Ein Vorbild dafür, Christus für die Gemeinde zu leben (1)
Viele Christinnen und Christen wünschen sich ein kraftvolles Leben mit Gott, erleben ihren Alltag aber eher zerrissen zwischen gestern und morgen. Die Bibel zeichnet ein anderes Bild: Gott handelt jetzt, und Er sucht Menschen, die in diesem Heute Christus leben – nicht nur für sich selbst, sondern für die Gemeinde. An Paulus wird deutlich, wie ein Mensch aussehen kann, dessen ganzes Leben von Christus geprägt ist und der dadurch zum Segen für den Leib Christi wird.
Gott des Heute – Christus als unsere tägliche Wirklichkeit
Gott bindet sich an das kleine, unscheinbare Wort „heute“. Darin liegt eine große Gnade und zugleich eine heilige Ernsthaftigkeit. Hebräer 3:13 erinnert: „Sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es ‚heute‘ heißt, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet werde –“. Nicht das Gestern, mit seinen Erfolgen oder seinen Versagen, ist der Ort, an dem Gott uns begegnet. Auch nicht das Morgen, das wir uns so gerne ideal ausmalen. Er kommt uns im Heute entgegen – im Unfertigen, manchmal Ungeordneten, genau da, wo wir gerade stehen. Wenn Gott heute spricht, ist Sein Reden kein Kommentar zu unserer Vergangenheit und noch kein Bericht über unsere Zukunft; es ist Sein gegenwärtiges Handeln an uns. Sein Reden ist Sein Weitergehen mit uns, und wir werden weich oder hart, je nachdem, ob wir diesem heutigen Reden Raum geben.
Unser Gott geht immer weiter. Deshalb sollten wir nicht im Gestern stehen bleiben und auch nicht versuchen, im Morgen zu leben. Wir sollen heute leben. Wirkliche Christen haben kein Gestern, und sie haben das Morgen noch nicht. Wir haben nur heute. Darum heißt es in der Bibel: „solange es ‚heute‘ heißt“ (Hebr. 3:13). Gott ist nicht der Gott von gestern und nicht der Gott von morgen; Er ist der Gott von heute. Tag für Tag schreitet Gott voran, Er geht weiter. Deshalb müssen wir heute für Gottes Reden offen sein. Gottes Reden ist Sein Weitergehen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 138)
Paulus’ Leben zeigt, dass ein Christ nicht primär von Prinzipien, sondern von der Person Christi lebt. In 1. Korinther beschreibt er keine Theorie eines vorbildlichen Christentums, sondern er lässt Christus inmitten eines sehr konkreten, teilweise zerbrochenen Gemeindelebens Wirklichkeit werden. Schon der Anfang des Briefes lenkt den Blick weg von menschlichen Parteien auf Christus als gemeinsame Portion: Die Gemeinde wird beschrieben als ein Volk, das „in Christus Jesus geheiligt worden“ ist und zusammen mit allen anderen den Namen des Herrn anruft (1. Korinther 1:2). Und in 1. Korinther 1:9 heißt es: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes ist keine fromme Atmosphäre, sondern eine lebendige Teilnahme an Ihm, hier und jetzt.
Wenn Christus unsere tägliche Wirklichkeit wird, beginnt Er, die verborgenen Krankheiten unseres Lebens und unseres Gemeindelebens aufzudecken und zu heilen. Im Korintherbrief geht es um Spaltungen, Selbstbehauptung, Unreinheit, Missbrauch von Freiheit – lauter Symptome eines Lebens, das sich um das Ich dreht. Christus begegnet diesen Zuständen nicht nur als Lehrer, der bessere Regeln bringt, sondern als göttliche „Medizin“: Er kommt als unsere Weisheit, „sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1. Korinther 1:30). Gerechtigkeit heißt, dass Er uns vor Gott und Menschen recht macht, auch dort, wo wir uns selbst nicht mehr zurechtrücken können. Heiligung bedeutet, dass Er uns innerlich von allem trennt, was nicht zu Ihm passt. Erlösung umfasst, dass Er uns aus festgefahrenen, gebundenen Situationen herausführt, die wir aus eigener Kraft nicht verlassen können.
