Einführung (3)
Viele Christen kennen Zeiten, in denen sie sich fragen, ob sie wirklich gerettet sind, und erleben zugleich die Spannung zwischen ihrer Liebe zu Christus und ihren Vorlieben für bestimmte Menschen oder Gruppen. Paulus’ Worte an die Gemeinde in Korinth führen mitten in diese Fragen hinein: Er beschreibt ein inneres Zeugnis, das tiefer reicht als wechselnde Gefühle, und eine Gemeinschaft mit Christus, die stärker ist als jede menschliche Parteiung. Wer versteht, was es heißt, durch Gott bestätigt und in die Gemeinschaft seines Sohnes hineingerufen zu sein, bekommt eine neue Sicht auf sich selbst, auf die Gemeinde und auf Christus als die wahre Mitte.
Das Zeugnis Christi: mehr als Worte, eine gelebte Wirklichkeit
Wenn Paulus schreibt, dass „das Zeugnis des Christus unter euch befestigt worden ist“ (1.Kor 1:6), öffnet er den Blick für etwas Tieferes als eine gelungene Predigtserie in Korinth. Worte waren gewiss da, Argumente und Erklärungen auch. Aber was sich festigte, war nicht zuerst ein Gedankengebäude, sondern eine gelebte Wirklichkeit. Zeugnis meint hier: Christus selbst ist durch ein Leben hindurch sichtbar geworden. In dem, was Paulus sprach, und in dem, wie er lebte, begegnete den Korinthern nicht nur eine Lehre über Christus, sondern der Christus, der rettet, heiligt und trägt. So beginnt das Zeugnis des Christus immer dort, wo das Gesagte vom Sein des Sprechenden durchdrungen ist – wo nicht eine Lehre über das Kreuz gepredigt und gleichzeitig mit unversöhnter Härte gelebt wird, sondern wo derselbe gekreuzigte und auferstandene Herr in Worten und in Haltung wiederklingt.
Predigen kann man einfach als Weitergabe von Gedanken in Worten ansehen. Ein Zeugnis ist etwas ganz anderes. Ein Zeugnis muss ein gelebtes Leben sein, nicht nur eine Predigt. Viele der heutigen christlichen Diener predigen nur; sie legen kein Zeugnis ab. In ihren Predigten bringen sie bestimmte Gedanken mit Worten zum Ausdruck, aber sie haben kein Leben, das bezeugt, was sie predigen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft drei, S. 21)
Dieses äußere Zeugnis bleibt nach Paulus jedoch nicht an der Oberfläche der Hörer stehen. Gott selbst bestätigt es innerlich, indem er das, was gepredigt wurde, als Leben in den Menschen verankert. Johannes 3:16 beschreibt diese göttliche Bestätigung in ihrer schlichten Größe: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Wer an den Sohn glaubt, empfängt nicht nur Information über das ewige Leben, sondern das Leben selbst. Damit setzt Gott ein Siegel auf das gehörte Zeugnis: Er schenkt göttliches Leben und legt seinen Heiligen Geist in das Innere. So wird das Zeugnis des Christus „befestigt“ – nicht dadurch, dass wir immer starke Gefühle hätten, sondern dadurch, dass Gott objektiv gehandelt hat.
Paulus beschreibt die Gläubigen deshalb als Leute, „die in Christus Jesus geheiligt worden sind, … die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen“ (1.Kor 1:2). Heilige sind in diesem Licht nicht die besonders gelungenen oder stabilen Christen, sondern Menschen, an denen Gott eine Tatsache geschaffen hat: Sie gehören Christus, sie sind in Ihn hineingestellt, sie tragen sein Leben. Ihr Mund ruft den Namen des Herrn, ihr Inneres trägt sein Zeugnis. Dieses innere Zeugnis kann in der Erfahrung zuweilen leise erscheinen, beinahe übertönt von Anklage oder Zweifel. Aber seine Wahrheit ruht nicht auf der Lautstärke unseres Empfindens, sondern auf der Treue dessen, der gesprochen hat. „Gott ist treu“, sagt Paulus gleich darauf (1.Kor 1:9), und bindet damit die Gewissheit unseres Heils an den Charakter Gottes, nicht an die Stimmung des Menschen.
