Weg Umwandlung. Es geht nicht darum, dass wir unser Temperament feilen oder unsere Schwächen besser kaschieren, sondern darum, dass Gottes Leben unseren Charakter, unser Denken, unser Fühlen und Entscheiden nach und nach durchdringt. Paulus beschreibt diesen Prozess mit den Worten: „Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2:13). Dasselbe Ich, dieselbe Geschichte, dieselbe Erinnerung – aber ein anderer innerer Antrieb, eine andere Ausrichtung, eine andere „Farbe“ des Lebens. So wie Wasser, das mit Tee durchzogen wird, dieselbe Flüssigkeit bleibt und doch einen anderen Geschmack, einen anderen Duft, eine andere Wirkung auf den Durst hat.
Die Wiedergeburt ist, wie die Erlösung, nur der Anfang, die erste Stufe von Gottes Errettung. So wie die Geburt der Anfang des menschlichen Lebens ist, so ist die Wiedergeburt der Anfang des geistlichen Lebens. Auf die Wiedergeburt folgt, dass wir Umwandlung brauchen. Wenn wir die Bedeutung der Umwandlung verstehen wollen, müssen wir Begriffe wie Konstitution und Neuordnung verwenden. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 343)
Diese innere Umgestaltung bleibt nicht im Verborgenen. Sie spiegelt sich in Beziehungen, im Umgang mit Leid, in unseren Reaktionen auf Erfolg und Misserfolg. Paulus kann sagen: „Allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde“ (2.Korinther 4:10). In den Spannungen des Alltags, in Konflikten, in Enttäuschungen wirkt ein doppeltes Geschehen: Etwas vom alten, selbstbezogenen Menschen bricht; zugleich wird etwas vom Leben Jesu sichtbar, das zuvor verborgen war. Umwandlung ist darum schmerzlich und tröstlich zugleich: schmerzlich, weil sie unsere festgefahrenen Muster nicht schont; tröstlich, weil sie nicht auf unserer Anstrengung beruht, sondern auf der stillen, aber beharrlichen Arbeit des inwohnenden Geistes. Die Schrift spricht in diesem Zusammenhang von einer Bewegung „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2.Korinther 3:18) – keine spektakuläre Explosion, sondern ein wachsendes Strahlen, das sich über Jahre vertieft.
Der Weg dieser Umwandlung zielt auf eine Vollendung, die über unser jetziges Erleben hinausreicht. Was heute unsichtbar in Herz und Charakter geschieht, wird einmal auch unseren Leib erfassen. Paulus spricht davon, dass Gott uns „vorherbestimmt hat, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein“ und dass die, die er so bestimmt hat, auch „verherrlicht“ sind (Römer 8:29–30). In ähnlicher Weise schreibt er, dass unser „Leib der Niedrigkeit“ umgestaltet werden wird „zur Gleichgestalt mit seinem Leib der Herrlichkeit“ (Philipper 3:21). Die Vermengung der Göttlichkeit mit unserer Menschlichkeit, die jetzt innerlich wirkt, wird dann in einer Weise sichtbar, die jede gegenwärtige Erfahrung übersteigt. Diese Aussicht nimmt der Gegenwart nichts von ihrer Mühe, aber sie verleiht ihr einen anderen Ton: Unsere Kämpfe, unsere Lernwege, unsere langsamen Fortschritte bekommen Gewicht im Licht dessen, was Gott aus ihnen machen will.
Wer Umwandlung so versteht, kann mit größerer Gelassenheit auf die eigene Unfertigkeit blicken. Rückschritte, ungelöste Spannungen, alte Muster werden nicht verharmlost, aber sie verlieren die Macht, die letzte Geschichte über unser Leben zu schreiben. Der in uns wohnende Christus bleibt der Handelnde, auch wenn unser Erleben wechselhaft ist. „In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg“ (2.Korinther 4:8) – solche Worte beschreiben Menschen, die mitten in der Spannung wissen, dass eine andere Kraft in ihnen wirksam ist als die ihrer eigenen Ressourcen. In dieser Gewissheit bekommt auch das Kleine, Unscheinbare Bedeutung: ein geduldiger Schritt, ein versöhnendes Wort, eine neu entdeckte Freude an Gott. Durch solche Spuren hindurch zeigt sich, dass Gott tatsächlich dabei ist, aus gewöhnlichen Menschen Gott-Menschen zu formen, in denen etwas von Christus aufleuchtet.
In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg; (2.Kor 4:8)
allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde. (2.Kor 4:10)
Umwandlung verliert ihren beängstigenden Klang, wenn sie als Weg verstanden wird, auf dem Gott selbst die Hauptrolle spielt. Persönliche Grenzen, verwundete Biografien und zähe Gewohnheiten erscheinen dann nicht mehr als Hindernisse, die alles blockieren, sondern als Felder, in denen Gottes Leben langsam Gestalt gewinnt. Der Blick auf Christus, der in uns wirkt, schenkt Hoffnung für Bereiche, in denen wir uns lange festgefahren haben, und macht Mut, die leisen Veränderungen wahrzunehmen, durch die Gott uns in das Bild seines Sohnes hineinwachsen lässt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du als der ewige Sohn Gottes wahrer Mensch geworden bist und deine göttliche Fülle in unsere Menschlichkeit hineingebracht hast. Danke, dass du uns nicht nur vergeben, sondern uns dein eigenes Leben geschenkt hast und es in uns mit unserem Leben vermengst. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein stilles Wirken in unserem Inneren stärker ist als unsere Schwachheit, unsere Vergangenheit und unsere Begrenzungen. Lass dein göttliches Licht und deine Liebe immer mehr durch unsere ganz normale Menschlichkeit hindurchscheinen, damit andere etwas von dir in uns sehen und schmecken können. Bewahre uns in der Hoffnung, dass du das gute Werk, das du begonnen hast, auch vollenden wirst, bis wir ganz in dein Bild verwandelt sind. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 38