Das Wort des Lebens
lebensstudium

Befreit sein von der Sünde, dem Gesetz und dem Fleisch

13 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Freude der Errettung, erleben aber im Alltag, dass alte Muster, innere Gesetzlichkeit und das eigene Fleisch sie immer wieder einholen. Zwischen dem biblischen Ideal und der tatsächlichen Erfahrung scheint eine große Lücke zu klaffen: Wir wissen, dass Christus für uns gestorben ist – aber wie wird diese Befreiung in unseren konkreten Beziehungen, in Konflikten und inneren Kämpfen wirksam? Der Römerbrief zeichnet eine Linie von der Stellung des Sünders in Adam bis zur Freiheit im Geist und lädt uns ein zu verstehen, was Gott bereits getan hat und wie wir darin leben können.

Von Adam nach Christus versetzt: objektive Befreiung von der Sünde

Die Schrift zeichnet ein radikal anderes Bild vom Menschen, als wir es gewöhnlich von uns selbst haben. Sie beschreibt uns nicht zuerst als einzelne Personen mit einer langen Liste falscher Handlungen, sondern als solche, die in Adam zu Sündern gemacht wurden. So heißt es: „Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht“ (Römer 5:19). Unsere Not liegt daher tiefer als in unseren Taten; sie steckt in unserer Herkunft. In 1. Mose 3 trat die Sünde in die Menschheit ein, und von da an war das, was wir sind, von Sünde durchzogen. Die Bibel nennt diese gefallene Identität den „alten Menschen“. Er ist nicht einfach eine schlechte Seite an uns, sondern die ganze alte Person in Adam, mit Sünde konstituiert, unfähig, sich aus eigener Kraft aus diesem Zustand zu lösen.

Römer 5:19 sagt: „Durch den Ungehorsam des einen Menschen sind die vielen zu Sündern gemacht worden.“ Vielleicht denkst du, dass du, weil du errettet bist, nicht mehr ein Sünder bist. In gewissem Sinn stimme ich dir zu. Dennoch tragen wir immer noch das sündige Element unserer alten Konstitution in uns. Wir sind Sünder, die mit Sünde konstituiert sind. Wir sind nicht Sünder, weil wir gesündigt haben. Nein, wir sind Sünder, weil wir mit Sünde konstituiert worden sind. Schon bevor du geboren wurdest, warst du bereits ein Sünder. Ob wir gut oder böse sind – wir alle sind zu Sündern gemacht worden. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft vierunddreißig, S. 397)

Gottes Rettung setzt genau hier an. Er beschränkt sich nicht darauf, unsere vielen Sünden zu vergeben; Er geht an die Wurzel und beendet unsere alte Stellung in Adam. „Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft worden sind, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Römer 6:3). In Gottes Augen wurde unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt, „damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt werde, so dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Römer 6:6). Das ist mehr als eine innere Erneuerung, es ist ein Herrschaftswechsel: aus dem Bereich Adams, in dem Sünde regiert, sind wir in den Bereich Christi versetzt, in dem Gnade herrscht. Diese Versetzung ist eine objektive Tatsache, die nicht an unsere wechselhaften Gefühle gebunden ist. Selbst wenn unsere Erfahrung noch hinterherhinkt, steht vor Gott fest, dass wir nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde stehen müssen.

Aus dieser Sicht wird verständlich, warum Paulus sagen kann: „Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Römer 6:14). Er ruft uns nicht zu einer heroischen, inneren Anstrengung auf, sondern er führt uns in ein neues Selbstverständnis hinein: Wir sollen uns „der Sünde gestorben, Gott aber lebend in Christus Jesus“ ansehen (Römer 6:11). Glaube bedeutet hier, dass wir Gottes Urteil über uns übernehmen, auch wenn unsere Gefühle und Erinnerungen etwas anderes erzählen. Wer in dieser Weise lernt, sich selbst anzuschauen, löst sich Schritt für Schritt aus der alten Identität des „unverbesserlichen Sünder-Ichs“. Statt ständig um die eigene Schwäche zu kreisen, wächst ein nüchternes Vertrauen: In Christus bin ich nicht mehr festgelegt auf alte Bahnen, sondern in eine neue Wirklichkeit hineingestellt.

Gerade an den Punkten, an denen die Sünde am hartnäckigsten wirkt, gewinnt dieser Blickwechsel an Kraft. Die Erinnerung an Versagen verliert ihren lähmenden Stachel, wenn sie nicht mehr das letzte Wort über unsere Person hat. Wir dürfen ehrlich erkennen, wo Sünde noch Einfluss ausübt, ohne unsere Identität daraus abzuleiten. Wer so vor Gott steht, erfährt, dass die objektive Befreiung, die Er in Christus vollbracht hat, langsam in die eigenen Reaktionen, Entscheidungen und Gewohnheiten einsickert. Es ist ein Weg der Umgewöhnung im Glauben: weg von Adam, hin zu Christus. In dieser Bewegung liegt eine stille, aber starke Ermutigung – wir sind nicht dazu bestimmt, ewig Gefangene unserer Vergangenheit zu bleiben, sondern Söhne und Töchter, die in einer neuen Sphäre leben.

Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht. (Römer 5:19)

Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft worden sind, auf seinen Tod getauft worden sind? (Römer 6:3)

Die objektive Versetzung aus Adam in Christus lädt dazu ein, mit Gott über die eigene Identität übereinzustimmen. Wer sich im Licht von Römer 6:3–6 und 6:11 versteht, entdeckt, dass die innere Haltung zur Sünde sich verändert: Statt aus Ohnmacht oder Selbsthass zu reagieren, wächst ein ruhiges Nein zur alten Herrschaft und ein stilles Ja zu dem, was Gott in Christus bereits ausgesprochen hat.

Befreit vom Gesetz: vom inneren Druck zur Gnade

Wer die eigene Geschichte mit Gott betrachtet, erkennt oft ein ehrliches Verlangen, gut zu leben und Ihm zu gefallen – verbunden mit der schmerzlichen Erfahrung des Scheiterns. Der Römerbrief zeichnet dieses innere Ringen mit großer Klarheit. Paulus sagt: „Denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht“ (Römer 7:18). Das Gesetz, das an sich „heilig und gerecht und gut“ ist (Römer 7:12), wird in diesem inneren Drama zum Spiegel, der unsere Hilflosigkeit sichtbar macht. Gott gab das Gesetz nicht als Werkzeug zur Selbstverbesserung, sondern damit die Sünde ans Licht kommt und jede Illusion eigener Kraft zerbricht.

Zur Zeit des Falls kam die Sünde in den Menschen. Der Mensch erkannte jedoch nicht, wie sündig er war. Deshalb musste Gott dem Menschen das Gesetz geben, damit seine Sündhaftigkeit offenbar würde. Obwohl das Gesetz an sich kein Problem hätte sein sollen, wurde es dennoch zu einem Problem. Gottes Absicht, dem Menschen das Gesetz zu geben, war, ihn bloßzustellen und ihn von seiner Sündhaftigkeit zu überführen. Aber obwohl der Mensch durch die Anforderungen des Gesetzes bloßgestellt wurde, weigerte er sich immer noch zuzugeben, dass er sündig war. Stattdessen gebrauchte er das Gesetz in verkehrter Weise, als wollte er sagen: „Das Gesetz ist ausgezeichnet. Ich werde all seine Anforderungen erfüllen.“ (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft vierunddreißig, S. 399)

Gerade weil das Gesetz gut ist, neigt das religiöse Herz dazu, es in Besitz zu nehmen und daraus ein Projekt zu machen: „Jetzt werde ich es endlich schaffen.“ Doch je ernster der Vorsatz, desto schmerzhafter die Erfahrung, dass uns etwas in uns selbst immer wieder überläuft. Die Worte „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das übe ich aus“ (Römer 7:19) sind nicht das Geständnis eines Gleichgültigen, sondern der Aufschrei eines Menschen, der Gott wirklich dienen möchte und doch an sich selbst verzweifelt. In dieser Spannung wächst ein innerer Druck, ein religiöses Muss, das das Herz unter ein Joch bringt – ein Joch, das weder wir noch unsere Väter zu tragen vermochten.

Gottes Antwort auf diesen Zustand ist überraschend radikal. Er verbessert nicht den „alten Menschen“, der sich am Gesetz abarbeitet, sondern führt ihn ans Ende durch den Tod Christi. Paulus fasst es so: „Also seid auch ihr dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht bringen“ (Römer 7:4). Das Bild einer Ehe hilft, das zu verstehen: Solange der erste Ehemann – der alte Mensch unter dem Gesetz – lebt, sind wir an ihn gebunden. Durch den Tod mit Christus ist diese Bindung rechtlich beendet. Wir stehen nicht mehr unter dem System „Du sollst, also streng dich an“, sondern gehören einem neuen Ehemann, dem auferstandenen Christus, der selbst in uns wohnt.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von Anforderung zu Beziehung, von innerem Druck zu Gnade. Das, was Gott jetzt sucht, ist nicht eine perfekte Erfüllung des Gesetzes aus eigener Kraft, sondern das Leben eines Menschen, der sich dem inwohnenden Christus öffnet. „Denn Gottes Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist“ (Römer 5:5). Gnade bedeutet in diesem Zusammenhang nicht ein weiches Wegsehen über unsere Schwächen, sondern Gottes beständiges, wirkendes Wohlwollen, das uns von innen her verändert. Gehorsam wird zur Frucht dieser Verbindung, nicht zum Ergebnis eines moralischen Alleingangs. In dieser Atmosphäre verliert das strenge innere Gericht seine Macht, und an seine Stelle tritt eine stille Zuversicht: Ich muss mich nicht selbst retten, denn ich gehöre dem, der in mir wirkt.

