Christus und Sein Kreuz – die einzigartige Lösung für alle Probleme in der Gemeinde (1)
Wer längere Zeit in einer Gemeinde lebt, merkt schnell, wie viel Unvollkommenheit, Meinungsunterschiede und verdeckte Spannungen im Miteinander auftreten können. Die erste Gemeinde in Korinth war keine glänzende Ausnahme, sondern ein Spiegel unserer eigenen Situation: viel geistliche Rede, aber zugleich Spaltungen, Parteigeist und ein Mangel an der lebendigen Wirklichkeit Christi. Gerade in diese zerrissene Lage hinein zeigt der Apostel Paulus, dass Gott nicht ein neues System, eine Methode oder Struktur gibt, sondern eine Person: Christus – und Christus am Kreuz.
Christus – der einzigartige Mittelpunkt von Gottes Plan
Wenn Paulus den 1. Korintherbrief eröffnet, verliert er sich nicht in der Beschreibung der Probleme der Gemeinde, sondern zeichnet zuerst ein großes Bild von Christus. Noch bevor er die Spaltungen anspricht, erinnert er die Korinther daran, wer sie in Gottes Augen sind und worin der Mittelpunkt von Gottes Plan liegt: „an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn“ (1. Korinther 1:2). Das ist keine höfliche Einleitung, sondern eine theologische Standortbestimmung. Die Gemeinde existiert nicht zuerst als örtliche Gruppe mit bestimmten Gepflogenheiten, sondern als Gemeinschaft von Menschen, die in Christus Jesus geheiligt wurden und denselben Herrn anrufen. Christus ist der Raum, in dem sie stehen, und die Person, die sie zusammenhält.
In 1:1–9 macht Paulus uns deutlich, dass in Gottes Ökonomie Christus das einzigartige Zentrum ist. Gottes Absicht ist, Christus, Seinen Sohn, zum Zentrum Seiner Ökonomie zu machen und Ihn außerdem für alle Gläubigen zu allem zu machen. Deshalb sagt Paulus in Vers 9, dass wir berufen worden sind in die Gemeinschaft Seines Sohnes, Jesus Christus, unseres Herrn. Das ist auch der Grund, warum er in Vers 2 hervorhebt, dass Christus sowohl ihr als auch unser ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vier, S. 30)
Damit richtet Paulus unseren Blick weg von allem, woran wir uns leicht festmachen: Lehrtraditionen, besondere geistliche Erfahrungen, geistliche Leiter, Bewegungen. Diese Dinge mögen ihren Platz haben, aber sie sind nicht das Zentrum. Gott hat Seinen Sohn zum Mittelpunkt Seines Ratschlusses gemacht. In Philippa 2:9 heißt es: „Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht und Ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist“. Wenn Gott selbst Christus so in die Mitte stellt, wird deutlich, wie schmal unsere Sicht wird, sobald wir einen Menschen, einen Stil oder eine bestimmte Theologie zu unserem Sammelpunkt machen. Dann schrumpft Christus in unserer Wahrnehmung zu einem „Lager-Christus“: ein Christus der Charismatiker, der Pietisten, der Reformer. Paulus entlarvt diese Verengung, indem er Christus als gemeinsames Erbteil „aller, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen“ beschreibt. Er gehört nicht „unserer“ Richtung, sondern wir gehören Ihm.
Aus dieser Sicht erhält auch das konkrete Gemeindeleben ein anderes Gewicht. Gottes Ziel ist nicht, dass wir eine makellose Struktur, eine vollkommene Organisation oder eine lückenlose Lehre vorweisen, sondern dass der Dreieine Gott in Seinem Sohn unter uns der gelebte Mittelpunkt ist. Gemeindeleben, Taufe, Abendmahl, Dienst, Lehre – alles gewinnt seine Wahrheit erst, wenn es Ausdruck der lebendigen Gemeinschaft mit dieser einen Person ist. Wo Christus selbst im Zentrum steht, verlieren Unterschiede ihre Sprengkraft. Sie bleiben sichtbar – Temperamente, Begabungen, auch unterschiedliche Gewichtungen von Themen –, aber sie müssen nicht mehr zum Maßstab für Zugehörigkeit oder geistliche Wertschätzung werden. Man entdeckt eine tiefere Einheit: nicht Einförmigkeit, sondern ein gemeinsames Ausgerichtetsein auf den Herrn.
