Das Wort des Lebens
lebensstudium

Eine neue Schöpfung in Christus, die durch den zweiten Schritt der Versöhnung zur Gerechtigkeit Gottes wird (1)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen wissen, dass ihnen in Christus die Sünden vergeben sind, und doch bleibt eine innere Spannung: Warum fühle ich mich oft noch so alt, so unfertig, so wenig „neu“? Paulus zeichnet in 2.Kor 5 einen geistlichen Weg, auf dem Gott uns von innen her umgestaltet, bis hinein in unseren Leib, und uns zu Menschen macht, die nicht mehr aus eigener Kraft für Jesus aktiv sind, sondern in inniger Gemeinschaft zu Ihm leben. Diese Linie verbindet die Sehnsucht nach der kommenden Verwandlung unseres Körpers mit einem veränderten Alltag heute – als neue Schöpfung in Christus, die Gottes Gerechtigkeit widerspiegelt.

Von Gott geformt für die kommende Verwandlung

Paulus beschreibt unseren gegenwärtigen Leib als ein „irdisches Zelthaus“, das abgebrochen wird, und stellt ihm ein anderes Bild gegenüber: „wir [haben] einen Bau von Gott, ein nicht mit Händen gemachtes, ewiges Haus in den Himmeln“ (2.Kor 5:1). In dieser Spannung lebt jeder, der Christus gehört: noch in der Zerbrechlichkeit eines Zeltes, und doch bereits im Blick auf ein festes Haus. Seine Worte vom Seufzen und Verlangen nach dem himmlischen Kleid sind keine Flucht aus der Welt, sondern Ausdruck eines innerlich gereiften Herzens. Wer wie Paulus weiß, dass sein Geist wiedergeboren ist und seine Seele unter der Hand Gottes verwandelt wird, erkennt zugleich nüchtern: Der physische Leib gehört noch zur alten Schöpfung, er ist der Teil von uns, der auf Erlösung wartet.

Diese Fortsetzung zeigt, dass Paulus am Ende von Kapitel vier wirklich zur Reife gelangt war. Er war in seinem Geist wiedergeboren und in seiner Seele verwandelt worden. Sein ganzes Sein war erneuert worden. Das Einzige, was noch ausstand, war die völlige Erlösung seines physischen Leibes. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsunddreißig, S. 325)

In dieser Erwartung ist Gott nicht passiv. Paulus sagt: „Der uns aber eben hierzu bereitet hat, ist Gott, der uns das Unterpfand des Geistes gegeben hat“ (2.Kor 5:5). Gott bereitet uns vor – Er arbeitet an uns, formt uns, stellt uns zu. Der lebengebende Geist in uns ist wie eine Anzahlung der kommenden Herrlichkeit: derselbe Geist, der einst unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird, erneuert heute unseren inneren Menschen. Während unser „äußerer Mensch verfällt“, wird der innere „Tag für Tag erneuert“ (2.Kor 4:16). Leiden, Begrenzungen, Enttäuschungen sind in diesem Licht nicht bloß dunkle Zufälle, sondern Werkzeuge, mit denen Gott unser Inneres an die Wirklichkeit der Auferstehung anpasst. Wer seine eigene Geschichte so liest, beginnt zu ahnen: Das, was ich jetzt durchlaufe, steht im Dienst einer größeren Verwandlung.

Wenn Paulus von der Sehnsucht spricht, „mit unserer Behausung aus dem Himmel überkleidet zu werden“ (2.Kor 5:2), klingt darin auch ein feines geistliches Empfinden: Er möchte nicht entkleidet, nicht nackt gefunden werden, sondern überkleidet, „damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben“ (2.Kor 5:4). Es geht nicht darum, das Irdische zu verachten, sondern darum, dass das Leben Gottes das Sterbliche durchdringt und aufnimmt. Schon jetzt tastet dieses Auferstehungsleben unser Denken, Fühlen und Wollen an. Gottes vollständige Errettung umfasst Geist, Seele und Leib; die Erlösung des Leibes wird das letzte sichtbare Zeichen sein, dass jede Spur der alten Schöpfung verschlungen ist. Bis dahin arbeitet derselbe Gott, der uns den Geist als Unterpfand gegeben hat, geduldig und treu an unserer inneren Gestalt.

