Christus nicht geteilt
Kirchengeschichte und Gegenwart sind geprägt von Namen, Lagern und Meinungen: lutherisch, reformiert, freikirchlich, charismatisch – und oft stehen diese Bezeichnungen stärker im Raum als der Name Jesu selbst. Viele Christen tragen heimlich die Frage in sich, ob echte Einheit zwischen so unterschiedlichen Prägungen und Persönlichkeiten überhaupt möglich ist. Der 1. Korintherbrief zeichnet ein bemerkenswert ehrliches Bild einer Gemeinde voller Spannungen und zeigt zugleich, dass Gott mitten durch diese Unordnung hindurch eine einfache, kraftvolle Linie zieht: Christus ist nicht geteilt – und genau darin liegt die Hoffnung für seine Gemeinde heute.
Der Name über allen Namen
Die Spaltungen in Korinth begannen nicht mit groben Irrlehren, sondern mit Namen. Christen, die alle durch dieselbe Gnade gerettet waren, begannen sich unter Überschriften zu sammeln: „Ich bin des Paulus“, „ich des Apollos“, „ich des Kephas“ – und sogar „ich Christi“ wurde zu einem Gruppenlabel. Damit trat etwas sehr Feines, aber zutiefst Gefährliches ein: die Namen von Dienern Gottes rückten in den Raum, der allein dem Namen des Sohnes zusteht. In Philipper 2:9 heißt es: „Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht und Ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist,“ – dieser Name ist Gottes Antwort auf das ganze Werk Christi, seine Erniedrigung, sein Kreuz, seine Auferstehung. Wenn Gott selbst Christus so erhöht, zeigt er damit, dass vor ihm kein zweiter Name auf derselben Ebene stehen darf, wie geistlich oder geschätzt dieser Name unter Gläubigen auch sein mag.
Zuerst ermahnt er sie durch den Namen unseres Herrn, der der Name über allen Namen ist (Phil. 2:9) und unter all Seinen Gläubigen der einzigartige Name sein sollte. Indem sie jedoch die Namen von Paulus, Apollos und Kephas auf eine Stufe mit dem Namen Christi stellten, begingen die spaltenden Korinther denselben Fehler, den Petrus auf dem Berg der Umgestaltung machte, als er Mose und Elia mit Christus auf eine Stufe stellte (Mt. 17:1–8). Um die Einheit im Herrn zu bewahren und Spaltungen zu vermeiden, müssen wir den einzigartigen Namen unseres Herrn erhöhen und hochhalten, indem wir alle anderen Namen neben diesem höchsten Namen fallenlassen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechs, S. 50)
Auf dem Berg der Umgestaltung wurde diese Eifersucht Gottes auf die Einzigkeit seines Sohnes sichtbar. Petrus, überwältigt von der Vision, möchte drei Hütten errichten: eine für Jesus, eine für Mose, eine für Elia. In Matthäus 17:5 heißt es: „Während er noch sprach, siehe, da überschattete sie eine hell leuchtende Wolke, und siehe, eine Stimme sagte aus der Wolke: Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe. Hört auf Ihn!“ Die himmlische Stimme korrigiert Petrus nicht grob, aber entschieden: Nicht drei Hütten, nicht drei Zentren, sondern der eine Sohn als Mittelpunkt. Mose und Elia sind Zeugen, nicht Ko-Mittelpunkte. Wo Menschen, Traditionen, Etiketten oder geistliche Strömungen neben Christus treten, wiederholt sich derselbe Fehler – ganz gleich, ob die Namen „evangelikal“, „charismatisch“, „liturgisch“ oder „freikirchlich“ heißen.
