Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit den Gaben (5)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sind von geistlichen Gaben fasziniert, besonders von allem, was außergewöhnlich und spektakulär wirkt. Doch mitten in dieser Begeisterung stellt sich eine entscheidende Frage: Wozu gibt Gott überhaupt Gaben? Paulus zeigt in seinem Umgang mit den Korinthern, dass Gottes Blick nicht auf dem Besonderen an sich, sondern auf dem Aufbau einer lebendigen, reifen Gemeinde liegt. Wer versteht, was Gott mit den Gaben verfolgt, wird ihren Wert anders einschätzen und neu entdecken, welches Geschenk in seinen Augen wirklich größer ist.

Gottes Ziel: Die Gemeinde als Leib Christi aufbauen

Wenn Gott Gaben gibt, verfolgt Er kein Nebenziel. Hinter jeder geistlichen Befähigung steht Sein großes Verlangen, sich auf der Erde ein Haus zu bauen, einen Leib, der Seinen Sohn sichtbar macht. Paulus hat das tief erfasst. Er sieht Christus nicht isoliert vom Leib, sondern als den, der „die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben“ hat (Eph. 5:25). Erlösung ist in diesem Licht nicht Endstation, sondern Tür: Durch Vergebung, Rechtfertigung und neue Geburt öffnet Gott uns den Zugang in eine Wirklichkeit, in der Christus als Haupt einen Leib hat und dieser Leib organisch zusammengefügt, genährt und geformt wird. Darum bewertet Paulus auch die Gaben nicht zuerst nach ihrer Eindrücklichkeit oder ihrer subjektiven Intensität, sondern nach ihrem Beitrag zu diesem einen Bau. So heißt es: „So auch ihr: Da ihr eifrig nach Geistern strebt, so sucht, dass ihr für den Aufbau der Gemeinde vortrefflich seid“ (1.Kor 14:12). Die Gaben stehen unter einem Ziel: Aufbau.

Paulus’ letztliche Sorge gilt nicht dem Reden, nicht dem Geist, nicht dem Leib, nicht der Verwaltung Gottes und auch nicht der Liebe als dem vortrefflichen Weg zur Ausübung der Gaben. Seine letztliche Sorge gilt vielmehr dem Aufbau der Gemeinde. Paulus war sehr gemeindebewusst und auf die Gemeinde ausgerichtet. Sein Augenmerk lag auf der Gemeinde. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft einundsechzig, S. 561)

Gerade an den Korinthern wird sichtbar, wie leicht der Blick verrutscht. Sie waren reich an Gaben, aber arm an gemeinschaftlicher Gestalt; stark im Hervortreten, schwach im Aufbauen. Sie suchten Erfahrungen, die glänzen, und Dienste, die beeindrucken. Paulus aber erinnert sie an Gottes Haushaltung: Christen sind nicht als Einzelkämpfer berufen, sondern als Glieder eines Leibes. Was in uns an Gnadengabe wirkt, hat Sinn, wenn es in den Leib hineinreicht, ihn stärkt, ordnet, tröstet und ausrichtet. Jede Gabe ist Werkzeug an der Baustelle Gottes, nicht Spielzeug für unsere religiöse Befindlichkeit. Das befreit: Wir müssen uns nicht an unserer Besonderheit festhalten, sondern dürfen uns von Christus als Baumeister gebrauchen lassen. Wer so denkt, fragt innerlich anders: Nicht mehr „Was bringt mir diese Gabe?“, sondern „Wie kann das, was mir anvertraut ist, der Gemeinde dienen?“ In dieser Verschiebung vom Ich zum Wir liegt eine stille Freude. Denn dort, wo der Leib Christi aufgebaut wird, wird Christus selbst reich erfahrbar – und darin findet auch das Einzelglied seinen tiefsten Platz und seine nachhaltigste Erfüllung.

So auch ihr: Da ihr eifrig nach Geistern strebt, so sucht, dass ihr für den Aufbau der Gemeinde vortrefflich seid. (1.Kor 14:12)

Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat. (Eph. 5:25)

Wenn Gaben im Licht des Leibes gesehen werden, verlieren sie den Charakter geistlicher Statussymbole und werden zu Diensten der Liebe. Wer sich an diesem Maßstab orientiert, entdeckt, dass selbst unscheinbare Beiträge in Gottes Bauplan Gewicht haben. Das nimmt Druck von der Suche nach „großen“ Gaben und öffnet ein weites Feld treuer, gemeinschaftlicher Hingabe: Christus gewinnt Gestalt in einer konkreten Gemeinde – und gerade darin werden auch einzelne Herzen geheilt, geordnet und vertieft.

