Eine neue Schöpfung in Christus, die durch den zweiten Schritt der Versöhnung zur Gerechtigkeit Gottes wird (2)
Viele Christen wissen, dass ihre Sünden vergeben sind – und doch bleibt innerlich eine Distanz zu Gott, als läge noch ein unsichtbarer Vorhang zwischen ihnen und seiner Gegenwart. Paulus zeichnet in 2.Kor 5 ein größeres Bild: Gott bleibt nicht bei einer halben Versöhnung stehen, sondern geht der Wurzel unseres alten Menschen nach, um uns als neue Schöpfung zu einer lebendigen Darstellung seiner Gerechtigkeit zu machen. Die Frage ist, ob wir uns nur mit Vergebung zufriedengeben oder das ganze Herz Gottes mit seiner Versöhnung und Gerechtigkeit entdecken.
Die neue Schöpfung in Christus
Wenn Paulus schreibt: „Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden“ (2.Kor 5:17), öffnet sich ein Blick in eine andere Ordnung des Lebens. Es geht nicht um eine veredelte Variante unseres alten Daseins, nicht um eine spirituelle Aufpolierung der natürlichen Person, sondern um einen Neuanfang aus einer anderen Herkunft. Die alte Schöpfung trägt alles in sich, was aus der Entfernung zu Gott gewachsen ist: Selbstbehauptung, Angst, heimliche Rebellion, religiösen Ehrgeiz. Sie kann fromm geschmückt sein und bleibt doch in ihrem inneren Wesen ohne Gottes Leben. Die neue Schöpfung dagegen beginnt dort, wo Gott selbst der Ursprung ist. Deshalb heißt es von den Kindern Gottes: „die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden“ (Johannes 1:13). Hier berührt uns der Ernst und zugleich der Trost des Evangeliums: Vor Gott zählt nicht, was wir aus uns gemacht haben, sondern was aus Ihm in uns geboren wurde.
In Vers 17 spricht Paulus von der neuen Schöpfung: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden.“ Die alte Schöpfung besitzt weder das göttliche Leben noch die göttliche Natur; die neue Schöpfung hingegen – die Gläubigen, die aus Gott wiedergeboren sind – besitzt das göttliche Leben und die göttliche Natur (Joh. 1:13; 3:15; 2.Petr. 1:4). Daher sind sie eine neue Schöpfung (Gal. 6:15), nicht gemäß der alten Natur des Fleisches, sondern gemäß der neuen Natur des göttlichen Lebens. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebenunddreißig, S. 332)
Diese neue Herkunft bringt eine neue Natur mit sich. Petrus spricht davon, dass wir durch die Verheißungen Gottes „Teilhaber der göttlichen Natur“ werden (2.Petr. 1:4). Wer in Christus ist, trägt nicht nur eine andere Überzeugung, sondern ein anderes Leben in sich – das Leben des Sohnes, das sich an Gott orientiert wie ein Kind instinktiv an den Blick seines Vaters. Dieses Leben hat seine eigene Empfindsamkeit: Es freut sich an Gerechtigkeit, es leidet an Unversöhnlichkeit, es sucht Frieden, auch wenn das eigene Recht zurückstehen muss. So beginnt der Unterschied zwischen alter und neuer Schöpfung nicht erst in spektakulären Entscheidungen, sondern in den leisen Verschiebungen der inneren Maßstäbe: wie wir über andere denken, wie wir auf Verletzungen reagieren, wie wir Macht, Anerkennung und Erfolg beurteilen.
In Christus eine neue Schöpfung zu sein bedeutet daher, Schritt für Schritt aus der Logik der alten Schöpfung herausgerufen zu werden. Galater 6:15 fasst das nüchtern zusammen: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung.“ Weder religiöse Form noch fehlende Form legen vor Gott das Gewicht; ausschlaggebend ist, ob das Leben des Sohnes in uns Gestalt gewinnt. Darin liegt eine tiefe Entlastung: Unsere familiäre Prägung, unsere Vergangenheit, unsere natürlichen Begabungen oder Defizite müssen nicht den letzten Ton in unserem Leben angeben. Gott sieht in einem Gläubigen zuerst das, was Er selbst in ihn gelegt hat – ein zartes, aber unzerstörbares Leben, das zu Ihm passt und das Er zur Entfaltung bringen will.
