Das Wort des Lebens
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Erben der Herrlichkeit (2)

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Vieles in dieser Welt wirkt vergeblich: Mühe, die wieder verpufft, Freude, die schnell vergeht, Beziehungen, die zerbrechlich sind. Die Bibel beschreibt diese Erfahrung mit einem starken Wort: Nichtigkeit. Und doch sagt sie gleichzeitig, dass Gott mitten in dieser Vergänglichkeit eine herrliche Zukunft vorbereitet – nicht nur für seine Kinder, sondern für die ganze Schöpfung. Wer zu Christus gehört, trägt bereits jetzt einen Vorgeschmack dieser kommenden Herrlichkeit in sich, während er zugleich unter den Spannungen und Leiden der Gegenwart seufzt.

Leiden und Herrlichkeit der Kinder Gottes

Wenn Paulus davon spricht, dass wir „Erben Gottes und Miterben Christi“ sind, fügt er unmittelbar hinzu: „wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden“ (Römer 8:17). Er trennt Erbe und Leiden nicht, sondern führt sie ineins. In der Gemeinschaft mit Christus gibt es keine Herrlichkeit ohne Teilhabe an seinen Wegen, und zu diesen Wegen gehört das Kreuz. Leiden ist damit nicht in erster Linie ein Zeichen göttlicher Distanz, sondern der Nähe: wir werden in dieselbe Geschichte hineingezogen, in der der Sohn durch Leiden zur Herrlichkeit ging. Jesus selbst deutet seine Bahn so, wenn Er sagt: „Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lukas 24:26). Das Kreuz ist nicht Randnotiz, sondern Durchgang zur Herrlichkeit; wer mit Ihm verbunden ist, wird an beidem Anteil haben.

Die Voraussetzung dafür, Erben Gottes und Miterben Christi zu sein, ist, dass „wir mit Ihm leiden, damit wir auch mit Ihm verherrlicht werden“. Vielleicht mögen wir das Leiden nicht, aber wir brauchen es. Denk daran, dass Leiden die Inkarnation der Gnade ist. Wir sollten uns durch Leiden nicht niederschlagen lassen. Wenn wir mit Ihm leiden, werden wir auch mit Ihm verherrlicht werden. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunzehn, S. 225)

In diesem Licht bekommen unsere gegenwärtigen Schmerzen eine andere Farbe. Sie sind nicht einfach dunkle Flecken in einem ansonsten gesegneten Leben, sondern Orte, an denen die Gnade Gestalt annimmt – gleichsam eine „Einkörperung“ der Gnade in unserer Geschichte. Gott macht uns nicht zu Erben im luftleeren Raum, abgelöst von der Realität einer gefallenen Schöpfung. Er führt seine Kinder durch die Spannungen, Brüche und Verluste dieser Welt hindurch und prägt ihnen dort die Gestalt des Sohnes ein. Paulus nimmt das Bild des Himmels: „Ein Stern unterscheidet sich vom andern Stern in Herrlichkeit“ (1. Korinther 15:41). Alle werden leuchten, aber nicht alle in gleicher Intensität; die Tiefe der mit Christus geteilten Leiden steht in Beziehung zur Dichte der künftigen Herrlichkeit.

Dabei denkt Paulus nicht nur an die persönliche Biografie einzelner Gläubiger. Vor seinem inneren Auge liegt ein kosmischer Horizont: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten!“ (Prediger 1:2) – dieses Urteil über die gefallene Schöpfung ist umfassend. Die Welt, wie sie jetzt ist, trägt den Stempel der Vergänglichkeit; sie ist, wie er in Römer 8 sagt, der Nichtigkeit und der Knechtschaft der Vergänglichkeit unterworfen. Sie seufzt, weil sie nicht ist, wozu sie geschaffen wurde. Zugleich wartet sie: sie „erwartet sehnsüchtig die Offenbarung der Söhne Gottes“ (Römer 8:19). Das bedeutet: die Geschichte der Kinder Gottes ist mit der Geschichte der Schöpfung verflochten. Wenn sie in die „Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ eingeführt werden, wird auch die Schöpfung aus ihrer Knechtschaft herausgeführt.

