Umgang mit dem Abendmahl des Herrn (2)
Kaum ein Thema berührt das Herz einer Gemeinde so unmittelbar wie das gemeinsame Mahl am Tisch des Herrn. Gerade dort, wo Christus in Brot und Kelch in den Mittelpunkt gestellt werden soll, können Selbstsucht, Unordnung und Spaltungen sichtbar werden. 1. Korinther 11 zeigt, wie ernst der Herr sein Mahl nimmt: Es ist ihm nicht gleichgültig, in welchem Zustand wir zusammenkommen, wie wir einander behandeln und was wir geistlich dabei sehen. Wer versteht, was das Abendmahl eigentlich ist, entdeckt darin nicht nur eine heilige Erinnerung, sondern auch eine starke Verkündigung des Kreuzes und eine praktische Bewahrung im Rahmen von Gottes liebevoller Zucht.
Das Abendmahl: Erinnerung und Verkündigung des Todes des Herrn
Wenn der Herr in der Nacht seines Verrats Brot nimmt, dankt, es bricht und sagt: „Dies ist mein Leib, der für euch ist“ (1.Kor 11:24), geschieht mehr, als dass er ein Erinnerungszeichen einsetzt. Er legt seine Person und sein ganzes Erlösungswerk in diese einfache Handlung hinein. Das Brot, das wir in unseren Händen halten, weist auf ihn als das Brot des Lebens hin, von dem er selbst sagt: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, den wird auf keinen Fall hungern“ (Johannes 6:35). Indem wir essen, bekennen wir: Sein für uns hingegebener Leib ist unsere Nahrung, seine Hingabe am Kreuz ist nicht nur ein vergangenes Geschehen, sondern der gegenwärtige Quell unseres Lebens. Das Essen ist kein äußerlicher Ritus, sondern ein inneres Teilhaben an dem, was sein Leib für uns bedeutet: der für uns gebrochene Weg, durch den wir zu Gott hindurchgeführt wurden.
Das Brot ist das Brot des Lebens (Joh. 6:35), und der Kelch ist der Kelch des Segens (1.Korinther 10:16). Dieser Kelch ist der neue Bund, der alle reichen Segnungen des Neuen Testaments umfasst, einschließlich Gott Selbst. Dieser Bund wurde durch das Blut des Herrn in Kraft gesetzt, das Er am Kreuz für unsere Erlösung vergoss (Mt. 26:28). Das eigentliche Gedächtnis des Herrn besteht darin, das Brot zu essen und den Kelch zu trinken (Vers 26), das heißt, an dem Herrn teilzuhaben und den Herrn zu genießen, der Sich Selbst durch Seinen erlösenden Tod uns gegeben hat. Das Brot zu essen und den Kelch zu trinken bedeutet, den erlösenden Herrn als unseren Anteil, als unser Leben und unseren Segen in uns aufzunehmen. Das ist es, Ihn in wirklicher Weise zu gedenken. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 507)
Ebenso fasst der Kelch die Tiefe seines Todes in eine konkrete Gabe. Er ist „der neue Bund, begründet in Meinem Blut“ (Lukas 22:20). In diesem Kelch bündelt Gott den ganzen Reichtum des Neuen Testaments: Vergebung der Sünden, Zugang zu Gott, die Gabe des Geistes, die Hoffnung der Herrlichkeit. Wenn wir den Kelch an die Lippen führen, nehmen wir nicht nur ein Zeichen zu uns, sondern bejahen, dass dieses Blut „für viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird“ (Matthäus 26:28) – auch für uns, hier und jetzt. So wird das Trinken zu einem stillen, aber kraftvollen Amen zu Gottes Bundestreue: Er hat sich in Christus an uns gebunden, und wir antworten, indem wir seine Zusage in uns aufnehmen.
Darum ist das Abendmahl Erinnerung in einem lebendigen Sinn. Paulus sagt: „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt“ (1.Kor 11:26). Wir führen den Tod Christi vor Augen, nicht als fernes Ereignis, sondern als die große Wende in der Geschichte Gottes mit der Welt und in unserer eigenen Geschichte. Vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt wird sichtbar: Hier leben Menschen aus einem Tod, der Leben bringt; hier gründet sich alles auf ein Blut, das Versöhnung schafft. Im Essen und Trinken predigt die Gemeinde, oft ohne Worte: Unser Grund ist nicht unsere Frömmigkeit, sondern sein Kreuz.