Wo dieses göttliche Leben Raum bekommt, verändert sich die Qualität unseres Alltags. Der gleiche Konflikt in der Ehe, die gleiche Spannung in der Gemeinde, die gleiche Überforderung im Beruf begegnen uns – aber sie treffen auf ein anderes Inneres. Der alte Mensch wird von verletztem Stolz, Angst oder Kontrolle getrieben; der neue Mensch sucht inmitten derselben Situation die Gemeinschaft mit Gott. Die Frage verschiebt sich von: „Wie setze ich mich durch?“ zu: „Wie kann Christus in mir in dieser Lage zur Geltung kommen?“ Je öfter sich das neue Leben so durchsetzt, desto sichtbarer werden die Konturen der neuen Schöpfung in unserem Denken, Reden und Handeln. Und gerade in dieser leisen Verwandlung liegt Ermutigung: Unsere Schwachheit ist nicht das letzte Wort; die neue Schöpfung ist nicht Theorie, sondern Gottes aktuelle Wirklichkeit in uns.
Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden. (2.Kor 5:17)
die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden. (Joh. 1:13)
Wer in Christus ist, darf seine Geschichte nicht mehr nur von den Mustern der alten Schöpfung her lesen. Vergangene Schuld, Verletzungen und natürliche Prägungen bleiben real, aber sie verlieren das Recht, die tiefste Identität zu bestimmen. Im Hören auf Gottes Wort, im stillen Gespräch mit Ihm und im gemeinsamen Leben der Gemeinde lernt der Gläubige, dem inneren Zeugnis des neuen Lebens mehr Gewicht zu geben als den alten Reaktionsmustern. So entsteht keine plötzliche Perfektion, sondern ein wachsender, oft unspektakulärer, aber doch spürbarer Weg: Die Gedanken werden neu ausgerichtet, Beziehungen bekommen andere Vorzeichen, der Umgang mit Konflikten und Schwachheit gewinnt an Milde. Das Bewusstsein: „Gott hat sein eigenes Leben in mich gelegt“ öffnet einen Raum der Dankbarkeit und der Hoffnung – auch dort, wo vieles noch unvollendet ist.
Die zwei Schritte der Versöhnung – vom Altar ins Allerheiligste
Wenn Paulus im selben Abschnitt davon spricht, dass Gott „uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat“ (2.Kor 5:18), deutet er an, dass Versöhnung nicht bei einem einmaligen Ereignis stehen bleibt. In Vers 19 ist von der Welt die Rede, die mit Gott versöhnt wird; in Vers 20 ruft er Gläubigen zu: „Lasst euch mit Gott versöhnen.“ Hier öffnet sich eine doppelte Bewegung: Zuerst zieht Gott den Sünder aus der Ferne in seine Nähe, dann führt Er den schon Heimgekehrten noch tiefer in seine Gemeinschaft. Der erste Schritt ist grundlegend: „Christus [ist] für unsere Sünden gestorben … nach den Schriften“ (1.Kor 15:3). Das Blut des Lammes spricht von Vergebung, von abgetragener Schuld, von einem geöffneten Zugang. Das Bild des ersten Vorhangs an der Stiftshütte, des „Eingangs des Zeltes“ (2.Mose 26:36), spiegelt das wider: Wer hindurchgeht, betritt das Heilige, den Bereich der Leuchte, des Tisches und des Räucheraltars – ein Raum der Nähe, aber noch nicht das innerste Heiligtum.
