Das Wort des Lebens
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Umgang mit den Gaben (4)

15 Min. Lesezeit

Geistliche Gaben faszinieren viele Christen: Wunder, Heilungen, Sprachenrede und Erkenntnis scheinen sichtbar zu zeigen, dass Gott wirkt. Und doch erlebt man immer wieder Gemeinden, in denen trotz vieler Aktivitäten Spannungen, Konkurrenz und Verletzungen vorherrschen. 1. Korinther 12–14 öffnet hier einen überraschenden Blick: Zwischen kraftvollen Gaben-Kapiteln stellt Gott ein ganzes Kapitel über die Liebe – nicht als sentimentale Zugabe, sondern als entscheidenden Maßstab dafür, ob Gaben wirklich zum Aufbau des Leibes Christi dienen.

Liebe – der hervorragende Weg im Umgang mit den Gaben

Wenn Paulus am Ende von 1. Korinther 12 schreibt: „Habt aber eifrig Verlangen nach den größeren Gaben. Und außerdem zeige ich euch den vortrefflichsten Weg“ (1.Kor 12:31), entsteht kein Gegensatz zwischen Gaben und Liebe. Er lenkt den Blick vielmehr vom „Was“ zum „Wie“. Die Gemeinde in Korinth kannte ein intensives Streben nach sichtbaren Wirkungen des Geistes, aber mitten in dieser Fülle von Gaben herrschten Parteiungen, Rivalität und Verletzungen. In diesen Kontext hinein stellt Paulus den „vortrefflichen Weg“: die Liebe als göttliche Art, mit allem Geistlichen umzugehen. Gaben benennen, was wir tun können; Liebe entscheidet, in welcher inneren Haltung es geschieht. Wo Gaben ohne Liebe ausgeübt werden, entsteht Geräusch statt Leben. So heißt es in 1. Korinther 13:1: „WENN ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel.“ Die Form ist eindrucksvoll, der Klang vielleicht beeindruckend – aber in Gottes Augen ist es leer.

Im letzten Vers von Kapitel zwölf, Vers 31, sagt Paulus: „Strebt aber eifrig nach den größeren Gnadengaben. Und ich zeige euch noch einen weit vortrefflicheren Weg.“ Dieser vortreffliche Weg ist die Liebe. Daher stellt Kapitel dreizehn diesen vortrefflichen Weg vor. In Kapitel zwölf betont Paulus das Reden, den Geist, den Leib und die Verwaltung Gottes. Nun haben wir in Kapitel dreizehn die Liebe als fünften Schwerpunkt. Das Reden führt uns in den Geist, der Geist bringt uns in den Leib, und der Leib bewahrt uns im Geist. Außerdem ist der Leib für die Verwaltung Gottes. Paulus’ fünfter Schwerpunkt, die Liebe, ist der Weg, die Gaben zu gebrauchen, der Weg, im Leib zu sein, und der Weg, für den Leib zu sein. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechzig, S. 552)

Die Liebe, von der Paulus spricht, ist nicht einfach Wärme im Umgangston oder eine weich gezeichnete Gefühlslage. Sie ist Ausdruck des göttlichen Lebens, das im Gläubigen wohnt. Johannes fasst dies bündig: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben“ (Johannes 1:12). Mit der Kindschaft Gottes ist ein neues Lebensprinzip in uns eingezogen. Dieses Leben drängt nicht zuerst nach beeindruckenden Fähigkeiten, sondern nach Übereinstimmung mit dem Herzen des Vaters. Deshalb fragt wahre geistliche Praxis nicht nur, ob eine Gabe „wirkt“, sondern ob durch ihr Wirken der Leib Christi aufgebaut wird, ob Geschwister ermutigt, gestärkt, innerlich genährt werden. Liebe wird damit zu einem stillen Prüfstein: Sie entlarvt geistliche Selbstdarstellung, sie demaskiert subtile Konkurrenz und schützt die Gemeinde vor Spaltung. Wo dieselbe Gabe einmal zur Bühne des eigenen Ichs und ein anderes Mal zur unscheinbaren, aber tiefen Stärkung der anderen wird, entscheidet die Liebe über den Unterschied.

