Christus und Sein Kreuz, die einzigartige Lösung für alle Probleme in der Gemeinde (2)
Wer eine Weile in einer Gemeinde unterwegs ist, merkt schnell: Nicht nur „die Welt“, auch Christen geraten aneinander – wegen Prägung, Kultur, Lehrfragen oder ganz praktischen Themen im Familien- und Gemeindeleben. Oft versuchen wir, mit Diskussionen, Strukturen oder frommen Aktivitäten zu reagieren und bleiben doch innerlich unbefriedigt. Die Botschaft des Neuen Testaments geht tiefer: Gott gibt keine Methode, sondern eine Person und einen Weg – Christus selbst als unsere Mitte und Anteil, und das Kreuz als radikale Antwort auf unser altes Menschsein.
Christus – Zentrum von Gottes Ratschluss statt menschlicher Unterschiede
Wenn Paulus von der Gemeinde als neuem Menschen spricht, verschiebt sich der Blick weg von allen Kategorien, in denen Menschen sich gewöhnlich vergleichen und voneinander abgrenzen. Er sieht nicht mehr Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus als den, der „alles und in allen“ ist (vgl. Kol. 3:11). Damit wird nicht geleugnet, dass wir eine Geschichte, eine Kultur, eine Prägung haben; aber diese Merkmale verlieren ihr Recht, im Raum der Gemeinde Identität zu definieren und Ehre zu stiften. Je mehr Christus im Mittelpunkt steht, desto deutlicher werden nationale, soziale und religiöse Unterschiede zu einer Hintergrundfolie, vor der der Reichtum seiner Person umso heller hervortritt. Wo Christus das Zentrum des Denkens, Redens und Planens ist, schmelzen die Grundlagen für Lagerbildung und Parteiungen weg. Darum heißt es in 1. Korinther 1:10: „Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst.“ Nicht Uniformität wird gefordert, sondern eine Ausrichtung auf ein gemeinsames Zentrum: Christus selbst.
Wenn Paulus vom neuen Menschen spricht, sagt er: „Wo nicht Grieche und Jude ist, Beschneidung und Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen ist.“ Im Licht dieses Verses sollte sich keiner von uns in Fragen von Rasse oder Nationalität rühmen. … Nach Kolosser 3:10 und 11 ist die Gemeinde, der Leib Christi, der neue Mensch. In diesem neuen Menschen gibt es keine Unterschiede von Rasse oder Nationalität. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünf, S. 38)
In der Praxis des Gemeindelebens stoßen wir jedoch immer wieder auf Situationen, in denen andere Maßstäbe das Sagen gewinnen. Manchmal sind es Herkunft und Bildung, manchmal bestimmte geistliche Erfahrungen oder Vorlieben für eine Lehrbetonung. In Korinth führte dies so weit, dass man sich mit geistlichen Leitern als Banner identifizierte: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi“ (1. Kor. 1:12). Paulus entlarvt diese Haltung mit einer schlichten Frage: „Ist der Christus zerteilt?“ (1. Kor. 1:13). Wo Christus praktisch als unteilbares Zentrum geehrt wird, verlieren Namen, Strömungen und Konzepte ihre trennende Macht. Dann wird deutlich, dass unser eigentliches Bürgerrecht nicht an eine Nation oder ein System gebunden ist, sondern an den, der unser Leben ist. Wer lernt, seine Ehre nicht aus Zugehörigkeiten, sondern aus Christus zu beziehen, erlebt eine tiefe Entlastung: man muss nicht mehr beeindrucken, sich nicht mehr verteidigen, keine künstlichen Unterschiede pflegen. Stattdessen wächst der stille Mut, Geschwister als solche zu umarmen, in denen derselbe Christus wohnt, auch wenn alles Äußere verschieden ist. So entsteht eine Einheit, die nicht erkämpft, sondern empfangen wird – als Frucht eines gemeinsamen Blickes auf den, der „die Hoffnung der Herrlichkeit“ in uns ist (Kolosser 1:27).
Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1.Kor 1:10)
Ich meine aber dies, daß jeder von euch sagt: ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi. (1.Kor 1:12)
Wo Christus als unsere eigentliche Identität ins Zentrum rückt, werden Unterschiede nicht ausgelöscht, aber entmächtigt. Die Gemeinde wird zu einem Raum, in dem Christus unsere Ehre, unser Maßstab und unsere Freude ist – und gerade darin wächst eine Einheit, die stärker ist als jede menschliche Gemeinsamkeit.
Christus – der allumfassende Anteil der Heiligen
Gott hat uns nicht nur aus der Macht der Sünde herausgerettet, sondern uns zugleich befähigt, an einem bestimmten Erbe teilzuhaben. Dieses Erbe ist keine Sammlung von Dingen, sondern eine Person: Christus selbst. In Kolosser 1:12 heißt es, dass der Vater uns „tüchtig gemacht [hat] zu dem Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“. Das Wort Anteil weist auf Genuss hin. Christus ist nicht nur unser Herr und Retter, sondern unser täglicher, konkrete Freude. Daher warnt Paulus davor, ihn durch noch so gute Ersatzgrößen zu verdrängen – durch besondere Lehren, markante Gaben oder den Stolz auf eine bestimmte Form von Gemeindeleben. Sobald etwas anderes zum Mittelpunkt unseres Genießens wird, rückt Christus an den Rand und der Reichtum des Erbes bleibt theoretisch. 1. Korinther 1:30 fasst diesen Reichtum in dichter Form: „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung.“ Vergangene Schuld, gegenwärtige Veränderung und zukünftige Vollendung sind in ihm enthalten; alles, was wir je wirklich brauchen, ist in seiner Person verdichtet.
Alle Christen wissen, dass Gott uns erlöst hat, aber nicht viele erkennen, dass Er uns auch befähigt hat, an Christus als dem Anteil der Heiligen teilzuhaben. Das Wort Anteil in Kolosser 1:12 weist auf Genuss hin. Christus ist der einzigartige Genuss für alle Heiligen. Nichts sollte zugelassen werden, was Ihn als unseren Anteil ersetzt. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünf, S. 40)
Damit bleibt Christus kein abstraktes Ideal, sondern wird zur Lebensversorgung auf dem Weg. Paulus greift in seinem ersten Brief an die Korinther verschiedene Bilder auf, um diese Versorgung zu beschreiben: Christus ist unser Passah, durch das wir aus dem alten Bereich herausgeführt wurden; er ist das ungesäuerte Brot, das unseren Alltag prägt (vgl. 1. Korinther 5:7–8). Er ist unsere geistliche Speise und unser geistlicher Trank, der Fels, der uns in der Wüste begleitet (vgl. 1. Korinther 10:3–4), wie die Szene am Horeb es vorzeichnet: „Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen, so daß das Volk (zu) trinken (hat)“ (2. Mose 17:6). Derselbe Christus, der sich für uns schlagen ließ, ist heute die verborgene Quelle, aus der wir im Verborgenen schöpfen. Wer anfängt, ihn auf diese Weise als Anteil zu genießen – im Hören auf sein Wort, im schlichten Gebet, im Miteinander des Leibes –, entdeckt, dass Probleme nicht zuerst durch äußere Lösungen kleiner werden, sondern dadurch, dass sie in einem größeren Horizont stehen. Die eigene Person tritt zurück, der Raum für Christus wächst, und aus diesem inneren Reichtum fließt etwas in andere hinein. So wird der Leib Christi auferbaut, nicht durch Druck, sondern durch die stille Ausstrahlung eines Lebens, das in Christus seine tägliche Versorgung gefunden hat.