In Vers 19 ist es die Welt, die mit Gott versöhnt werden soll. In Vers 20 sind es die Gläubigen, die bereits mit Gott versöhnt worden sind, die nun weiter mit Ihm versöhnt werden sollen. Das zeigt deutlich, dass es zwei Schritte gibt, damit Menschen vollständig mit Gott versöhnt werden. Der erste Schritt besteht darin, als Sünder von der Sünde mit Gott versöhnt zu werden. Zu diesem Zweck ist Christus für unsere Sünden gestorben (1.Kor. 15:3), damit sie von Gott vergeben werden. Dies ist die objektive Seite des Todes Christi. … Der zweite Schritt besteht darin, als Gläubige, die im natürlichen Leben leben, von dem Fleisch mit Gott versöhnt zu werden. Zu diesem Zweck ist Christus für uns – die Personen – gestorben, damit wir Ihm im Auferstehungsleben leben (2.Kor. 5:14–15). Dies ist die subjektive Seite des Todes Christi. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebenunddreißig, S. 333)
Doch der Apostel bleibt hier nicht stehen. Es gibt einen zweiten, tieferen Schritt der Versöhnung, der nicht mehr nur mit Taten, sondern mit der Person zu tun hat. Viele, die den Frieden der Vergebung kennen, leben weiterhin aus der Kraft ihres natürlichen Lebens. Ihre Pläne, ihre Art zu lieben, zu leiden, zu dienen sind noch stark vom alten Menschen geprägt. Gerade sie spricht Paulus an, wenn er sagt: „Denn die Liebe Christi drängt uns, weil wir zu dem Urteil gelangt sind, dass einer für alle gestorben ist und darum alle gestorben sind; und Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist“ (2.Kor 5:14–15). Hier geht es um das Kreuz nicht nur über unseren Sünden, sondern über dem Eigenleben, das sich selbst zum Maßstab macht. Der zweite Vorhang in der Stiftshütte, der das Heilige vom Allerheiligsten trennte (2.Mose 26:31–33; Hebr. 9:3), steht dafür: Auch im Bereich geistlicher Segnungen kann noch ein Schleier liegen zwischen uns und der unmittelbaren Gegenwart Gottes.
Am Kreuz Jesu ist dieser Schleier objektiv zerrissen. Matthäus berichtet: „Und siehe, der Vorhang des Tempels wurde in zwei Teile zerrissen, von oben bis unten“ (Matthäus 27:51). Der Hebräerbrief deutet: Christus hat uns einen „neuen und lebendigen Weg“ eröffnet „durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch“ (Hebr. 10:20). Gott selbst hat also alles beseitigt, was Ihn von uns trennte. Was bleibt, ist der praktische „Vorhang“ unseres seelischen, auf sich selbst bezogenen Lebens. Solange unser Denken, Fühlen und Wollen das Zentrum bilden, bleibt die Erfahrung der Gemeinschaft oft bruchstückhaft. Man kann Vergebung kennen und doch in innerer Distanz leben – beschäftigt mit geistlichen Dingen, aber nicht wirklich im Licht des Allerheiligsten, dort, wo Gott seine Gegenwart, seine Herrlichkeit und seine leise Führung schenkt.