Gerade weil Gott der Geber „aller Dinge“ und aller Gaben ist, bleibt er auch der Maßstab für ihren Gebrauch. Die Liebe hält die Gaben unter der Herrschaft dessen, der sie ausgeteilt hat. Sie ordnet unsere Begabungen in das größere Ganze des Leibes ein: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben“ (1.Kor 12:7). Nutzen bedeutet nicht in erster Linie sichtbaren Erfolg, sondern Teilnahme am Wachstum des Leibes – an einem Wachstum im Leben bis zur Reife. Wer in dieser Liebe dient, muss nicht ständig seine eigene Wirkung kontrollieren oder sich mit anderen vergleichen. Er darf sich als Teil eines Ganzen verstehen, in dem Gott alles in allen wirkt (vgl. 1.Kor 12:6). So verliert das Ringen um Rang und Eindruckskraft an Bedeutung, und aus demselben Dienst, der früher vielleicht unruhig oder selbstbetont war, wird ein stiller Strom, der andere erfrischt.

So führt der „vortreffliche Weg“ der Liebe in eine große Freiheit. Er befreit von der Last, mit geistlichen Gaben sich selbst beweisen zu müssen, und öffnet Raum dafür, dass Christus selbst im Leib Gestalt gewinnt. Wo die Liebe regiert, verlieren Fehlgriffe, Unausgewogenheiten und menschliche Schwächen ihre zerstörerische Kraft, weil sie nicht zum Anlass für Abwertung, sondern zu Gelegenheiten für Geduld und gegenseitiges Tragen werden. Diese Liebe schafft eine Atmosphäre, in der Gaben sich entfalten dürfen, ohne zu dominieren, und in der auch unscheinbare Dienste ihren vollen Wert behalten. Wer diesen Weg geht, lernt, in jeder Ausübung seiner Gabe auf das leise Echo zu achten: Trägt das, was hier geschieht, etwas von Gottes Herz für den anderen in sich? Wo diese innere Frage unser Handeln prägt, wird die Gemeinde zu einem Ort, an dem der Reichtum der Gaben nicht überfordert, sondern erbaut – und in dem schon heute etwas von der kommenden Herrlichkeit durchscheint, in der Liebe alles durchdringt.

Habt aber eifrig Verlangen nach den größeren Gaben. Und außerdem zeige ich euch den vortrefflichsten Weg. (1.Kor 12:31)

WENN ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel. (1.Kor 13:1)

Im Licht der Liebe beginnen geistliche Gaben, ihren eigentlichen Platz einzunehmen: nicht als Prüfstein für unsere Bedeutung, sondern als Ausdruck der Zuwendung Gottes zum Leib. Je mehr die Liebe zum verborgenen Motiv unseres Dienens wird, desto leichter lassen sich Vergleiche, Eifersucht und Selbstdarstellung loslassen. Dann wird das, was wir tun, auch in seiner Schwachheit tragfähig, weil es aus dem Leben kommt, das Gott selbst ist. So wird jeder kleine Dienst zu einem stillen Vorgeschmack auf das, was bleibt, wenn alle äußeren Wirkungen einmal verstummen: dass Gott durch seine Liebe alles erfüllt.

Die göttliche Qualität der Liebe

Die Beschreibung der Liebe in 1. Korinther 13 ist auf den ersten Blick vertraut und zugleich überfordernd. „Die Liebe ist langmütig. Die Liebe ist gütig, sie ist nicht eifersüchtig. Die Liebe prahlt nicht und ist nicht aufgeblasen“ (1.Kor 13:4). Wer diese Worte ernsthaft auf das eigene Herz bezieht, spürt schnell: Hier wird kein Höflichkeitsideal formuliert, das man mit etwas Anstrengung umsetzen könnte. Hier tritt uns eine Wirklichkeit gegenüber, die unser Maß sprengt. Genau darin liegt der Schlüssel: Diese Liebe ist nicht das gesteigerte Beste des Menschen, sondern der Ausdruck dessen, was Gott in sich selbst ist. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1.Joh. 4:16), heißt es. Wenn Paulus fünfzehn Eigenschaften dieser Liebe aufzählt, beschreibt er in anderer Sprache das gelebte Wesen Gottes, wie es in Christus sichtbar geworden ist.