In dieser Perspektive verlieren viele Dinge ihren absoluten Anspruch: Erfolge und Enttäuschungen, Anerkennung und Missverständnisse, auch Spannungen im Gemeindeleben. Wenn Christus unser Anteil ist, dann bleibt nichts, was uns widerfährt, absolut; absolut ist nur, dass er uns in allem mit sich selbst versorgt. 1. Korinther 1:24 fasst das in einem Satz: „für die aber, die berufen sind, sowohl für die Juden als auch für die Griechen, predigen wir Christus als die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes.“ Wo dieser Christus unser innerer Vorrat wird, werden wir fähig, andere nicht aus Mangel, sondern aus Fülle zu begegnen. Gerade darin liegt eine tiefe Ermutigung: Das Leben der Gemeinde hängt letztlich nicht an unserer Leistungsfähigkeit, sondern an der Unerschöpflichkeit dessen, der uns als Erbe geschenkt ist. Ihn zu genießen bedeutet, inmitten von Begrenzungen und Konflikten einen verborgenen Tisch zu kennen, an dem die Seele gestärkt und das Herz weit wird für die Geschwister.
Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)
Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen, so daß das Volk (zu) trinken (hat). Und Mose machte es so vor den Augen der Ältesten Israels. (2.Mose 17:6)
Christus als zugeloster Anteil bedeutet, dass unser inneres Leben nicht von Umständen, Menschen oder Strukturen gespeist werden muss, sondern von ihm selbst. Je bewusster wir aus diesem Erbe leben, desto freier können wir einander begegnen – nicht als Konkurrenten um knappe Ressourcen, sondern als Mit-Erben, die aus derselben Quelle trinken.
Das Kreuz – Gottes Weg, uns zu beenden und Christus Raum zu geben
Wenn Christus unsere ganze Lebensversorgung ist, stellt sich die Frage, warum unser Miteinander dennoch so oft von Spannungen, Verletzungen und stillen Fronten geprägt ist. Die Schrift gibt eine nüchterne Antwort: Das Problem liegt nicht in Christus, sondern in uns – in dem alten Menschen, der sich behaupten und durchsetzen will. Gottes Weg ist darum doppelt: Er versorgt uns mit Christus, und er führt uns zugleich zum Kreuz. Am Kreuz wurde nicht nur unsere Schuld getragen; dort wurde unser alter Mensch mit seinem Eigenleben gerichtlich beendet. Paulus verbindet dies mit der Erfahrung des Passahlammes: „Denn auch unser Passahlamm, Christus, ist geschlachtet worden“ (1. Korinther 5:7). In seinem Tod hat er das alte Leben, das sich in Rechthaberei, Stolz, Empfindlichkeit und Machtspielen äußert, mit eingeschlossen. Römer 6:6 bringt es auf den Punkt: unser alter Mensch „ist mitgekreuzigt worden“. Das Kreuz ist darum nicht nur ein Symbol, sondern Gottes konkrete Weise, uns innerlich zu kürzen, damit Christus Raum gewinnt.
Das Kreuz wirkt in uns, um uns zu beenden. Einerseits ist Christus unser Genuss, andererseits ist das Kreuz unser Ende. Aus Erfahrung wissen wir: Je mehr wir Christus genießen, desto mehr werden wir beendet. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünf, S. 48)
Diese Kürzung geschieht oft mitten in den empfindlichsten Beziehungen: in Ehe, Familie, Freundschaft und Gemeindeleben. Gerade dort, wo wir am meisten lieben und am verletzlichsten sind, zeigt sich, wie stark das Ich nach Geltung verlangt. Die natürliche Reaktion auf Konflikte sind lange Erklärungen, subtile Rechtfertigungen oder das stille Festhalten an inneren Anklagen. Das Kreuz führt einen anderen Weg: Es stellt uns vor den, der geschmäht wurde und nicht zurückschmähte, der Unrecht trug, ohne zu vergelten. In 1. Korinther 1:24 heißt es über ihn: „für die aber, die berufen sind, sowohl für die Juden als auch für die Griechen, predigen wir Christus als die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes.“ Das Kreuz ist genau diese Weisheit und Kraft Gottes, weil es der Stelle, an der wir uns verteidigen und behaupten wollen, die Grundlage entzieht. Wo wir innerlich Ja sagen zu Gottes Urteil über den alten Menschen, verliert das Bedürfnis, sich durchzusetzen, an Macht – und Christus wird praktisch zur Antwort. Das ist schmerzhaft, aber nicht zerstörerisch; es ist das Ende eines Lebens, das uns ohnehin bindet, und der Beginn eines freieren, weiteren Lebens in ihm.