Wer so auf das Zeugnis Christi schaut, lernt, seine innere Wahrnehmung einzuordnen. Schwankende Gefühle verlieren ihre absolute Autorität; sie werden zu Signalen, aber nicht zu Richtern. Der eigentliche Richter über unsere Stellung ist das Wort des treuen Gottes und der Geist, der dieses Wort in uns bekräftigt. Wenn die Frage aufsteigt, ob wir wirklich zu Christus gehören, führt der Geist uns nicht zu einer Bilanz unserer Leistungen, sondern zurück zu Gottes Zusage: Wer in den Sohn hineinglaubt, „hat das ewige Leben“. In dieser Gewissheit darf das Herz zur Ruhe kommen, und aus Ruhe erwächst Raum für ein Zeugnis, das nicht angestrengt sich selbst beweisen muss, sondern schlicht ausdrückt, was Gott schon gewirkt hat. So wird das eigene Leben – trotz Schwächen und Bruchstellen – zur Bestätigung der Botschaft: Christus rettet wirklich, trägt wirklich, verändert wirklich.
wie denn das Zeugnis des Christus unter euch befestigt worden ist. (1.Kor 1:6)
Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3:16)
Wo die Zusage Gottes schwerer wiegt als wechselhafte Gefühle, wird das Herz frei, ein nicht aufgesetztes, sondern gewachsenes Zeugnis Christi zu tragen – getragen von der stillen Gewissheit: Er hat mich ergriffen, und er lässt mich nicht mehr los.
Berufen in die Gemeinschaft seines Sohnes
Mit einem schlichten Satz öffnet Paulus den Gläubigen in Korinth das Herz Gottes: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (1.Kor 1:9). Gemeinschaft ist hier kein loses Nebeneinander, keine nur freundliche Nähe, sondern Teilhabe. Gott ruft nicht zu einer religiösen Atmosphäre, sondern in das innere Miteinander mit seinem Sohn. Wer dieser Berufung folgt, tritt nicht in einen frommen Verein ein, sondern wird hineingezogen in den Austausch des Lebens zwischen Vater und Sohn. Johannes fasst dies so: „Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus“ (1.Joh. 1:3). Dasselbe Leben, das in Christus ist, beginnt im Glaubenden zu pulsieren; dieselbe Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt, trifft uns in Christus. So ist Gemeinschaft zuerst Gabe, nicht Leistung – Gott teilt uns seinen Sohn mit.
In Vers 9 sagt Paulus: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Dieses Wort knüpft an Vers 8 an und bekräftigt den Gedanken durch die Zusicherung von Gottes Treue. In seiner Treue wird er die Gläubigen bis zum Ende festigen und sie am Tag der Wiederkunft des Herrn untadelig dastehen lassen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft drei, S. 23)
Je länger man diesen Ausdruck bedenkt, desto weiter wird der Horizont. In die Gemeinschaft seines Sohnes berufen zu sein heißt, Anteil an allem zu haben, was dieser Sohn vor Gott ist. Derselbe Christus, den Paulus später „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ nennt, ist uns zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gegeben. Er ist nicht nur unser Retter am Anfang, sondern unser zugeloster Anteil in jeder Phase des Weges. Römische Worte wie Röm. 8:30 zeigen den Bogen dieser Berufung: „und die, die Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; und die, die Er gerechtfertigt hat, diese hat Er auch verherrlicht.“ Zwischen Berufung und Herrlichkeit spannt sich das ganze Leben, und in der Mitte dieses Bogens steht Christus als der Allumfassende, der für uns alles ist, was Gott verlangt und was wir brauchen. Gemeinschaft mit ihm bedeutet darum, dass nichts Wesentliches mehr außerhalb von ihm gesucht werden muss.