Wer so versteht, was im Abendmahl geschieht, kommt anders an den Tisch des Herrn. Die Elemente bleiben äußerlich Brot und Wein, aber innerlich werden sie für uns zur Begegnung mit dem erlösenden Herrn, der sich selbst als unser Anteil gibt. In der Stille zwischen Brotbrechen und Kelchgemeinschaft kann sich das Herz neu ausrichten: weg von den eigenen Leistungen hin zu der einen Tat, die alles trägt. Jede Feier wird dann zu einer Einladung, den Herrn nicht nur zu erinnern, sondern ihn wirklich zu genießen – als Brot, das unseren Hunger stillt, und als Kelch, der uns in den Raum des neuen Bundes hineinzieht. Aus dieser stillen, aber tiefen Gemeinschaft wächst eine leise, doch beständige Zuversicht: Der, dessen Tod wir verkünden, kommt wieder; und bis dahin nährt er uns an seinem Tisch.
und als er gedankt hatte, es brach und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis. (1.Kor 11:24)
Jesus sagte zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, den wird auf keinen Fall hungern; und wer in Mich hineinglaubt, der wird gewiss niemals Durst leiden. (Joh. 6:35)
In der Weise, wie wir essen und trinken, zeigt sich, ob der Tod des Herrn für uns ein bloßes Lehrstück oder die lebendige Mitte unseres Glaubens ist: Wo wir Brot und Kelch als unseren eigentlichen Anteil annehmen, wird das Abendmahl zu einem Ort, an dem seine hingebende Liebe unseren Blick klärt, unser Vertrauen erneuert und unsere Hoffnung auf sein Kommen still, aber tief stärkt.
Würdig teilnehmen: den Leib des Herrn und den Leib Christi unterscheiden
Wenn Paulus von einem „unwürdigen“ Essen und Trinken spricht, zielt er nicht auf ein Gefühl moralischer Minderwertigkeit, sondern auf eine Missachtung dessen, was Brot, Kelch und Gemeinde in Gottes Augen sind. In Korinth behandelten manche das Mahl des Herrn wie ein privates Fest: „Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist trunken“ (1.Kor 11:21). Wer so vorgeht, macht keinen Unterschied zwischen einfachem Essen und dem Brot, das den für uns hingegebenen Leib Christi bezeichnet. „Wer also unwürdig das Brot ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, wird des Leibes und Blutes des Herrn schuldig sein“ (1.Kor 11:27). Unwürdig ist die Teilnahme dort, wo die tiefe Bedeutung der Zeichen verflacht wird, wo man faktisch sagt: Es ist nur Brot, es ist nur ein Becher – und dabei übersieht, dass hier der Herr selbst uns seine Hingabe vor Augen stellt.
In Vers 27 sagt Paulus: „Wer daher das Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt in unwürdiger Weise, wird des Leibes und des Blutes des Herrn schuldig sein.“ In unwürdiger Weise zu essen oder zu trinken bedeutet, es zu versäumen, die Bedeutung des Brotes und des Kelches des Herrn zu würdigen, die Seinen für uns gebrochenen Leib und Sein für unsere Sünden vergossenes Blut bezeichnen, vergossen durch Seinen Tod für unsere Erlösung. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 508)
Doch Paulus denkt weiter. Wenn er wenige Verse später sagt: „Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet“ (1.Kor 11:29), klingt im Ausdruck „den Leib“ auch der Leib Christi an, die Gemeinde. Das Brot, an dem wir teilhaben, ist „die Gemeinschaft des Leibes Christi“ (1.Kor 10:16), und daraus folgt: „Da es ein Brot ist, sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1.Kor 10:17). Wer den Leib nicht unterscheidet, verfehlt sowohl den gebrochenen Leib des Herrn als Grundlage der Erlösung als auch den einen Leib Christi als Raum dieser Erlösung. Am Tisch des Herrn kann man die Geschwister nicht zugleich als Brüder und Schwestern bekennen und sie innerlich verachten, übersehen oder in menschliche Lager einteilen.
Würdig teilnehmen bedeutet daher, unter dem Licht des Kreuzes sowohl auf Christus als den Gekreuzigten als auch auf die Gemeinde als seinen Leib zu schauen. Das schließt die ernste Selbstprüfung ein, zu der Paulus einlädt: „Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch“ (1.Kor 11:28). In dieser Prüfung geht es nicht um ein krampfhaftes Suchen nach Fehlern, sondern um die Frage: Erkenne ich in diesen Zeichen den kostbaren Herrn? Und ehre ich in dieser Versammlung den einen Leib, von dem es heißt: „Ein Leib und ein Geist, so wie ihr auch in einer Hoffnung eurer Berufung berufen worden seid“ (Epheser 4:4)? Wo das Herz darin klar wird, verliert das Abendmahl seine Routine und gewinnt sein Gewicht zurück.
So wird die Teilnahme am Tisch des Herrn zu einem stillen Schulweg in die Einheit. Wer Brot und Kelch einnimmt, während er bewusst an Spaltungen, Parteiungen oder Überheblichkeit festhält, widerspricht mit seinem Herzen dem, was er mit seinen Händen tut. Umgekehrt geschieht etwas Heilendes, wo Menschen am selben Brot teilhaben, die vielleicht verletzt, befremdet oder voneinander distanziert waren, und wo in der Gegenwart des Gekreuzigten der Stolz niedergelegt wird. Die Erinnerung an den einen Leib des Herrn und den einen Leib Christi wirkt befreiend: Niemand muss sich selbst in den Mittelpunkt stellen, niemand bleibt ausgesperrt, der sich unter dieses Blut stellt. In dieser Atmosphäre kann das Abendmahl wieder das werden, wozu es gegeben ist: ein sichtbarer Ausdruck der Gnade, die uns mit Gott versöhnt und uns miteinander verbindet.
Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist trunken. (1.Kor 11:21)
Wer also unwürdig das Brot ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, wird des Leibes und Blutes des Herrn schuldig sein. (1.Kor 11:27)
Dort, wo unser Blick beim Abendmahl zugleich auf das Lamm Gottes und auf den einen Leib Christi gelenkt wird, wächst ein würdiger Umgang mit Brot und Kelch beinahe von selbst: Die Zeichen erinnern uns daran, wie kostbar wir erlöst wurden, und die Geschwister um uns herum erinnern uns daran, dass diese Erlösung uns untrennbar miteinander verbindet – so entsteht aus dem Gedenken eine stille Versöhnungsbereitschaft und eine neue Wertschätzung füreinander.
Göttliche Zucht: Schwachheit, Krankheit und Schlaf als ernste Warnung
In der Gemeinde von Korinth blieb der leichtfertige Umgang mit dem Abendmahl nicht folgenlos. Paulus schreibt nüchtern: „Deshalb sind viele unter euch schwach und krank, und ein gut Teil sind entschlafen“ (1.Kor 11:30). Er versteht diese Zustände nicht einfach als zufällige Krankheiten oder Todesfälle, sondern verbindet sie mit der Weise, wie die Gemeinde das Mahl des Herrn behandelte. Wer „den Leib nicht unterscheidet“ (1.Kor 11:29), stellt sich der Zucht des Herrn aus. Die Schwachheit, die Krankheit, ja sogar der frühzeitige Tod mancher Gläubiger sind für Paulus Ausdruck einer göttlichen Regierung in der Gemeinde. Wie im Alten Bund „an den meisten von ihnen aber … Gott kein Wohlgefallen“ hatte und „sie in der Wüste hingestreckt worden“ sind (1.Kor 10:5), so lässt Gott auch im Neuen Bund nicht einfach geschehen, dass sein Heiligtum verachtet und sein Mahl profaniert wird.
