Das Getötetwerden Jesu und die Erneuerung des inneren Menschen (3)
Viele Christen kennen den Vers, dass unser äußerer Mensch verfällt und der innere von Tag zu Tag erneuert wird – und doch bleibt oft unklar, was das konkret bedeutet. Wenn Krankheit, Enttäuschungen oder Druck im Alltag auf uns zukommen, fragen wir uns leicht, ob das nun schon das Kreuz ist, von dem die Bibel spricht, oder ob wir einfach nur unter den Folgen eines gefallenen Lebens leiden. Die Betrachtung von 2.Kor 4 zeigt eine überraschend klare Linie: Nicht jedes Leiden ist das Getötetwerden Jesu, aber wo wir um Jesu willen getroffen werden, arbeitet Gott tief an unserem äußeren und inneren Menschen.
Äußerer Mensch – innerer Mensch
Wenn Paulus von äußerem und innerem Menschen spricht, berührt er eine feine, aber sehr konkrete Unterscheidung in unserem Leben mit Gott. Der äußere Mensch ist nicht nur unser physischer Leib, sondern der ganze sichtbare, spürbare Bereich unseres Daseins: Körper, Nervensystem, seelische Regungen, spontane Reaktionen, die eingeübte Art, uns zu schützen, zu behaupten, zu planen. Es ist der Mensch, der sich auf Kraftreserven, Lebenserfahrung und seelische Energie stützt. Dieser äußere Mensch ist der Träger unseres natürlichen Lebens, der alten Schöpfung. Der innere Mensch dagegen ist dort, wo Gott Wurzeln geschlagen hat. In unserem wiedergeborenen Geist wohnt der Heilige Geist, und von dort aus erreicht er Denken, Wollen und Fühlen, um sie nach und nach zu prägen. Darum heißt es in Jeremia 31:33: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben.“ Das Zentrum verschiebt sich: weg vom Ich, hin zu Gott im Inneren.
Wenn du den Zusammenhang dieses Kapitels betrachtest, bezieht sich der äußere Mensch in erster Linie auf den physischen Leib. In Vers 10 spricht Paulus davon, „allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend“, und in Vers 11 erwähnt er das sterbliche Fleisch. Das Sterben Jesu am Leib umherzutragen bedeutet, dass der äußere Mensch verzehrt und zugrunde gerichtet wird. Daher muss sich der äußere Mensch in Vers 16 hauptsächlich auf den Leib beziehen. Ebenso muss sich der innere Mensch in diesem Vers auf unseren wiedergeborenen Geist beziehen, wie Vers 13 andeutet, wo Paulus den Ausdruck „derselbe Geist des Glaubens“ gebraucht. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfunddreißig, S. 315)
Wenn Paulus schreibt: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert“ (2.Korinther 4:16), beschreibt er keinen rein psychologischen Prozess, sondern einen geistlichen Stoffwechsel. Die Situationen, in denen unsere Kräfte schwinden, Sicherheiten bröckeln und natürliche Selbstverständlichkeiten uns genommen werden, bedeuten für den äußeren Menschen Verlust. In denselben Situationen legt Christus Neues in den inneren Menschen hinein: Licht, Klarheit, eine andere Art von Kraft. So erklärt sich, dass er unmittelbar vorher sagen kann: „allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde“ (2.Korinther 4:10). Das Getötetwerden Jesu trifft unseren äußeren Menschen; das Leben Jesu entfaltet sich im inneren Menschen.
Das Kreuz, das Jesus beschreibt, wenn er sagt: „Wer hinter mir her kommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir“ (Matthäus 16:24), richtet sich genau gegen die selbständige Herrschaft des äußeren Menschen. Es nimmt ihm das Recht, der Mittelpunkt zu sein, und durchtrennt die Bindung an das Seelen-Leben, das sich um Selbsterhalt und Selbstverwirklichung dreht. Gerade das fühlt sich für den äußeren Menschen wie Sterben an. Aber im gleichen Maß, wie dieses Sterben real wird, gewinnt der innere Mensch Raum. Die Gedanken werden weniger von Sorge, Bitterkeit oder Ehrgeiz beherrscht, der Wille wird weicher gegenüber dem, was der Herr will, die Gefühle werden freier, weil sie nicht alles festhalten müssen. So beginnt ein stiller, aber tiefgreifender Umbau von innen her.