So ist also das Gesetz heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut. (Römer 7:12)

Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das übe ich aus. (Römer 7:18-19)

Die Befreiung vom Gesetz als innerem Druck eröffnet einen Raum, in dem Fehlbarkeit nicht mehr das Ende der Beziehung zu Gott bedeutet. Wer Römer 7:4 und 7:18–19 im Herzen bewegt, lernt, die eigenen Grenzen als Anlass zu nehmen, sich dem auferstandenen Christus neu anzuvertrauen, statt den Druck des „Ich muss es schaffen“ zu erhöhen – und erfährt, dass wirklicher Gehorsam aus dieser stille gewordenen, von Gnade geprägten Beziehung wächst.

Frei vom Fleisch: ein Leben nach dem Geist

Auch nachdem wir in Christus eine neue Stellung empfangen haben, begegnen wir in uns einem Widerstand gegen Gott, der sich unserer Kontrolle entzieht. Die Schrift nennt ihn „Fleisch“ – nicht bloß den Körper, sondern die gefallene, selbstbezogene Natur, die aus Adam stammt. Paulus sagt nüchtern: „Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (Römer 7:18). In der Praxis äußert sich das Fleisch in Reaktionen, Worten und Stimmungen, die wir hinterher bereuen und doch im Moment kaum zu steuern wissen. Wer ehrlich ist, erkennt: Selbst mit den besten Vorsätzen bleibt etwas in uns, das sich Gottes Willen entzieht.

In der letzten Botschaft haben wir darauf hingewiesen, dass wir in Römer 5 in Adam sind, in Römer 6 in Christus, in Römer 7 im Fleisch und in Römer 8 im Geist. Wenn wir im Fleisch sind, erfahren wir Adam, und wenn wir im Geist sind, erfahren wir Christus. Der Adam in Kapitel 5 kann nur im Fleisch in Kapitel 7 erfahren werden, und der Christus in Kapitel 6 kann nur im Geist in Kapitel 8 erfahren werden. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft vierunddreißig, S. 396)

Römer 8 zeigt, dass Gott dieses Problem nicht sich selbst überlässt. Er greift das Fleisch am Kreuz Christi an und setzt ihm das Urteil zu: „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Römer 8:3). Damit ist das Fleisch nicht aus unserer Erfahrung verschwunden, aber seine rechtliche Macht ist gebrochen. Zugleich gibt Gott uns seinen Geist, damit wir nicht mehr unter der Regie des Fleisches leben müssen. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Römer 8:2). Hier begegnen sich zwei Wirkprinzipien: das automatische Gesetz der Sünde in unserem Fleisch und das ebenso wirksame Gesetz des Geistes des Lebens in unserem erneuerten inneren Menschen.

Die Frage, wie diese Befreiung im Alltag Gestalt gewinnt, führt zu einem entscheidenden Wort in Römer 8: „Denn die, die nach dem Fleisch sind, sinnen auf das, was des Fleisches ist; die aber nach dem Geist sind, auf das, was des Geistes ist. Denn das Sinnen des Fleisches ist Tod, das Sinnen des Geistes aber Leben und Frieden“ (Römer 8:5–6). Entscheidend ist nicht, dass wir das Fleisch aus eigener Kraft besiegen, sondern worauf unser Sinn ausgerichtet ist. Sobald unser inneres Denken, unser innerer Dialog, von Selbstbehauptung, Vergleich oder Bitterkeit beherrscht ist, gewinnt das Fleisch Raum. Wenn unser Sinn sich jedoch bewusst dem Geist zuwendet – dem inwohnenden Christus, seiner Gegenwart, seinem Wort –, beginnt ein anderes Gesetz zu wirken. Ohne äußeren Druck, oft leise und unspektakulär, setzt sich in unseren Motiven und Reaktionen ein neues Leben durch.

In dieser Perspektive wird klar, dass ein Leben nach dem Geist nicht in erster Linie aus besonderen geistlichen Höhepunkten besteht, sondern aus einer Vielzahl unscheinbarer Wendungen des Herzens. Die Befreiung, die Gott objektiv in Christus vollbracht hat – Kreuzigung des alten Menschen, Verurteilung der Sünde im Fleisch, Befreiung vom Gesetz –, wird subjektiv erfahrbar, wenn wir innerlich dort wohnen, wo der Geist zuhause ist. Die Folge ist nicht Perfektion, sondern ein wachsendes Maß an Leben und Frieden mitten in den Unvollkommenheiten des Alltags. Wir merken, dass wir anders reagieren, als wir es von uns kennen; wir verstricken uns weniger in Selbstanklagen und entdecken eine Freiheit, Gott und Menschen mit einem weicheren, zugleich klareren Herzen zu begegnen.

Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht. (Römer 7:18)

Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte. (Römer 8:2-3)

Die Befreiung vom Fleisch wird konkret, wenn das eigene Innerste nicht länger von der Frage beherrscht wird, ob man stark genug ist, sondern von der Ausrichtung auf den Geist, der in einem wohnt. Wer Römer 8:2–6 ernst nimmt, beginnt im Alltag kleine innere Wendungen einzuüben – weg von dem, was das Fleisch nährt, hin zu dem, was den Geist ehrt – und erfährt, dass mit dieser stillen Neuausrichtung Leben und Frieden spürbar zunehmen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 34

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