Je mehr Christus unser innerer Genuss wird, desto mehr wirkt das Kreuz als sein Gegenstück: was das Kreuz beendet, wird in die Erfahrung seiner Erlösung hineingenommen. So wird deutlich, weshalb Paulus von Christus als dem „lebengebenden Geist“ spricht (vgl. 1. Korinther 15:45). Dieser Geist führt uns nicht an das Kreuz, um uns in Leere zurückzulassen, sondern um gerade im Loslassen der eigenen Ansprüche neue Fülle zu schenken. In Beziehungen heißt das: Es entsteht ein Raum, in dem Vergebung möglich wird, ohne die Wahrheit zu verbiegen; in dem man den ersten Schritt zur Versöhnung tun kann, ohne das Gesicht zu verlieren, weil die eigene Ehre nicht mehr auf dem Spiel steht; in dem man schweres Unrecht Gott überlassen kann, weil Christus unsere Gerechtigkeit und unsere Zukunft ist (vgl. 1. Korinther 1:30). Das Kreuz beendet nicht die Beziehung, sondern den Stolz, der sie vergiftet. So wird aus einem Ort der Kontroverse ein Ort, an dem Gottes Kraft in Schwachheit sichtbar wird.
Darin liegt eine besondere Ermutigung für das Gemeindeleben. Konflikte und Verstrickungen werden nicht dadurch beseitigt, dass alle Beteiligten endlich ihren Standpunkt aufgeben, sondern dadurch, dass jeder einzelne vor Gott bereit wird, das eigene Ich unter das Kreuz zu stellen. Wo ein Mensch innerlich diesen Weg geht, verändert sich die Atmosphäre, auch wenn äußere Umstände zunächst gleich bleiben. Blicke werden weicher, Worte sorgfältiger, Erwartungen realistischer. Die Gemeinde wird nicht dadurch zur Heimat, dass alle genau so sind, wie wir es uns wünschen, sondern dadurch, dass Christus inmitten einer unvollkommenen Gemeinschaft Raum gewinnt. Wo sein Kreuz unser Ende ist, wird seine Auferstehung unsere Hoffnung. Dort kann man scheitern und wieder aufstehen, verletzt werden und dennoch lieben, korrigiert werden und reifer daraus hervorgehen. So wird das Kreuz vom drohenden Symbol zum verlässlichen Wegweiser: Es zeigt auf den Ort, an dem wir aufhören müssen – damit Christus beginnen kann.
für die aber, die berufen sind, sowohl für die Juden als auch für die Griechen, predigen wir Christus als die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes. (1.Kor 1:24)
Fegt den alten Sauerteig hinaus, damit ihr ein neuer Teig seid, so wie ihr ja ungesäuert seid; denn auch unser Passahlamm, Christus, ist geschlachtet worden. (1.Kor 5:7)
Das Kreuz ist kein zusätzlicher Anspruch neben Christus, sondern Gottes Weg, unserem alten Menschen ein Ende zu setzen, damit Christus in uns Gestalt gewinnt. Wo wir in Konflikten nicht nach dem Sieg des eigenen Standpunkts, sondern nach dem Raum für ihn Ausschau halten, verliert das Ich an Gewicht – und die Gemeinde wird zu einem Ort, an dem die Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Herrn sichtbar wird.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 5