Das Wort des Lebens
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Befreit sein vom Tod (1)

12 Min. Lesezeit

Viele Gläubige wissen, dass ihnen ihre Sünden vergeben sind, und doch erleben sie in ihrem Inneren eine lähmende Kraft, die Freude, Liebe und geistliche Energie dämpft. Die Bibel nennt diese unsichtbare, aber sehr reale Macht den Tod, der sich in Müdigkeit, innerer Schwäche und geistlicher Teilnahmslosigkeit zeigt. Gerade dort, wo wir Gott ernsthaft gefallen möchten, spüren wir oft am stärksten, wie uns etwas innerlich „abtötet“. Die Frage ist: Wie befreit Christus uns nicht nur von der Schuld der Sünde, sondern auch von der zerstörerischen Wirkung des Todes in unserem alltäglichen Leben?

Wie Sünde unser Inneres vergiftet und zum Tod führt

Die Schrift beschreibt den Fall des Menschen als ein Geschehen, das bis in die Tiefen unseres Wesens reicht. In 1. Mose wird der Mensch als gut geschaffen, nach dem Bild Gottes, fähig, Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu haben und seine Herrlichkeit zu spiegeln. Mit dem Ungehorsam Adams geschieht jedoch mehr als ein moralischer Fehltritt. Es geht nicht nur darum, dass der Mensch etwas Falsches getan hat, sondern darum, dass etwas Fremdes in ihn hineinkam. Paulus spricht in Römer 5 von der Sünde, die „in die Welt hineingekommen“ ist und „zu allen Menschen durchgedrungen“ ist (Römer 5:12). Die Sünde erscheint bei ihm fast wie eine Person: Sie tritt ein, herrscht, täuscht, verführt, schlägt zu, nimmt Wohnung. Was ursprünglich ein reines Gefäß für Gott war, ist von einem anderen Element durchsetzt worden, das dem Wesen des Bösen entspricht.

Durch Gottes Schöpfung waren wir gute, gerechte Menschen. Durch den Fall Adams jedoch wurde die Sünde in unser Wesen hineininjiziert. Als der Mensch fiel, machte er nicht nur einen Fehler und tat etwas Falsches. Hätte der Mensch nur einen Fehler gemacht, wäre sein Fall nicht so ernst gewesen. Im Fall geschah jedoch etwas, das ernster war als ein Fehler: Die Sünde wurde in das Wesen des Menschen hineininjiziert. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfunddreißig, S. 405)

Sündige Taten sind darum eher Symptom als Ursache. Sie sind die sichtbare Frucht eines unsichtbaren Wurzelwerks. Jesus selbst macht deutlich, dass die eigentliche Quelle in der Tiefe des Inneren zu suchen ist: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen hervor die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen“ (Markus 7:21–23). Dieses „von innen“ ist die eigentliche Tragik des Sündenfalls: Der Mensch ist nicht nur umgeben von Sünde, er trägt eine sündige Natur in sich. Die Macht des Bösen ist nicht nur ein äußerer Druck, sie hat im Herzen einen Stützpunkt gefunden.

Darum endet Sünde nie in sich selbst. Sie ist kein isolierter Fehlgriff, sondern ein Same, der eine bestimmte Frucht hervorbringt. Paulus fasst es nüchtern zusammen: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Römer 6:23). Sünde und Tod gehören zusammen wie Wurzel und Frucht, Ursache und Folge. Wo die Sünde ihre Herrschaft ausübt, bricht das Leben zusammen: zunächst geistlich, dann seelisch, am Ende körperlich. Diese Wirksamkeit des Todes ist nicht erst eine ferne Realität am Ende des irdischen Lebens. Sie beginnt schon jetzt im Inneren: Gedanken werden träge für Gott, das Gewissen verliert an Schärfe, der Wille wird kraftlos gegenüber dem Guten, das Herz wird stumpf für die Gegenwart des Herrn.

Dieser innere Tod kann sich hinter äußerer Anständigkeit verbergen. Ein Mensch kann moralisch respektabel erscheinen und innerlich doch wie abgeschnitten von der Lebendigkeit Gottes sein. Paulus beschreibt die Epheser vor ihrer Bekehrung als „tot in euren Vergehungen und Sünden“ (Epheser 2:1), obwohl sie äußerlich lebten, arbeiteten, liebten und planten. Das zeigt, wie radikal die Diagnose der Schrift ist: Tod meint hier nicht das Ende der biologischen Funktionen, sondern die Trennung von der Quelle des Lebens, von Gott selbst. Wo der Mensch sich um sich selbst dreht – um Ehre, Bequemlichkeit, Erfolg oder Begierde –, wirkt in ihm ein Prozess der inneren Abstumpfung. Die Seele verliert ihre Empfänglichkeit für das, was von oben kommt.

Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben. (Römer 5:12)

Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen hervor die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen. (Markus 7:21–23)

Wer Sünde als vergiftende Macht erkennt, wird nicht in Mutlosigkeit festgehalten, sondern lernt, sein inneres Erleben im Licht Gottes zu sehen: Nicht die eigene Anstrengung, sondern das stärkere Leben Christi ist die Antwort auf den Tod, der sich in Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen bemerkbar macht; aus dieser Einsicht erwächst eine stille, aber tiefe Erwartung: dass Gott gerade im Innersten, dort, wo wir uns am meisten für verloren halten, seine lebendig machende Kraft erweist.

