Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit den Gaben (3)

12 Min. Lesezeit

Geistliche Gaben faszinieren viele Christen: Zeichen, Kraftwirkungen, besondere Fähigkeiten. Doch mitten in all dem stellt sich die Frage, ob Gott in erster Linie unsere Begabung oder etwas Tieferes im Blick hat. Anhand von 1. Korinther 12 wird deutlich, dass der Herr mit den Gaben vor allem eines verfolgt: den Aufbau eines geeinten Leibes, durch den Er Seine himmlische Verwaltung auf der Erde ausführen kann.

Gott temperiert den Leib durch Umwandlung und Mischung

Wenn Paulus schreibt, dass Gott den Leib „temperiert“, zeichnet er kein starres Organigramm, sondern ein lebendiges Mischen, Ausbalancieren und Anpassen der Glieder aneinander. In 1. Korinther 12 beschreibt er eine Bewegung Gottes hin zu den scheinbar unbeachteten Teilen: „Und die Glieder des Leibes, die wir für weniger ehrbar halten, diese kleiden wir mit reichlicherer Ehre … Gott aber hat den Leib so miteinander vermengt, dass Er dem Glied, das Mangel leidet, reichlichere Ehre gibt“ (1. Korinther 12:23–24). Gott selbst greift also in unsere Beziehungen, Empfindungen und Wertungen ein. Was wir klein schreiben, hebt Er hervor; was wir groß machen, relativiert Er. Temperieren heißt dann: Er mischt starke und schwache, sichtbare und verborgene Glieder, damit keiner sich selbst genügt und keiner sich für entbehrlich hält.

Gott aber hat den Leib zusammengefügt, indem Er dem geringeren Glied reichlichere Ehre gegeben hat. Das griechische Wort, das mit „zusammengefügt“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich „vermengt“, also gemischt, zusammengesetzt, angepasst. Gott hat alle verschiedenen Glieder Christi zu einem Leib vermengt. Dazu brauchen wir viel Umwandlung (Röm. 12:2), vom natürlichen Leben zum geistlichen, durch denselben Geist, für das praktische Leibesleben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundfünfzig, S. 544)

Dieses göttliche Mischen stößt auf unser natürliches Leben. Unsere Spontanreaktion ist oft: Wir suchen uns die Menschen, mit denen wir „harmonieren“, und meiden die, an denen sich unsere Kanten reiben. Gerade hier setzt die Umwandlung an. „Lasst euch nicht nach diesem Zeitalter formen, sondern lasst euch umwandeln durch die Erneuerung des Verstandes“ (Römer 12:2), heißt es. Wenn Gott uns in Beziehungen stellt, in denen unsere Eigenarten andere belasten, oder in denen wir uns an fremden Prägungen stoßen, macht Er nicht einen Fehler – Er arbeitet an unserem Inneren. Wir merken, wie stark noch unser natürliches Empfinden dominiert, wie sehr wir Menschen nach Nützlichkeit, Sympathie oder Ähnlichkeit einstufen. Der Geist nutzt diese Spannungen, um uns vom alten Maßstab zu lösen und unser Denken neu auf Christus auszurichten.

Auffällig ist, dass Gott gerade nicht die auffälligen Glieder besonders schmückt, sondern die unbeachteten. Damit korrigiert Er eine tiefe Schieflage in uns: Wir achten, was laut, schnell, wirksam ist; Er würdigt, was treu, verborgen und durchdrungen vom Geist ist. Wenn Paulus sagt: „damit keine Spaltung im Leib sei, sondern die Glieder dieselbe Sorge füreinander hätten“ (1. Korinther 12:25), zeigt er, wohin das Temperieren führt: zu einer gemeinsamen Sorge, die nicht fragt, wer wichtig ist, sondern wer Mangel leidet. Wo der Geist uns durch Umwandlung aus der Selbstbezogenheit herausführt, beginnen wir, die Verschiedenheit der Geschwister als Reichtum wahrzunehmen – nicht als Bedrohung. Das Mischen, das uns vorher anstrengend schien, wird zum Raum, in dem Christus Gestalt gewinnt.

