Ein Vorbild dafür, Christus für die Gemeinde zu leben (2)
Viele Christen kennen die biblische Wahrheit, dass Christus unser Leben ist, aber nur wenige haben Menschen vor Augen, die dieses Leben sichtbar für die Gemeinde ausleben. Paulus öffnet in 2.Korinther sein Herz und erzählt nicht zuerst Lehre, sondern seine eigene Geschichte von Bedrängnis, Verzweiflung und göttlichem Eingreifen. Gerade in diesen inneren und äußeren Spannungen wird er zu einem anschaulichen Beispiel dafür, was es heißt, nicht mehr aus sich selbst, sondern aus dem auferstandenen Christus für die Gemeinde zu leben.
Vertrauen auf den Gott der Auferstehung statt auf uns selbst
Wenn Paulus von seiner Bedrängnis in Asien spricht, öffnet er ein Fenster in eine Erfahrung, in der jedes menschliche Halten versagt hat. Er beschreibt, dass er und seine Mitarbeiter „über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert wurden, so dass wir sogar am Leben verzweifelten“ (2.Kor 1:8). Das ist keine fromme Übertreibung, sondern das Ende der eigenen Möglichkeiten. Dann fügt er hinzu: „Ja, wir selbst hatten in uns selbst die Antwort des Todes, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt“ (2.Kor 1:9). Hinter dem äußeren Druck erkennt Paulus eine innere Absicht Gottes: Das Urteil des Todes über sein eigenes Können sollte den Raum frei machen für ein radikal anderes Vertrauen.
In 1:9 fährt Paulus fort: „Wir selbst aber hatten in uns selbst das Urteil des Todes, damit wir nicht auf uns selbst vertrauen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.“ Weil sie erkannten, dass sie dem Tod geweiht waren, hatten die Apostel keinerlei Vertrauen in sich selbst. Ihr Vertrauen war auf Gott gerichtet. Der Gott, auf den sie vertrauten, war nicht einfach der, der Himmel und Erde geschaffen hat. Vielmehr vertrauten sie auf den Gott der Auferstehung, auf den Gott, der die Toten auferweckt. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechzehn, S. 149)
Der Gott, auf den sich Paulus hier wirft, ist nicht nur der majestätische Schöpfer von 1. Mose 1, der Himmel und Erde aus dem Nichts hervorruft. Es ist der Gott, der sich in Christus erniedrigt hat, der durch ein verborgenes menschliches Leben, durch Kreuz und Auferstehung gegangen ist und dessen Auferstehungskraft kein Gefängnis, kein Grab, keine innere Erschöpfung binden kann. Wenn unsere eigene Kraft an ein Ende kommt, ist das nicht das Ende der Geschichte, sondern der Punkt, an dem die Wirklichkeit des auferstandenen Christus praktisch werden will. Unser inneres „Todesurteil“ markiert den Bruch mit dem alten Selbstvertrauen und zugleich den Beginn eines Lebens, das aus einer anderen Quelle gespeist wird.
So wird das Ende des alten Menschen in der Erfahrung nicht nur eine Lehre, sondern eine stille, tiefgreifende Befreiung. Der Christus der Auferstehung nimmt den Platz des alten Ichs ein; er trägt, wo wir nicht mehr tragen können, und wirkt, wo unsere Mittel erschöpft sind. Gerade in der Gemeinde, wo Erwartungen, Verantwortung und Enttäuschungen sich verdichten, kann dieser Wechsel der Zuversicht zu einem neuen Atem werden. Der Blick geht weg von der Frage: „Wie schaffe ich das?“ hin zu der stillen Gewissheit: Der Gott, der die Toten auferweckt, ist derselbe, der hier und heute in Christus in mir lebt. Aus dieser Gewissheit wächst eine leise, aber tragfähige Hoffnung: Mein Ende ist in seinen Händen der Anfang von etwas, das seine Herkunft unverkennbar in Gott hat.
