Verbunden, gesalbt, versiegelt, gefangen genommen, unterworfen und geführt, um den Weihrauch Christi zu verbreiten (1)
Viele Christen spüren, dass ihr Glaube zwar echt ist, aber oft an der Oberfläche hängenbleibt: Man kennt biblische Geschichten, kirchliche Feste und christliche Begriffe, doch innerlich bleibt ein Hunger nach mehr. Hinter den vertrauten Formen verbirgt sich eine tiefere Wirklichkeit: Christus selbst als lebendige Speise und die Gemeinde als sein Leib, in dem er sichtbar werden möchte. Die Frage ist, ob wir uns mit den „Schalen“ zufriedengeben oder ob wir lernen, das eigentliche „Fleisch“ des Wortes zu entdecken und Christus so zu erfahren, dass unser ganzes Leben zu einem Duft für andere wird.
Christus und die Gemeinde – das „Fleisch“ der biblischen Offenbarung
Wenn das Neue Testament sich öffnet, tritt uns nicht zuerst ein System, sondern eine Person entgegen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Gott redet, indem er sich selbst gibt. Er kommt nicht, um eine verfeinerte Religion zu stiften, sondern um in Christus mitten unter den Menschen zu wohnen und sich ihnen mitzuteilen. In Christus ist der lebendige Gott durch Kreuz und Auferstehung hindurchgegangen, um als allumfassender, Leben gebender Geist in uns Wohnung zu machen. So wird das Reden Gottes im Neuen Testament Fleisch, berührbar, nährend. Wer auf diese Weise hört, sucht hinter Begriffen, Geschichten und Geboten immer die Gegenwart des Sohnes, der sich mitteilen will.
160 „… das Fest halten …“ – Paulus’ Wort über das Passah und das Halten des Festes ist nicht bloß Haut oder Federn, sondern Fleisch. Hier macht Paulus deutlich, dass wir das Fest der ungesäuerten Brote halten. Christus ist unser Passah und unser Fest der ungesäuerten Brote. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebzehn, S. 160)
Darum steht im Mittelpunkt der neutestamentlichen Offenbarung nicht eine Sammlung von Wahrheiten, sondern Christus mit der Gemeinde. Christus ist nicht nur Retter, sondern auch Haupt über alles, „der Gemeinde als Haupt über alles gegeben, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ (Epheser 1:22–23). Die Gemeinde ist keine religiöse Interessengemeinschaft, sondern der Leib Christi, der neue Mensch, das Haus Gottes, der Leuchter in der Welt und die Braut des Lammes. Vieles, was wir mit Christentum verbinden – Jahresfeste, Formen, Traditionen – hat seinen Platz, aber es ist eher Eierschale als Eigelb. Das Eigentliche, das „Fleisch“ des Wortes, ist Christus selbst als unsere Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung und die Gemeinde als sein lebendiger Ausdruck. Wer so die Schrift liest, wird innerlich nüchtern und zugleich reich: Er bleibt nicht an der Oberfläche der Formen stehen, sondern nimmt aus der Fülle Christi „Gnade um Gnade“ (Johannes 1:16) auf und entdeckt, dass Gottes Ziel ein gemeinsames Leben ist – Christus in einem Volk, das ihn widerspiegelt. In dieser Einsicht liegt stille Ermutigung: Unser Glaube kreist nicht um ein System, sondern um einen Herrn, der sich teilen will, und um eine Gemeinde, in der dieser Christus Gestalt gewinnt.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Und alles hat Er unter Seine Füße getan und Ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt. (Eph. 1:22-23)
Wenn Christus und die Gemeinde der innere Kern der Offenbarung sind, gewinnt auch unser Alltag eine andere Färbung. Fragen nach Formen, Stilen und Traditionen verlieren ihre Schärfe, sobald die Person des Sohnes und sein Leib im Zentrum stehen. Dann wird das Bibellesen nicht zur Sammlung von Argumenten, sondern zum Aufnehmen von Leben; das Gemeindeleben wird nicht zur Bühne für Ideen, sondern zum Raum, in dem Christus seine Fülle ausdrückt. Wer sich immer wieder an diesen Mittelpunkt erinnern lässt, wird still befreit von oberflächlichen Gegensätzen und findet Schritt für Schritt in das, was Gott wirklich sucht: ein Herz, das seinen Sohn sieht, und eine Gemeinschaft, in der dieser Sohn erkennbar wird.
Feiern oder Speise? Vom Christentum zum täglichen Genuss Christi
Im ersten Korintherbrief prallen viele Themen aufeinander: Parteiungen, Begabungen, moralische Fragen, Fragen des Gottesdienstes. Doch mitten durch alle Auseinandersetzungen hindurch lenkt Paulus den Blick immer wieder auf eine zentrale Wirklichkeit. Er schreibt: „Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung“ (1. Korinther 1:30). Das eigentliche Problem der Gemeinde in Korinth war nicht nur falsches Verhalten, sondern eine zu geringe Wertschätzung dieser Person. Statt aus Christus zu leben, nährten sie sich von Namen, Gruppen und Eindrücken – von Federn und Schale, während das eigentliche Fleisch vor ihnen lag.