So ist Gottes Temperieren kein kaltes Zurechtschneiden, sondern eine liebevolle, geduldige Arbeit an unserem Wesen. Mit jeder inneren Korrektur – wenn wir einen verborgenen Dienst entdecken, eine leise Stimme ernst nehmen, ein schwaches Glied nicht bemitleiden, sondern ehren – verschiebt sich unser innerer Mittelpunkt. Der Leib wird nicht dadurch eins, dass alle gleich werden, sondern dadurch, dass das Haupt, Christus, unser gemeinsamer Bezugspunkt wird. Wer sich von Gott in dieses Mischen hineinführen lässt, erfährt, wie alte Härte schmilzt, wie Wertungen sich ändern und wie aus bloßem Nebeneinander eine tiefe, geteilte Geschichte im Herrn wächst. In dieser Erfahrung liegt Trost und Ermutigung: Unser Platz, auch wenn er unscheinbar ist, ist Teil einer göttlichen Komposition, in der Gott selbst für Harmonie sorgt – und unsere Umwandlung ist der Weg, auf dem dieser Klang immer klarer wird.

Und die Glieder des Leibes, die wir für weniger ehrbar halten, diese kleiden wir mit reichlicherer Ehre; und unsere unschicklichen Glieder erhalten reichlichere Wohlanständigkeit, (1.Kor 12:23)

unsere wohlanständigen Glieder aber brauchen das nicht. Gott aber hat den Leib so miteinander vermengt, dass Er dem Glied, das Mangel leidet, reichlichere Ehre gibt, (1.Kor 12:24)

Wo du erlebst, dass andere dich reiben, dich überfordern oder deine gewohnten Maßstäbe infrage stellen, muss das nicht ein Zeichen von falschem Ort oder falscher Gemeinschaft sein; es kann gerade das Werkzeug sein, mit dem Gott dich temperiert, dein natürliches Leben lockert und dein Herz für die Ehre der verborgenen Glieder öffnet, sodass der Leib für dich nicht mehr ein abstraktes Bild, sondern ein erfahrener, geliebter Organismus wird.

Gaben sind für den Leib, nicht für das Individuum

Geistliche Gaben faszinieren, weil sie sichtbar machen, dass Gott handelt. Gerade deshalb ist die Gefahr groß, sie wie persönliches Eigentum zu betrachten: meine Gabe, mein Dienst, meine Wirkung. Paulus antwortet darauf, indem er das Thema Gaben untrennbar mit dem Leib verbindet. Er erinnert die Korinther daran, dass der entscheidende Vorgang nicht das Empfangen einer Gabe, sondern das Eingefügtwerden in den Leib ist: „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden … und sind alle mit einem Geist getränkt worden“ (1. Korinther 12:13). Das Bild ist eindrücklich: Wir werden nicht nur mit dem Geist übergossen, wir werden in den einen Leib hineingetaucht und sollen in demselben Geist trinken. Gabe ist hier nie losgelöst von Zugehörigkeit; sie ist Ausdruck einer organischen Einbindung.

In Vers 13 haben wir den Übergang vom Geist zum Leib: „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ In einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden. Viele Pfingstler reden jedoch nur davon, im Geist getauft zu sein. Aber Vers 13 sagt, dass wir in einem Geist zu einem Leib getauft worden sind, um einen Geist zu trinken. Es ist entscheidend zu erkennen, dass wir zu einem Leib getauft worden sind, um zu trinken. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundfünfzig, S. 546)

Woran zeigt sich, ob eine Gabe wirklich dem Leib dient? Paulus deutet mehrere Linien an, ohne ein Schema zu zeichnen. Da ist zunächst die Frage nach der Ausrichtung: Zielt das, was wir tun, auf Erbauung der Gemeinde oder primär auf Bestätigung der eigenen geistlichen Identität? In 1. Korinther 12:27 fasst er schlicht: „Ihr nun seid der Leib Christi und einzeln gesehen Glieder.“ Gliedersein geht der Funktion voraus. Wer innerlich weiß: Ich gehöre dem Leib, ich bin auf die Geschwister angewiesen, der wird seine Gabe nicht als Bühne, sondern als Verbindungskanal erleben. Solche Menschen können äußerlich unscheinbar sein, wenig begabt im herkömmlichen Sinn und doch von Gott reich gebrauchte Werkzeuge, weil sie lebendig mit Kopf und Herz im Leib verankert sind.

