Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit den Gaben (2)

11 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich nach geistlichen Gaben und nach einem spürbaren Wirken des Heiligen Geistes, erleben aber gleichzeitig Trockenheit oder religiöse Überforderung. Hinter dieser Spannung steht oft eine verdeckte Frage: Sind Gaben etwas für einzelne „Begabte“ – oder hat Gott etwas Größeres, Gemeinsames im Blick? Paulus führt die Gemeinde in Korinth genau an diesem Punkt vom Blick auf außergewöhnliche Erfahrungen hin zu einer Sicht für den einen Leib Christi, in dem jede Gabe ihren Sinn bekommt.

Sprechen im Geist – wie Gaben überhaupt fließen

Bevor Paulus von Gliedern, Funktionen und sichtbaren Wirkungen spricht, bleibt er einen Moment bei etwas ganz Schlichtem stehen: beim Sprechen. In 1. Korinther 12 lenkt er den Blick nicht zuerst auf außergewöhnliche Phänomene, sondern auf die Tatsache, dass Christen Menschen sind, die mit einem lebendigen Gott reden. „Darum mache ich euch bekannt, dass niemand, der im Geist Gottes spricht, sagt: Jesus ist verflucht; und niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist“ (1.Kor 12:3). In diesem einen Satz verknüpft er dreierlei: das Sprechen, den Geist und die Person Jesu. Gaben sind für ihn nicht irgendeine neutrale Energie, sondern Ausdruck dessen, dass der Heilige Geist Menschen in ein Bekenntnis hineinführt, das den Herrn Jesus in den Mittelpunkt stellt. Wo der Name des Herrn aufrichtig angerufen wird, ist der Geist am Werk – oft viel tiefer, als wir selbst empfinden.

536 (2) Bibelverse: 1. Korinther 12:12–22 In 12:1–11 betont Paulus zwei Dinge: das Reden und den Geist. Ein Christ muss eine redende Person sein. Wenn wir in unserer Anbetung schweigen, dann werden wir stumme Anbeter. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundfünfzig, S. 536)

Dieses Sprechen ist wie ein Atemzug des Glaubens. So wie die Luft unseren physischen Leib nur durchdringen kann, wenn wir einatmen, so durchdringt der Geist unser Inneres, wenn wir den Herrn bekennen, ihn anrufen, ihn preisen und von ihm reden. Geistliche Gaben sind dann nicht in erster Linie seltene Spezialgeräte für einige wenige, sondern der lebendige Ausdruck dieses göttlichen Lebens, das in uns einzieht, wenn wir „Jesus ist Herr“ sagen und es meinen. Wer lernt, Jesus in seinen Worten in den Mittelpunkt zu stellen, erlebt, wie der Geist Freiheit gewinnt, Weisheit schenkt, Trost durchfließen lässt und anderen zum Aufbau dient. Das entlastet: Es geht nicht darum, sich selbst mit besonderer Begabung zu beweisen, sondern darum, im einfachen, auf Christus gerichteten Sprechen Raum zu geben für den, der die Gaben austeilt. In diesem Raum werden wir staunen, wie viel Gott durch unser unscheinbares Wort tun kann – für den Leib, nicht für unser religiöses Ansehen.

Die Verbindung von Sprechen und Geist lädt dazu ein, neu über unser inneres Klima nachzudenken. Ein Herz, das innerlich verstummt, verliert nicht nur die Freude, sondern auch den Fluss des Geistes. Ein Herz, das den Herrn immer wieder schlicht beim Namen nennt, bleibt offen für seine Wirkungen. Selbst unsichere, gebrochene Sätze, in denen der Name Jesu vorkommt, tragen mehr geistliches Gewicht, als ein perfekter Vortrag, in dem er fehlt. Wer so lebt, wird entdecken, dass der Geist gerade durch das Schwache und Unscheinbare Gnade austeilt. Das ermutigt, die eigene Stimme im Leib Christi nicht länger zu verschweigen, sondern dem Geist zuzutrauen, dass er aus unserem einfachen Bekenntnis ein Werkzeug seiner Gaben macht.

Darum mache ich euch bekannt, dass niemand, der im Geist Gottes spricht, sagt: Jesus ist verflucht; und niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist. (1.Kor 12:3)

Wenn Gaben an das Sprechen im Heiligen Geist gebunden sind, wird der Alltag mit dem Herrn zu dem Ort, an dem sie wachsen. Jeder leise Ruf „Herr Jesus“, jedes dankbare Wort, jede schlichte Zeugnisgabe öffnet dem Geist den Weg, sich zu offenbaren. So wird das eigene Reden weniger Bühne für das Selbst und mehr Atemzug des Leibes Christi: unscheinbar, aber lebenstragend.