Die Überlegenheit des prophetischen Redens

Wenn Paulus prophetisches Reden und Zungenrede nebeneinanderstellt, geht es ihm nicht um eine hierarchische Rangliste der spektakulären Erfahrungen, sondern um die Frage: Was dient dem Aufbau? Zungenrede, dort, wo sie echt ist, hat ihren Platz; sie kann die einzelne Person innerlich stärken und ihr helfen, sich vor Gott auszusprechen. Doch bleibt sie, ohne Auslegung, für andere verschlossen. Paulus beschreibt nüchtern: „Wer in einer Sprache redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht es“ (1.Kor 14:2). Prophetisches Reden dagegen ist auf Verständlichkeit und Gemeinschaft hin geöffnet. Es ist das klare, nüchterne, und zugleich vom Geist getragene Sprechen für Gott und das Hervorsprechen dessen, was Christus ist, was Er getan hat und was Er in der Gegenwart der Gemeinde tun will.

Wer aber weissagt, redet zu Menschen zum Aufbau, zur Ermahnung und zum Trost. Das Wort des Apostels in den Versen 2 bis 6 macht klar und eindeutig, dass das Reden in Sprachen weit weniger wichtig ist als das Weissagen. Er stellt die Gabe der Sprachen stark zurück und hebt die Gabe der Weissagung hervor, weil seine Hauptsorge die Gemeinde ist und nicht die einzelnen Gläubigen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft einundsechzig, S. 563)

So zeichnet Paulus das Profil der Prophetie: „Wer aber weissagt, spricht Aufbau und Ermutigung und Trost zu den Menschen“ (1.Kor 14:3). Hier geraten Inhalt und Wirkung in den Blick. Prophetisches Reden richtet auf, statt zu verwirren; es deckt auf, statt zu beschämen; es tröstet, ohne zu verharmlosen. In der Schrift ist Prophetie darum zuerst nicht Zukunftsvoraussage, sondern Gottes Rede in die konkrete Situation hinein. Dazu gehört mehr als eine Gabe des Augenblicks: Es setzt Leben voraus, gewachsene Gemeinschaft mit Christus, Einsicht in Sein Wort, ein Herz, das von der Liebe geformt wurde. Wenn Paulus sagt: „Aber in der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in einer Sprache“ (1.Kor 14:19), tritt diese Gewichtung klar zutage. Wenige verständliche, christuszentrierte Worte, die Herzen berühren und ordnen, sind für die Gemeinde kostbarer als beeindruckende, aber undurchdringliche Erscheinungen. Dort, wo prophetisches Reden Raum gewinnt, wächst eine Atmosphäre, in der Suchende überwunden, Gläubige gefestigt und alle gemeinsam in die Gegenwart Gottes hineingenommen werden – und die Gemeinde erfährt: Gott ist wirklich unter uns.

Dass Prophetie so hoch geschätzt wird, macht sie nicht zu einem exklusiven Feld einiger weniger. Der Geist Gottes teilt aus, wie Er will, und Er tut es im Blick auf die Gemeinde. Paulus verbindet darum das Streben nach den Gaben mit einem anderen Vorrang: „Strebt nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen (Gaben), besonders aber, dass ihr weissagt“ (1.Kor 14:1). Liebe ist der Weg, Prophetie die Form, in der sich diese Liebe in Worten gestaltet. Wo Liebe die innere Haltung prägt, wird prophetisches Reden nicht zum Mittel der Kontrolle oder zur Bühne für das eigene Ego, sondern zum Dienst am Leib. Ermutigend ist dabei, dass prophetisches Reden nicht erst dort beginnt, wo Außergewöhnliches geschieht. Es beginnt, wenn Christen in den Zusammenkünften Christus in Schlichtheit, Klarheit und Glauben bezeugen – Sein Wort auslegen, Seine Wege deuten, Sein Herz widerspiegeln. Solches Reden mag unscheinbar wirken, doch es hat Gewicht vor Gott. In dieser Perspektive wird jeder Glaubende eingeladen, im Wachstum im Leben und im Hören auf Christus zu reifen, damit durch sein Reden die Gemeinde gestärkt, korrigiert und getröstet wird. Auf diesem Weg wird Prophetie nicht zum seltenen Spezialphänomen, sondern zu einem tragenden Puls des Gemeindelebens.