Darum ist es kein Widerspruch, wenn in uns gleichzeitig Sehnsucht und Zuversicht wohnen. Sehnsucht, weil wir die Begrenztheit des Zeltes spüren; Zuversicht, weil wir wissen, „daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken“ wird (2.Kor 4:14). In dieser Gewissheit darf unser Blick Schritt für Schritt von den sichtbaren zu den unsichtbaren Dingen gelenkt werden, „denn die Dinge, die man sieht, sind zeitlich, die Dinge aber, die man nicht sieht, sind ewig“ (2.Kor 4:18). Wer so lernt zu schauen, findet mitten in der Vorläufigkeit seines Lebens einen tiefen Trost: Nichts geht an Gott vorbei, nichts ist vergeblich, alles wird in seine Hand genommen, um uns passend zu machen für den Tag, an dem das Zelt endgültig einem Haus in der Herrlichkeit weicht. Diese Perspektive macht still, aber nicht resigniert; sie weckt eine leise, beharrliche Hoffnung, die den Alltag durchzieht.

Denn wir wissen, daß, wenn unser irdisches Zelthaus zerstört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein nicht mit Händen gemachtes, ewiges Haus in den Himmeln. (2.Kor 5:1)

Denn wir freilich, die in dem Zelt sind, seufzen beschwert, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben. (2.Kor 5:4)

Wer erkennt, dass Gott ihn durch alle Umstände hindurch auf die kommende Verwandlung vorbereitet, darf das eigene Leben weniger als Kette zufälliger Ereignisse und mehr als Weg unter einer weisen Hand betrachten. So wird das Seufzen über die Begrenzungen des Zeltes nicht zur Bitterkeit, sondern zur sehnsuchtsvollen Zustimmung zu Gottes Wirken, und die Vorfreude auf den Bau von Gott schenkt Mut, in der Gegenwart treu und getröstet zu bleiben.

Vom Für-den-Herrn zum Leben zu dem Herrn

Die Aussicht auf einen verwandelten Leib führt Paulus nicht in eine abwartende Passivität, sondern schärft seinen inneren Eifer. Unmittelbar nach der Zusage des künftigen Hauses in den Himmeln schreibt er: „Darum sind wir auch entschlossen, ob wir nun zu Hause oder in der Fremde sind, die Ehre zu erlangen, Ihm wohlgefällig zu sein“ (2.Kor 5:9). Sein Ehrgeiz gilt nicht einer religiösen Karriere, sondern dem Wohlgefallen des Herrn. Das Bewusstsein, eines Tages vor dem Richterstuhl Christi zu stehen, macht ihn nicht nervös, sondern fokussiert: Er möchte, dass sein Leben – im Leib oder außerhalb – eine Antwort auf die empfangene Gnade ist.

Weil wir darauf warten, mit einem verwandelten Leib überkleidet zu werden, haben wir das Bestreben, dem Herrn wohlzugefallen. Ebenso haben wir, während wir auf die Erlösung unseres Leibes warten, das Bestreben, Ihm wohlgefällig zu sein. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsunddreißig, S. 328)

Die innere Triebkraft dieses Lebens beschreibt Paulus mit einem eindringlichen Bild: „Denn die Liebe Christi drängt uns“ (2.Kor 5:14). Wörtlich steckt darin die Vorstellung, von allen Seiten eingefasst und auf ein Ziel hingelenkt zu werden. Es ist nicht die Angst vor Strafe, die ihn drängt, sondern die erfahrene Liebe des Gekreuzigten und Auferstandenen. Weil „einer für alle gestorben ist und darum alle gestorben sind“, liegt für ihn die Konsequenz klar: „und Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist“ (2.Kor 5:15). Zwischen einem Leben, das sehr aktiv „für den Herrn“ arbeitet, und einem Leben, das tatsächlich „dem Herrn“ gehört, kann ein feiner, aber entscheidender Unterschied liegen.