In 13:4–7 gibt Paulus uns die Definition der Liebe. Diese Definition umfasst fünfzehn Tugenden der Liebe: langmütig sein, gütig sein, nicht eifersüchtig sein, nicht prahlen, nicht aufgeblasen sein, sich nicht unanständig benehmen, nicht das Ihre suchen, sich nicht erbittern lassen, das Böse nicht anrechnen, sich nicht über die Ungerechtigkeit freuen, sich mit der Wahrheit freuen, alle Dinge zudecken, alle Dinge glauben, alle Dinge hoffen und alle Dinge erdulden. In Vers 4 sagt Paulus: „Die Liebe ist langmütig, ist gütig.“ Liebe ist der Ausdruck des Lebens, das das Element Gottes ist. Daher ist Gott Liebe (1.Joh. 4:16). Gott als Leben wird in der Liebe ausgedrückt. Alle fünfzehn Tugenden der Liebe, die in den Versen 4 bis 7 aufgezählt werden, sind die göttlichen Tugenden des Lebens Gottes. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechzig, S. 556)

Die Liebe, von der hier die Rede ist, hat eine erstaunliche Bewegungsrichtung: Sie ist nicht damit beschäftigt, sich selbst zu schützen, sondern den anderen zu bewahren. Sie „sucht nicht die eigenen Dinge; sie lässt sich nicht reizen und rechnet das Böse nicht an“ (1.Kor 13:5). In ihr gibt es kein inneres Buchhalten der Kränkungen, kein heimliches Sammeln von Beweisen gegen den Bruder oder die Schwester. Besonders eindrücklich ist das Bild des Zudeckens: „sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles“ (1.Kor 13:7). Liebe deckt zu, ohne zu beschönigen; sie schützt den anderen vor der Kälte bloßstellender Worte und vor dem Druck öffentlicher Verurteilung. In Markus 2.wird erzählt, wie vier Männer das Dach eines Hauses abdecken, um ihren gelähmten Freund zu Jesus hinabzulassen: „Und da sie wegen der Volksmenge nicht zu ihm hinkommen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war; und als sie es aufgebrochen hatten, lassen sie das Bett hinab, auf dem der Gelähmte lag“ (Markus 2:4). Dort wird ein Dach geöffnet, damit Heilung geschehen kann; im Liebeleben ist es umgekehrt: Da wird das Dach über der Blöße des anderen geschlossen gehalten, damit er in Ruhe genesen kann.

Damit tritt ein Spannungsbogen zutage: Die Korinther waren reich an Gaben, aber arm an dieser Qualität der Liebe. Sie suchten das Außergewöhnliche, das Spektakuläre – und vernachlässigten das verborgene Werk, im Leben zu wachsen, bis Gottes eigene Art, mit Menschen umzugehen, in ihrem Charakter sichtbar wird. Langmut, Güte, eine nicht eifersüchtige Gesinnung, das Nichtpralen und Nichtaufgeblasen-Sein, der Verzicht auf das eigene Recht, die Bereitschaft, das Böse nicht anzurechnen – all dies sind keine Techniken der Konfliktbewältigung, sondern Frucht eines inneren Verwurzeltseins in Christus. Je mehr das Leben des Herrn in uns Gestalt gewinnt, desto natürlicher wird ein Umgang, der nicht vom Reflex der Selbstbehauptung, sondern von der Ruhe der Liebe geprägt ist.

