Das Getötetwerden Jesu und die Erneuerung des inneren Menschen (2)
Manche Gläubige verbinden den Tod Jesu fast ausschließlich mit Vergebung und Erlösung, und übersehen dabei, wie tief dieser Tod mit ihrem eigenen Alltag verwoben ist. Paulus beschreibt eine langsame, andauernde Kreuzigung, die er „allezeit das Getötetwerden Jesu am Leib umhertragen“ nennt – ein Prozess, der zugleich schmerzhaft und voller verborgener Herrlichkeit ist. Gerade in Spannungen, Missverständnissen und Ablehnung greift Gott zu Mitteln, die wir uns nicht ausgesucht hätten, um den alten Menschen zu verbrauchen und den inneren Menschen zu erneuern.
Das Getötetwerden Jesu – mehr als nur Erlösung
Wenn Paulus vom „Getötetwerden Jesu“ spricht, lenkt er den Blick über Golgatha hinaus auf das ganze irdische Leben des Herrn. Der Tod am Kreuz war der Höhepunkt, aber nicht der Beginn dieses Weges. Schon als Kind wurde Jesus missverstanden, später als Zimmermann gering geschätzt, als Lehrer abgelehnt, als Freund verraten. In all dem geschieht, wovon es in 2. Korinther 4:10 heißt: „allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde.“ Das Getötetwerden Jesu ist keine einzelne dramatische Stunde, sondern ein anhaltender Prozess, in dem der Sohn Gottes als wahrer Mensch sich immer wieder der verborgenen Hand des Vaters ausliefert. Er ist der Allerhöchste, der sich in einen gewöhnlichen, verwundbaren Menschen hineinbegibt – und gerade in dieser Verwundbarkeit wird er von Gott geführt und geformt.
Wenn viele Christen vom Tod Christi sprechen, bleibt ihr Verständnis auf die Erlösung beschränkt. In ihrer Vorstellung diente der Tod Jesu nur der Erlösung. Oft zitieren sie den Vers: „Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Joh. 1:29). Es ist völlig richtig, dass der Tod Christi der Erlösung diente. Wir glauben das genauso wie andere Christen, wenn nicht sogar noch mehr. Aber die Erlösung ist nur ein Aspekt des Todes Christi. Sein Tod hat darüber hinaus viele weitere Aspekte. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft vierunddreißig, S. 307)
Dabei bleibt die Erlösung nicht außen vor, sondern wird aus der Enge eines rein juristischen Verständnisses herausgelöst. Der Herr ist wirklich das Lamm Gottes, „das die Sünde der Welt wegnimmt“ (Johannes 1:29), doch sein Sterben umfasst mehr als die Tilgung unserer Schuld. In den Zurückweisungen, die er erträgt, in dem Schweigen, das er vor falschen Anschuldigungen wahrt, in der Geduld mit unverständigen Jüngern wird sichtbar, wie der äußere, zur alten Schöpfung gehörende Mensch sich verzehren lässt, damit der innere Gehorsam, die Liebe und Sanftmut Gottes durchbrechen. Wenn Paulus sagen kann: „täglich sterbe ich“ (1. Korinther 15:31), folgt er genau dieser Spur: Er geht nicht hinter einem triumphalistisch gezeichneten Christus her, sondern hinter dem Jesus von Nazareth, der sich klein machen ließ. So wird das Getötetwerden Jesu für ihn – und für uns – zur unsichtbaren Schule, in der Gottes Leben Gestalt gewinnt. Inmitten von Verletzungen und Einschränkungen beginnt sich dann leise die Gewissheit zu regen: Gerade dort, wo etwas in uns „genagelt“ wird, bereitet Gott Raum für ein Leben, das tiefer, freier und wahrhaftiger ist als alles, was wir aus eigener Kraft hätten bauen können.
allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde. (2.Kor 4:10)
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Joh. 1:29)
Wer das Getötetwerden Jesu so versteht, muss sich vor Leid nicht romantisch erheben und es auch nicht zynisch abwehren. Der Blick auf den Weg des Herrn löst etwas anderes aus: eine stille Bereitschaft, die verborgen arbeitende Hand Gottes in den kleinen und großen Kreuzigungen des Alltags zu erkennen. Ablehnung, Missverständnis, das Zerbrechen eigener Pläne verlieren ihren reinen Drohcharakter und werden zu Orten, an denen das Leben Jesu sichtbar werden darf. Das macht die Schmerzen nicht gering, aber es schenkt ihnen Richtung. Die Erinnerung daran, dass unser Herr selbst diesen Weg gegangen ist, weckt Mut, die eigene Geschichte nicht nur als Abfolge von Verlusten zu lesen, sondern als eine Geschichte, in der Gott die alte Schöpfung beendet und seine neue Schöpfung hervorbringt. Wer so auf Christus schaut, merkt: Das Getötetwerden ist nicht das Ende, sondern die Öffnung – für ein tieferes Maß an Gemeinschaft mit ihm.
Der Verbrauch des äußeren Menschen und die Erneuerung des inneren Menschen
In jedem wiedergeborenen Menschen stehen sich zwei Wirklichkeiten gegenüber: der äußere Mensch, der mit der alten Schöpfung verbunden ist, und der innere Mensch, in dem das Leben Gottes Wohnung genommen hat. Paulus fasst diese Spannung knapp, aber treffend zusammen: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert“ (2. Korinther 4:16). Gott hat nicht vor, unseren äußeren Menschen zu veredeln oder ihn religiös aufzupolieren. Er bringt ihn in einen Prozess des Verbrauchs, damit der innere Mensch Raum gewinnt. Dieser Verbrauch geschieht selten spektakulär, meist unscheinbar: in Situationen, in denen natürliche Stärke nicht mehr ausreicht, in Beziehungen, in denen Eigenwille an Grenzen stößt, im Gemeindeleben, wo unterschiedliche Prägungen und Erwartungen aneinandergeraten.
Das Getötetwerden Jesu dient dazu, die alte Schöpfung in uns zu verzehren. Als Jesus, der Sohn Gottes, Mensch wurde, hatte Er sowohl einen äußeren Teil, der die alte Schöpfung bezeichnete, als auch einen inneren Teil, der den ewigen Gott bezeichnete. Der äußere Teil wurde verzehrt, getötet, der innere Teil jedoch wurde auferweckt, in die Auferstehung gebracht. So war es beim Herrn Jesus, so war es bei den Aposteln, und so ist es auch bei allen Gläubigen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft vierunddreißig, S. 310)
Gerade dort, wo wir uns eingeschränkt, übergangen oder missverstanden fühlen, berührt uns das Getötetwerden Jesu ganz konkret. Was wir spontan als Ungerechtigkeit oder bloßen Angriff deuten, wird aus Gottes Sicht zum Werkzeug, um die alte Schöpfung in uns zu „verzehren“. Die natürliche Klugheit, die sich behaupten will, der Stolz, der Anerkennung sucht, die Empfindlichkeit, die sich ständig verteidigen muss – all das gerät unter den stillen Druck des Kreuzes. Während der äußere Mensch verschlissen wird, geschieht innerlich etwas Unauffälliges, aber Kostbares: „Denn die augenblickliche Leichtgewichtigkeit unserer Bedrängnis bewirkt für uns auf eine immer überragendere Weise ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ (2. Korinther 4:17). Hinter dem Verbrauch steht also kein blinder Mechanismus, sondern eine zärtliche, zielgerichtete Hand. So kann selbst schmerzhafte Begrenzung zu einem verborgenen Segen werden: Die alte Schöpfung verliert ihren Einfluss, und die neue Schöpfung tritt hervor – nicht als fromme Fassade, sondern als wirkliche innere Erneuerung.