In der Gemeinde, in der so gesprochen wird, entsteht eine besondere Dynamik. Paulus beschreibt, wie ein Ungläubiger oder Unkundiger, der in eine solche Zusammenkunft hineinkommt, „von allen überführt“ und „von allen erforscht“ wird, sodass „die Geheimnisse seines Herzens offenbar“ werden und er schließlich bekennt, „dass Gott wirklich unter euch ist“ (1.Kor 14:24–25). Prophetisches Reden macht die Gegenwart Gottes erfahrbar, nicht indem es den Raum mit Emotion erfüllt, sondern indem es das Herz an die Wahrheit bindet und Christus als die Kraft und Weisheit Gottes vor Augen stellt (vgl. 1.Kor 1:24). Gerade deshalb lohnt es sich, dieses Reden hochzuschätzen und innerlich zu suchen: nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Sehnsucht, dass Gott in der Mitte Seines Volkes sichtbar wird.

STREBT nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen (Gaben), besonders aber, daß ihr weissagt. (1.Kor 14:1)

wer aber weissagt, spricht Aufbau und Ermutigung und Trost zu den Menschen. (1.Kor 14:3)

Wo prophetisches Reden im Sinn des Neuen Testaments verstanden wird, verschiebt sich der Fokus von außergewöhnlichen Phänomenen hin zu einem gemeinsamen, klaren und christuszentrierten Sprechen. Das setzt frei, ehrlich und nüchtern die Bibel zu öffnen, Christus zu bezeugen und in Liebe zu deuten, was Er in einer Gemeinde tut. In dieser Praxis wachsen Glaubende in Reife und Mut, und die Gemeinde erlebt, wie durch verständliches, vom Geist getragenes Wort Gottes Gegenwart erfahrbar wird und ihr innerer Aufbau voranschreitet.

Geist und erneuerter Sinn im Dienst der Gemeinde

Die Frage, wie Geist und Verstand zusammenwirken, berührt einen empfindlichen Punkt geistlichen Lebens. In Korinth hatte sich eine Form von Spiritualität herausgebildet, in der der menschliche Sinn nahezu ausgeschaltet wurde. Ekstatische Rede und starke innere Bewegungen galten als Zeichen besonderer Geistwirkung. Paulus anerkennt durchaus, dass echtes Reden „im Geist“ kostbar ist: „Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist“ (1.Kor 14:14). Doch er fügt sofort hinzu, dass dabei sein „Verstand fruchtleer“ bleibt. An dieser Spannung setzt er an. Gott hat den Menschen nicht nur Geist gegeben, um Ihn zu berühren, sondern auch Verstand, um zu verstehen, zu prüfen und mitzuvollziehen. Deshalb fasst er zusammen: „Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist, aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist, aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand“ (1.Kor 14:15). Echtes geistliches Reden schließt den Sinn nicht aus, sondern nimmt ihn in den Dienst des Geistes.

Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand bleibt ohne Frucht. Dass unser Geist im Gebet gebraucht und geübt wird, ist gewiss gesund für unser geistliches Leben. Aber dass unser Verstand unfruchtbar und ungenutzt bleibt, ist völlig ungesund. Wir müssen unseren wiedergeborenen Geist zusammen mit unserem erneuerten Verstand im Gebet zum Herrn ausüben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft einundsechzig, S. 567)

Dieses Zusammenspiel wird noch klarer, wenn Paulus den inneren Zustand des Sinnes beschreibt. In Römer 8:6 heißt es: „Denn der auf das Fleisch gesetzte Verstand ist Tod, aber der auf den Geist gesetzte Verstand ist Leben und Friede.“ Es geht nicht darum, den Verstand aufzugeben, sondern darum, wohin er „gesetzt“ ist. Ein Verstand, der vom Fleisch regiert wird, bleibt kalt und trennt vom Leben Gottes. Ein Verstand, der auf den Geist ausgerichtet ist, wird selbst Träger von „Leben und Frieden“. In Epheser 4:23 spricht Paulus davon, „im Geist eures Verstandes erneuert“ zu werden. Der wiedergeborene Geist und der erneuerte Sinn gehören also untrennbar zusammen: Der Geist macht lebendig, der erneuerte Sinn versteht, ordnet, formuliert. Wo beides gemeinsam wirksam ist, entsteht Rede, die sowohl Gott berührt als auch Menschen erbaut.