Ein zweites Kennzeichen ist die Frucht in den Beziehungen. Gaben, die sich vom Leib abkoppeln, bringen Unruhe, Vergleich, Parteigeist. Gaben, die in das Leben des Leibes eingebettet sind, fördern Sorge füreinander, gegenseitige Ergänzung und Freude am Erfolg des anderen. Wenn Paulus an anderer Stelle sagt: „Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apostelgeschichte 2:42), sehen wir die Spur: Lehre und Gaben stehen nicht isoliert im Raum, sondern sind in Gemeinschaft und gemeinsamen Weg mit Christus verankert. Wo unsere Gaben in einer solchen Atmosphäre „trinken“, gewinnen sie an Tiefe, werden korrigiert, gereinigt und erweitert.

So wird deutlich: Der Maßstab Gottes ist nicht die Spektakularität der Gaben, sondern ihr Beitrag zur Erbauung des Leibes. Eine einfache Hilfeleistung, eine treue Fürbitte, ein Wort der Ermutigung im Verborgenen kann vor Ihm mehr Gewicht haben als eine weithin sichtbare Begabung, die losgelöst vom Leib agiert. Wer lernt, seine Gabe als etwas Empfangendes zu sehen – eingebunden in das dauernde Trinken des einen Geistes und in die gemeinsamen Wege der Gemeinde –, darf damit rechnen, dass Gott selbst diese Gabe über die Jahre klärt, vertieft und vervielfacht. In dieser Sicht liegt Ruhe: Es geht nicht darum, etwas Besonderes vorzuweisen, sondern verfügbar zu sein, damit der Leib Christi wirklich aufgebaut wird.

Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden. (1.Kor 12:13)

Ihr nun seid der Leib Christi und einzeln gesehen Glieder. (1.Kor 12:27)

Wenn du deine Gabe nicht als individuelles Kapital, sondern als Ausdruck deiner Zugehörigkeit zum Leib siehst, wandelt sich der Blick: Statt dich an anderen zu messen, entdeckst du die Freude, dass der eine Geist euch alle tränkt, und du kannst gelassener, freier und liebevoller dienen, weil du weißt, dass der Wert deines Beitrags nicht in seiner Sichtbarkeit, sondern in seiner Bedeutung für das Leben des ganzen Leibes liegt.

Gott ordnet Gaben für Seine Verwaltung – der Weg ist Wachstum in Liebe

Wenn Paulus im weiteren Verlauf von 1. Korinther 12 auf die Ordnung der Gaben zu sprechen kommt, weitet sich der Blick von der persönlichen Erfahrung auf Gottes größere Verwaltung. „Und die einen hat Gott in der Gemeinde gesetzt erstens zu Aposteln, zweitens (andere) zu Propheten, drittens zu Lehrern, sodann (Wunder-)Kräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen, Arten von Sprachen“ (1. Korinther 12:28). Kein Mensch entwirft hier eine Rangliste nach Prestige; Gott selbst setzt, reiht ein und gewichtet. Dass Wort- und Aufbaugaben wie Apostel, Propheten und Lehrer zuerst genannt werden, zeigt, wie sehr Gott daran liegt, dass Sein Ratschluss durch das verkündigte und ausgelegte Wort getragen und die Gemeinden gesund aufgebaut werden. Die übrigen Gaben sind nicht zweitrangig, aber sie bewegen sich innerhalb dieser Linie Seiner Verwaltung.

In 12:28–31 spricht Paulus über die Gaben, die Gott in die Gemeinde gesetzt hat. Die Verse 3 bis 11 betonen den Geist, die Verse 12 bis 27 betonen den Leib, und die Verse 28 bis 31 betonen die Verwaltung. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundfünfzig, S. 549)

Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie solche Gaben entstehen. Paulus lässt keinen Raum für die Vorstellung, man könne sie durch Technik, Methode oder bloße Anstrengung erzeugen. Er setzt voraus, dass alles aus dem Leben kommt, das Gott bei der Wiedergeburt in uns gelegt hat, und dass dieses Leben wachsen muss. „Habt aber eifrig Verlangen nach den größeren Gaben. Und außerdem zeige ich euch den vortrefflichsten Weg“ (1. Korinther 12:31). Direkt danach entfaltet er das Hohelied der Liebe in 1. Korinther 13. Der „vortrefflichste Weg“ zu Gaben, die wirklich der göttlichen Verwaltung dienen, ist nicht Ehrgeiz, sondern Liebe: eine Liebe, die sich an Gottes Anliegen orientiert und die Geschwister im Blick hat. Wo diese Liebe wächst, werden auch unscheinbare Dienste – Hilfeleistungen, treue Diakonie, unspektakuläre Leitungsaufgaben – zu tragenden Pfeilern im Haus Gottes.

