Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit den Gaben (1)

13 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden geistliche Gaben vor allem mit außergewöhnlichen Erlebnissen oder besonderen Personen auf der Bühne. Paulus setzt sie jedoch in eine überraschende Reihenfolge: Nach dem Mahl des Herrn spricht er über den Leib und direkt danach über die Gaben. Dahinter steht eine durchgehende Linie: Gottes lebendige Verwaltung, die Christus als Haupt und die Gemeinde als Leib einschließt. Wer diese Linie erkennt, wird geistliche Gaben nicht mehr als frommes Zubehör sehen, sondern als Ausdruck des Lebens des dreieinen Gottes in allen Gliedern der Gemeinde.

Gottes Verwaltung, der Leib Christi und die Gaben

Wenn Paulus vom Mahl des Herrn zu den Gaben übergeht, vollzieht er keinen Themenwechsel, sondern führt einen Gedanken weiter: Gottes Weg, seine Verwaltung mitten in einer widersprüchlichen Welt durchzusetzen. Im Hintergrund steht die Ordnung, die er bereits mit der Frage nach der Kopfbedeckung berührt hat: Das Hauptsein Christi über allem. Darauf folgt das Mahl des Herrn, in dem derselbe Christus sich mit einem Leib verbindet, der ihn sichtbar machen und seinen Willen auf der Erde tun soll. Paulus sieht den Leib nicht als frommes Bild, sondern als Werkzeug der göttlichen Regierung. Darum heißt es: „es gibt Unterschiede in den Gaben, doch denselben Geist; und es gibt Unterschiede in den Diensten, doch denselben Herrn; und es gibt Unterschiede in den Kraftwirkungen, doch denselben Gott, der alles in allen wirkt“ (1.Kor 12:4‑6). Der Dreieine handelt gemeinsam: Der Geist stattet aus, der Herr ordnet die Dienste ein, Gott selbst ist die verborgene Kraft hinter allen Bewegungen des Leibes.

Um den Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen zu verstehen, müssen wir erkennen, dass sie mit Gottes Verwaltung zu tun haben. Die göttliche Verwaltung ist das Geheimnis der fünf Probleme, die in den letzten sechs Kapiteln des 1. Korintherbriefs behandelt werden. Wenn wir also sehen, dass sich dieser Abschnitt des Buches mit Dingen im Bereich der göttlichen Verwaltung befasst, haben wir den Schlüssel zum Verständnis dieser Kapitel. Das erste Thema, das in diesem Abschnitt behandelt wird, ist die Kopfbedeckung, die mit dem Hauptsein zu tun hat. Das Hauptsein ist der erste Punkt in Gottes Verwaltung. So wie die Kopfbedeckung mit dem Hauptsein zusammenhängt, so hängt das Abendmahl des Herrn mit dem Leib zusammen. Der Leib ist das Mittel, durch das Gott Seine Verwaltung ausführt. Ohne den Leib kann das Haupt auf der Erde nichts vollbringen zur Ausführung von Gottes Verwaltung. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 524)

Vor diesem Hintergrund erhält das Bild des Leibes eine besondere Schärfe. Wie im physischen Leib jede unscheinbare Sehne, jede kleine Drüse, jedes verborgene Organ eine unersetzliche Aufgabe hat, so ist auch jedes Glied im Leib Christi mit einer Gabe verbunden – nicht als Zierde, sondern als Befähigung für eine bestimmte Funktion. Paulus fasst das in einem kurzen Satz zusammen: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben“ (1.Kor 12:7). Nicht einigen wenigen Hervorgehobenen, sondern jedem; nicht zum privaten Erleben, sondern zum Nutzen – für das Wachstum im Leben und den Aufbau des Leibes. In dieser Sicht verliert das Werk einiger „Spezialisten“ sein Übergewicht. Das eigentliche Werk des Leibes besteht aus der Gesamtheit der Funktionen aller Glieder, die sich vom Haupt her in Bewegung setzen lassen. Wer seine Gabe in dieser Perspektive erkennt, entdeckt zugleich seinen Platz in Gottes großem Vorsatz. Auch wenn die eigene Funktion unscheinbar erscheint, trägt sie doch dazu bei, dass Christus als Haupt auf der Erde handeln kann. Darin liegt Ermutigung und Würde: Im Verborgenen mitzuwirken, dass Gottes Verwaltung durch den Leib voranschreitet.

