Umgang mit dem Abendmahl des Herrn (3)
Viele Christen gehen selbstverständlich zum Abendmahl, kennen die Worte auswendig und verknüpfen damit vor allem ein stilles Zurückdenken an Jesu Tod. Doch Paulus’ ernste Hinweise in 1.Kor 11 zeigen, dass beim Mahl des Herrn mehr auf dem Spiel steht als ein frommer Moment: Es geht um das, was als geistliche Folge aus unserem Essen und Trinken hervorgeht – bis hin zu Gottes Reich und zur Gestalt der Gemeinde.
Vom bloßen Erinnern zur bleibenden „Erinnerung an den Herrn“
Das kleine Wort „hin zu“ öffnet beim Abendmahl einen weiten Horizont. Wenn der Herr über das Brot sagt: „Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis“ (1.Kor 11:24), steht dahinter mehr als die Aufforderung, sich einmal im Gottesdienst an ihn zu erinnern. Gemeint ist eine Erinnerung, die als Frucht aus dem Mahl hervorgeht, eine innere Spur, die bleibt. Man kann an den Tisch des Herrn treten, ehrfürchtig an das Kreuz denken und doch nach der Feier innerlich wieder in den gewohnten Trott zurückfallen. Das „hin zu meinem Gedächtnis“ weist auf etwas anderes: Wir kommen, um zu essen und zu trinken – und gehen mit einem bleibenden inneren Blick auf Christus selbst wieder auseinander. Diese Erinnerung ist nicht zuerst ein gedankliches Protokoll seines Leidensweges, sondern das lebendige Bewusstsein seiner Person: des Menschensohnes, der gekommen ist, gelitten hat, gestorben und auferstanden ist, der jetzt zur Rechten Gottes ist und wiederkommen wird.
In dem Ausdruck „zu meinem Gedächtnis“ ist es besser, das griechische Wort, das mit „zu“ wiedergegeben wird, mit „hin zu“ zu übersetzen. Dann müsste es heißen: „hin zu meinem Gedächtnis“. Das Wort „hin zu“ schließt ein Ergebnis ein, während „zu“ einen Zweck angibt. Einen Zweck zu haben, ist nicht so gut, wie ein Ergebnis zu haben. Das Herrenmahl „zu“ dem Gedächtnis des Herrn zu haben, bedeutet, dass wir das Mahl mit dem Zweck haben, Seiner zu gedenken. Das Herrenmahl „hin zu“ dem Gedächtnis des Herrn zu haben, bedeutet hingegen, dass wir das Mahl mit dem Ergebnis haben, dass wir des Herrn gedenken. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 512)
So verstanden wird das Abendmahl zu einem Wendepunkt in der Woche. Wir empfangen nicht bloß Brot und Kelch, sondern wir nehmen Christus selbst in Anspruch, wir nähren uns an dem, der sagt: „und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (Johannes 11:26). Aus dieser Speisung entsteht eine Erinnerung, die trägt: Sie verändert, wie wir auf uns selbst schauen – als Menschen, die mit Christus gestorben und auferweckt sind –, wie wir die Gemeinde sehen – als seinen Leib – und wie wir die Welt wahrnehmen – als Schauplatz seiner noch verborgenen, aber wirksamen Herrschaft. Wenn die Feier verklungen ist, bleibt in uns ein inneres Echo: Christus wurde für mich gegeben, er ist jetzt lebendig bei mir, und meine Tage stehen unter seinem kommenden Wiedererscheinen. Diese stille, aber kraftvolle Erinnerung erfreut das Herz des Herrn, weil sie ihn nicht in einen liturgischen Augenblick einsperrt, sondern ihm Raum schafft in unseren Gewohnheiten, in unseren Beziehungen und in unseren Entscheidungen. So verwandelt sich das Mahl des Herrn vom abgeschlossenen Ritual in einen Ausgangspunkt: von hier aus geht ein Strom des Gedenkens, der unser ganzes Leben in den Ton des Dankes und der Hingabe taucht.
und als er gedankt hatte, es brach und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis. (1.Kor 11:24)
und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du das? (Joh. 11:26)
Wer das Abendmahl so empfängt, entdeckt, dass Gottesdienst und Alltag nicht mehr gegeneinander stehen, sondern ineinander greifen. Das stille Erinnern an Christus, das am Tisch des Herrn aufleuchtet, begleitet Herz und Denken durch die Woche und macht aus gewöhnlichen Tagen eine Kette von Gelegenheiten, in denen sein Name geehrt und seine Gegenwart erfahren werden kann.