In Gottes Blick ist nicht in erster Linie entscheidend, ob diese Namen als Begriffe existieren, sondern ob sie praktisch den Platz einnehmen, den der Name Jesu haben sollte. Sobald unsere Zugehörigkeit zu einer Richtung stärker unser Herz bewegt als das schlichte Bewusstsein: „Ich gehöre Christus“, hat eine Verlagerung stattgefunden. Aus dem, was helfen sollte zu beschreiben, ist das geworden, was beginnt zu definieren und zu trennen. 1. Korinther 1:13 stellt darum die schneidende Frage: „Ist der Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt, oder seid ihr auf des Paulus Namen getauft worden?“ Das Kreuz Christi ist unteilbar, die Taufe in seinen Namen ist unteilbar; wo wir anfangen, Christus in Parteien aufzuteilen, geraten wir quer zu dem, was Gott in seinem Sohn getan hat.
Wenn der Geist Gottes uns diese Spannung zeigt – zwischen der Einzigkeit des Namens Jesu und der Vielzahl von Namen, an denen unser Herz hängt –, entsteht keine kalte Schuld, sondern eine heilsame Beschämung. Wir sehen, wie leicht wir bereit sind, die Strahlkraft des einen Namens mit anderen Lichtern zu überblenden. Und gerade darin liegt Hoffnung: Der Weg zur Einheit beginnt nicht mit organisatorischen Fusionen, sondern mit innerer Umkehr. Wer neu erfasst, wie kostbar der Sohn dem Vater ist, wird nicht mehr leichtfertig irgendetwas neben ihn stellen. Der Blick auf den erhöhten Christus löst die Finger von unseren Überschriften; der Geist macht uns froh, einfach nur bei ihm zu sein, ohne Zusatz. Wo Christus so wieder der Mittelpunkt wird – im persönlichen Herzen, in den Beziehungen, im Gemeindeleben –, verlieren andere Namen ihre trennende Kraft. Die Einheit wächst dort, wo wir gemeinsam lernen, uns über einen Namen zu freuen, der reich genug ist, alle Gläubigen in sich zu tragen.
Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht und Ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist, (Phil. 2:9)
Ist der Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt, oder seid ihr auf des Paulus Namen getauft worden? (1.Kor 1:13)
Wer den Namen Jesu als den Namen über allen Namen ehrt, findet Freiheit von inneren Loyalitäten, die spalten. Je mehr der Herr uns seine Einzigkeit vor Augen stellt, desto bereitwilliger lassen wir die vielen Etiketten los, die uns voneinander getrennt haben. So wird Einheit nicht erzwungen, sondern erwächst aus der gemeinsamen Freude an einem Herrn, einem Kreuz und einem Namen, unter dem wir alle stehen.
Dasselbe reden: Christus und ihn gekreuzigt
Wenn Paulus schreibt: „Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst“ (1. Korinther 1:10), fordert er keine sprachliche Einheitskost. Er meint nicht, dass alle dieselben Formulierungen benutzen oder dieselbe Frömmigkeitskultur übernehmen müssten. Im selben Brief macht er deutlich, was für ihn der Inhalt dieses „Derselben“ ist: „Denn ich nahm mir vor, unter euch nichts zu wissen, außer Jesus Christus, und Ihn als gekreuzigt“ (1. Kor. 2:2). Das gemeinsame Reden gewinnt seine Einheit nicht aus äußerer Gleichförmigkeit, sondern daraus, dass es von derselben Person und demselben Werk erfüllt ist: von Christus und seinem Kreuz.
Wenn Paulus von „demselben“ spricht, meint er Christus und Ihn als Gekreuzigten. Dass wir alle dasselbe reden, bedeutet daher, dass wir alle über Christus und Christus als Gekreuzigten reden. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechs, S. 52)
Wo Christen andere Inhalte in den Mittelpunkt ihrer Gespräche rücken, mag vieles anfangs hilfreich oder berechtigt scheinen. Es kann um Taufformen, Geistesgaben, Gemeindestrukturen, Musikstile oder Lehrdetails gehen. Doch sobald solche Themen zur Hauptsache werden, beginnt eine feine Verschiebung: Aus einem Miteinander im Herrn wird leicht ein Nebeneinander von Positionen, aus Austausch wird Diskussion, aus Prüfgeist wird Bewertung. Das Evangelium, das uns geeint hat, tritt in den Hintergrund, und an seine Stelle tritt eine Vielzahl von Meinungen.