Wenn diese Sicht sich in uns einprägt, entsteht ein anderer Umgang mit den Spannungen des Lebens. Es fällt weiterhin schwer, sich über Verletzungen zu freuen, doch sie erscheinen nicht mehr sinnlos. Sie werden zu Wegmarken eines Prozesses, den Gott selbst verantwortet. Das kann trösten, aber auch sanft beschämen: Nicht jede Empörung, nicht jeder Frust trägt das Siegel des Heiligen Geistes; manches entlarvt einfach, wie fest wir an unserem äußeren Menschen hängen. Gleichzeitig bewahrt die Zusage der täglichen Erneuerung vor Resignation. Der Herr ist nicht nur dabei, Altes abzubauen, er schenkt zugleich Neuheit: neue Blickwinkel, neue Freiheit von inneren Zwängen, neue Zartheit im Umgang mit anderen. So wird der Weg des Kreuzes nicht zu einem dunklen Tunnel ohne Ende, sondern zu einem Korridor, in dem Schritt für Schritt mehr Licht des inneren Menschen sichtbar wird.
Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. (2.Kor 4:16)
Denn die augenblickliche Leichtgewichtigkeit unserer Bedrängnis bewirkt für uns auf eine immer überragendere Weise ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, (2.Kor 4:17)
Wer den Verbrauch des äußeren Menschen und die Erneuerung des inneren Menschen als Werk Gottes erkennt, kann die eigenen Begrenzungen mit weniger Bitterkeit und mehr Erwartung anschauen. Das heißt nicht, Leid zu idealisieren, wohl aber, es nicht mehr nur als Störung eines „normalen“ Lebens zu sehen. Die Zusage, dass Gott gerade durch die Bedrängnisse ein „ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ wirkt, lädt ein, innerlich stiller zu werden: weniger Selbstverteidigung, mehr Offenheit für das, was der Herr in diesem Moment vertieft. Im Rückblick zeigen sich oft Spuren dieser Arbeit: eine gewachsene Milde, eine größere Geduld, eine feinere Wahrnehmung für Gottes Gegenwart. Solche Entdeckungen geben Hoffnung für den Weg nach vorne: Was heute wie bloßer Verlust wirkt, kann sich morgen als ein weiterer Schritt der Erneuerung erweisen, in dem Christus in uns Gestalt gewinnt.
Unsere Perspektive: Auferstehung und der Geist des Glaubens
Wer nur auf das Getötetwerden schaut, erlebt das Christenleben als ununterbrochene Folge von Verlusten. Paulus öffnet eine andere Perspektive, wenn er den Weg vom Ziel her deutet. Er schreibt: „denn wir wissen, daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch vor sich stellen wird“ (2. Korinther 4:14). Das Getötetwerden Jesu mag unser Weg sein, aber nicht unsere Endstation. Die Destination ist die Auferstehung – zunächst als inneres Erneuerungswirken mitten im Sterben, schließlich als leibliche Auferweckung und offene Herrlichkeit. Diese Gewissheit nimmt dem Kreuz nicht seine Schärfe, aber sie rückt es in einen größeren Horizont: Jede Form von Sterben – an falschen Sicherheiten, an selbstgemachten Idealen, an eigenwilligen Plänen – steht unter der Überschrift einer kommenden Auferstehungsfreude.
Das Getötetwerden Jesu mag unser Schicksal sein, aber es ist nicht unser Ziel. Unser Ziel ist die Auferstehung. Diejenigen, die nicht bereit sind, gekreuzigt zu werden, mögen leiden. Aber diejenigen, die bereit sind, gekreuzigt zu werden, werden Freude erfahren. Sie werden sich in der Auferstehung freuen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft vierunddreißig, S. 312)
Die Kraft, in dieser Sicht zu bleiben, entspringt nicht stoischer Disziplin, sondern dem „Geist des Glaubens“. Paulus verbindet sein eigenes Reden mit dem Wort aus dem Psalter: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet“ (2. Korinther 4:13; vgl. Psalm 116:10). Glauben heißt hier nicht, dass alle Fragen verschwunden wären. Der Psalmist spricht ausdrücklich von seiner Niedergedrücktheit, und gerade darin heißt es: „Ich habe geglaubt, darum kann ich sagen: «Ich bin sehr gebeugt gewesen.»“ (Psalm 116:10). Glaube ist also nicht das Gegenteil von Bedrängnis, sondern die Art und Weise, wie ein Mensch Bedrängnis vor Gott ausspricht. Der Geist des Glaubens ist der Heilige Geist, der mit unserem erneuerten menschlichen Geist verbunden ist und uns befähigt, mitten im Sterben Worte des Lebens zu finden – nicht weil die Lage leicht wäre, sondern weil die Auferstehung gewiss ist.