161 Wer Christus für die Gemeinde lebt, ist auch jemand, der von Gott versiegelt worden ist. Von Gott versiegelt zu sein bedeutet, von Ihm in Besitz genommen, von Ihm besessen zu sein. Wenn wir nicht von Gott versiegelt worden sind, können wir Christus nicht für die Gemeinde leben. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebzehn, S. 161)
So spricht Paulus in 1. Korinther 5 nicht nur von Sünde, sondern lenkt den Blick auf eine tiefere Speise: „Denn auch unser Passahlamm, Christus, ist geschlachtet. Darum lasst uns das Fest halten, nicht mit altem Sauerteig … sondern mit ungesäuerten Broten der Lauterkeit und Wahrheit“ (1. Korinther 5:7–8). Das Fest der ungesäuerten Brote steht für den ganzen Verlauf unseres Christenlebens. Christus ist das ungesäuerte Brot, frei von jeder Beimischung, und er gibt sich uns als tägliche, innere Nahrung. Wenn das Johannesevangelium sagt: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut“ (Johannes 1:14), dann öffnet es denselben Horizont: Der Sohn Gottes kommt uns so nahe, dass er gegessen, aufgenommen, verinnerlicht werden kann. Geistliches Wachstum geschieht daher nicht in erster Linie durch immer neue äußere Aktivitäten, sondern dadurch, dass dieser Christus unser tägliches Brot wird.
Dort, wo Christus unsere Speise wird, beginnt der alte Sauerteig zu schwinden. Heuchelei verliert an Kraft, wenn der Lautere in uns Raum gewinnt; religiöse Fassade bröckelt, wenn wir den kennen, der selbst Wahrheit ist. „Jesus antwortete und sagte zu ihm: Wenn jemand Mich liebt, wird er Mein Wort bewahren, und Mein Vater wird ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Johannes 14:23). Christus lädt nicht in erster Linie zu einem Feiertagsglauben ein, sondern in ein Wohngemeinschaftsleben: Der Vater und der Sohn kommen und machen Wohnung. Und aus dieser Wohnung heraus ertönt sein leises Wort: „Bleibt in Mir, und Ich in euch … ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15:4–5). Wer darin seinen inneren Schwerpunkt findet, erlebt, dass aus einem festbetonten Christentum ein Alltag des Genusses Christi wird – unspektakulär, aber tragfähig, und voller innerem Duft.
application_de”: ”Je mehr Christus selbst unsere tägliche Speise ist, desto weniger hängen Herz und Gedanken an bloßen Hüllen. Feste, Formen und Diskussionen verlieren ihren Anspruch, wenn der lebendige Herr unsere verborgene Nahrung wird. Dann verwandelt sich auch der Blick auf Schwachheit und Versagen: statt nur zu verurteilen oder zu relativieren, suchen wir nach dem frischen Anteil an Christus, der Hefeteige austreibt und neues, ungesäuertes Leben hervorbringt. In dieser Bewegung vom Äußeren zum Inneren liegt Ermutigung: Das Christenleben muss nicht glänzen, um echt zu sein; es darf schlicht sein, solange es von der stillen Realität gespeist wird, dass der Sohn Gottes unser Brot geworden ist.
Relevante Schriftstellen: 1.Kor 1:24, 1.Kor 1:30, 1.Kor 5:7-8, Joh. 1:1, Joh. 1:4, Joh. 1:14.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Verbunden, gesalbt, versiegelt, gefangen genommen, unterworfen und geführt
Wenn Paulus im zweiten Korintherbrief von seinem Dienst spricht, beschreibt er kein Programm, sondern einen Weg, auf dem Gott ihn innerlich geformt hat. Er beginnt mit einer stillen, aber grundlegenden Feststellung: „Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott, Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat“ (2. Korinther 1:21–22). Gott befestigt uns an Christus, er verankert unser inneres Leben nicht in einer Lehre, sondern in einer Person. Aus dieser Verbindung entspringt die Salbung: der Geist macht Christus in konkreten Situationen lebendig, deutet Umstände, öffnet und schließt Wege. Zugleich drückt Gott sein Siegel in unsere Existenz: Wir gehören ihm, wir stehen unter seiner Hoheit, und sein Geist in uns ist eine Anzahlung auf die kommende Fülle.