Der Zusammenhang zwischen Haupt, Leib und Gaben ruft zu einer nüchternen und zugleich tröstlichen Sicht unseres Glaubenslebens. Es geht weniger darum, eine möglichst eindrucksvolle Gabe vorweisen zu können, als darum, in der Ordnung des Hauptes zu bleiben und dem Leib zu dienen. Wenn Paulus den Korinthern ihre Unordnung beim Mahl und den Umgang mit den Gaben vor Augen stellt, führt er sie damit zurück zu Gottes Verwaltung: Christus als Haupt anerkennen, den einen Leib achten, die eigene Gabe als Teil eines größeren Ganzen verstehen. So wird das Mahl des Herrn mehr als ein Ritual, die Gemeinde mehr als ein Treffpunkt, und unsere Gaben mehr als persönliche Begabungen. Alles wird hineingezogen in die Bewegung des Dreieinen, „von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und … durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1.Kor 8:6). Wer sich darin wiederfindet, darf wissen: Kein Dienst ist vergeblich, wenn er vom Haupt herkommt und dem Leib gilt.

Es gibt aber Unterschiede in den Gaben, doch denselben Geist; und es gibt Unterschiede in den Diensten, doch denselben Herrn; und es gibt Unterschiede in den Kraftwirkungen, doch denselben Gott, der alles in allen wirkt. (1.Kor 12:4-6)

Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben. (1.Kor 12:7)

Die Sicht auf Gottes Verwaltung bewahrt davor, Gaben entweder zu idealisieren oder zu geringschätzen. Sie lädt ein, die eigene Funktion als Teil eines lebendigen Leibes wahrzunehmen, in dem das Haupt Christus durch viele unterschiedliche Glieder handelt. In dieser Haltung wächst Vertrauen: Der Geist weiß, welche Gabe er uns anvertraut; der Herr weiß, wo er uns einordnet; Gott weiß, wie er durch alles wirkt. So kann selbst ein unscheinbarer Dienst zu einem stillen, aber realen Anteil an Gottes ewigem Vorsatz werden.

Das beherrschende Prinzip der Gaben: sprechend den Herrn bekennen

Paulus setzt bei den Gaben überraschend nicht mit einer Liste an, sondern mit der Frage, wer eigentlich spricht und was gesprochen wird. Er erinnert die Korinther daran, wie sie „zu den stummen Götzenbildern hingezogen, ja, fortgerissen“ wurden (1.Kor 12:2). Ein stummer Götze erzeugt stumme Anbeter. Wo Gott nicht redet, verstummt auch der Mensch im Innersten oder verliert sich in leeren Worten. Der lebendige Gott dagegen ist der sprechende Gott; sein Geist bricht das Schweigen, und seine Anbeter werden zu Menschen, die im Geist reden. Darum erklärt Paulus: „Darum mache ich euch bekannt, dass niemand, der im Geist Gottes spricht, sagt: Jesus ist verflucht; und niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist“ (1.Kor 12:3). Das Kennzeichen geistlicher Wirkungen liegt nicht zuerst in ihrer Form, sondern im Inhalt und Ursprung des Sprechens.

Kein Anbeter Gottes sollte schweigen; vielmehr sollten alle ihre Stimme gebrauchen, um den Herrn Jesus im Geist Gottes auszusprechen. Dies – den Herrn Jesus zu sprechen – ist die Hauptfunktion aller geistlichen Gaben. Das beherrschende Prinzip der Gaben ist, durch unseren Geist mit dem Geist zu sprechen, das heißt, etwas mit dem Geist in unserem Geist auszusprechen. Diese Art des Sprechens ist auf den Herrn Jesus ausgerichtet. Daher sollte das, was wir sprechen, auf Christus fokussiert sein. Christus sollte die Substanz, das Element, das Wesen, das Zentrum und der Umfang unseres Sprechens sein. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 526)