Das Wachstum und die Reife der Gläubigen haben damit eine erstaunliche Tragweite. Was Gott in seinem verborgenen Wirken in Herzen, Gemeinschaften und Biografien ausreift, ist nicht nur privat bedeutsam; es ist Teil seiner Antwort auf das Seufzen der Welt. Jede bewahrte Treue in der Bedrängnis, jedes stille Tragen, jede mit Christus durchschrittene Nacht vertieft die Fähigkeit, in der kommenden Weltzeit zu leuchten und mit Ihm zu regieren. So dürfen Leiden verstanden werden als Wegstücke auf dem Pfad in eine Herrlichkeit, die größer ist als wir selbst. Wer so schaut, wird nicht leichtfertig über Schmerzen hinweggehen, aber er bleibt auch nicht in ihnen stecken. Er rechnet damit, dass Gott gerade an diesen Stellen seine Kinder dem Sohn ähnlicher macht – und dass aus diesem verborgenen Werk einmal ein Licht hervorgeht, an dem nicht nur sie selbst, sondern die ganze Schöpfung Anteil haben wird.

Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden. (Röm. 8:17)

Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen? (Lk. 24:26)

Wer seine Leiden in die Geschichte Christi hineingestellt sieht, wird nicht von ihnen definiert, sondern von der kommenden Herrlichkeit her gedeutet. Das nimmt dem Schmerz nicht seinen Ernst, aber es gibt ihm Richtung: hin zu einer Reife, in der Gottes Kinder als Erben offenbar werden und die Schöpfung mit ihnen aufatmet.

Der Erstling des Geistes und das innere Seufzen

Paulus beschreibt das Leben der Kinder Gottes mit einer auffälligen Spannung: „Wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt; nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, in Erwartung der Sohnschaft, der Erlösung unseres Leibes“ (Römer 8:22–23). Außen hören wir das Seufzen der Welt und spüren das eigene; innen tragen wir bereits den Geist als Erstling. Beides gehört zusammen: der Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit und das reale Empfinden der Unvollkommenheit der gegenwärtigen Zeit.

Obwohl wir durch die Wiedergeburt als Söhne Gottes geboren worden sind und den Geist als Erstfrucht haben, seufzen wir dennoch, weil wir noch in dem Leib sind, der mit der alten Schöpfung verbunden ist. Wir müssen zugeben, dass unser Leib noch zur alten Schöpfung gehört. Weil unser Leib zur alten Schöpfung gehört und noch nicht erlöst ist, seufzen wir in ihm, so wie die Schöpfung seufzt. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunzehn, S. 228)

Der „Erstling des Geistes“ ist mehr als ein theologischer Begriff. Wie die erste Frucht einer Ernte zeigt, was noch in Fülle kommen wird, so ist der Heilige Geist in uns der Vorgriff auf die volle, kommende Ernte der Herrlichkeit. Er ist Gott selbst als gegenwärtiger Trost, als Freude und Frieden mitten in einer Wirklichkeit, die zerbrechlich bleibt. Darum ist das Seufzen der Kinder Gottes nicht leer. Während „Nichtigkeit der Nichtigkeiten!“ (Prediger 1:2) über die gefallene Ordnung geschrieben steht, hat Gott in die Herzen seiner Kinder einen anderen Anfang gelegt: das Leben des kommenden Äons, das schon jetzt erfahrbar ist, aber noch nicht alles durchdrungen hat.

Weltliche Menschen versuchen, der inneren Leere und dem unausgesprochenen Seufzen zu entkommen, indem sie die Stimme der Nichtigkeit mit Ablenkung übertönen. Doch gerade dann meldet sich die Vergänglichkeit umso eindringlicher. Die Kinder Gottes sind diesem Seufzen nicht enthoben, aber sie sind ihm auch nicht ausgeliefert. In ihnen wohnt der Geist, der die Gegenwart Christi vermittelt – oft nicht in spektakulären Erlebnissen, sondern in einer leisen, tragenden Gewissheit. Lukas berichtet von den Emmausjüngern: „Und es geschah, während sie sich unterhielten und miteinander überlegten, daß Jesus selbst nahte und mit ihnen ging“ (Lukas 24:15). Ihre Augen waren gehalten, doch ihr Herz brannte, als Er ihnen die Schriften öffnete (Lukas 24:32). So wirkt der Geist als Erstling: Christus ist schon nah und wirksam, lange bevor wir Ihn klar erkennen.