Aus dieser Perspektive erscheint die Liebe zugleich ernüchternd und tröstlich. Ernüchternd, weil sie uns zeigt, wie wenig unsere besten Bemühungen dem Maß Gottes entsprechen. Tröstlich, weil sie nicht als Forderung von außen an uns herantritt, sondern als Verheißung dessen, was der Dreieine Gott in uns wirken will. Wo wir uns seinem Leben aussetzen, wird das, was uns unmöglich scheint, Schritt für Schritt zur Erfahrung: ein Herz, das langsamer verletzt ist und schneller verzeiht, Augen, die nicht zuerst das Versagen wahrnehmen, sondern das, was Gott im Verborgenen aufbaut. In dieser Liebe liegt eine große Freiheit: Wir müssen andere nicht mehr kontrollieren oder festlegen, sondern dürfen ihnen Raum lassen, in demselben Licht zu wachsen. So wird die Gemeinde zu einem Ort, an dem Gottes eigene Art, zu lieben, erkennbar wird – unscheinbar, aber klar, und für viele zur stillen Einladung, sich dieser Liebe neu anzuvertrauen.

Die Liebe ist langmütig. Die Liebe ist gütig, sie ist nicht eifersüchtig. Die Liebe prahlt nicht und ist nicht aufgeblasen; sie benimmt sich nicht unschicklich und sucht nicht die eigenen Dinge; sie lässt sich nicht reizen und rechnet das Böse nicht an; (1.Kor 13:4-5)

sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. (1.Kor 13:7)

Indem die in 1. Korinther 13 beschriebene Liebe als Ausdruck von Gottes eigenem Wesen verstanden wird, verliert sie ihren Charakter als abstrakter Maßstab und wird zur Einladung, im Leben des Herrn zu verwurzeln. Je stärker dieses Leben uns innerlich prägt, desto natürlicher wird ein Umgang, der zudeckt statt ausstellt, trägt statt rechnet, und der darin etwas von Gottes Herz für seine Menschen sichtbar werden lässt. In dieser schlichten, oft unspektakulären Liebe beginnt die Gemeinde, ein Vorgeschmack jener Welt zu werden, in der Gottes Liebe alles durchdringt.

Liebe bleibt – Gaben sind nur für eine begrenzte Zeit

Wenn Paulus in 1. Korinther 13 den Blick von der Beschreibung der Liebe auf ihr Verhältnis zu den Gaben lenkt, spannt er eine große Zeitperspektive auf. „Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden“ (1.Kor 13:8). Hier wird nicht der Wert der Gaben infrage gestellt; ihr Platz wird bestimmt. Prophetie, Erkenntnis, Sprachenrede – alles, was heute geistlich beeindruckt – ist Stückwerk und zeitlich begrenzt. „Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden“ (1.Kor 13:9–10). Gaben gehören in die Zeit des Noch-nicht-Vollendeten. Sie dienen dazu, den Leib auf dem Weg zu stärken, zu korrigieren, zu trösten. In dem Augenblick, in dem wir vor dem Angesicht des Herrn stehen und nichts Verdeckendes mehr zwischen ihm und uns steht, verlieren diese Hilfsmittel ihre Funktion.

In 13:8–13 spricht Paulus über das Übertreffen der Liebe. In Vers 8 sagt er: „Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.“ Dass die Liebe niemals vergeht, bedeutet, dass sie alles überdauert und ihren Platz für immer behauptet. Liebe versagt nie, sie verblasst nie und kommt nie zu einem Ende. Sie ist wie das ewige Leben Gottes. Alle Gaben, seien es Weissagungen oder Sprachen oder Erkenntnis, sind Mittel für Gottes Wirken; sie sind nicht das Leben, das Gott ausdrückt. Daher werden sie aufhören und weggetan werden. Sie sind alle dispensational. Nur das Leben, das die Liebe ausdrückt, ist ewig. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechzig, S. 557)

Im Gegensatz dazu verortet Paulus die Liebe im Bereich des Bleibenden. „Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; und die größte von diesen ist die Liebe“ (1.Kor 13:13). Glaube nimmt Gottes unsichtbare Wirklichkeit in der Gegenwart ernst; er ist, wie es heißt: „die Substanzverleihung von Dingen, auf die man hofft, das Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11:1). Hoffnung richtet sich auf die zukünftige Vollendung: „Denn auf Hoffnung hin sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung“ (Römer 8:24). Liebe schließlich ist die Form, in der Glaube und Hoffnung in der Gegenwart Gestalt annehmen: Sie genießt, was geglaubt wird, und lebt vorweg, was erhofft wird. Während Glaube und Hoffnung in ihrer jetzigen Gestalt an die Begrenztheit der Zeit gebunden sind, trägt die Liebe schon jetzt die Farbe der Ewigkeit. Sie gehört zum innersten Wesen des Dreieinen Gottes und wird darum auch dann noch unser Leben prägen, wenn kein Trostwort, keine Ermahnung, keine spektakuläre Gabe mehr nötig ist.