Diese Erneuerung des inneren Menschen geschieht nicht automatisch durch Zeitablauf oder bloßes Wissen. Sie knüpft daran, dass wir in konkreten Situationen nicht mit den natürlichen Waffen unseres äußeren Menschen kämpfen, sondern uns in die Wirklichkeit des Kreuzes und des Gehorsams Christi hineinnehmen lassen. Paulus beschreibt es so: „die Waffen unserer Kriegsführung sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott zum Niederreißen von Bollwerken, während wir Vernunftschlüsse niederreißen und alles Hohe, das sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt“ (2.Korinther 10:4–5). Wenn Gedanken, Muster und Reflexe unseres äußeren Menschen dem Anspruch Gottes begegnen und nicht mehr das letzte Wort haben, wird der innere Mensch gestärkt. Und gerade in dieser Spannung, in der der äußere Mensch abnimmt und der innere wächst, entdecken wir: Wir sind nicht ausgeliefert, sondern werden behutsam in ein Leben hineingeführt, das weniger von uns und mehr von Christus bestimmt ist. Das mag uns zunächst verunsichern, wird aber mit der Zeit zu einer tiefen Ermutigung: Gott investiert sich nicht in die Fassade unseres äußeren Menschen, sondern in einen inneren Menschen, der fähig ist, ihn zu erkennen und zu tragen.
Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. (Jer. 31:33)
Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. (2.Kor 4:16)
Der Blick auf äußeren und inneren Menschen hilft, die eigenen Erfahrungen neu zu deuten. Was vordergründig nach Schwäche, Begrenzung oder Verlust aussieht, kann in Gottes Händen zu einer verborgenen Baustelle für den inneren Menschen werden. Der äußere Mensch wird nicht geschont, weil Gott uns gering schätzt, sondern weil er uns höher schätzt, als wir uns selbst – er richtet sein Werk auf das Unsichtbare, Dauerhafte, den inneren Menschen, in dem Christus Gestalt gewinnt.
Nicht jedes Leiden ist das Getötetwerden Jesu
Leid ist nicht ein einziger, ununterschieden grauer Block in der Schrift. Gott wirft alle Formen der Not nicht in einen Topf, und es ist hilfreich, dass wir es auch nicht tun. Paulus spricht im Zusammenhang von 2.Korinther 4 von großer Bedrängnis, von Verfolgung und äußerem Druck. Dennoch ordnet er diese Erfahrungen vor Gott ein und unterscheidet sie. Ein Teil unseres Leidens gehört einfach zur alten Schöpfung: Krankheit, Alter, Unfälle, Erschöpfung, das Zerbrechliche unseres physischen Leibes. Diese Dinge bleiben Ausdruck einer gefallenen Welt, in der „unser sterbliches Fleisch“ (2.Korinther 4:11) der Vergänglichkeit unterworfen ist. Sie sind ernst und schmerzhaft, aber sie sind noch nicht automatisch das Getötetwerden Jesu.
Ich möchte darauf hinweisen, dass nicht alle Leiden, die Christen erfahren, von derselben Art sind. Tatsächlich gibt es mindestens drei Arten von Leiden, die Christen erleben können. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfunddreißig, S. 318)
Daneben kennt die Bibel Leid, das aus eigenem Fehlverhalten erwächst. Wenn jemand wegschaut, wo Gehorsam nötig wäre, Verantwortung aus Bequemlichkeit liegenlässt oder in Sünde verharrt, hat das Folgen. Solche Konsequenzen sind Zucht und Korrektur, nicht in erster Linie das Kreuz in dem Sinn, dass wir an Jesu Getötetwerden Anteil bekommen. Jakobus spart nicht damit, Zusammenhänge zwischen Saat und Ernte im moralischen Bereich zu benennen. Es ist tröstlich, dass Gott auch in diesem Leiden redet und zurechtbringt; aber es bleibt etwas anderes, als mit Paulus sagen zu können: „wir … werden allezeit dem Tod ausgeliefert um Jesu willen“ (2.Korinther 4:11).