Von Sünde, Gesetz und Fleisch befreit – und doch vom Tod bedrängt?

Römer 6–8 zeichnet eine weite Befreiungslandschaft vor unsere Augen. Zuerst hören wir, dass unser „alter Mensch mitgekreuzigt“ wurde, damit „der Leib der Sünde abgetan sei, sodass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Römer 6:6). Dann lesen wir, dass wir dem Gesetz gestorben sind, um einem anderen zu gehören, dem auferstandenen Christus (Römer 7:4). Schließlich erklärt Paulus, dass „die Rechtsforderung des Gesetzes“ in uns erfüllt wird, die wir „nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Römer 8:4). Sünde, Gesetz, Fleisch – dieses dreifache Joch ist in Christus gebrochen. Und doch taucht mitten in diesem Abschnitt der Schrei auf: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten von diesem Leib des Todes?“ (Römer 7:24).

Die Sünde hat eine Reihe von Folgen. Durch sie sind sowohl das Fleisch als auch das Gesetz hereingekommen. Daher haben wir die Probleme der Sünde, des Fleisches und des Gesetzes. Aber wir haben noch ein weiteres Problem, nämlich das äußerste Ergebnis der Sünde: den Tod. Wo Sünde ist, da ist auch Tod. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfunddreißig, S. 406)

Dieser Ruf ist keine rhetorische Einlage, sondern entspringt einer tiefen inneren Erfahrung. Paulus weiß, dass er in Christus eine neue Stellung hat; dennoch spürt er in sich eine Macht, die ihn immer wieder in die alte Richtung zieht. Er beschreibt sie als „ein anderes Gesetz in meinen Gliedern“, das er als das „Gesetz der Sünde“ identifiziert (Römer 7:23). Damit ist eine Gesetzmäßigkeit gemeint, eine ständig wirksame Tendenz, die das Gute, das der erneuerte Wille will, schwächt und unterläuft. Das äußerste Ergebnis dieser inneren Dynamik nennt er „Leib des Todes“. Es ist, als ob in unserer gefallenen Menschlichkeit eine ständige Schwerkraft nach unten wirkt.

Diese Spannung kennen viele: Der Verstand bejaht das Evangelium, der Wille fasst gute Vorsätze, das Herz möchte dem Herrn Raum geben – und doch bleibt man wie gelähmt oder fällt in alte Muster zurück. Man spürt nicht nur Versuchung, sondern inneren Widerstand, Erschlaffung, eine Müdigkeit gegenüber dem Guten. Wo man reden möchte, bleibt der Mund geschlossen; wo man beten möchte, schweifen die Gedanken ab; wo man lieben möchte, zieht sich das Herz zurück. All das sind Ausdrucksformen des Todes, der in der gefallenen Natur wirkt. „Wo Sünde ist, da ist auch Tod“, und dieser Tod drückt sich in einer merkwürdigen inneren Erstarrung aus.

Hier wird deutlich, wie begrenzt rein moralische oder religiöse Strategien sind. Mehr Anstrengung, strengere Vorsätze, detailliertere Selbstanalyse – all das kann das Gesetz der Sünde und des Todes nicht aufheben. Ein Gesetz wird nur durch ein stärkeres Gesetz außer Kraft gesetzt. So wie die Schwerkraft real ist und dennoch durch das Gesetz des Auftriebs überwunden werden kann, so bleibt das Gesetz der Sünde und des Todes in der gefallenen Menschheit wirksam, wird aber durch ein anderes, höheres Gesetz durchbrochen. Paulus leitet von seinem Klageruf unmittelbar über zu einer dankbaren Wendung: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (Römer 7:25). In Christus hat Gott genau dieses stärkere Gesetz eingeführt.

Dies wissen wir doch, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, sodass wir der Sünde nicht mehr dienen. (Römer 6:6)

Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten von diesem Leib des Todes? Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! (Römer 7:24–25)

Die innere Erfahrung, trotz biblischer Zusagen der Befreiung noch unter Lähmung und Erstarrung zu leiden, muss nicht in Selbstanklage oder Zynismus münden; sie kann – im Licht von Römer 7 und 8 – zu einem Ort werden, an dem das Herz lernt, weniger auf die eigene Fähigkeit und mehr auf das stärkere Gesetz des Geistes des Lebens zu vertrauen, das Gott in Christus in uns hineingelegt hat und das den wirksamen Tod Schritt für Schritt zurückdrängt.