Denn wir wollen euch, Brüder, über unsere Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist, nicht in Unkenntnis lassen, dass wir über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert wurden, so dass wir sogar am Leben verzweifelten. (2.Kor 1:8)
Ja, wir selbst hatten in uns selbst die Antwort des Todes, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, (2.Kor 1:9)
Wo das eigene Können nicht mehr trägt, öffnet sich im Licht von 2. Korinther 1.ein Raum, in dem der Gott der Auferstehung unser inneres Vertrauen neu ordnet: weg von der Selbstsicherung hin zu einem stillen, aber festen Ruhen in Christus, dessen Leben gerade dort wirksam wird, wo unsere Möglichkeiten erschöpft sind.
In der Gnade Gottes leben: der verarbeitete Dreieine Gott als unser täglicher Genuss
Paulus blickt auf seinen Weg zurück und nennt etwas, worauf er sich tatsächlich rühmen kann: „das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir uns in der Welt und noch überströmender euch gegenüber in der Einfachheit und Lauterkeit Gottes verhalten haben, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes“ (2.Kor 1:12). Er beschreibt keinen übermenschlichen Heldenmut, sondern ein Leben, das nicht von „fleischlicher Weisheit“ gesteuert ist – nicht von Berechnung, Selbstdarstellung oder taktischer Klugheit. Stattdessen steht die Gnade Gottes als der unsichtbare, aber reale Raum hinter seinem Verhalten.
In 1:12 sagt Paulus außerdem, dass er sich nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes verhielt. Gnade ist der verarbeitete Dreieine Gott. Der 1. Korintherbrief offenbart, dass der Dreieine Gott verarbeitet worden ist, um der lebengebender Geist zu werden, damit wir Ihn genießen können. Dieser Genuss des verarbeiteten Dreieinen Gottes ist Gnade. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechzehn, S. 150)
Diese Gnade ist weit mehr als ein freundlicher Blick Gottes von oben. Im Licht des Neuen Testaments ist Gnade der Dreieine Gott selbst, der durch Fleischwerdung, menschliches Leben, Kreuz und Auferstehung gegangen ist und als lebengebender Geist zu unserem inneren Genuss geworden ist. Wenn Paulus anderswo sagt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade mir gegenüber ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist“ (1.Korinther 15:10), dann breitet er genau dieses Geheimnis aus: Es ist der verarbeitete Dreieine Gott, der in seinem Geist wohnt und sein Denken, Fühlen und Handeln durchzieht.
Dort, wo diese Gnade nicht an der Oberfläche bleibt, sondern das Innere absorbiert, werden Einfalt und Lauterkeit Gottes sichtbar. Beziehungen in der Gemeinde verlieren den Beigeschmack des Berechnenden; Worte werden einfacher, Entscheidungen klarer, weil eine andere Quelle spricht. Die Müdigkeit, die aus eigenen Anstrengungen erwächst, weicht einer Kraft, die nicht von uns ist, und doch durch uns hindurch arbeitet. Wenn Gnade so verstanden und gelebt wird, bleibt sie nicht abstrakt. Sie wird zu einem stillen, täglichen Genuss des Dreieinen Gottes, der uns formt – hin zu einem Leben, das der Gemeinde dient, weil es aus dem Überfluss Gottes und nicht aus der Knappheit des eigenen Herzens schöpft.
Denn unser Rühmen ist dies: Das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir uns in der Welt und noch überströmender euch gegenüber in der Einfachheit und Lauterkeit Gottes verhalten haben, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes. (2.Kor 1:12)
Wo Gnade als der verarbeitete Dreieine Gott im eigenen Inneren Raum gewinnt, verliert fleischliche Weisheit ihre Anziehungskraft: Der Alltag, gerade im Miteinander der Gemeinde, wird von einer schlichten Lauterkeit und einer nicht-menschlichen Tragkraft geprägt, die spürbar macht, dass hier nicht unser Können, sondern Gottes Gnade die eigentliche Geschichte schreibt.