Bemerkenswert ist, dass Heiligkeit hier nicht zuerst als erreichte Stufe, sondern als Gegenwart einer Person beschrieben wird. Heilig ist da, wo der Sohn Gottes Raum bekommt. Paulus konnte in seinen Bedrängnissen sagen, dass Gott ihn an Christus befestigt und gesalbt hat (vgl. 2. Korinther 1:21). Heiligung ist so gesehen nicht zuerst „mein Weg zu Gott“, sondern Gottes Weg mit mir, indem Christus Schritt für Schritt mehr in meinem Inneren Gestalt gewinnt. Wenn Er heute spricht, berührt Er vielleicht eine Beziehung, eine verborgene Motivation, eine stille Bitterkeit oder eine Form des Stolzes. Seine Gegenwart deckt auf, aber sie verdammt nicht; sie ruft heraus und trägt zugleich die Kraft zur Veränderung in sich. Je einfacher wir auf dieses leise, konkrete Reden antworten, desto mehr wird Christus zu dem Stoff, aus dem unser Alltag gewebt ist.
Sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es „heute“ heißt, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet werde – (Hebr. 3:13)
an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn: (1.Kor 1:2)
Christus als Gott des Heute ernst zu nehmen heißt, Ihn in der kleinen, konkreten Gegenwart an sich heranzulassen – mitten in Aufgaben, Konflikten und Unsicherheiten. Wer lernt, auf Sein leises Reden jetzt zu achten, statt sich an vergangene Erfahrungen zu klammern oder auf zukünftige Durchbrüche zu warten, entdeckt, dass Christus Schritt für Schritt zur gelebten Wirklichkeit wird und dass daraus ein Gemeindeleben entsteht, in dem Sein Leben ganz praktisch spürbar wird.
Christus genießen – von innen heraus verwandelt für den Leib
Christus für die Gemeinde zu leben beginnt nicht an der Oberfläche unseres Tuns, sondern im verborgenen inneren Genuss. 1. Korinther 2.beschreibt Christus als die „tiefen Dinge Gottes“, die nur ein geistlicher Mensch erfassen kann. Was tief ist, drängt sich nicht auf; es will gesucht, gekostet, verinnerlicht werden. Paulus macht deutlich, dass die Weisheit Gottes im Gekreuzigten und Auferstandenen verborgen ist, und dass der natürliche Mensch diese Weisheit nicht aufnimmt. Es heißt: „Uns aber hat es Gott durch den Geist geoffenbart; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes“ (1. Korinther 2:10). Der Geist Gottes führt uns nicht zuerst in eine Fülle von Aktivitäten, sondern in das Herz Christi hinein. Dort beginnt Genuss – ein inneres Schmecken und Erkennen, das weder seelische Begeisterung noch bloßes Verstehen ist.
In 1. Korinther, Kapitel 2, sehen wir, dass Christus, der Geheimnisvolle, die tiefen Dinge Gottes ist. Um Ihn zu erkennen und zu erfassen, müssen wir eine geistliche Person sein, eine Person, die den Geist ausübt und im Geist lebt. Wenn wir seelisch sind, also in der Seele leben, werden wir Ihn nicht erkennen können. Nur indem wir im Geist leben und unseren Geist ausüben, können wir Christus erkennen, um Ihn zu erfahren. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 141)
Dieser Genuss hat eine Richtung: von innen nach außen. Wenn Paulus in 1. Korinther 3.vom Bau auf dem einen Grund Christus spricht, nennt er Materialien wie Gold, Silber und kostbare Steine. Diese entstehen nicht durch Aktivismus, sondern wachsen bildlich aus dem inwendigen Leben Christi in uns. Christus als das göttliche Gold prägt unseren inneren Wertmaßstab; Er als Silber, das oft mit Erlösung verbunden ist, vertieft unser Bewusstsein für seine rettende Gnade; als kostbare Steine formt Er unseren Charakter unter Druck und Hitze um. Was so in der Verborgenheit entsteht, wird zu etwas, das im Feuer geprüft werden kann und bleibt. Ein Dienst, der aus solchem inneren Genuss hervorgeht, trägt den Geschmack und das Gewicht Gottes in sich.