Die Gaben sind für den Leib, nicht für das Ich

Paulus korrigiert die korinthische Begeisterung für das Spektakuläre, indem er ein ganz anderes Bild in den Vordergrund stellt: den Leib. „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus“ (1.Kor 12:12). Bemerkenswert ist, dass er nicht nur von „Christus“ spricht, sondern – wie der griechische Text andeutet – von „dem Christus“, dem korporativen Christus: Christus als Haupt und die Gemeinde als seine Glieder, untrennbar verbunden. In dieser Sichtweise sind Gaben nie isolierte Talente einzelner frommer Individuen; sie sind Ausdruck dessen, dass das Leben des einen Christus durch viele verschiedene Glieder strömt. Auge, Hand, Fuß und Ohr gehören je einem bestimmten Platz, aber dienen alle demselben Leib. Eine Fähigkeit, die nur dem eigenen Ansehen dient, widerspricht dem Wesen des Leibes so sehr, wie ein Auge, das nur für sich selbst sehen wollte.

537 Pfingstler. Sie mögen den Geist und die Gaben des Geistes suchen, ohne zu erkennen, dass die Gaben des Geistes völlig für den Leib sind. Die Gaben gehören den Gliedern, aber sie sind nicht für die Glieder. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundfünfzig, S. 537)

Darum kann Paulus sagen: „Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, ein jedes von ihnen, im Leib, so wie Er es wollte“ (1.Kor 12:18). In diesen Worten liegt eine stille Befreiung: Gaben sind nicht Ergebnis unseres Vergleichens, unseres Ehrgeizes oder unserer Selbstdefinition; sie stehen unter der Zuweisung Gottes. Er hat festgelegt, wie dein „Auge-Sein“, dein „Hand-Sein“, dein „Fuß-Sein“ dem Ganzen dient. Dass Gaben „den Gliedern gehören, aber nicht für die Glieder sind“, meint genau dies: Die Gabe ist dir wirklich anvertraut – du trägst Verantwortung dafür –, aber ihre Bestimmung liegt im Nutzen für den Leib. Wo das verstanden wird, verlieren Rivalität und Eifersucht ihren Boden. Es wird zu einer Freude, wenn andere getragen, getröstet, korrigiert oder ausgerüstet werden, selbst wenn dies durch Gaben geschieht, die stärker sind als die eigenen. Die Frage verschiebt sich: nicht mehr „Welche Gabe hebt mich hervor?“, sondern „Wie wird der Christus sichtbar, wenn alle Glieder ihren Platz gemäß Gottes Willen einnehmen?“

Diese Sicht des Leibes führt zu einer stillen Neusortierung im Inneren. Das eigene Profil verliert seine absolute Bedeutung; der Aufbau des Leibes gewinnt Gewicht. Manchmal bedeutet das, im Verborgenen zu dienen, ohne Applaus. Manchmal heißt es, eine sichtbare Aufgabe zu tragen, ohne sich mit ihr zu verwechseln. In beiden Fällen gilt: Die Gaben bleiben Gnadengaben – sie bleiben Geschenk. Wer sie so annimmt, wird bewahrt, sich an ihnen festzuklammern, und frei, sie loszulassen oder zu wechseln, wenn der Herr es führt. Darin liegt eine tiefe Entlastung und zugleich eine hohe Würde: Die persönliche Gabe ist Teil eines großen Ganzen, das der Dreieine Gott in Christus baut.

Der Weg in diese Leibswirklichkeit beginnt nicht bei der Gabe, sondern bei der Taufe in Christus hinein. „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Durch dieses Hineingenommenwerden in den Tod und das Leben Christi hat Gott uns aus einem alten Zentrum – dem Ich – herausgelöst und in ein neues Zentrum hineinversetzt – in den Leib, dessen Haupt Christus ist. Je tiefer diese Verschiebung ins Bewusstsein sinkt, desto mehr wird das eigene Gabenerleben zu einer Gelegenheit, Christus zu ehren und seine Gemeinde zu stärken. Das schenkt Gelassenheit gegenüber der eigenen Rolle und macht empfänglich für die Freude, wenn dieser Leib als Ganzes wächst.

Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus. (1.Kor 12:12)

Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, ein jedes von ihnen, im Leib, so wie Er es wollte. (1.Kor 12:18)

Wer Gaben als Eigentum des Leibes versteht, kann sie mit offenen Händen tragen. Vergleich und Konkurrenz verlieren an Kraft, wenn der Maßstab nicht mehr das eigene Profil, sondern der Aufbau des einen Leibes ist. In dieser Haltung erhält auch eine unscheinbare Aufgabe Gewicht: Sie wird Teil dessen, was Christus als Haupt durch alle Glieder hindurch wirkt.

Getauft und trinkend – im Fluss des Geistes für den Aufbau

Paulus fasst die Grundbewegung des christlichen Lebens in einem dichten Satz zusammen: „Denn wir alle sind auch in einem Geist in einen Leib hineingetauft worden, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden“ (1.Kor 12:13). Zwei Bilder stehen nebeneinander: Taufe und Trinken. Das eine bezeichnet einen Übergang, das andere eine dauernde Versorgung. Die Taufe in den einen Geist hinein zeigt, dass Gott Menschen aus ihrer alten Sphäre – Sünde, Tod, Trennung – herausnimmt und in die Wirklichkeit des Leibes Christi hineinbringt. Wer in Christus Jesus hineingetauft wurde, ist nicht mehr ein isoliertes religiöses Individuum, sondern Glied eines lebendigen Organismus, in dem Christus das Haupt und zugleich das innere Leben ist.