Man kann vieles für Christus tun und doch aus der eigenen Mitte heraus handeln – aus Ehrgeiz, Pflichtgefühl oder der Sehnsucht nach Bestätigung. Ein solches Tun kann nach außen beeindruckend sein, während der innere Mensch nur wenig Raum bekommt, und das Kreuz kaum an unserem natürlichen Eifer arbeitet. Zu Christus hin zu leben bedeutet dagegen, dass das „Todeswirken Jesu“ an unserem äußeren Menschen nicht ausgespart bleibt: unser Wille, unser Bedürfnis nach Kontrolle, unsere Suche nach eigener Ehre werden immer wieder unterbrochen und an das Kreuz geführt. Paulus beschreibt diese Bewegung so: „allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde“ (2.Kor 4:10). Wo der alte Träger des Dienstes zerbrochen wird, wird das Auferstehungsleben frei.

Dieses Leben zu dem Herrn hin ist nicht spektakulär, aber es ist durch eine tiefe Innenorientierung geprägt. „Denn wir wandeln durch Glauben und nicht durch die äußere Erscheinung“ (2.Kor 5:7) – dieser Satz gewinnt Kontur, wo Entscheidungen nicht primär von Erfolgsaussichten oder Sichtbarkeit gesteuert werden, sondern davon, was dem Herrn entspricht und seinem Frieden im Herzen nicht widerspricht. So wird unser Dienst mehr Frucht einer verborgenen Gemeinschaft als Ausdruck von Aktivismus. Wer sich von der Liebe Christi drängen lässt, entdeckt inmitten vieler Aufgaben immer neu den einen Bezugspunkt: Ihn, dem das Leben gehört, weil Er sich selbst für uns gegeben hat. Daraus wächst ein stilles, aber beharrliches Verlangen, Ihm in kleinen und großen Dingen Freude zu machen – und gerade darin gewinnt das eigene Leben an Klarheit und Freiheit.

Darum sind wir auch entschlossen, ob wir nun zu Hause oder in der Fremde sind, die Ehre zu erlangen, Ihm wohlgefällig zu sein. (2.Kor 5:9)

Denn die Liebe Christi drängt uns, weil wir zu dem Urteil gelangt sind, dass einer für alle gestorben ist und darum alle gestorben sind; und Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist. (2.Kor 5:14-15)

Wo das Bewusstsein wächst, dass Christus für uns gestorben und auferstanden ist, verliert das Leben um sich selbst herum allmählich seine Selbstverständlichkeit. An seine Stelle tritt ein inneres Bewegtsein: die Liebe Christi, die drängt, nicht aus Zwang, sondern weil sie das Herz eingenommen hat. In diesem Licht werden Aufgaben, Entscheidungen und Wege neu sortiert – nicht unter dem Vorzeichen, möglichst viel für Gott zu leisten, sondern unter dem stillen Wunsch, Ihm in allem zu gehören.

Die neue Schöpfung und die Gerechtigkeit Gottes

Wo die Liebe Christi einen Menschen ergriffen und in ein Leben zu Ihm hin gestellt hat, bleibt nicht nur das Verhalten nicht mehr dasselbe, sondern auch der Blick auf Menschen und auf Christus selbst wird verwandelt. Paulus fasst diesen inneren Wandel so: „Daher kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch; wenn wir Christus auch nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir (ihn) doch jetzt nicht mehr (so)“ (2.Kor 5:16). Der äußere Mensch, mit Herkunft, Begabung, Schwächen und Stärken, verliert sein absolutes Gewicht. Wichtiger wird der unsichtbare Bereich: Was hat Gott in Christus über diesen Menschen gesagt? Wo berührt sein Leben die neue Schöpfung?