So wird der Geist des Glaubens zu einer stillen Quelle von Trost und Mut. Er erlaubt, das Getötetwerden Jesu zu bejahen, ohne in passiven Fatalismus zu fallen. In diesem Geist kann ein Mensch seine Schmerzen beim Namen nennen und sich zugleich innerlich an den bindenden Zuspruch klammern, dass Gott alles auf eine Herrlichkeit hin führt, die das Gegenwärtige weit überragt. Das verändert auch den Ton unseres Zeugnisses: Es besteht nicht nur aus Berichten über Durchbrüche, sondern umfasst auch ehrliche Geschichten von Schwachheit, in denen Gottes Treue sichtbar wird. Gerade solche Worte haben Gewicht, weil sie aus einem Herzen kommen, das beides kennt – das Sterben und die Auferstehungskraft. Sie erinnern daran, dass der Weg unter dem Kreuz zwar schmal, aber nicht hoffnungslos ist: In jedem Schritt, in dem etwas von uns vergeht, bereitet Gott einen neuen Raum, in dem das Leben Jesu durch uns hindurch anderen zugutekommt.
Und weil wir denselben Geist des Glaubens haben gemäß dem, was geschrieben steht: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet“, so glauben auch wir, und darum reden wir auch, (2.Kor 4:13)
denn wir wissen, daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch vor sich stellen wird; (2.Kor 4:14)
Der Blick auf Auferstehung und der Geist des Glaubens nehmen dem Getötetwerden Jesu nicht seinen Ernst, aber sie schenken ihm eine andere Farbe. Statt in einem Gefühl dauernder Benachteiligung stecken zu bleiben, wächst allmählich die Überzeugung, dass Gott keinen verlorenen Schritt zulässt. Das Wissen, „daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken“ wird, lässt selbst dunkle Wegstücke nicht mehr absolut erscheinen. Im Inneren kann sich eine leise, beharrliche Hoffnung ausbreiten, die auch Tränen nicht leugnet, aber sie in einen größeren Zusammenhang stellt. Diese Hoffnung trägt – manchmal kaum spürbar, aber zuverlässig – und macht auf Dauer fähig, anderen genau das weiterzugeben: eine Glaubenssprache, die die Realität des Sterbens nicht übertönt, sondern sie durchdringt mit der Gewissheit, dass die Auferstehung das letzte Wort behält.
Herr Jesus, du wunderbarer Mensch aus Nazareth und ewiger Gott, danke, dass dein Weg des langsamen Getötetwerdens der Weg der Herrlichkeit geworden ist. Du kennst jeden Druck, jede Zurückweisung und jede versteckte Wunde, die unseren äußeren Menschen verbraucht. Stärke uns im inneren Menschen, damit wir inmitten des Sterbens dein Auferstehungsleben erfahren. Lass uns im Geist des Glaubens auf dich blicken und nicht auf das Sichtbare, und schenke uns die stille Gewissheit, dass unser Ziel die Auferstehung und ein ewiges Gewicht von Herrlichkeit ist. Fülle unser Herz mit deiner Freude, wo wir Mühe erleben, und mit deinem Frieden, wo wir nicht verstehen, was du tust. In allem, was uns zerbricht, lass dein Leben klarer hervorscheinen, damit du in uns verherrlicht wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 34