Gerade für den Umgang mit Gaben ist diese Einheit entscheidend. Wenn jemand in einer Sprache betet oder redet, die niemand versteht, mag sein persönliches Erleben intensiv sein, doch die Versammlung bleibt außen vor. Paulus fragt deshalb: „Denn wenn du mit dem Geist preist, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst?“ (1.Kor 14:16). Wo der Verstand unbeteiligt bleibt, kann die Gemeinde nicht zustimmend antworten. Das führt in geistliche Vereinsamung mitten in der Versammlung. Wenn aber der Sinn vom Geist erfasst und erneuert wird, wird unser Reden verständlich, nachvollziehbar, prüfbar. Dann können andere das Gehörte innerlich bejahen, und es entsteht eine gemeinsame Resonanz. So wird das, was jemand in seinem Geist empfängt, nicht bei ihm stehen bleiben, sondern fließt durch klare Worte in den Leib hinein. Gaben werden zu Kanälen des Lebens, nicht zu privaten Erlebnissphären.

Diese Sicht schützt sowohl vor rationalistischer Trockenheit als auch vor unprüfbarer Ekstase. Wer nur den Verstand betont, läuft Gefahr, geistliche Wirklichkeit auf Begriffe zu reduzieren. Wer nur den Geist im Sinne eines gefühlten Inneren betont, riskiert, in Zustände zu geraten, die sich der Prüfung entziehen. Paulus führt die Gemeinde einen anderen Weg: ein Denken, das vom Geist geprägt ist, und ein geistliches Erleben, das sich in verständlichen Worten ausdrückt. So entsteht ein Reden, das zugleich tief und klar ist, warm und geordnet, innerlich bewegt und doch durchsichtig. Das ist besonders im Blick auf prophetisches Reden wichtig. Echte Prophetie ist nicht gedankenloses Ausströmen, sondern ein vom Geist erfülltes Sprechen, in dem der erneuerte Sinn das Empfangen ordnet, prüft und in Sprache fasst. Auf diese Weise bewahrt Gott die Gemeinde davor, von jeder starken Regung bewegt zu werden, und schenkt ihr zugleich eine lebendige, erfahrbare Gegenwart Seines Geistes.

Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer. Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist, aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist, aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand. (1.Kor 14:14-15)

Denn wenn du mit dem Geist preist, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst? (1.Kor 14:16)

Wo der wiedergeborene Geist und der erneuerte Sinn miteinander wirken, werden Gaben zu klaren, lebensspendenden Diensten am Leib. Das nimmt die Angst vor vermeintlich „ungeistlicher“ Verständlichkeit und bewahrt zugleich vor einem Erleben, das sich der Prüfung entzieht. In dieser Balance kann eine Gemeinde nüchtern und zugleich voller Leben mit den Gaben umgehen – und erleben, wie Gott ihr Reden gebraucht, um sie Schritt für Schritt aufzubauen.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du Dein Leben für die Gemeinde gegeben hast und dass Dein Ziel ein lebendiger, aufgebauter Leib ist. Reinige unser Herz von jeder selbstbezogenen Suche nach Gaben und schenke uns Deine Sicht für die Gemeinde. Fülle unser Inneres mit Deiner Liebe, damit unser Reden für Dich andere aufbaut, ermutigt und tröstet. Richte unseren Sinn auf unseren von Dir berührten Geist aus, damit wir verständlich, klar und zugleich in der Kraft Deines Geistes beten und sprechen. Lass unsere Zusammenkünfte Orte sein, an denen Menschen überführt werden, Deine Gegenwart erleben und bekennen, dass Du wirklich mitten unter uns bist. Stärke in uns die Sehnsucht, Werkzeuge in Deiner Hand zu sein für den Aufbau Deiner Gemeinde, bis Du wiederkommst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 61

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