In Vers 16, als Fortsetzung der Verse 14 und 15, sagt Paulus: „Sodass wir von nun an niemanden nach dem Fleisch kennen; wenn wir auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir Ihn doch jetzt nicht mehr so.“ Andere nicht nach dem Fleisch zu kennen bedeutet, dass wir sie nicht nach dem äußeren Menschen kennen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsunddreißig, S. 330)

Auf dieser Folie leuchtet der berühmte Satz auf: „Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden“ (2.Kor 5:17). Neue Schöpfung meint nicht eine optimierte Variante des alten Menschen, sondern ein durch Gottes Geist gewirktes Sein, das in Christus verankert ist. Ihr Ursprung liegt nicht in menschlicher Anstrengung, sondern in Gottes Versöhnungsinitiative: „Alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat“ (2.Kor 5:18). Versöhnung heißt: Die Trennung zwischen Gott und Mensch ist nicht nur juristisch überbrückt, sondern Gott zieht uns in eine neue Beziehung hinein, in der sein eigenes Leben Maßstab und Quelle geworden ist.

Dieses Werk der Versöhnung hat eine erste und eine zweite Tiefe. Zuerst: „Gott [war] in Christus [und] versöhnte die Welt mit Sich Selbst und rechnete ihnen ihre Übertretungen nicht an“ (2.Kor 5:19). Doch Paulus bleibt nicht bei der Nichtanrechnung stehen. Er führt in den innersten Kern des Evangeliums: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“ (2.Kor 5:21). Der Sündlose wird am Kreuz mit der ganzen Last und Realität der Sünde identifiziert, damit wir in Ihm nicht nur als begnadigte Schuldige dastehen, sondern als solche, die der Gerechtigkeit Gottes entsprechen. Gerechtigkeit wird hier nicht nur zugerechnet, sie wird zugleich zu einem Raum, in den wir hineingestellt und aus dem heraus wir leben.

Als neue Schöpfung lernen wir Schritt für Schritt, uns nicht mehr vorrangig über unsere Vergangenheit, unsere Defizite oder unsere Leistungen zu verstehen, sondern über das, was Gott in Christus über uns ausgesprochen hat. „So ist nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm. 8:1) – dieses Wort gewinnt Fleisch und Blut, wenn der alte, anklagende Blick auf uns selbst von Gottes versöhnendem Blick abgelöst wird. Zugleich verändert sich unser Umgang mit anderen: Wer sie nicht mehr primär „nach dem Fleisch“ kennt, wird weniger schnell einordnen, abwerten oder festlegen. Er rechnet mit der Wirklichkeit, dass Gott auch in ihnen eine neue Schöpfung hervorbringt, oftmals verborgen und unscheinbar.

Daher kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch; wenn wir Christus auch nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir (ihn) doch jetzt nicht mehr (so). Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden. (2.Kor 5:16-17)

Alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat, nämlich, dass Gott in Christus die Welt mit Sich Selbst versöhnte und ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und in uns das Wort der Versöhnung gelegt hat. (2.Kor 5:18-19)

Wer sich als neue Schöpfung in Christus anschaut, lernt, den dominierenden Ton der Selbstanklage durch das Wort der Versöhnung ersetzen zu lassen. So wird Raum, sich und andere weniger nach dem sichtbaren alten Menschen zu beurteilen und mehr nach dem, was Gott in Christus schon begonnen hat. In diesem Blick beginnt die Gerechtigkeit Gottes nicht nur eine Zusage über uns zu sein, sondern eine leise, aber verändernde Kraft, die Beziehungen heilt und Hoffnung für scheinbar festgefahrene Geschichten weckt.


Herr Jesus Christus, danke, dass du für uns gestorben und auferstanden bist, damit wir nicht länger uns selbst leben, sondern zu dir hin in der Kraft deines Auferstehungslebens. Vater, du hast uns in Christus zu einer neuen Schöpfung gemacht und uns verheißen, unseren schwachen Leib einst in Herrlichkeit zu verwandeln – erfülle unser Herz mit dieser lebendigen Hoffnung. Heiliger Geist, präge uns tiefer mit deiner Liebe, die uns von allen Seiten umfasst, und forme uns so, dass unser innerer Mensch deinem zukünftigen Auferstehungsleib entspricht. Lass deine Gerechtigkeit in Christus nicht nur eine Zusage über uns sein, sondern in unserem Denken, Reden und Handeln sichtbar werden, damit Menschen um uns herum etwas von deiner versöhnenden Gnade erkennen. Bewahre uns in der Gewissheit, dass du dein begonnenes Werk vollendest und dass nichts uns von deiner Liebe trennen kann. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 36

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