Diese Gemeinschaft gewinnt Gestalt, wo Christus konkret in das eigene Erleben hineinreicht. Wenn Paulus sagt: „Wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm“ (1.Kor 6:17), beschreibt er kein mystisches Sonderphänomen, sondern die innere Normalität des christlichen Lebens. Der lebengebende Geist verbindet sich mit unserem Geist, so dass Christi Empfinden, seine Freude, sein Leid, seine Barmherzigkeit in unserem Inneren Resonanz finden. Gemeinschaft ist dann nicht nur Gespräch mit Christus, sondern Mit-Schwingen mit seinem Herzen. Wo wir seine Gedanken aufnehmen, verlagert sich die Gewichtsmitte unseres Lebens: Entscheidungen werden weniger von nacktem Nutzen, mehr vom Wohlgefallen des Sohnes geprägt. So zeigt sich Gemeinschaft sehr einfach: in einer anderen Art, Zeit, Menschen, Besitz, auch eigene Verletzungen zu sehen – durch die Augen dessen, mit dem wir verbunden sind.
Gleichzeitig bleibt diese Gemeinschaft nie nur privat. Sie hat eine sichtbare Form im Miteinander der Glaubenden. Schon in der ersten Gemeinde „blieben sie beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg. 2:42). Was sie verband, war nicht ein gemeinsamer Stil oder eine starke Leitungsfigur, sondern Christus selbst. Im Brotbrechen wird das besonders deutlich: Dort teilen die Gläubigen nicht lediglich ein Ritual, sondern sie bezeugen, dass sie gemeinsam Anteil an dem einen Leib und dem einen Blut Christi haben. Gemeinschaft mit dem Sohn wird so zur Quelle der Gemeinschaft untereinander; beide lassen sich nicht voneinander lösen. Wer in Christus hineingerufen ist, findet sich unweigerlich auch inmitten von Menschen, die denselben Sohn als ihren Anteil empfangen haben.
Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (1.Kor 1:9)
was wir gesehen und gehört haben, das berichten wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus. (1.Joh. 1:3)
Wer seine Berufung als Ruf in die Gemeinschaft des Sohnes versteht, findet im Glauben einen Ruhepunkt: Das Entscheidende ist nicht, was ich für Christus tue, sondern dass ich in ihm und mit ihm leben darf – und aus dieser Verbundenheit wächst alles andere nach und nach hervor.
Christus als einziges Zentrum statt menschlicher Vorlieben
In Korinth traten die menschlichen Vorlieben deutlich hervor. Man bekannte sich zu Paulus, Apollos oder Kephas, man sortierte sich nach prägenden Personen und Stilen. Hinter diesen Sympathien stand eine tiefere Neigung des Herzens: Etwas anderes als Christus rückte in den Mittelpunkt. Genau hier setzt Paulus an, wenn er zu Beginn seines Briefes die Gemeinde als „berufene Heilige“ beschreibt, „zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn“ (1.Kor 1:2). Er erinnert die Korinther daran, dass ihr Herr nicht ein lokaler oder gruppenspezifischer Christus ist. Derselbe Jesus Christus, auf dessen Namen sie rufen, ist Herr aller, die ihn anrufen – unabhängig von Ort, Tradition oder geistlichem Akzent. In diesem Licht verlieren bevorzugte Lehrer und Richtungen ihre absolute Bedeutung; sie werden zu Dienern eines einzigen Zentrums.
In Vers 2 sagt Paulus: „Mit allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres.“ Christus gehört uns, und er gehört auch ihnen. Er gehört uns und allen anderen Gläubigen. … Er sagt, dass derselbe Herr Jesus Christus, dessen Namen wir an jedem Ort anrufen, unser Herr und ihr Herr ist, unser Anteil und ihr Anteil. Das bedeutet, dass alle Heiligen den Herrn als ihren einzigartigen Anteil haben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft drei, S. 25)
Dieses Zentrum ist der allumfassende Christus. Er ist nicht nur ein Lehrer unter vielen, sondern der von Gott bestimmte Mittelpunkt des Heilsplans. In ihm „seid ihr in allem reich gemacht worden“ (1.Kor 1:5), sagt Paulus. Der Blick auf diesen Reichtum entlarvt die Enge unserer Vorlieben. Was immer wir an bestimmten Personen, Lehrstilen oder Gemeindekulturen schätzen – alles, was wirklich Wert hat, ist bereits in Christus enthalten und wird von ihm her verteilt. Die Neigung, einen Menschen oder eine Richtung absolut zu setzen, entspringt der Angst, zu kurz zu kommen, wenn man sich nicht fest an etwas Sichtbares bindet. Dem stellt Paulus die Zusage Gottes entgegen: In Christus mangelt euch an keiner Gabe, und er „wird euch auch festigen bis zum Ende“ (1.Kor 1:7–8). Wer das glaubt, kann loslassen, Menschen auf einen Sockel zu stellen, und lernt, sie als Werkzeuge in der Hand des einen Herrn zu sehen.