Einige Korinther wurden schwach, andere wurden krank, und einige starben sogar. Das zeigt, wie viel sie verloren haben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 505)
Dabei ist entscheidend, wie Paulus diese Zucht deutet: „Wenn wir uns aber selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber vom Herrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (1.Kor 11:31–32). Es geht hier nicht um die ewige Verdammnis, sondern um eine heilsame, wenn auch ernste Korrektur des Herrn an seinen eigenen Leuten. Gott nimmt die Weise, wie wir miteinander essen, warten, teilen und einander beachten, so ernst, dass er korrigierend eingreift, wenn wir uns dem entziehen. Wo Selbstprüfung stattfindet, wo Schuld bekannt und der Leib geachtet wird, braucht der Herr diese scharfen Mittel nicht. Wo aber das Herz hart bleibt und das Mahl des Herrn zum Schauplatz von Gleichgültigkeit, Egoismus und Parteiung wird, zeigt der Herr, dass sein Tisch nicht beliebig zu behandeln ist.
Diese Sicht der göttlichen Zucht wirft ein anderes Licht auf Schwachheit und Krise im Leben der Gemeinde. Nicht jede Krankheit ist eine direkte Folge eines falschen Umgangs mit dem Abendmahl, und nicht jedes Leid ist Zucht. Doch der Text erinnert daran, dass der Herr seine Gemeinde nicht sich selbst überlässt. Er ist zugleich Gastgeber und Herr des Tisches, und er wacht darüber, dass an seinem Tisch seine Heiligkeit und seine Gnade sichtbar bleiben. Wer diese Spannung wahrnimmt, wird das Abendmahl mit einer nüchternen Ehrfurcht feiern: Ohne Angst, aber auch ohne Lässigkeit; im Vertrauen auf seine Gnade, aber mit einem wachen Gewissen vor seinem Angesicht.
So kann das Abendmahl zu einem Ort werden, an dem die Gemeinde nicht nur die Tiefe der Vergebung, sondern auch die Ernsthaftigkeit der Nachfolge erfährt. Wo Schwachheit, innere Müdigkeit oder äußere Brüche sichtbar werden, darf im Licht dieses Textes gefragt werden, ob der Herr vielleicht liebevoll korrigiert, damit wir nicht „mit der Welt verurteilt werden“ (1.Kor 11:32). In dieser Perspektive wird jede Feier des Mahls auch zu einer Einladung, sich neu der heilsamen Regierung Gottes anzuvertrauen. Sein Ziel ist nicht, niederzuschlagen, sondern zu bewahren; nicht zu verwerfen, sondern zu reinigen. Wer das erkennt, kann selbst in der Zucht die Hand dessen sehen, der uns an seinem Tisch festhalten will – bis der Tag anbricht, an dem Schwachheit, Krankheit und Schlaf endgültig vergangen sind und das Mahl des Herrn in die Hochzeit des Lammes übergeht.
Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet. (1.Kor 11:29)
Deshalb sind viele unter euch schwach und krank, und ein gut Teil sind entschlafen. (1.Kor 11:30)
Wenn wir die Zucht des Herrn im Zusammenhang mit dem Abendmahl ernst nehmen, verliert dieses Mahl seine Selbstverständlichkeit und gewinnt zugleich an tröstlicher Tiefe: Wir erkennen, dass der Herr uns so wichtig nimmt, dass er unsere Wege korrigiert, damit wir bei ihm bleiben – und gerade diese wachende Liebe macht seinen Tisch zu einem Ort, an dem wir mit Ehrfurcht, aber auch mit großer Zuversicht Platz nehmen können.
Herr Jesus Christus, du hast deinen Leib für uns gegeben und dein Blut für uns vergossen, damit wir in den Reichtum des neuen Bundes hineingenommen werden. Danke, dass du uns an deinen Tisch rufst, um dich zu ehren, deinen Tod zu verkündigen und als ein Leib in deiner Gegenwart zu stehen. Kläre unser Herz, wo wir den Leib nicht recht unterscheiden, wo wir an Spaltungen festhalten oder das heilige Mahl wie etwas Gewöhnliches behandeln. Lass deine heilsame Zucht uns näher an dein Herz ziehen, uns zueinander führen und uns bewahren, damit unsere Zusammenkünfte dir Freude machen und dein Sieg am Kreuz sichtbar wird. Stärke in uns die Sehnsucht nach deinem Wiederkommen, während wir Brot essen und den Kelch trinken, und erfülle uns mit der Gewissheit, dass deine Gnade mächtiger ist als unsere Schwachheit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 55