Wenn Paulus später sagt, dass die Weissagung der Gemeinde „Erbauung und Ermahnung und Tröstung“ bringt (1. Korinther 14:3), wird deutlich, was Gott mit „größeren Gaben“ meint: Gaben, die die Gemeinde aufbauen, schützen, ausrichten und trösten; Gaben, die Seine Verwaltung sichtbar machen, indem sie Menschen in Seine Gedanken hineinführen. Solche Gaben reifen im Alltag des Glaubens, in den Bewährungen, in denen Liebe zu Gott und zu den Geschwistern Tiefe gewinnt. Sie stehen nicht losgelöst über der Gemeinde, sondern werden im Hören auf das Wort, im gemeinsamen Ringen und im Teilen von Leid und Freude geformt. Wer so im Leben wächst, erlebt, wie Gott Gaben schenkt oder klärt, die genau in das hineinpassen, was Er mit der Gemeinde an einem Ort und darüber hinaus vorhat.

Darum ist der Weg zu wirklich nützlichen Gaben nie der direkte Griff nach einer Funktion, sondern der schlichte, manchmal unscheinbare Weg des Wachstums im Leben und der Liebe. Je mehr Christus unser Inneres prägt, je freier wir werden von der Suche nach eigener Bedeutung, desto mehr kann Gott uns in Seine Verwaltung hineinnehmen – sei es durch ein klares Wort, eine treue Aufgabe im Hintergrund oder eine Verantwortung, die von außen unscheinbar, in Seinen Augen aber entscheidend ist. In dieser Perspektive zerfällt die Unruhe, „zu kurz zu kommen“: Der Dreieine Gott kennt den Platz jedes Gliedes und weiß, welche Gaben es braucht, damit Sein Leib gebaut und Sein Ratschluss vorangetrieben wird.

Und die einen hat Gott in der Gemeinde gesetzt erstens zu Aposteln, zweitens (andere) zu Propheten, drittens zu Lehrern, sodann (Wunder-)Kräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen, Arten von Sprachen. (1.Kor 12:28)

Habt aber eifrig Verlangen nach den größeren Gaben. Und außerdem zeige ich euch den vortrefflichsten Weg. (1.Kor 12:31)

Wenn dein Herz weniger danach fragt, welche Gabe du besitzen könntest, und mehr danach, wie Gottes Wille in der Gemeinde Gestalt gewinnt und wie die Geschwister erbaut werden, öffnet sich der Raum, in dem Gott selbst dir Aufgaben und Gaben anvertrauen kann, die in Sein Verwaltungshandeln hineinreichen – oft leise, oft unscheinbar, aber getragen von der Liebe, die vor Ihm mehr wiegt als jede beeindruckende Fähigkeit.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht isoliert, sondern in Deinen einen Leib hineingestellt hast und jeden von uns in Deiner Weisheit temperst und formst. Du siehst unsere Stärke und unsere Schwäche, unsere Gaben und unsere Grenzen, und Du machst alles zu einem Ganzen, das Dir zur Verfügung steht. Stärke in uns die Liebe zu Deinem Leib, damit unsere Haltung und unsere Gaben wirklich dem Aufbau Deiner Gemeinde dienen. Lass Dein Leben in uns wachsen, damit Du durch einfache, verborgene und bekannte Dienste Deine himmlische Verwaltung auf der Erde vorantreiben kannst. Richte unseren Blick weg von uns selbst hin zu Deinem großen Ziel, alle Dinge in Dir unter ein Haupt zu bringen, und bewahre uns in der Einheit Deines Geistes, bis Du wiederkommst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 59

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