Der Geist des Lebens und der wohnende Christus als Weg aus dem Tod

Auf den Schrei nach Befreiung aus dem Leib des Todes antwortet Gott nicht mit weiteren Forderungen, sondern mit einer neuen inneren Wirklichkeit. Paulus fasst sie in einem Satz zusammen: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Römer 8:2). Hier begegnen wir erneut dem Bild eines Gesetzes: einer beständigen Wirksamkeit, die aus sich heraus wirkt, nicht erst, wenn wir uns besonders anstrengen. Dieser Geist des Lebens ist der Geist des auferstandenen Christus; er wohnt im wiedergeborenen Geist der Glaubenden. In demselben Abschnitt heißt es: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist zwar der Leib tot der Sünde wegen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen“ (Römer 8:10). Das Leben, das Christus ist, hat im Innersten des Christen eine Wohnstatt genommen.

Der Weg, von diesem Tod frei zu werden, wird in 8:2 gezeigt. Es ist der Geist des Lebens. Wir müssen uns unserem Geist zuwenden und gemäß unserem Geist wandeln. Glaube deinen Gefühlen der Müdigkeit nicht. Neunundneunzig Mal von hundert sind solche Gefühle eine Lüge. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfunddreißig, S. 411)

Damit bleibt dieses Leben nicht wie ein verschlossenes Geschenk in einem inneren Raum. Paulus fügt hinzu: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus Jesus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Römer 8:11). Die Bewegung geht vom innersten Zentrum nach außen: vom Geist in die Seele, bis in den physischen Leib hinein. Je mehr Christus in uns nicht nur anwesend ist, sondern wirklich „wohnt“, das heißt Heimrecht gewinnt in unseren Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen, desto freier kann der Geist des Lebens sich ausbreiten und das Feld besetzen, auf dem bisher der Tod regierte.

Diese Wirklichkeit bleibt nicht abstrakt. Sie berührt unser Erleben genau an den Stellen, an denen Tod sich bemerkbar macht: in Müdigkeit, innerer Schwere, Selbstbezogenheit, Menschenfurcht, Mutlosigkeit. Wenn die Schrift dazu ruft, „nach dem Geist zu wandeln“, ist damit ein inneres Sich-Zuwenden gemeint, ein Ausrichten des Sinnes auf das, was der Geist will. „Denn die nach dem Geist sind, sinnen auf das, was des Geistes ist. Denn das Sinnen des Geistes ist Leben und Frieden“ (Römer 8:5–6). In dem Moment, in dem das Herz sich im Glauben Christus zuwendet – manchmal nur in einem leisen inneren Ruf: „Herr Jesus“ –, tritt ein anderes Gesetz in Kraft als das der inneren Lähmung. Nicht wir überwinden aus eigener Kraft unsere Trägheit; der Geist des Lebens setzt sein Werk durch.

So wächst in der Erfahrung allmählich ein feiner Unterschied: Man kommt in Situationen, in denen früher nur Erstarrung oder Flucht möglich schienen, und entdeckt, dass ein leiser innerer Strom zum Herrn hinzieht. Vielleicht ist die äußere Schwäche nicht sofort verschwunden, aber es zeigt sich eine neue Beweglichkeit: Ein Gebet findet seinen Weg durch die zerstreuten Gedanken, eine versöhnende Geste wird möglich, ein Wort der Ermutigung formt sich, obwohl die eigene Stimmung dagegensteht. Das sind keine heroischen Leistungen, sondern Ausdruck dessen, dass Christus in uns Raum gewinnt. Sein Leben beginnt, unsere Reaktionen, Haltungen und selbst unseren Körper mit zu bestimmen.

Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Römer 8:2)

Wenn aber Christus in euch ist, so ist zwar der Leib tot der Sünde wegen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. (Römer 8:10)

Die Kenntnis des Gesetzes des Geistes des Lebens verändert die innere Haltung gegenüber Müdigkeit, Lähmung und Mutlosigkeit: Statt sie als endgültiges Urteil über den eigenen Zustand zu deuten, dürfen sie als Anlass verstanden werden, sich im Glauben dem inwohnenden Christus zuzuwenden; so wird die tägliche Begegnung mit der eigenen Schwachheit zur Bühne, auf der der Geist des Lebens seine stille, aber durchgreifende Überlegenheit über den Tod erweist.


Herr Jesus Christus, du hast mich nicht nur von der Schuld der Sünde erlöst, sondern auch die Macht des Todes durch deine Auferstehung überwunden. Danke, dass der Geist des Lebens in mir wohnt und stärker ist als jedes innere Gesetz der Sünde und des Todes. Öffne mein Herz, damit du in mir wirklich Wohnung machen und dein Leben aus meinem Geist in meine Gedanken, Gefühle, Entscheidungen und sogar in meinen schwachen Leib hinein ausbreiten kannst. Wo Müdigkeit, Mutlosigkeit oder innere Kälte herrschen wollen, lass dein Auferstehungsleben neu aufstrahlen und mich von innen her beleben. Fülle mich mit deinem Frieden und deiner Freude, damit mein ganzes Sein ein lebendiges Zeugnis deiner befreienden Kraft ist. Der Gott des Lebens stärke und tröste dich, bewahre dein Herz vor dem Wirken des Todes und lasse dich seine lebendige Gegenwart tiefer erfahren. Er halte dich fest in seiner Gnade, bis sein Leben alles in dir durchdrungen hat und du seine Herrlichkeit vollkommen siehst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 35

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