Der zweite Schritt der Versöhnung bedeutet, dass Gott uns aus diesem Zentrum des Eigenlebens herausruft. Nicht, um unsere Persönlichkeit auszuradieren, sondern um sie aus einer anderen Quelle zu speisen. Paulus fasst es schlicht: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). Der vereinte Geist – Gottes Geist in Verbindung mit unserem menschlichen Geist – ist der Ort, an dem wir das Allerheiligste schon jetzt betreten. Dort verliert das laute Drängen des äußeren Menschen an Macht; dort werden Entscheidungen nicht mehr allein nach Nutzen, Angst oder Gewohnheit getroffen, sondern im Angesicht Gottes. So wächst eine Lebenshaltung, die nicht mehr nur fragt: „Was ist erlaubt?“, sondern: „Was dient der Gemeinschaft mit Gott?“
Alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat, nämlich, dass Gott in Christus die Welt mit Sich Selbst versöhnte und ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und in uns das Wort der Versöhnung gelegt hat. So sind wir nun Botschafter an Stelle von Christus, wie Gott euch durch uns flehentlich bittet; an Stelle von Christus flehen wir euch an: Lasst euch mit Gott versöhnen. (2.Kor 5:18-20)
Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; (1.Kor 15:3)
Die zwei Schritte der Versöhnung machen deutlich, dass Gott mit einem begonnenen Glaubensleben nicht zufrieden ist, solange der Mensch noch im alten Zentrum seiner Selbstständigkeit kreist. Vergebung ist der notwendige Anfang, nicht das Ziel. Auf dem weiteren Weg kommt Gottes Hand oft in Situationen zu Wort, in denen unser natürliches Leben an seine Grenzen stößt: misslingende Pläne, Spannungen im Dienst, unerwartete Brüche. In ihnen spiegelt sich nicht nur Zufall wider, sondern auch der liebevolle Ernst Gottes, der uns tiefer in seine Nähe ruft. Wer lernt, diese Erfahrungen im Licht des zerissenen Vorhangs zu deuten, beginnt zu ahnen: Gott nimmt mir nicht das Leben, sondern Er löst mich von einem Leben, das mich von Ihm trennt. So wächst Vertrauen – und mit ihm die Freiheit, auch schmerzliche Korrekturen als Schritte in das Allerheiligste zu verstehen, in den Raum, wo Er selbst die Mitte ist.
Gottes Gerechtigkeit werden – die Vollendung der Versöhnung
Am Ende des fünften Kapitels verdichtet Paulus das ganze Werk Gottes in einem Satz: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“ (2.Kor 5:21). Hier geht es nicht mehr nur um die Beseitigung der Schuld, sondern um den positiven Ausdruck dessen, was Gott selbst ist. Christus, der ohne Sünde war, wird am Kreuz mit dem ganzen Erbe des alten Menschen identifiziert – mit seiner Schuld, seiner Rebellion, seiner inneren Verkehrtheit. Gott verurteilt dort nicht nur einzelne Vergehen, sondern den alten Zustand, der dahintersteht. Paulus formuliert ähnlich, wenn er schreibt: „Gott tat das, indem Er Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde sandte und um der Sünde willen die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Röm. 8:3). In Christus wird die alte Schöpfung in ihrem sündigen Kern vor Gott gerichtlich abgeschlossen.
Vers 21, der letzte Vers von Kapitel 5, sagt: „Den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm.“ Hier haben wir die letztendliche Vollendung von Gottes Errettung – die Gerechtigkeit Gottes. Wir müssen im Sinn behalten, dass der Dienst des neuen Bundes ein Dienst des Geistes und der Gerechtigkeit ist. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebenunddreißig, S. 336)
Doch die Bewegung bleibt nicht negativ. Der Zweck dieser tiefen Identifikation Christi mit unserer Sünde ist, dass in Ihm eine völlig neue Wirklichkeit aufsteht: Menschen, die „Gottes Gerechtigkeit“ sind. Gerechtigkeit Gottes meint hier mehr als einen juristischen Status; sie bezeichnet eine Lebensordnung, in der alles vor Gott Bestand hat, weil es von seinem eigenen Wesen her geprägt ist. So wie die Sünde sich nicht nur in groben Taten, sondern in feinen Haltungen zeigt, so ist auch die Gerechtigkeit Gottes nicht auf äußere Korrektheit beschränkt. Sie zeigt sich im Geist der Demut, in der Treue in kleinen Dingen, in einem Herzen, das nicht zuerst das eigene Recht sucht. Wo Christus als Auferstehungsleben Raum gewinnt, beginnt diese Gerechtigkeit Gestalt anzunehmen – im persönlichen Umgang, im Gemeindeleben, im Verwalten von Verantwortung.