Die Berufung in die Gemeinschaft des Sohnes (1.Kor 1:9) wirkt hier wie ein Gegenmittel gegen jede sektiererische Enge. Gemeinschaft mit Christus schließt Gemeinschaft mit allen ein, die ihm gehören. Johannes schreibt: „damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus“ (1.Joh. 1:3). Wo Christus das Zentrum ist, werden Unterschiede nicht zwangsläufig nivelliert, aber sie verlieren die Kraft, zu trennen. Man kann den Dienst eines Paulus anders empfinden als den eines Apollos und doch wissen: Beide weisen auf denselben Herrn, beide dienen demselben Leib. Im Licht des allumfassenden Christus werden persönliche Sympathien relativiert, ohne dass Persönlichkeiten ausgelöscht würden. Entscheidend ist nicht mehr, zu wem ich gehöre, sondern dass wir alle zu ihm gehören.
Praktisch erweist sich diese Sicht vor allem dann als tragfähig, wenn Spannungen auftreten. Menschliche Vorlieben neigen dazu, sich in Konflikten zu verhärten: Man stellt sich „seinen Leuten“ zur Seite und grenzt sich ab. Der Blick auf Christus als einziges Zentrum lenkt das Herz in eine andere Richtung. Statt zuerst zu fragen: „Wer hat recht?“, rückt die Frage in den Vordergrund: „Wie kann Christus hier geehrt werden? Wie bleibt der eine Leib sichtbar?“ Die Zusage Röm. 12:12 – „In der Hoffnung freut euch; in der Trübsal harrt aus; im Gebet seid beharrlich“ – gewinnt dann eine konkrete Gestalt. Hoffnung richtet sich auf das Werk Christi in allen Beteiligten, Ausharren trägt Spannungen, ohne sie vorschnell zu eskalieren, beharrliches Gebet hält die Verbindung zum Haupt lebendig. So hilft die Gemeinschaft mit dem allumfassenden Christus, dass Differenzen nicht in Spaltungen münden.
Relevante Schriftstellen: 1.Cor. 1:2, 1.Cor. 1:9, 1.Cor. 1:10-13, 1.Cor. 3:1-4, Joh. 17:21-23, Eph. 4:3-6.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Treuer Gott und Vater, danke, dass du uns in deiner Gnade berufen und in Christus bestätigt hast, indem du uns dein ewiges Leben geschenkt und deinen Heiligen Geist in uns gegeben hast. Herr Jesus, du allumfassender Christus, du bist unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung, unsere Erlösung und unsere tägliche Speise; richte unsere Herzen neu ganz auf dich als die einzige Mitte aus. Wo unsere Gedanken und Gefühle uns unsicher machen, lass dein Wort und dein inneres Zeugnis stärker zu uns reden als alle wechselnden Stimmungen. Inmitten aller Unterschiede unter deinen Kindern lass uns die Tiefe deiner Gemeinschaft entdecken, in der du uns mit dir und miteinander verbindest und alle Trennungen überwindest. Fülle uns mit der Freude, dass du uns genießt, obwohl wir schwach sind, und lehre uns, dich zu genießen in allem, was du bist. Aus dieser Gemeinschaft heraus bewahre uns bis zum Ende unsträflich am Tag deines Kommens und stärke unsere Hoffnung, dass du das gute Werk in uns vollenden wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 3