Das beherrschende Prinzip der Gaben lässt sich so fassen: Der Geist Gottes bewegt unseren menschlichen Geist zum Sprechen, und dieses Sprechen macht Jesus als Herrn groß. Wo im Namen einer Gabe Worte fallen, die Christus herabsetzen, relativieren oder an den Rand drängen, ist die Quelle bereits entlarvt. Wo aber ein Mensch von innen her den Ruf „Jesus ist Herr“ trägt – nicht als Formel, sondern als Herzensbekenntnis –, dort wirkt der Heilige Geist. In diesem Licht erscheinen alle Gaben als unterschiedliche Weisen, wie derselbe Christus ausgesprochen wird: in Weisheit, in Erkenntnis, in Ermutigung, in prophetischer Rede, in Liedern oder Gebeten. Das Entscheidendste ist nicht, ob eine Gabe spektakulär erscheint, sondern ob sie den Herrn Jesus klarer in die Mitte rückt und seine Herrschaft über unser Leben bekräftigt.

Wer so auf die Gaben blickt, wird ermutigt, seine Stimme nicht zu verschließen. Denn „was aber die geistlichen (Gaben) betrifft“, schreibt Paulus, „so will ich nicht, daß ihr ohne Kenntnis seid“ (1.Kor 12:1). Kenntnis über die Gaben führt nicht in passives Beobachten, sondern in ein einfaches Vertrauen: Der Geist gibt Worte zur rechten Zeit. Oft beginnt dieses Sprechen unscheinbar – im leisen „Herr Jesus“ im Alltag, in einem kurzen Wort der Ermutigung, im schlichten Gebet für andere. Doch während solche Worte ausgesprochen werden, nimmt der unsichtbare Gott Raum. So entsteht eine Gemeinde, in der nicht einzelne starke Persönlichkeiten dominieren, sondern in der viele Glieder in unterschiedlicher Weise denselben Herrn bekennen. Das macht Mut: Auch zögerliches, unscheinbares Reden, das aus dem Geist kommt und Christus ehrt, ist Teil des reichen Sprechens, durch das der Leib Christi lebendig wird.

WAS aber die geistlichen (Gaben) betrifft, Brüder, so will ich nicht, daß ihr ohne Kenntnis seid. Ihr wißt, daß ihr, als ihr zu den Heiden gehörtet, zu den stummen Götzenbildern hingezogen, ja, fortgerissen wurdet. Darum mache ich euch bekannt, dass niemand, der im Geist Gottes spricht, sagt: Jesus ist verflucht; und niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist. (1.Kor 12:1-3)

Das Grundprinzip der Gaben lenkt den Blick weg vom Außergewöhnlichen hin zum einfachen, vom Geist gewirkten Bekenntnis: Jesus ist Herr. Es hilft, Erfahrungen zu prüfen und zugleich Hemmungen vor dem eigenen Sprechen zu verlieren. Wer sich innerlich auf Christus ausrichtet und ihn im Vertrauen nennt, darf gewiss sein, dass der Heilige Geist dieses Reden trägt. So wächst ein sprechendes, Christus-zentriertes Gemeindeleben, das nicht durch Lautstärke, sondern durch die Klarheit des Bekenntnisses geprägt ist.

Vielfalt der Gaben – Wachstum im Leben statt Fixierung auf das Spektakuläre

Nachdem Paulus das Grundprinzip geistlicher Gaben geklärt hat, öffnet er den Blick für ihre Vielfalt. Er nennt eine Reihe von Gaben, die eher im Verborgenen wirken, und solche, die spektakulär erscheinen. „Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, einem anderen aber (Wunder-)Kräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber (verschiedene) Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen“ (1.Kor 12:8‑10). Die Aufzählung ist nicht vollständig, sondern exemplarisch. Sie zeigt, wie reich der Geist handelt und wie unterschiedlich die Formen sind, in denen Christus ausgesprochen wird.