Abendmahl, Reich Gottes und Gottes Verwaltung
Wenn der Herr beim letzten Mahl ankündigt: „Ich sage euch aber, ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, da ich es neu mit euch trinken werde in dem Reich meines Vaters“ (Matthäus 26:29), spannt er einen Bogen, der vom Kreuz bis zur Offenbarung des Reiches Gottes reicht. Das Abendmahl steht mitten in diesem Spannungsfeld. Es erinnert an das vollendete Werk seines ersten Kommens und weist gleichzeitig voraus auf die festliche Mahlgemeinschaft im kommenden Reich. Dazwischen liegt das Zeitalter der Gemeinde. Diese Zeit ist nicht leerer Wartebereich, sondern der Raum, in dem die Frucht seines Todes heranreift. Der Herr selbst deutet seinen Weg so: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12:24). Aus dem einen Weizenkorn Christus sind viele Körner geworden – viele, die an ihn glauben und sein Leben empfangen haben.
Paulus’ Wort in Kapitel elf steht in Beziehung zu dem, was der Herr in Matthäus 26:29 sagt: „Ich sage euch aber, ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, da ich es neu mit euch trinken werde in dem Reich meines Vaters.“ Dieses Wort steht im Matthäusevangelium, dem Evangelium, das sich mit dem Reich beschäftigt. Das Reich ist eine Sache der Verwaltung Gottes. Unser Essen des Herrenmahls muss in ein Gedächtnis münden, das eng mit der Verwaltung Gottes verbunden ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 514)
Paulus fasst diese Frucht zusammen, wenn er sagt: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot“ (1.Kor 10:17). Die Gemeinde ist das Ergebnis des Kreuzes, der Leib Christi aus vielen Gliedern, in dem Christus als Haupt wirkt. Wenn wir das Mahl des Herrn feiern, ist es darum nicht nur eine private Erinnerung, sondern eine öffentliche Verkündigung: „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1.Kor 11:26). Vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt wird sichtbar, dass sein Tod eine konkrete Gestalt hat: eine Gemeinschaft von Menschen, die unter seine Herrschaft gestellt ist. Hier berührt das Abendmahl die Verwaltung Gottes. Gottes Reich ist seine wirkende Herrschaft; seine Verwaltung geschieht dadurch, dass Christus als Haupt durch seinen Leib auf Erden handelt. Wo das Abendmahl in diesem Licht verstanden wird, wird es zu einem Zeichen: Wir gehören nicht uns selbst, wir stehen unter dem kommenden König, und unser gemeinsames Leben ist der Ort, an dem seine Ordnung, seine Gerechtigkeit und seine Gnade heute schon Gestalt annehmen dürfen. Diese Aussicht schreckt nicht, sondern tröstet und ermutigt: Der Weg der Gemeinde ist nicht zufällig, sondern eingebettet in Gottes große Reichsgeschichte, und jede Feier des Mahls knüpft uns neu an die Treue dessen, der wiederkommen und sein Reich vollenden wird.