154 GESALBT, VER SIEGELT, ERFASST, UNTERWORFEN UND GELEITET, UM DEN WEIHRAUCH CHRISTI ZU VERSTREUEN (1) Bibelverse: 2. Korinther 1:21–22; 2:14–16 In der vorherigen Botschaft sahen wir ein Vorbild dafür, Christus für die Gemeinde zu leben. Paulus ist kein Vorbild dafür, eine bestimmte Kultur zu leben; er ist ein Vorbild dafür, Christus für die Gemeinde zu leben. Wenn wir davon sprechen, Christus für die Gemeinde zu leben, müssen wir wissen, wer Christus ist und auch, was die Gemeinde ist. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft siebzehn, S. 154)
Auf diesem Boden spricht Paulus von einer Bewegung, die nach außen ganz anders aussieht: „Gott aber sei Dank, der uns in dem Christus allezeit im Triumph einherführt und den Duft Seiner Erkenntnis durch uns an jedem Ort offenbar macht“ (2. Korinther 2:14). Im Bild des Triumphzuges wird Paulus als Gefangener vorgestellt – er ist von Christus erfasst und unterworfen. Menschlich bedeutet Gefangensein Verlust von Kontrolle; geistlich wird es hier zum Zeichen von Freiheit: Wer von Christus gefangen genommen ist, ist von sich selbst entlassen. In dieser Unterwerfung beginnt ein leiser, aber merklicher Prozess: Das eigene Recht verliert an Gewicht, die eigene Ehre tritt zurück, und der Wohlgeruch eines anderen macht sich bemerkbar. „Denn wir sind ein Wohlgeruch Christi für Gott“ (2. Korinther 2:15). Wo Gott Menschen so verbindet, salbt, versiegelt und führt, entsteht kein glänzender Held, sondern ein Mensch, der nach Christus duftet – oftmals unscheinbar, aber für Gott kostbar und für die Gemeinde lebensspendend.
In diesem Licht bekommt auch Schwachheit einen anderen Klang. Paulus rühmt sich nicht seiner Erfolge, sondern eines Gewissens, das in der Gnade Gottes ruht: „Dass wir uns … in der Einfachheit und Lauterkeit Gottes verhalten haben, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes“ (2. Korinther 1:12). Ein solcher Mensch ist nicht perfekt, aber geprägt. Das Siegel Gottes ist nicht immer laut sichtbar, doch es hinterlässt Spuren: eine Einfachheit, die Dinge nicht kompliziert; eine Lauterkeit, die auf verdeckte Strategien verzichten kann; eine Bereitschaft, sich von Christus führen zu lassen, auch wenn der Weg durch Enge und Unverständnis führt. Daraus wächst stille Ermutigung: Gott formt diejenigen, die Christus für die Gemeinde leben, nicht durch Druck von außen, sondern durch ein tiefes Werk seines Geistes in ihrem Inneren. Wer sich von ihm befestigen, salben, versiegeln und führen lässt, entdeckt mit der Zeit, dass sein Leben – trotz aller Brüche – zu einem Gefäß des Weihrauchs wird, in dem Christus für Gott kostbar und für Menschen erfahrbar wird.
Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott, Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat. (2.Kor 1:21-22)
Gott aber sei Dank, der uns in dem Christus allezeit im Triumph einherführt und den Duft Seiner Erkenntnis durch uns an jedem Ort offenbar macht. Denn wir sind ein Wohlgeruch Christi für Gott unter denen, die errettet werden, und unter denen, die verlorengehen; (2.Kor 2:14-15)
Die Beschreibung dieses Weges bleibt nicht bei Paulus stehen. Sie leuchtet in unsere Biographien hinein und macht deutlich, dass es Gott darum geht, Menschen zu gewinnen, die erkennbar an Christus hängen. Nicht die Stärke des Charakters entscheidet, sondern das stille Werk des Geistes, der verbindet, salbt, versiegelt und führt. In dieser Perspektive verlieren manche äußeren Spannungen an Schärfe: Das Entscheidende ist nicht, wie sichtbar unser Dienst ist, sondern ob unser Leben den Duft der Erkenntnis Christi trägt. Wer sich in diese Hände legt, wird nicht über Nacht verwandelt, aber er erlebt, wie Gottes Prägung langsam, doch zuverlässig tiefer wird. Und auf diesem Weg wird die Frage „Wer ist dazu tüchtig?“ (2. Korinther 2:16) zur Einladung, die eigene Untauglichkeit nicht zu verstecken, sondern dem zu bringen, der gerade schwache, gefangene, geführte Menschen gebraucht, um seinen Sohn in der Gemeinde leuchten zu lassen.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur Lehre, Feste und Formen gibst, sondern dich selbst als lebendige Speise, als unser Passahlamm und unser tägliches ungesäuertes Brot. Du bist der, der uns mit dir verbindet, uns salbt, versiegelt, liebevoll gefangen nimmt, unser stolzes Herz unterwirft und uns in deinem Triumphzug führt, damit dein Wohlgeruch sichtbar wird. Vater, präge dein Siegel tiefer in unser Wesen, erfülle uns neu mit deinem Geist als Unterpfand und lass uns mehr das „Fleisch“ deiner Offenbarung genießen als die „Schale“ äußerer Dinge. Wo wir noch an uns selbst festhalten, überwinde uns durch deine Güte und ziehe uns tiefer in die Gemeinschaft deines Sohnes, sodass unsere Worte, Entscheidungen und Beziehungen von deinem Duft durchdrungen sind. Stärke in uns die Freude an Christus und baue durch dieses verborgene Wirken deine Gemeinde als Leib, Haus und Braut. In allem sei du verherrlicht in deiner Gemeinde und in unseren alltäglichen Wegen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 17