Zum Nutzen bedeutet: für das Wachstum im Leben der Glieder des Leibes Christi und für den Aufbau des Leibes Christi. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 532)

Bemerkenswert ist, welche Gaben Paulus im weiteren Verlauf besonders hoch einschätzt. Er betont wiederholt, dass der Maßstab nicht das Staunen der Menschen, sondern der Aufbau des Leibes ist. Was „zum Nutzen“ gegeben wird, dient dem Wachstum im Leben der Glieder und der Stärkung der Gemeinde. Darum erhalten Gaben wie das Wort der Weisheit, das Wort der Erkenntnis, die Unterscheidung der Geister, Hilfsdienste und Leitungsaufgaben ein besonderes Gewicht. Sie setzen Reife voraus und fördern Reife. Spektakuläre Gaben wie außergewöhnlicher Glaube, Heilungen oder Wunder können durchaus echt und wertvoll sein, sie können aber – wie bei den Korinthern – auch in einem Zustand geringer geistlicher Reife auftreten. Paulus erinnert daran, dass selbst größte geistliche Leistungen ihren Wert verlieren, wenn sie vom Wachstum in der Liebe abgetrennt sind: „Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß und wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts“ (1.Kor 13:2).

Aus dieser Perspektive tritt die Jagd nach außergewöhnlichen Erlebnissen zurück. Wichtiger wird die Frage, ob die Gaben – unscheinbar oder auffällig – in ein Leben eingebettet sind, das in Christus verwurzelt und durch Liebe geprägt ist. „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will“ (1.Kor 12:11). Der Geist entscheidet, welche Gabe wann und wem anvertraut wird; der Herr ordnet die Dienste, Gott wirkt durch alle Operationen. Diese Sicht befreit von Vergleichen und von dem Druck, etwas Spektakuläres vorweisen zu müssen. Sie öffnet den Raum, in dem jede Gabe – auch die stille, übersehene – ihren Platz in Gottes Bauplan findet. So entsteht ein Gemeindeleben, in dem Wachstum im Leben und Aufbau des Leibes wichtiger sind als äußere Eindrücke, und in dem gerade die verborgenen Dienste eine tiefe Spur der Gnade hinterlassen.

Wer die Gaben so versteht, findet Ruhe und Ermutigung. Das Entscheidende ist nicht, ob das eigene Wirken auffällt, sondern ob es dem Wachstum anderer dient und Christus in der Gemeinde Gestalt gewinnt. Die Erinnerung daran, dass alles aus der Hand desselben Geistes kommt, nährt Vertrauen: Kein Dienst, der in Liebe geschieht, ist zu gering, um von Gott gebraucht zu werden. Und keine Gabe ist so glänzend, dass sie ohne Liebe und Reife vor ihm Bestand hätte. In dieser Spannung von Vielfalt und Einheit, von Sichtbarem und Verborgenem, lädt der Geist ein, die eigene Gabe nicht zu vergraben, sondern in der Spur des Kreuzes und in der Kraft der Auferstehung für den Aufbau des Leibes Christi einzusetzen.

Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, einem anderen aber (Wunder-)Kräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber (verschiedene) Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will. (1.Kor 12:8-11)

Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß und wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts. (1.Kor 13:2)

Die Vielfalt der Gaben weist über das eigene Empfinden hinaus auf das Ziel Gottes: Wachstum im Leben und Aufbau des Leibes. Wer sich an spektakulären Wirkungen orientiert, läuft Gefahr, das Eigentliche zu verfehlen. Wer hingegen auch unscheinbare Gaben schätzt und pflegt, arbeitet an der Tiefe der Gemeinde mit. So wird die Frage nach der eigenen Gabe nicht zur Quelle von Druck, sondern zu einem stillen Vertrauen: Der Geist gibt, was nötig ist, und Gott gebraucht es, um Christus in seiner Gemeinde sichtbar zu machen.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du als das lebendige Haupt Deinen Leib nicht ohne Gaben lässt, sondern jedes Glied mit einer besonderen Funktion versiehst. Richte unser Herz neu auf Dich aus, damit unser Reden von Deinem Geist durchdrungen ist und Dein Name in unserer Mitte geehrt wird. Stärke in uns die Wertschätzung für die Gaben, die den Leib wirklich aufbauen, und lass unser Wachstum im Leben wichtiger werden als jede äußere Wirkung. Fülle unsere persönlichen Begegnungen und die Zusammenkünfte der Gemeinde mit einem klaren, liebevollen Zeugnis von Dir, damit Deine Verwaltung durch einen lebendigen, sprechenden Leib sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 57

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