Gerade darin liegt eine stille Ermutigung für Zeiten, in denen Spaltungen oder Spannungen als unlösbar erscheinen. Die Frage lautet dann nicht zuerst: Wie bringen wir alle auf dieselbe Linie, sondern: Wie können wir gemeinsam unter den Namen kommen, „der über jedem Namen ist“, und Ihn in die Mitte unseres Denkens, unserer Gespräche und unserer Entscheidungen nehmen? Wenn Christus unser Mittelpunkt ist, entsteht Spielraum für Geduld, Bereitschaft zum Hören, und einen neuen Respekt vor dem, was Gott im anderen tut. Auch in unvollkommenen Verhältnissen kann so ein tiefes Vertrauen wachsen: Gott selbst hat uns in Christus zusammengeführt, und Er ist treu, „der euch auch festigen wird bis zum Ende, damit ihr am Tag unseres Herrn Jesus Christus unanklagbar seid“ (1. Korinther 1:8). Diese Treue Gottes trägt weiter, als jede menschliche Sicherung es vermag.
an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn: (1.Kor 1:2)
Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht und Ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist, (Phil. 2:9)
Wer Christus als den von Gott gesetzten Mittelpunkt erkennt, gewinnt Freiheit von der inneren Verpflichtung, ein Lager zu verteidigen oder eine Richtung zu sichern. Das Herz wird weit für Geschwister, die anders geprägt sind, und zugleich schlicht und entschieden in der Ausrichtung auf den Herrn selbst. In dieser Haltung verliert das Bedürfnis, sich über Zugehörigkeit zu bestimmten Namen zu definieren, an Macht. Stattdessen wächst eine stille Freude daran, dass Christus „ihr und unser“ ist – der Reichtum aller Heiligen und die eine Mitte, zu der Gott uns gerufen hat.
Gerufen in die Gemeinschaft des Sohnes
Paulus nennt das Ziel von Gottes Ruf über unser Leben „die Gemeinschaft Seines Sohnes“: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (1. Korinther 1:9). Dieser Ausdruck beschreibt mehr als einen geistlichen Bekanntenkreis. Er spricht von einer lebendigen Teilhabe am Sohn selbst. Der Vater teilt uns Seinen geliebten Sohn im Heiligen Geist mit, und in diesem Geist teilen wir einander Christus mit. Gemeinschaft entsteht nicht primär dadurch, dass wir dieselben Ansichten vertreten, sondern dadurch, dass wir an derselben Person Anteil haben, die uns von Gott her gegeben ist.
Hier scheint Paulus zu sagen: „Eigentlich habt ihr nichts von Paulus, Apollos oder Kephas empfangen. Ihr solltet euch nicht einmal auf einen begrenzten Christus beschränken. Eure ganze Aufmerksamkeit muss auf den einzigartigen Christus gerichtet sein. Dieser Christus ist nicht nur euer und unser – Er gehört allen. Er ist ihr und unser, denn Er ist der Anteil der Heiligen an jedem Ort. Gott hat uns diesen Christus gegeben, und Er hat uns in Seine Gemeinschaft berufen.“ (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vier, S. 31)
In dieser Perspektive werden auch die bekannten Parolen der Korinther entlarvt: „Ich bin des Paulus“, „ich aber des Apollos“, „ich aber des Kephas“ (1. Korinther 1:12). Sie sind Ausdruck einer Gemeinschaft, die sich um menschliche Schwerpunkte gruppiert: Stilfragen, Lehrnuancen, Persönlichkeit. Gottes Ruf aber gilt nicht einer „Gemeinschaft des Paulus“ oder „des Apollos“, sondern der Gemeinschaft des Sohnes. Dort verliert der Name des bevorzugten Leiters seinen absoluten Klang. Wer in der Gemeinschaft des Sohnes lebt, entdeckt Christus in den Gaben und Diensten verschiedener Glieder. Paulus, Apollos und Kephas werden zu Dienern einer und derselben Gnade, nicht zu Bannerträgern rivalisierender Lager.