Paulus greift in 1. Korinther 5 ein anderes Bild auf: das Fest. Christus ist unser Passah, unser Festmahl. „So lasst uns nun das Fest feiern, nicht mit dem alten Sauerteig noch mit dem Sauerteig der Schlechtigkeit und Bosheit, sondern mit dem ungesäuerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit“ (1. Korinther 5:8). Innerer Genuss Christi ist wie Essen und Trinken an einem Fest, nicht wie ein chirurgischer Eingriff. Wenn wir Ihn „essen“, nähren wir uns von Seinem Wesen: Seine Wahrheit verdrängt unsere Doppelbödigkeit, Seine Lauterkeit durchdringt unsere gemischten Motive. Der Sauerteig wird nicht zuerst ausgeräumt, weil wir uns intensiv mit ihm beschäftigen, sondern weil ein anderes Brot, ein anderer Geschmack unser Inneres erfüllt. Veränderung geschieht dann im Raum der Freude, nicht unter dem Messer des Selbstzwangs.
In Kapitel 6 verdichtet sich diese Linie: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1. Korinther 6:17). Christus genießen heißt letztlich, Ihm so anzuhängen, dass unser Geist mit Seinem Geist eins wird. Dieses Einssein bleibt nicht auf die unsichtbare Sphäre beschränkt. Paulus sagt zugleich: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6:19). Christus, den wir innerlich genießen, beansprucht unseren Körper, unseren Alltag, unsere Beziehungen. Er macht unsere Leiber zu Gliedern Christi, durch die Sein Leben in den Leib hineinwirkt. Das bedeutet: Unser Umgang mit Sexualität, Besitz, Arbeit und Freizeit wird Ausdruck eines inneren Festes, an dem Christus die Mitte ist.
Uns aber hat es Gott durch den Geist geoffenbart; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. (1.Kor 2:10)
Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1.Kor 3:11)
Christus genießen bedeutet, Ihn im Verborgenen unseres Geistes zu kosten, bis Sein Leben wie eine stille, aber kraftvolle Nahrung unser Inneres durchdringt. In diesem stillen Stoffwechsel werden Motivationen geklärt, Bindungen gelockert und ein neuer Geschmack für Gottes Wirklichkeit geweckt. Wer sich von Christus so erfüllen lässt, entdeckt, dass der Dienst an der Gemeinde nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss geschieht – als Weitergabe dessen, was der Herr selbst ins Herz gelegt hat.
In der Kraft der Auferstehung für Gottes Verwaltung leben
Gottes ewiger Vorsatz ist größer als das persönliche Heil jedes Einzelnen. Er will durch den Leib Christi Seine Verwaltung ausführen. Dazu braucht es Menschen, durch die Christus in der Kraft der Auferstehung leben kann. Paulus zeichnet im 1. Korintherbrief ein Bild der Gemeinde, in der Christus das Haupt ist und die Glieder in den ihnen gegebenen Maßen dienen. Doch dieser Dienst entspringt nicht organisatorischem Geschick, sondern einem Leben, das vom Auferstehungsleben durchdrungen ist. Auferstehung ist nicht nur ein Ereignis nach dem Tod, sie ist eine Person. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in Mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11:25). Wo diese Person Raum bekommt, entstehen Bewegungen, die nicht mehr aus menschlicher Energie, sondern aus göttlicher Lebenskraft kommen.
Kapitel 10 zeigt, dass gerade der Christus, der unser Anteil ist, der unsere tägliche Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung ist, der so eins mit uns ist, dass Er unsere Leiber zu Seinen Gliedern und zum Tempel des Heiligen Geistes macht, Sich Selbst uns zum Essen und Trinken gegeben hat. Dass Christus Sich Selbst uns zum Essen und Trinken gibt, ist zu unserem Genuss Seiner Selbst. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 144)
Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung ist Christus zum lebensspendenden Geist geworden, der sich uns mitteilt. Paulus verbindet diesen Geist eng mit dem Mahl des Herrn. In 1. Korinther 10 spricht er vom Kelch der Segnung und vom Brot, die Gemeinschaft mit dem Blut und dem Leib Christi sind. Indem Christus sich uns zum Essen und Trinken gibt, teilt Er uns nicht nur Vergebung mit, sondern Seine eigene Auferstehungswirklichkeit. Dieser Genuss ist der verborgene Motor eines Lebens für Gottes Verwaltung. Im unscheinbaren Akt des Essens und Trinkens des Herrn werden wir innerlich auf eine andere Quelle umgestellt. Geben, Dienen, Tragen und Kämpfen erhalten eine andere Qualität, wenn sie aus dem gespeisten Auferstehungsleben kommen.