Gerade im unscheinbaren Rahmen einer lokalen Feier des Abendmahls zeigt sich diese Verbindung von Erinnerung und Reich Gottes. Was nach außen klein und begrenzt wirkt – eine Schar, ein Tisch, ein Stück Brot, ein Kelch –, ist innerlich hineingestellt in die große Verwaltung des dreieinen Gottes. Hier erinnert der Geist uns daran, dass wir Bürger eines kommenden Reiches sind, dass unsere Entscheidungen und Prioritäten nicht durch den Rhythmus dieser Welt bestimmt werden, sondern durch den Willen des Vaters. Das Mahl des Herrn ruft diese Wahrheit wach: Zwischen dem „es ist vollbracht“ und dem „siehe, ich komme bald“ steht eine Gemeinde, die Christus verkörpert und dadurch für Gottes Königreich Raum schafft. Wer so an den Tisch tritt, findet mitten in einer wechselhaften Welt einen festen Bezugspunkt – die stille Gewissheit, dass Christus als Haupt regiert und dass er seine Gemeinde als Werkzeug seiner Verwaltung nicht aus der Hand lässt.
Ich sage euch aber, ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, da ich es neu mit euch trinken werde in dem Reich meines Vaters. (Mt. 26:29)
Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12:24)
Aus dieser Sicht wird das Abendmahl zu einer Quelle nüchterner Hoffnung: Es erinnert an das vollendete Werk am Kreuz und öffnet zugleich den Blick für das kommende Reich. Wer sich davon prägen lässt, lebt seinen Alltag bewusster unter der milden, aber verbindlichen Herrschaft Christi und erlebt selbst unscheinbare Situationen als Teil eines größeren Weges, auf dem Gott seine Verwaltung durch seinen Leib ausführt.
Den Leib Christi unterscheiden – das Mahl als Ausdruck der Gemeinde
Im Zentrum von Paulus’ ernsten Worten über das Abendmahl steht ein unscheinbarer Ausdruck: „den Leib unterscheiden“. Er schreibt: „Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch. Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet“ (1.Kor 11:28–29). In Korinth war die Situation angespannt: Spaltungen, Parteiungen, soziale Gräben und egoistische Mahlgewohnheiten zerrissen das Zeugnis der Gemeinde. Äußerlich kam man zusammen, innerlich lebte man aneinander vorbei. In einer solchen Atmosphäre konnte das Mahl des Herrn nicht mehr in seinem wahren Charakter gefeiert werden; Paulus sagt nüchtern: „Wenn ihr nun zusammenkommt, so ist es nicht (möglich), das Herrenmahl zu essen“ (1.Kor 11:20). Brot und Kelch waren zwar da, aber der Leib, den sie ausdrücken, wurde missachtet.
Weil die Beziehung zwischen dem Herrenmahl und der Verwaltung Gottes eine sehr ernste Sache ist, fordert Paulus die Korinther auf, sich selbst zu prüfen und den Leib zu unterscheiden (V. 28–29). Wenn wir uns nicht prüfen und den Leib nicht unterscheiden, können wir das Herrenmahl essen, ohne dass als Ergebnis das Gedächtnis des Herrn da ist. Wir müssen uns selbst prüfen, ob unser Stand richtig ist, und wir müssen auch den Leib unterscheiden. Dann wird unser Essen des Herrenmahls in einer vollen Befriedigung für den Herrn und in der Ausführung der Verwaltung Gottes resultieren. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 515)
Der Leib Christi ist mehr als ein Bild für Gemeinschaft; er ist die Realität, in der Christus als Haupt seine Herrschaft ausübt. Die Schrift sagt über ihn, dass Gott „ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben hat, die sein Leib ist“ (Epheser 1:22–23). Christus setzt die Verwaltung Gottes nicht isoliert aus dem Himmel durch, sondern durch seinen Leib auf der Erde. Wo sich Menschen vom Leib absondern, Spaltungen pflegen oder die Gemeinde gering achten, wird diese Verbindung geschwächt. In diesem Licht gewinnt das Prüfen und Unterscheiden eine neue Tiefe. Es geht nicht darum, ob man sich subjektiv würdig genug fühlt, sondern darum, ob man bereit ist, sich von Christus immer wieder in die konkrete Gemeinschaft mit den anderen Gliedern stellen zu lassen – mit ihren Schwächen, mit ihrer Verschiedenheit, aber auch mit der ihnen geschenkten Gnade.