Praktisch gewinnt die Gemeinschaft des Sohnes Raum, wenn der Blick sich vom eigenen Standpunkt löst und bewusst auf das Werk Christi im anderen achtet. Diese Haltung hat nichts mit Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit zu tun. Sie speist sich vielmehr aus der Gewissheit, dass ganze Fülle Gottes im Sohn wohnt und dass der Sohn größer ist als unsere je begrenzte Sicht. So kann jemand aus einer anderen Tradition nicht mehr zuerst als Vertreter eines Systems wahrgenommen werden, sondern als Träger einer Portion Christi. Der Blick schärft sich für das, was der Herr an Leben, Treue, Anbetung oder Dienst in diesem Bruder oder dieser Schwester gewirkt hat.
Wo diese Sicht reift, beginnt die Gemeinschaft des Sohnes Spaltungen zu heilen. Die Atmosphäre verändert sich: Statt subtiler Abgrenzung wächst eine Haltung des Empfangens. Man lernt, sich beschenken zu lassen durch den Reichtum, den Christus in andere gelegt hat, ohne dabei die eigene Berufung aufzugeben. Dadurch entsteht eine Einheit, die nicht auf Uniformität beruht, sondern auf gemeinsamem Leben aus derselben Quelle. Das Ermutigende ist: Diese Gemeinschaft ist nicht menschlich zu produzieren. Sie ist Gabe Gottes, der treu ist und uns bereits in sie hineingerufen hat. Die Frage ist weniger, ob wir sie „herstellen“, sondern ob wir uns innerlich von ihr bestimmen lassen. Wer so Schritt für Schritt lernt, den Sohn als Mitte der Begegnung mit anderen Gläubigen wahrzunehmen, erfährt, dass Christus selbst die Trennungslinien relativiert und neue Wege zueinander öffnet.
Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (1.Kor 1:9)
Ich meine aber dies, daß jeder von euch sagt: ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi. (1.Kor 1:12)
Die Gemeinschaft des Sohnes wird erkennbar, wo Menschen einander nicht zuerst nach Etiketten, Traditionen oder Konfliktlinien einordnen, sondern nach ihrem Anteil an Christus. Wer innerlich von dieser Sicht geprägt ist, kann zugleich klar in der Wahrheit stehen und weit im Herzen bleiben. So entsteht eine Atmosphäre, in der Christus selbst zum verbindenden Band wird – stärker als alte Verletzungen, unterschiedlich gewichtete Themen oder abweichende Formen. In dieser Gemeinschaft liegt ein verheißungsvoller Vorgeschmack der Einheit, zu der Gott Seine Gemeinde führt.
Christus und Sein Kreuz – die einzige Lösung
Die Probleme in Korinth waren vielfältig: Spaltungen, Parteigeist, Streit um Gaben, moralische Entgleisungen, Fragen rund um Ehe, Freiheit und Gottesdienstordnung. Bemerkenswert ist, wie Paulus darauf antwortet. Er entwirft keinen Maßnahmenkatalog, sondern führt die Gemeinde an zwei Brennpunkte zurück: an die Person Christi und an Sein Kreuz. Nachdem er die Parolen „ich bin des Paulus“ und „ich bin des Apollos“ zitiert hat, stellt er eine schneidende Frage: „Ist der Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden, oder seid ihr auf des Paulus Namen getauft worden?“ (1. Korinther 1:13). Damit lenkt er den Blick auf den einzigen, der das Recht hat, Mittelpunkt unserer Zugehörigkeit zu sein: den Gekreuzigten.
Zuerst müssen wir jeden Namen außer dem Namen Christi fallen lassen. Wir sollten die Namen irgendwelcher Personen oder Diener Gottes, die wir vielleicht bevorzugen, fallen lassen, und wir sollten auch alle konfessionellen Namen beiseitelegen. Außerdem müssen wir uns von allen Lehren und Praktiken abwenden und Christus, das einzigartige Zentrum von Gottes Ökonomie, als unser Alles nehmen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vier, S. 36)
Christus ist die Fülle, die Gott der Gemeinde geschenkt hat. In Ihm sind wir „in allem reich gemacht worden, in allem Wort und aller Erkenntnis“ (1. Korinther 1:5). Das Kreuz ist Gottes Weg, alles aus dem Weg zu räumen, was dieser Fülle im Weg steht: menschliche Weisheit, Stolz, Ehrgeiz, das Bedürfnis, sich über Zugehörigkeiten zu profilieren. Wo der Blick sich an Christus und Sein Kreuz bindet, verlieren geistliche „Marken“ und konfessionelle Namen ihren absoluten Stellenwert. Es wird unvorstellbar, jemanden zu erhöhen, der nicht für uns gekreuzigt worden ist. Das Kreuz entlarvt die Neigung, Menschen, Bewegungen oder Orte zu Sammelpunkten zu machen, und es stellt die Frage, ob unsere Loyalität wirklich zuerst dem Herrn gehört.