Paulus zeigt einen anderen Weg. Wenn Christus selbst die Mitte unseres Redens wird, verschiebt sich das Gewicht. Dann sind Erfahrungen, Lehren und Formen nicht verschwunden, aber sie sind um einen Mittelpunkt angeordnet. Kolosser 1:27 spricht von „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“. Dieser Christus ist unerschöpflich reich; er gibt genug Stoff für ein ganzes Leben des gemeinsamen Staunens. Wo Gläubige anfangen, von seiner Schönheit, seiner Geduld, seiner Gerechtigkeit, seiner Treue zu sprechen, wird die Atmosphäre anders. Gespräche nach Versammlungen drehen sich weniger darum, was nicht gelungen ist, und mehr darum, wie der Herr inmitten einer schwachen Gemeinde dennoch seine Gnade erweist.
So wächst mit der Zeit eine neue innere „Sprachkultur“. Sie ist nicht konfliktscheu, aber sie ist Christus-zentriert. Auch wenn Fragen und Unterschiede benannt werden, geschieht dies vor dem Hintergrund derselben Freude an demselben Herrn. Das entwaffnet spaltende Energien. Wer gemeinsam die Größe Christi betrachtet, hat weniger Bedarf, die Größe seiner Sichtweise zu beweisen. In solch einer Atmosphäre wird Einheit nicht als Verzicht erlebt, sondern als Gewinn: Der gemeinsame Nenner ist nicht das niedrigste, sondern das höchste – der Gekreuzigte und Auferstandene. Und je mehr unser Reden von ihm erfüllt ist, desto mehr wird auch unser Hören, Denken und Handeln von derselben Person durchzogen.
Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1.Kor 1:10)
Denn ich nahm mir vor, unter euch nichts zu wissen, außer Jesus Christus, und Ihn als gekreuzigt. (1.Kor 2:2)
Wer sich bewusst dem Reden über Christus und sein Kreuz öffnet, entdeckt, wie Spannungen an Kraft verlieren. Die Vielfalt der Persönlichkeiten und Temperamente bleibt bestehen, aber sie wird von einer tieferen Gemeinsamkeit getragen. Dort, wo Christus das gemeinsame Thema wird, kann eine Gemeinde gerade in ihrer Verschiedenheit einen Klang hervorbringen, der den Herrn ehrt und Menschen anzieht.
Gott stimmt uns neu: gleiche Gesinnung, gleiche Haltung
Die Gemeinde in Korinth war reich an Gaben, aber innerlich zerrissen. Paulus beschreibt ihren Zustand mit einem Wort, das aus der Welt der Handwerker und Musiker stammt: Was verstimmt ist, muss wieder passend gemacht werden. In 1. Korinther 1:10 bittet er, dass sie sich „auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst“. Hinter diesem Bild steht die Vorstellung eines Instruments, dessen Saiten aufeinander abgestimmt werden. Die Gläubigen waren wiedergeboren, Christus wohnte in ihrem Geist, doch ihre Gedanken, Empfindungen und Bewertungen lagen weit auseinander. Der Herr wollte nicht ihre Verschiedenheit auslöschen, sondern ihre inneren „Saiten“ so stimmen, dass sie miteinander harmonieren.