Einssein mit dem unveränderlichen Christus im Ja Gottes
Im Hintergrund von 2. Korinther 1.steht der Vorwurf, Paulus sei unbeständig, sein Ja nicht verlässlich, sein Nein nicht klar. In diese Situation hinein verweist er nicht zuerst auf seine eigene Charakterstärke, sondern auf den Christus, mit dem er verbunden ist: „Gott aber ist treu (und bürgt dafür), daß unser Wort an euch nicht Ja und Nein (zugleich) ist. Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist ein Ja geschehen“ (2.Kor 1:18-19). Der Maßstab für Zuverlässigkeit ist nicht das idealisierte eigene Ich, sondern der unveränderliche Sohn Gottes, in dem Gottes Entschluss fest geworden ist.
Paulus war völlig eins mit Christus, mit Gottes Gesalbtem. Deshalb konnte er sagen: „Gott aber ist treu, dass unser Wort zu euch nicht Ja und Nein ist. Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns, durch mich und Silvanus und Timotheus, verkündigt worden ist, wurde nicht Ja und Nein, sondern in Ihm ist Ja“ (V. 18–19). In den Versen 20 und 21 fährt Paulus fort: „Denn wie viele Verheißungen Gottes es auch gibt, in Ihm ist das Ja; darum ist auch durch Ihn das Amen zu Gott, zur Herrlichkeit durch uns. Der uns aber mit euch auf Christus festigt und uns gesalbt hat, ist Gott.“ (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechzehn, S. 151)
Paulus führt weiter aus: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns. Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott“ (2.Kor 1:20-21). In Christus ist das göttliche Ja zu allen Verheißungen ausgesprochen; durch ihn wird in den Herzen der Glaubenden ein Amen geweckt. Gott selbst befestigt, salbt und versiegelt: „Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat“ (2.Kor 1:22). So entsteht ein Einssein, in dem Christus nicht nur unser Gegenstand, sondern unsere innere Person wird – der, aus dem heraus wir denken, entscheiden und sprechen.
Wo dieses Einssein mit dem treuen Christus unser Inneres prägt, verliert das schwankende „Ja und Nein“ seine Macht. Entscheidungen werden nicht durch Laune, Menschenfurcht oder Druck geformt, sondern durch die stille Beständigkeit dessen, der in uns lebt. Das verleiht dem Gemeindeleben eine andere Qualität von Verlässlichkeit: Zusagen tragen Gewicht, Zuspruch hat Bestand, Korrektur bleibt nicht launisch. In dem Christus, in dem Gottes Ja und unser Amen zusammenkommen, findet unser Charakter einen Halt, den äußere Umstände nicht verschieben können. Daraus wächst eine Ermutigung, die tief in die Gemeinde hineinreicht: Treue ist dann nicht mehr eine heroische Leistung, sondern die Frucht eines Herzens, das fest mit dem unveränderlichen Christus verbunden ist.
Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist ein Ja geschehen. (2.Kor 1:19)
Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns. (2.Kor 1:20)
Wo Gottes Ja in Christus unser inneres Zentrum wird und der versiegelnde Geist dieses Ja in unseren Herzen bewahrt, gewinnt unser eigenes Wort an Klarheit und Gewicht – nicht aus Härte, sondern aus der Ruhe eines Lebens, das in den treuen Christus hineingebunden ist und so der Gemeinde einen verlässlichen, vom Evangelium geprägten Klang schenkt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du der Gott der Auferstehung bist, der uns in unseren Grenzen und Bedrängnissen nicht verlässt, sondern uns aus uns selbst heraus und in dein Leben hineinführt. Öffne unsere Augen, damit wir dich als unsere Gnade erkennen – als den Dreieinen Gott, der in unserem Geist wohnt und alles für uns sein möchte. Festige unser Herz in dir, dem unveränderlichen Ja Gottes, und Lass dein Amen in uns widerhallen, wenn wir schwach sind, zweifeln oder unter Druck stehen, und erfülle uns mit der Hoffnung deiner Auferstehungskraft. Dir sei die Ehre in der Gemeinde, heute und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 16