Von einer dritten Art spricht Paulus, wenn er seinen Dienst beschreibt: „So wirkt nun der Tod in uns, das Leben aber in euch“ (2.Korinther 4:12). Hier leidet er nicht, weil er unachtsam war oder sich versündigt hätte, sondern gerade weil er dem Auftrag Jesu treu bleibt. Das Evangelium, die Geschwister, der Leib Christi – dafür steht er ein und wird deshalb bedrängt, verfolgt, zurückgesetzt. Dieses Leiden ist „um Jesu willen“ und darum mit dem Getötetwerden Jesu verbunden. Es ist kein künstlich gesuchtes Leid, keine asketische Selbstquälerei, sondern der Preis, der entsteht, wenn das Leben Jesu Raum bekommt in einer Welt, die ihn nicht will. In solchen Situationen kommt zum Ausdruck, was Jesus seinen Jüngern zugesprochen hat: „Denn wer immer sein Seelen-Leben retten will, wird es verlieren; doch wer immer sein Seelen-Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“ (Matthäus 16:25).
Je klarer diese Unterscheidung wird, desto weniger muss Leid uns pauschal verwirren oder bitter machen. Wir können lernen, ehrlich vor Gott zu fragen, welcher Art unser Leiden ist, ohne in ständige Selbstanklage oder in Stolz zu verfallen. Nicht jedes schwer zu Ertragende ist automatisch Zeichen großer Spiritualität, genauso wenig ist jedes Zerbrechen nur Strafe. Dort jedoch, wo Leid mit dem Gehorsam gegenüber Christus verbunden ist, trägt es eine besondere Verheißung: Der äußere Mensch wird weiter abgebaut, und der innere Mensch wird freier, Jesus Raum zu geben. In dieser Perspektive verliert Leid nicht seine Schärfe, aber es bekommt eine Richtung – weg von blindem Schicksal, hin zu einem Weg, auf dem Gott selbst uns näherkommt und uns in das Leben seines Sohnes hineinzieht.
Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod ausgeliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleisch offenbar werde. (2.Kor 4:11)
So wirkt nun der Tod in uns, das Leben aber in euch. (2.Kor 4:12)
Zu lernen, Leid zu unterscheiden, nimmt nichts von seiner Schwere, aber es löst die Verwirrung. Wer sein Leiden im Licht Jesu prüft, entdeckt oft: Selbst dort, wo Versagen oder bloße Schwachheit im Spiel sind, bleibt Gott nicht fern. Und dort, wo das Kreuz uns um Jesu willen erreicht, ist das nicht ein Zeichen von Verlassenheit, sondern ein stilles Siegel, dass unser Leben mit seinem Weg verbunden ist.
Ein gekreuzigtes Leben als neuer‑Bund‑Dienst
Der Dienst des neuen Bundes wächst nicht aus beeindruckender Persönlichkeit, ausreißender Aktivität oder makelloser Organisation. Er wächst aus einem Leben, das von innen her vom Kreuz markiert ist und zugleich vom Auferstehungsleben durchpulst wird. Paulus verbindet beides untrennbar, wenn er schreibt: „allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde“ (2.Korinther 4:10). Das Getötetwerden Jesu trifft den äußeren Menschen – unser Bedürfnis nach Kontrolle, nach eigener Ehre, nach Absicherung durch sichtbare Ergebnisse. Je mehr dieser Bereich unter die Herrschaft des Kreuzes kommt, desto freier wird der innere Mensch, das Leben Jesu auszudrücken.
Das Leben, das den Dienst des neuen Bundes ausführen kann, ist ein Leben, in dem der äußere Mensch getötet und der innere Mensch erneuert und auferweckt wird. Genau genommen ist ein solches Leben der Dienst des neuen Bundes. Dieses Leben und dieser Dienst werden heute für die Wiedererlangung des Herrn benötigt. Nur ein solcher Dienst kann anderen Leben mitteilen, kann anderen Christus als den lebengebenden Geist und als Gerechtigkeit dienen. Gaben, Fähigkeiten, energische Aktivität, fleißige Werke – nichts von alledem vermag das. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfunddreißig, S. 318)
Darum ist das tägliche Mittragen des Getötetwerdens Jesu nicht ein zusätzlicher, besonders frommer Baustein, sondern die verborgene Quelle eines Dienstes, der wirklich Leben weitergibt. „Denn die augenblickliche Leichtgewichtigkeit unserer Bedrängnis bewirkt für uns auf eine immer überragendere Weise ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ (2.Korinther 4:17). Wenn der äußere Mensch durch Widerstände, Missverständnisse, Grenzen und scheinbare Erfolglosigkeit verzehrt wird, kann Gottes Geist sich umso ungehinderter durchsetzen. Worte werden einfacher und zugleich gehaltvoller, Gesten unscheinbarer und zugleich durchlässiger für Christus. Gaben, Fähigkeiten und Fleiß verlieren nicht ihren Platz, aber sie stehen nicht mehr im Zentrum; das Gewicht liegt bei dem, der als lebengebender Geist in unserem inneren Menschen wirkt.