Diese innere Wirklichkeit steht in Spannung zu unserem derzeitigen Leib, der noch zur alten Schöpfung gehört und der Vergänglichkeit unterliegt. Daher das Seufzen „in uns selbst“: eine tiefe, oft wortlose Wahrnehmung, dass unser gegenwärtiges Dasein noch nicht der endgültigen Form entspricht, die Gott verheißen hat. Die Hoffnung richtet sich daher nicht nur auf eine bessere Stimmung, sondern auf eine leibliche Erlösung. Paulus nennt diese Erlösung „Sohnschaft“ in ihrer Vollendung: das, was wir in der Wiedergeburt schon sind, soll einmal unsere ganze Existenz durchdringen, bis hinein in den Leib. Wenn dieser Leib verwandelt und der Niedrigkeit entrissen wird, wird die Spannung zwischen innerem Erstling und äußerem Seufzen aufgehoben sein.

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt; nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, in Erwartung der Sohnschaft, der Erlösung unseres Leibes. (Röm. 8:22-23)

Nichtigkeit der Nichtigkeiten! (Pred. 1:2)

Zwischen innerem Vorgeschmack und äußerem Seufzen leben zu lernen, gehört zur Reife der Kinder Gottes. Wer den Geist als Erstling achtet und zugleich das eigene Seufzen nicht verdrängt, wird in einer stillen Hoffnung bewahrt, die weder vor der Wirklichkeit flieht noch ihr das letzte Wort lässt.

Die Fürbitte des Geistes und das Wachstum zur vollen Sohnschaft

Die Schrift zeichnet den Weg der Kinder Gottes als einen Prozess: vom Kindsein über das Sohnsein hin zur reifen Erbschaft. In Römer 8 entfaltet Paulus diese Dynamik. Wer den Geist empfangen hat, ist als Kind geboren; wer sich vom Geist leiten lässt, tritt in die Stellung der Söhne ein; und wer durch diesen Weg der Leitung zur Reife gelangt, wird als Erbe offenbar (Römer 8:14–17). Dieser Weg ist kein geradliniges Fortschrittsdiagramm, sondern eine Geschichte mit Schwachheiten, Umwegen und Zeiten, in denen das eigene Herz sich selbst kaum versteht. Gerade in dieser Realität setzt Paulus an, wenn er sagt: „Ebenso aber kommt auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe; denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie es sich gebührt, aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern“ (Römer 8:26).

„In gleicher Weise“ tritt der Geist hinzu, um uns zu helfen. Welch ein Trost! Während wir seufzen, wachen und erwarten, seufzt, wacht und erwartet auch Er. Er ist ganz so wie wir. Wenn wir schwach sind, scheint auch Er schwach zu sein, obwohl Er es in Wirklichkeit nicht ist. Er hat Mitleid mit unserer Schwachheit. Um unserer Schwachheit willen scheint Er schwach zu sein, damit Er an ihr teilhaben kann. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunzehn, S. 230)

Hier wird der Heilige Geist nicht zuerst als Kraftquelle geschildert, sondern als mitseufzender Beistand. Er „tritt hinzu“, stellt sich an unsere Seite, nimmt unsere Schwachheit ernst und verbindet sich damit. Von außen mögen wir nur Ratlosigkeit wahrnehmen: Worte fehlen, Einsicht fehlt, die Lage scheint unübersichtlich. Innen jedoch geschieht etwas anderes: der Geist bringt das Unsagbare vor den Vater. Seine Seufzer in uns sind kein Ausdruck der Resignation, sondern der tiefsten Übereinstimmung mit Gottes Willen. Paulus fährt fort: „Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist; denn er tritt für die Heiligen ein gemäß Gott“ (Römer 8:27). In dieser verborgenen Fürbitte wird unser diffuses Verlangen nach Leben, Reife und Bewahrung in ein Gebet verwandelt, das ganz im Einklang mit Gottes Ziel steht.