538 Offenbarung, indem Er sie vielen Gläubigen individuell austeilt. Dies ist genauso wie unser physischer Leib, der einer ist und viele Glieder hat. Im Griechischen ist Christus in Vers 12 „der Christus“ und bezieht Sich auf den korporativen Christus, der aus Christus Selbst als dem Haupt und der Gemeinde als Seinem Leib mit allen Gläubigen als seinen Gliedern besteht. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundfünfzig, S. 538)

Das Bild des Trinkens ergänzt dieses einmalige Geschehen um eine tägliche Dynamik: „uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden“. Der Geist ist nicht nur das Element, in das wir hineingestellt wurden; er ist auch der Strom, aus dem der Leib lebt. Hier klingt an, was am Ende der Schrift sichtbar wird: „Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße“ (Offb. 22:1). Der Geist fließt vom Thron Gottes und des Lammes, um die Gemeinde zu erfrischen, zu nähren und zu beleben. In diesem Strom werden Gaben nicht wie Werkzeuge aus einem Regal genommen, sondern wachsen organisch aus dem Leben heraus, das der Geist einströmen lässt. Das Trinken des Geistes bedeutet, innerlich an dieser Quelle zu bleiben, Christus immer neu zu empfangen und seine Gegenwart im Leib zu genießen.

Wenn Taufe und Trinken zusammenkommen, entsteht der Raum, in dem der Leib Christi aufgebaut wird. Die Taufe verankert uns objektiv in der neuen Realität: Wir gehören zu diesem Leib, unabhängig von Herkunft, Kultur oder sozialem Status. Das fortgesetzte Trinken macht diese Realität subjektiv erfahrbar: Der eine Geist wirkt in vielen Gliedern, ermutigt, korrigiert, tröstet, schenkt Erkenntnis, Glauben, Weisheit und praktische Liebe. So werden die in 1. Korinther 12 aufgezählten Gaben – Wort der Weisheit, Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen und vieles andere – zur Offenbarung dieses einen Geistes „zum Nutzen“ (1.Kor 12:7). Die Gemeinde ist dann nicht eine Bühne für Einzelne, sondern ein Strombett, in dem der Geist seinen Lauf nimmt.

Wer so im Fluss des Geistes lebt, nimmt die eigenen Begrenzungen anders wahr. Sie werden nicht länger als Defizit gegen andere verstanden, sondern als Teil eines größeren Ganzen, in dem der Herr überreich ausgleicht. Zeiten der Trockenheit, der Schwäche oder des Nicht-Wissens sind in diesem Licht nicht das Ende geistlicher Frucht, sondern Gelegenheiten, tiefer aus dem einen Geist zu trinken. Und umgekehrt sind Phasen starker Wirkung nicht Anlass zur Selbstverherrlichung, sondern Momente, in denen deutlich wird, wie reich dieser Strom ist. In dieser Haltung wird das Leben in der Gemeinde zu einem gemeinsamen Unterwegssein am Wasser des Lebens: manchmal still, manchmal kraftvoll, immer von Christus her und auf den Aufbau seines Leibes hin.

Denn wir alle sind auch in einem Geist in einen Leib hineingetauft worden, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden. (1.Kor 12:13)

Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße. (Offb. 22:1)

Die Verbindung von Hineingetauftsein in den Leib und fortwährendem Trinken des Geistes bewahrt davor, Gaben losgelöst von Christus zu suchen. Wer sich der objektiven Zugehörigkeit zum Leib bewusst bleibt und zugleich immer neu aus dem Geist lebt, findet einen nüchternen, aber freudigen Umgang mit seiner Gabe: verwurzelt im Kreuz, genährt vom Strom des Lebens, ausgerichtet auf den Aufbau der Gemeinde.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht als Einzelkämpfer gerettet hast, sondern als lebendige Glieder in Deinen einen Leib hineingetauft hast. Du siehst alle Trennung, allen geistlichen Durst und alle Unsicherheit im Blick auf die Gaben, und Du kennst den Wunsch, Dir von Herzen zu dienen. Lass uns neu erkennen, dass Dein Geist in uns wohnt und dass jede Gabe Ausdruck Deines Lebens in Deinem Leib ist. Bitte durchströme Dein Volk mit Deinem lebendigen Wasser, heile verletzte Beziehungen und nimm dem Vergleich und der Eifersucht die Macht. Stärke das Bewusstsein für Deinen Leib, damit Liebe, Demut und gegenseitige Wertschätzung wachsen und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Erfülle uns mit Freude an Dir, so dass unser Reden und unser ganzes Leben zu einem Segen für Deine Gemeinde werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 58

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp