Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit dem Abendmahl des Herrn (1)

11 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden das Abendmahl vor allem mit einer stillen, persönlichen Erinnerung an den Tod Jesu. Doch die neutestamentlichen Texte lassen erkennen, dass hier weit mehr geschieht: Es geht zugleich um unsere Freude am Herrn, um seine eigene Zufriedenheit und um Gottes gegenwärtige Verwaltung durch den Leib Christi. Wer diese Dimensionen übersieht, läuft Gefahr, äußerlich an einer Feier teilzunehmen und innerlich an ihrem eigentlichen Sinn vorbeizugehen.

Der Unterschied zwischen Tisch des Herrn und Abendmahl des Herrn

Wenn Paulus vom Tisch des Herrn spricht, hebt er den Reichtum des Herrn selbst hervor, den wir gemeinsam genießen. Der Tisch ist ein Ort der Gemeinschaft, an dem der erhöhte Christus seinen Leib nährt. Darum heißt es: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1.Kor 10:16). Hier liegt der Akzent auf Teilhabe und Austausch: Wir empfangen in der Gegenwart des Herrn die Kraft seines vergossenen Blutes und die Nahrung seines gegebenen Leibes. An seinem Tisch werden Wunden getröstet, Ermüdete gestärkt und Vereinzelte in eine lebendige Gemeinschaft hineingenommen. Der Herr dient uns, und wir kosten neu, dass sein Tod und seine Auferstehung eine bleibende Quelle praktischen Lebens für uns sind.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Tisch des Herrn und dem Abendmahl des Herrn. Wir sollten diese Begriffe nicht einfach als selbstverständlich hinnehmen, sondern uns fragen, warum Paulus in Kapitel zehn vom Tisch des Herrn und in Kapitel elf vom Abendmahl des Herrn spricht. Der Tisch des Herrn bezieht sich auf den Genuss des Herrn in der Gemeinschaft. Die Bedeutung des Tisches des Herrn ist also: Genuss zur Teilnahme, Genuss zur Gemeinschaft. Wenn wir sagen, dass wir an den Tisch des Herrn kommen, meinen wir, dass wir den Herrn in der Gemeinschaft mit Ihm genießen. Das ist zu unserem Genuss und zu unserer Befriedigung. Das Abendmahl des Herrn hingegen ist zu Seiner Befriedigung; es ist zum Gedächtnis an Ihn. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundfünfzig, S. 497)

Wenn Paulus dann vom Abendmahl des Herrn spricht, verschiebt sich die Blickrichtung. Jetzt steht nicht mehr unser Genuss im Vordergrund, sondern seine Freude. „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt“ (1.Kor 11:26). Im Abendmahl wenden wir uns gleichsam von uns selbst ab und sagen innerlich: Herr, heute geht es nicht zuerst darum, dass wir etwas empfangen, sondern dass du etwas bekommst. Wir erinnern dich an deinen Tod, wir bekennen vor sichtbarer und unsichtbarer Welt, dass dein Kreuz die Mitte der Geschichte ist, und wir stimmen uns auf das aus, was dich jetzt in der Herrlichkeit zufriedenstellt – dass Gottes Verwaltung durch deinen einen Leib auf der Erde ausgeführt wird. So wird die Mahlfeier zu einem stillen, aber gewichtigen Bekenntnis: In dieser Stadt, in dieser Zeit sollst du den Raum haben, dein Hauptsein über den Leib praktisch zu verwirklichen.

Wer den Unterschied zwischen Tisch und Abendmahl erkennt, wird beide Seiten nicht gegeneinander ausspielen. Der Herr will uns in der Gemeinschaft reichlich dienen, damit wir im Abendmahl umso freier von uns wegschauen und seinen Wunsch tragen können. Dort, wo wir seine Treue an uns genießen, wächst zugleich der Wunsch, ihm etwas zu erwidern: ein Herz, das ihn ehrt, eine Gemeinde, die seine Autorität nicht nur bekennt, sondern ihr tatsächlich Raum gibt. So wird unser Kommen nicht nur von persönlichem Trost geprägt sein, sondern von einer wachsenden inneren Ausrichtung: Herr, lass deinen Willen durch deinen Leib geschehen – und beginne mit uns.

Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? (1.Kor 10:16)

Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt. (1.Kor 11:26)

Das Abendmahl gewinnt an Tiefe, wenn der Tisch des Herrn und das Herrenmahl in unserem Inneren nicht verschwimmen. Wer zwischen persönlichem Genuss und bewusster Erinnerung unterscheidet, kann beides empfangen und geben: sich vom Herrn am Tisch nähren lassen und sich im Abendmahl in seine Freude hineinstellen. Mit dieser Haltung wird jede Feier zu einer stillen, aber kraftvollen Antwort auf seinen Ruf, ihm heute durch einen geeinten Leib Raum für Gottes Verwaltung zu geben.

Der Leib: physischer Leib Jesu und mystischer Leib Christi

Wenn das Brot gebrochen wird, führt der erste Blick immer zu dem Leib, den der Herr Jesus tatsächlich getragen hat. Er nahm in 1. Mose angekündigte Menschlichkeit an, wurde in Raum und Zeit geboren, wurde müde, hatte Hunger, litt Schmerzen – und genau dieser Leib wurde für uns gegeben. „Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis“ (1.Kor 11:24). In diesen wenigen Worten verdichtet sich das Evangelium: für euch. Sein physischer Leib ist die konkrete, geschichtliche Erfüllung von Gottes Liebe; er wurde geopfert, damit unsere Schuld wirklich getragen und unsere Versöhnung mit Gott rechtlich unerschütterlich wird. Wer das Brot nimmt, steht nicht vor einem religiösen Symbol, sondern vor dem Zeichen eines einmaligen, unwiederholbaren Opfers, in dem der Sohn Gottes sich vollständig hingegeben hat.

Im Neuen Testament bezeichnet der Leib den mystischen Leib Christi im Geist. Da Paulus in diesem Abschnitt jedoch über das Abendmahl des Herrn spricht, muss der Leib hier auch den Leib Jesu bezeichnen. In Vers 24 zitiert Paulus das Wort des Herrn Jesus: „Dies ist Mein Leib, der für euch ist; dies tut zu Meinem Gedächtnis.“ Bezieht sich dies auf Seinen physischen Leib oder auf den mystischen Leib? Die Worte „für euch“ machen deutlich, dass der Leib hier den physischen Leib des Herrn bezeichnet. Sein physischer Leib ist für uns, wohingegen der mystische Leib Christi für Ihn ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundfünfzig, S. 497)

Doch Paulus bleibt nicht bei diesem ersten Blick stehen. Wenn er später mahnt, beim Essen und Trinken den „Leib“ zu unterscheiden (1.Kor 11:29), öffnet sich eine zweite Ebene: der mystische Leib Christi. Dieser Leib ist die Gemeinde, verbunden durch den einen Geist, ein lebendiger Organismus, in dem Christus heute handelt. Sein physischer Leib war für uns, der mystische Leib ist für ihn – durch ihn führt er Gottes Verwaltung auf der Erde aus. Den Leib zu unterscheiden bedeutet dann, innerlich wach zu sein für diese himmlische Realität: Christus hat nur einen Leib, jenseits aller Namen, Traditionen und konfessionellen Grenzen. Wo das Brot Ausdruck einer Sondergruppe wird, verliert es seinen eigentlichen Sinn; der eine Leib wird praktisch zerteilt, und damit wird auch der Ausdruck von Gottes Haus und Gottes Herrschaft geschwächt.

Wer beim Abendmahl beide Dimensionen des Leibes wahrnimmt, gewinnt eine andere Haltung. Die Erinnerung an seinen geschlagenen, verwundeten Leib bewahrt vor Oberflächlichkeit und vor dem Gedanken, das Mahl sei eine fromme Routine. Die Sicht auf den einen mystischen Leib schützt vor einer inneren Zustimmung zu Spaltungen, Rivalitäten und geistlichem Parteigeist. In dieser doppelten Wahrnehmung entsteht stille Ehrfurcht, aber auch eine leise Freude: Wir sind nicht nur individuell erlöst, sondern als Glieder eines Ganzen berufen, Christi Ausdruck in dieser Welt zu sein. So wird das gebrochene Brot zu einem hoffnungsvollen Zeichen: Was er in seinem Leib vollbracht hat, will er durch seinen Leib weiterführen – und wir dürfen darin einen kostbaren Platz haben.

und als er gedankt hatte, es brach und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis. (1.Kor 11:24)

Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet. (1.Kor 11:29)

Das Unterscheiden des Leibes beginnt im Herz: in der ehrfürchtigen Erinnerung an den Leib, der für uns gegeben wurde, und in der wachen Wertschätzung des einen Leibes, in den wir hineingestellt sind. Wer beim Brot beide Linien sieht, ehrt das Opfer des Herrn und achtet zugleich darauf, dass sein Leib nicht durch eigene Haltungen und Zugehörigkeiten zerteilt wird. In dieser inneren Klarheit wächst eine stille, aber tiefe Freude darüber, dass unser persönliches Heil und Gottes großer Vorsatz untrennbar verbunden sind.