Bemerkenswert ist der Hinweis auf den „ersten Tag der Woche“ in 1. Korinther 16:2: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich zurück und sammle, je nachdem er Gedeihen hat.“ Dieser erste Tag ist der Tag der Auferstehung. Paulus verknüpft mit ihm die praktische Sorge um die Heiligen. Damit deutet er an: Was wir geben – ob Zeit, Kraft oder materielle Gaben – soll Ausdruck eines Lebens in der Realität des Auferstehungstages sein. Der auferstandene Christus ist nicht nur Gegenstand unserer Anbetung, sondern die Quelle, aus der unser Geben gespeist wird. Ein Gemeindeleben, das im Licht dieses ersten Tages steht, lebt aus der Erfahrung: Gott hat in Christus Neues begonnen; deshalb müssen wir nicht aus alten Quellen schöpfen.
Paulus selbst wird in 2. Korinther zum Muster eines Menschen, der so lebt. Er berichtet: „Denn wir wollen euch, Brüder, über unsere Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist, nicht in Unkenntnis lassen, dass wir über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert wurden, so dass wir sogar am Leben verzweifelten“ (2. Korinther 1:8). Das ist der Punkt, an dem jede eigene Verwaltung zusammenbricht. Doch er fährt fort: „Ja, wir selbst hatten in uns selbst die Antwort des Todes, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt“ (2. Korinther 1:9). Gerade in der Erfahrung der Grenze lernt Paulus den Gott der Auferstehung kennen. Sein Dienst an der Gemeinde fließt nicht aus unerschöpflicher menschlicher Kraft, sondern aus der Erfahrung: Gott erweckt Tote und setzt in einem Menschen eine neue, auferstandene Bewegkraft frei.
Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in Mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; (Joh. 11:25)
Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus? (1.Kor 10:16)
In der Kraft der Auferstehung zu leben heißt, die eigene Begrenztheit nicht länger als Hindernis, sondern als Einfallstor für Gottes Wirken zu sehen. Wer lernt, im täglichen Sterben an die eigene Selbstständigkeit den Gott der Auferstehung zu erwarten, erfährt, dass Christus neues Leben, neue Beweggründe und neue Ausdauer schenkt. So wird selbst ein unscheinbarer Dienst zu einem Teil von Gottes großer Verwaltung – getragen von einem Leben, das nicht mehr aus sich selbst, sondern aus dem auferstandenen Herrn lebt.
Herr Jesus Christus, Du bist der Gott des Heute, unsere Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, und die lebendige Auferstehung in uns. Danke, dass Du Dich uns als unsere tägliche Portion schenkst, die uns heilt, reinigt und verwandelt. Vertiefe in uns den Hunger nach Dir, damit wir Dich mehr erkennen, Dich genießen und von Dir innerlich umgestaltet werden, bis unser ganzes Sein zu einem Wohnort für Dich und zu einem Segen für die Gemeinde wird. Erneuere unser Denken, damit wir nicht in der Vergangenheit gefangen bleiben und uns nicht in Sorgen um die Zukunft verlieren, sondern im Heute Deines Redens leben. Stärke alle Deine Geschwister, die müde geworden sind, und lass sie neu erfahren, dass Deine Gnade genügt und Deine Kraft in Schwachheit vollbracht wird. Lass aus unserem persönlichen Erleben Deines Auferstehungslebens ein reiches Zeugnis hervorkommen, durch das der Leib Christi aufgebaut und Dein Reich ausgebreitet wird, bis Du wiederkommst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 15