In diesem Licht gewinnen die Seufzer, von denen zuvor die Rede war, eine zusätzliche Dimension. Die Schöpfung seufzt unter der Last der Vergänglichkeit, die Glaubenden seufzen in der Spannung zwischen Erstling und Unvollendung, und der Geist seufzt in ihnen – nicht als drittes, getrenntes Seufzen, sondern als die innerste Stimme, die die beiden anderen aufnimmt, reinigt und vor Gott trägt. So wird das innere Stöhnen, das oft unaussprechlich bleibt, Teil eines großen Gebetsstromes, den Gott selbst initiiert. Der, der die Herzen erforscht, hört in diesem Seufzen nicht nur unsere Unruhe, sondern Er hört den Sinn des Geistes: die Bitte, dass wir dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet werden (Römer 8:29) und als reife Söhne in der Herrlichkeit offenbar werden.

Wenn Lukas erzählt, wie Jesus zu den enttäuschten Jüngern auf dem Weg nach Emmaus tritt, sehen wir eine ähnliche Bewegung: „Und es geschah, während sie sich unterhielten und miteinander überlegten, daß Jesus selbst nahte und mit ihnen ging“ (Lukas 24:15). Sie verstehen ihre eigene Geschichte nicht mehr, ihre Hoffnung scheint gescheitert. Doch gerade in diesem Zustand kommt der Herr nahe, fragt, hört zu und öffnet ihnen dann die Schriften, bis ihre Herzen brennen. So arbeitet der Geist in uns: Er geht mit, während wir überlegen und mit uns selbst ringen, und Er schafft innerlich Verständnis für Gottes Weg, oft lange bevor unsere äußere Situation sich ändert. Aus dem bloßen Aushalten von Umständen wird so ein Wachsen im Leben – ein Hineinwachsen in die Sohnschaft, die nicht nur ein Titel, sondern eine geprägte Wirklichkeit ist.

Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern ihr habt einen Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden. (Röm. 8:14-17)

Ebenso aber kommt auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe; denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie es sich gebührt, aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist; denn er tritt für die Heiligen ein gemäß Gott. (Röm. 8:26-27)

Das Wissen um die Fürbitte des Geistes macht die eigene Schwachheit nicht kleiner, aber es stellt sie in einen größeren Horizont. Wer seine wortlosen Seufzer als Teil des Gebets des Geistes versteht, wird im Vertrauen gestärkt, dass Gott gerade durch unsichere und unbeholfene Zeiten hindurch das Wachstum zur Reife und zur vollen Sohnschaft vorantreibt.


Herr Jesus Christus, danke, dass du uns nicht nur als Kinder Gottes geboren hast, sondern uns auch als Erben deiner Herrlichkeit vorbereitest. Inmitten von Leiden, Nichtigkeit und innerem Seufzen schenkst du uns den Geist als Erstling, der uns deine Gegenwart und deinen Trost genießen lässt. Vater, du kennst unsere Schwachheit und hörst das unaussprechliche Seufzen deines Geistes in unserem Innern; richte unser Herz auf die Hoffnung der kommenden Herrlichkeit aus und stärke unsere Ausdauer, bis du unsere Sohnschaft vollendest und unseren Leib erlöst. Lass uns in dieser Hoffnung verwurzelt leben, damit wir schon jetzt etwas von dem Licht der kommenden Herrlichkeit widerspiegeln und deine Treue bezeugen. Der Friede Christi bewahre unsere Herzen und Gedanken, bis wir dich sehen in deiner Herrlichkeit und vollkommen in dein Bild verwandelt sind. In deiner Gnade wollen wir ruhen und in deiner Hoffnung leben, bis wir als deine Söhne offenbar werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 19