Diese Perspektive verändert die Wertung geistlicher Wirkungen. Vieles, was heute im Vordergrund steht, ist in Wahrheit nur vorläufiges Werkzeug. Es wird gebraucht, solange wir „mittels eines Spiegels, undeutlich“ sehen (1.Kor 13:12), und es tritt zurück, wenn wir „von Angesicht zu Angesicht“ erkennen. Was jedoch in Liebe getan wurde, behält seinen Wert, selbst wenn es niemand bemerkt oder erinnert. Ein Wort, das aus Liebe gesprochen wurde, ein Dienst, der in Liebe geleistet wurde, eine Last, die aus Liebe getragen wurde – all dies ist in der Sprache der Ewigkeit bedeutsamer als die spektakulärste Gabe, die ohne Liebe ausgeübt wurde. Darin liegt eine stille Umwertung: Nicht die Sichtbarkeit eines Dienstes entscheidet, sondern ob Gottes Liebe in ihm Raum gefunden hat.

Wer Gaben und Liebe im Licht der Ewigkeit betrachtet, wird daher nicht gleichgültig gegenüber den Gaben, sondern nüchtern. Gaben werden dann nicht mehr zum Maßstab geistlicher Reife erhoben, sondern als Instrumente geehrt, die dem Aufbauen dienen. Gleichzeitig wächst ein Verlangen nach dem, was bleibt. Wenn Paulus schreibt: „SEID niemand irgend etwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt“ (Römer 13:8), dann klingt in diesem Wort bereits die zukünftige Wirklichkeit an: eine Welt, in der das Gesetz Gottes nicht mehr als äußere Forderung, sondern als innere Freude gelebt wird. Jede Entscheidung, heute in der Liebe zu handeln, ist ein leiser Schritt in diese Richtung. So wird schon mitten im Stückwerk eine Spur der kommenden Herrlichkeit sichtbar – und das gewöhnliche, oft unscheinbare Liebeleben eines Gläubigen erhält eine Tiefe, die weit über das hinausreicht, was sich messen oder zählen lässt.

Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden. Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden. (1.Kor 13:8-10)

Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; und die größte von diesen ist die Liebe. (1.Kor 13:13)

Im Licht der Ewigkeit ordnen sich Gaben und Liebe neu. Was heute als groß gilt, zeigt sich als vorläufiges Werkzeug; was oft unscheinbar bleibt – das Lieben im Verborgenen –, erweist sich als bleibender Wert. Wenn diese Sicht das Herz durchdringt, wird der Dienst an der Gemeinde freier von Druck und Vergleich. Gaben dürfen treu eingesetzt werden, ohne dass sie die letzte Bedeutung tragen müssen, weil die eigentliche Würde unseres Tuns darin liegt, wieviel von Gottes Liebe darin enthalten ist. So wird der Alltag des Glaubens, mit all seinen kleinen Entscheidungen, zu einem Raum, in dem schon jetzt etwas von der kommenden Herrlichkeit aufscheint.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht nur Gaben, sondern Dich selbst als Leben und Liebe geschenkt hast. Du siehst, wie schnell wir uns von beeindruckenden Wirkungen beeindrucken lassen und doch an innerer Reife und echter Liebe zueinander Mangel haben. Stärke in uns den Glauben, der Deine unsichtbare Wirklichkeit ergreift, und die Hoffnung, die auf Deine kommende Herrlichkeit ausgerichtet ist. Lass Deine Liebe unser Denken, unser Reden und unseren Umgang miteinander durchdringen, damit durch uns kein Dach durch verletzende Worte aufgerissen, sondern viele Herzen bedeckt, getröstet und aufgebaut werden. Fülle Deine Gemeinde mit einer Liebe, die bleibt, wenn alle Gaben verstummen, und Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 60

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