Wer so dient, tritt nicht zuerst als Macher, sondern als Empfangender auf. Paulus konnte sagen: „denn wir wissen, daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch vor sich stellen wird“ (2.Korinther 4:14). Diese Gewissheit, aus der Auferstehung heraus zu leben, macht frei von dem Zwang, Ergebnisse zu produzieren, und öffnet für die Bereitschaft, sich gebrauchen zu lassen, auch wenn der eigene äußere Mensch dabei „verfällt“. In diesem Sinn ist der Dienst des neuen Bundes nichts anderes als der ausgedrückte innere Mensch: ein Mensch, in dem das Wort des Kreuzes und die Kraft der Auferstehung sich begegnen und Frucht für den Leib Christi hervorbringen.
Das mag uns unscheinbar erscheinen, besonders in einer Umgebung, die sichtbare Effekte und starke Persönlichkeiten schätzt. Doch vor Gott zählt, was Leben trägt. Der Weg über das Getötetwerden Jesu hin zur Erneuerung des inneren Menschen bewahrt den Dienst davor, zur Bühne des Ichs zu werden, und macht ihn zu einem Raum, in dem Christus selbst sich teilt. Das ist stille Ermutigung für alle, die im Verborgenen treu sind und den Preis innerer und äußerer Spannungen kennen: Nichts von dem, was den äußeren Menschen kostet und den inneren Menschen Christus öffnet, ist vergeblich. In Gottes Händen wird daraus ein Dienst, in dem nicht wir im Mittelpunkt stehen, sondern der, dessen Leben durch unser „Ja“ in anderen aufgehen darf.
allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde. (2.Kor 4:10)
Denn die augenblickliche Leichtgewichtigkeit unserer Bedrängnis bewirkt für uns auf eine immer überragendere Weise ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, (2.Kor 4:17)
Ein Dienst, der von Kreuz und Auferstehung geformt ist, wirkt nach außen oft unspektakulär, aber er hinterlässt Spuren von Leben. Wo der äußere Mensch nicht mehr alles bestimmen muss, gewinnt der innere Mensch Freiheit, Christus zu tragen. So wird aus alltäglicher Treue, aus unscheinbarem Verzicht und aus durchgehaltenem Vertrauen ein unsichtbares Gefäß, durch das der Herr seinem Leib echte Versorgung schenkt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du selbst den Weg des Kreuzes gegangen bist und weißt, wie es ist, wenn der äußere Mensch verzehrt wird. Du siehst alles Leid, das uns trifft, und du kennst den Unterschied zwischen den Stürmen dieser Welt, unseren eigenen Fehlern und dem Leiden um deinetwillen. Bitte schenke uns ein klares, nüchternes Herz, das dein Werk nicht missversteht, sondern erkennt, wo dein Getötetwerden an uns arbeitet, um uns tiefer in dein Auferstehungsleben hineinzunehmen. Stärke unseren inneren Menschen durch deinen lebengebenden Geist, wenn wir bedrängt, unverstanden oder zurückgesetzt werden, damit dein Leben inmitten von Schwachheit sichtbar wird. Lass unser Denken, unser Wollen und unser Fühlen so erneuert werden, dass andere in unserem Umgang deine Gnade spüren und Hoffnung schöpfen. Bewahre uns vor harter Askese und vor Selbstmitleid und erfülle uns mit stiller Zuversicht, dass du alles Leid in deinem Licht wiegst und zum Wachstum deines Lebens in uns gebrauchst. So sei dein Name in unserem Alltag, in unseren Familien und in der Gemeinde verherrlicht, bis wir dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 35