Paulus kennt zugleich die Spannung, in der diese Verwandlung geschieht. Er spricht vom „äußeren Menschen“, der verfällt, und vom „inneren Menschen“, der erneuert wird (2.Kor 4:16). Was Gott in Christus objektiv vollbracht hat, wird subjektiv in einem Prozess der Erneuerung angewandt. Der Dienst des neuen Bundes ist deshalb, wie er sagt, „ein Dienst des Geistes und der Gerechtigkeit“ (vgl. 2.Kor 3:8–9): Der Geist Gottes wirkt in unserem Innern, und das sichtbare Ergebnis ist eine Gerechtigkeit, die Gott rechtfertigen kann. Wo dieser Dienst ankommt, entsteht eine andere Atmosphäre: Misstrauen wird durch Wahrhaftigkeit ersetzt, Härte durch Milde, Gleichgültigkeit durch verantwortete Liebe. Nicht, weil Menschen sich plötzlich anstrengen, sondern weil Christus als Gerechtigkeit in ihnen Gestalt gewinnt.
Diese Perspektive reicht über das persönliche Leben hinaus. Petrus blickt voraus auf „neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2.Petr. 3:13). Die neue Schöpfung ist die Welt, in der Gottes Gerechtigkeit nicht mehr in Frage steht, sondern die ganze Ordnung durchzieht. Was Gott heute in den Seinen wirkt, ist ein Vorgeschmack auf diese kommende Wirklichkeit. Wenn in einer Gemeinde verletzende Worte abnehmen und versöhnte Beziehungen wachsen, dann ist das mehr als gelungene Psychologie; es ist ein Stück jener Welt, in der Gerechtigkeit zuhause ist. Wenn in einer Familie Wahrheit und Barmherzigkeit einander begegnen, wenn Entscheidungen nicht nach kurzfristigem Vorteil, sondern vor Gott getroffen werden, dann spiegelt sich darin etwas von der Gerechtigkeit Gottes, die Er in Christus in unsere Mitte gestellt hat.
Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Kor 5:21)
Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte, (Röm. 8:3)
Die Verheißung, in Christus zur Gerechtigkeit Gottes zu werden, stellt die Frage nach dem inneren Maßstab unseres Lebens. Nicht jede Form von Aktivität, nicht jede sichtbare Frucht ist Ausdruck dieser Gerechtigkeit. Entscheidend ist, aus welcher Quelle sie kommt. Wo der Mensch sich an eigener Kraft, eigener Weisheit, eigener Erfahrung festhält, bleiben selbst gute Werke in Gefahr, um das eigene Ich zu kreisen. Wo dagegen die Schwachheit vor Gott nicht versteckt, sondern im Vertrauen geöffnet wird, gewinnt Christus Raum, seine Gerechtigkeit in uns zu gestalten. Das kann sehr unscheinbar aussehen: ein Wort der Wahrheit, das trotz Angst gesprochen wird; ein Loslassen des eigenen Rechts zugunsten des Friedens; eine treue Verantwortung, die niemand sieht. In solchen Bewegungen wird sichtbar, was Gott verheißen hat: Dass Er aus Menschen, die von Natur aus Teil der alten Schöpfung sind, in Christus einen Ausdruck seiner eigenen Gerechtigkeit formt – und damit schon jetzt Spuren jener kommenden Welt hinterlässt, in der Gerechtigkeit wohnt.
Herr Jesus Christus, du hast nicht nur unsere Sünden getragen, sondern auch unseren alten Menschen mit an das Kreuz genommen, damit wir in dir eine neue Schöpfung und deine Gerechtigkeit werden. Danke, dass du den Vorhang zerrissen hast und uns nicht im Vorhof der Vergebung stehenlässt, sondern uns in die Nähe des Vaters ziehst. Stärke in uns das neue Leben, das aus Gott ist, und lass alles, was aus dem Fleisch stammt, an deiner Liebe zerbrechen. Wo zwischen uns und dir, in unseren Familien oder Gemeinden noch verborgene Vorhänge stehen, da wirke du selbst die Versöhnung, die wir nicht aus eigener Kraft herstellen können. Erfülle uns mit der Hoffnung, dass du dein Werk vollendest – bis zu dem Tag, an dem nichts Trennendes mehr bleibt und dein Friede und deine Gerechtigkeit unser ganzes Leben durchdringen. Dir vertrauen wir uns an, jetzt und für alle Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 37