Doch das Kreuz bleibt nicht auf Golgatha beschränkt. Der Heilige Geist wendet das vollbrachte Werk Jesu innerlich an, indem Er unser altes Ich mit Christus identifiziert. Der Apostel formuliert es an anderer Stelle so: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Wenn dieser Satz im Gemeindeleben Gewicht bekommt, gewinnt das Kreuz eine leise, aber beständige Wirkkraft: Rechthaberei wird an das Licht gebracht, Bedürfnis nach Überlegenheit wird getroffen, festgefahrene Vorlieben werden relativiert. Das geschieht nicht durch moralischen Druck, sondern dadurch, dass der Geist uns in die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten hineinzieht.
In diesem Licht zeichnet sich ein anderer Weg im Umgang mit Konflikten ab. Anstatt vorrangig Strukturen zu optimieren oder Mehrheiten zu organisieren, wird die entscheidende Frage: Wo braucht es ein tieferes Ja zu Christus und Seinem Kreuz – persönlich und gemeinsam? Wo können wir Namen, Lehren oder Praktiken loslassen, die uns unmerklich wichtiger geworden sind als der Herr selbst? Das Kreuz schafft keine sterile Einheit, sondern öffnet Raum für Auferstehungsleben: für Versöhnung, für neu geschenkte Liebe, für die Freiheit, auch eigene Blinden Flecken zuzugeben. Wo Christus und Sein Kreuz so zur Mitte werden, gewinnen selbst schmerzliche Prozesse einen Sinn: Sie werden zu Gelegenheiten, in denen der Herr uns tiefer in Seine Demut, Seine Geduld und Seine hingebende Liebe hineinzieht.
Ist der Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt, oder seid ihr auf des Paulus Namen getauft worden? (1.Kor 1:13)
In ihm seid ihr in allem reich gemacht worden, in allem Wort und aller Erkenntnis, (1.Kor 1:5)
Wo Christus und Sein Kreuz zur tatsächlichen Mitte werden, verändert sich der Umgang mit Spannungen grundlegend. Persönliche Vorlieben, Namen und Zugehörigkeiten verlieren an bindender Kraft; das Bedürfnis, sich durchzusetzen, tritt zurück hinter den Wunsch, dass der Herr geehrt wird. In dieser inneren Bewegung liegt eine befreiende Perspektive: Auch unaufgeräumte Situationen sind nicht aussichtslos, solange der Gekreuzigte in ihrer Mitte steht. Seine Gegenwart und Sein Werk bleiben die tragfähige Hoffnung, dass Spaltungen nicht das letzte Wort haben müssen.
Herr Jesus Christus, Du bist der von Gott erhobene Mittelpunkt, den der Vater uns als unseren Anteil und unsere Freude geschenkt hat. Danke, dass Dein Kreuz über aller menschlichen Weisheit, allen Vorlieben und allem Stolz steht und jede Mauer, die wir zwischen uns errichten, schon in Deinem Tod verurteilt und überwunden ist. Lass uns tiefer erkennen, dass wir in Deine Gemeinschaft hineingerufen sind, in der der Dreieine Gott sich uns mitteilt und wir einander in Dir geschenkt sind. Dort, wo unsere Herzen an Menschen, Formen oder eigenen Vorstellungen hängen, wirke Du sanft, aber klar, damit Deine Person und Dein Kreuz in uns den ersten Platz einnehmen. Erfülle unser Gemeindeleben mit der Wirklichkeit Deiner Gegenwart, sodass Versöhnung, Einheit und neue Liebe entstehen, wo bisher Misstrauen und Distanz waren. Stärke alle, die von Spannungen, Enttäuschungen oder Müdigkeit in der Gemeinde belastet sind, durch Deine Nähe und Deine Gnade, und lass sie erfahren, dass Du selbst die Antwort bist, die sie tragen und verändern kann. Dir sei die Ehre in Deiner Gemeinde – heute und bis in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 4