Für uns alle ist es entscheidend, das Geheimnis zu lernen, nichts zu wissen außer Christus und Ihn als Gekreuzigten. In der Praxis ist dies jedoch ziemlich schwierig. Es fällt uns nicht leicht, alle dasselbe zu reden. Dennoch müssen wir lernen, dasselbe zu reden – Christus und Ihn als Gekreuzigten. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft sechs, S. 56)
Diese innere Heilung beginnt damit, dass Gott uns eine neue Sicht auf seinen Sohn schenkt. Solange unsere eigenen Vorlieben – für bestimmte Formen des Gemeindelebens, für bestimmte Lehrakzente oder Persönlichkeiten – das Maß unserer Urteile sind, bleibt das Miteinander fragil. Wenn jedoch Christus als der Mittelpunkt von Gottes Ratschluss vor unserem inneren Auge größer wird, schrumpfen unsere persönlichen Geschmäcker auf ihre tatsächliche Bedeutung. Dinge, die uns früher stark bewegt haben, verlieren an Gewicht, wenn sie neben dem ungeteilten Christus stehen. Epheser 4:4–6 zeichnet den Horizont dieser Harmonie: „Ein Leib und ein Geist, so wie ihr auch in einer Hoffnung eurer Berufung berufen worden seid; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist.“ Der Dreieine Gott selbst ist die Quelle und der Maßstab dieser Einheit.
Wenn der Herr uns so neu stimmt, wirkt das sehr konkret in unseren Beziehungen. Manche Themen, die uns früher empört oder verletzt haben, verlieren an Sprengkraft. Wir werden innerlich „blind“ für manches, was uns früher zur Anklage gereizt hat, und zugleich wacher für die Spuren des Wirkens Christi in anderen. Es ist, als ob der Herr die Lautstärke mancher innerer Stimmen herunterdreht – den Drang, recht zu behalten, gesehen zu werden, sich durchzusetzen – und zugleich die Stimme seines Geistes in uns lauter stellt. Dadurch werden wir fähig, in einer Gemeinde mit verschiedenen Prägungen, Altersgruppen und Geschichten einen gemeinsamen Weg zu gehen, ohne dass jeder Punkt ausdiskutiert werden muss.
Diese Harmonie ist nicht das Ergebnis perfekter Strukturen, sondern die Frucht eines inneren Weges mit dem Herrn. Sie wächst dort, wo Menschen bereit sind, ihre Meinung zurückzustellen, wenn sie merken, dass sie die Gemeinschaft stört; dort, wo man das Werk Gottes im anderen höher achtet als die eigene Sicht; dort, wo man lernt, Spannungen nicht sofort zu eskalieren, sondern sie vor Christus zu tragen. Einheit wird dann nicht mehr als Zerdrücken der eigenen Persönlichkeit erlebt, sondern als Befreiung von der Tyrannei des eigenen Ichs. Der Leib Christi darf klingen – nicht einstimmig im Sinne von Eintönigkeit, aber harmonisch, getragen von demselben Grundton: Christus als die Mitte.
Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1.Kor 1:10)
Ein Leib und ein Geist, so wie ihr auch in einer Hoffnung eurer Berufung berufen worden seid; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist. (Eph. 4:4-6)
Wo Gläubige zulassen, dass Christus ihre inneren Maßstäbe, Reaktionen und Vorlieben neu stimmt, wächst eine Einheit, die tiefer ist als bloßes äußeres Einvernehmen. Die Gemeinde wird zu einem Raum, in dem die Verschiedenheit nicht bedrohlich wirkt, sondern im Licht des einen Herrn ihren Platz findet. So wird erfahrbar, dass der Leib Christi nicht von menschlicher Harmonie lebt, sondern von dem einen Geist, der in allen wohnt und uns auf denselben Sinn ausrichtet.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht geteilt bist und dass wir alle zu dir gehören, weil du für uns gekreuzigt und auferstanden bist. Wo unser Herz an Namen, Meinungen und Vorlieben hängt, berühre uns neu und richte unseren Blick zurück auf dich als unseren einzigen Mittelpunkt. Stimme unsere Gedanken und Worte so, dass sie dich ehren und deine Gemeinde aufbauen, und heile alle verborgenen Spaltungen, die uns voneinander trennen. Schenke uns die Gnade, in deinem Leib eine wachsende Harmonie zu erleben, die aus der Freude an dir und der Kraft deines Kreuzes lebt. Fülle dein Volk mit Hoffnung, dass du deine Gemeinde durch alle Schwachheit hindurch bewahrst und vollendest, bis du wiederkommst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 6