Würdig teilnehmen: sich prüfen und den Leib schätzen

Die Frage nach einer würdigen Teilnahme stellt Paulus nicht, um die Gläubigen in Korinth in Angst zu versetzen, sondern um ihre Wahrnehmung zu schärfen. „Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch“ (1.Kor 11:28). Sich selbst prüfen heißt, das eigene Leben in das Licht des Kreuzes zu halten: Steht mein aktueller Weg im Einklang mit dem, was ich gleich bezeuge, wenn ich das Brot esse und den Kelch trinke? Nehme ich Sünde, Härte oder Unversöhnlichkeit leicht, während ich doch die Zeichen des Leidensträgers in die Hand nehme? Die Unwürdigkeit, von der Paulus spricht, besteht nicht darin, dass wir fehlerhafte Menschen wären – sonst könnte niemand teilnehmen –, sondern darin, die heiligen Zeichen wie gewöhnliche Speise zu behandeln, ohne inneren Bezug zu dem, was sie darstellen.

Vers 28 sagt: „Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch.“ Sich selbst zu prüfen bedeutet zu überprüfen, ob wir das Brot essen und den Kelch trinken auf eine Weise, die würdig ist, oder auf eine Weise, die unwürdig ist. Als Paulus diesen Brief schrieb, nahmen einige der Gläubigen in Korinth das Abendmahl des Herrn auf unwürdige Weise ein, ohne zu erkennen, dass der Kelch und das Brot etwas Besonderes sind und sich von gewöhnlicher Speise unterscheiden. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundfünfzig, S. 502)

Zu dieser Prüfung gehört auch die Frage, welchen Leib das Brot, das wir brechen, tatsächlich ausdrückt. „Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet“ (1.Kor 11:29). Der Leib, den wir achten sollen, ist nicht nur die historische Hingabe Christi, sondern auch der gegenwärtige Leib auf der Erde: alle, die ihm gehören. Wenn innere oder äußere Grenzen – Namen, Lager, unversöhnte Konflikte – wichtiger werden als die Tatsache, dass es nur einen Leib gibt, verliert das Mahl seine Klarheit. Würdig teilnehmen bedeutet deshalb auch, im Herzen keine Haltung zu nähren, die Spaltung rechtfertigt oder Überlegenheit behauptet. Es bedeutet, die anderen Gläubigen nicht nach unseren Maßstäben zu sortieren, sondern sie zunächst als das zu sehen, was Gott in ihnen sieht: Glieder desselben Leibes, genährt von demselben Brot.

In dieser doppelten Bewegung – der ehrlichen Selbstprüfung und der Wertschätzung des einen Leibes – wird das Abendmahl zu einem Ort der Reinigung und der Erneuerung. Der Herr benutzt die Feier, um verborgenes Gift ans Licht zu bringen, Bitterkeit zu lösen und die Liebe zum Leib neu zu entfachen. So entsteht nicht Schwere, sondern eine stille Freiheit: Wir kommen nicht, weil wir vollkommen wären, sondern weil wir uns neu unter die Wirksamkeit seines Blutes stellen und seinen Leib wieder schätzen lernen. Wo diese Haltung wächst, wird der Herr wirklich geehrt, und sein Leib wird zu einem geeigneten Gefäß, durch das er Gottes Verwaltung in dieser Zeit weiterführen kann.

Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch. (1.Kor 11:28)

Denn wer isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst sein Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet. (1.Kor 11:29)

Würdige Teilnahme am Abendmahl ist weniger ein Zustand fehlerloser Leistung als eine Haltung: ein Herz, das sich vom Licht des Kreuzes prüfen lässt und den Leib Christi nicht gering achtet. Wer so kommt, erfährt das Mahl nicht als Drohung, sondern als Geschenk – als einen wiederkehrenden Punkt, an dem Christus reinigt, ordnet und den Blick auf den einen Leib klärt. Daraus erwächst eine leise, anhaltende Motivation, den Alltag so zu leben, dass das, was am Tisch bekannt wird, im Leben einen glaubwürdigen Ausdruck findet.


Herr Jesus, wir danken dir von Herzen für deinen Leib, der für uns gegeben wurde, und für dein Blut, das für unsere Sünden vergossen wurde. Öffne unsere Augen, damit wir in der Feier des Abendmahls nicht nur Trost für uns selbst suchen, sondern vor allem dich ehren und deine Freude suchen. Lehre uns, deinen einen Leib zu erkennen, Spaltung zu meiden und die Einheit zu schätzen, durch die du Gottes Verwaltung auf der Erde ausführst. Stärke in uns eine ehrfürchtige, zugleich freudige Haltung vor deinem Tisch, damit unser Gedenken dir angenehm sei und dein Werk in dieser Zeit nicht behindert, sondern gefördert wird. Lass aus jeder Feier deines Abendmahls neue Hoffnung, neue Liebe zu dir und neue Wertschätzung für deinen Leib hervorgehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 54

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