Wenn beim Abendmahl der eine Laib vor uns liegt, erinnert uns das daran, dass wir zusammengehören, bevor wir handeln, planen oder urteilen. „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen“ (1.Kor 10:17) – dieses Wort führt vom Ich zum Wir, vom Einzelnen zur Gemeinde. Wer den Leib unterscheidet, sieht im Bruder und in der Schwester nicht zuerst den Andersdenkenden oder den Mühsamen, sondern ein Glied desselben Leibes, das vom selben Blut Christi erkauft ist. Daraus wächst eine Haltung der Achtung, der Zurückhaltung im Urteil und der Bereitschaft, die eigene Position zugunsten der Einheit zu relativieren. In einer solchen Atmosphäre gewinnt das Mahl des Herrn an Tiefe: Christi Tod wird nicht nur im Wort verkündigt, sondern findet konkrete Frucht in einem gemeinsamen Leben, das seine Liebe widerspiegelt.
Gerade die ernsten Folgen, von denen Paulus spricht – Schwachheit, Krankheit, sogar Tod (vgl. 1.Kor 11:30–32) – zeigen, wie sehr der Herr seine Gemeinde und ihren Leib ernst nimmt. Es geht nicht darum, Angst zu schüren, sondern um ein heilsames Ehrfurchtsbewusstsein: Der Tisch des Herrn ist kein beliebiger Treffpunkt, sondern der Ort, an dem Christus seine Gemeinde sammelt, reinigt und ordnet. Wer das erkennt, wird das Abendmahl nicht in gedrückter Schwere, aber in wacher Verantwortung empfangen. Es wird zu einem immer wiederkehrenden Ruf, sich neu in die Gemeinschaft des Leibes hineinnehmen zu lassen und Gottes Verwaltung nicht im Alleingang, sondern im Miteinander der Glieder zu bejahen. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Niemand muss in eigenwilliger Religiosität für sich allein stehen. Der Herr stellt uns an seinen Tisch, damit wir als Teil seines Leibes leben, getragen von der Gnade, korrigiert durch sein Licht und eingebunden in einen Weg, auf dem seine Herrschaft in der Gemeinde sichtbar werden kann.
Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch. Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet. (1.Kor 11:28-29)
Wenn ihr nun zusammenkommt, so ist es nicht (möglich), das Herrenmahl zu essen. (1.Kor 11:20)
Wo der Leib Christi im Blick bleibt, wird das Abendmahl zu einem Ort der versöhnten Gemeinschaft und der leisen Korrektur. Das gemeinsame Stehen vor dem einen Brot erinnert daran, dass jeder seine Geschichte, seine Prägungen, seine blinden Flecken mitbringt – und doch alle von demselben Herrn genährt werden. In dieser Perspektive verlieren Spaltungen an Anziehungskraft, und die Sehnsucht wächst, dass Christus in seiner Gemeinde mehr Raum gewinnt als unsere Eigeninteressen.
Herr Jesus Christus, du hast dein Leben hingegeben, um eine Gemeinde zu gewinnen, die zwischen deinem ersten Kommen und deinem Wiederkommen als dein Leib auf der Erde lebt. Vertiefe in unseren Herzen die wahre Erinnerung an dich, damit unser Teilnehmen am Brot und am Kelch nicht oberflächlich bleibt, sondern in ein Leben hineinführt, das von deiner Gegenwart, deiner Liebe und deinem Wort getragen ist. Stärke in uns das Bewusstsein, dass wir als Erlöste für das Reich Gottes und den Leib Christi da sind, und heile alles, was die Einheit deiner Gemeinde verletzt. Lass unsere Versammlungen an deinem Tisch zu einem echten Trost für dein Herz werden, indem durch uns deine Verwaltung und dein Reich Gestalt gewinnen. In deiner Gnade bewahre uns in der Hoffnung auf dein Wiederkommen und erfülle uns mit Freude darüber, dass du dein Werk vollenden wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 56