Erben der Herrlichkeit (1)
Viele Christen wissen, dass sie durch den Glauben Kinder Gottes sind, und doch bleibt oft ein tiefes Sehnen: War das schon alles? Die Bibel spricht davon, dass Gott uns nicht nur rechtfertigt und heiligt, sondern uns zu Söhnen und Erben seiner Herrlichkeit heranbildet. Zwischen der ersten Gewissheit „Ich gehöre Gott“ und der reifen Erfahrung, als Sohn unter seiner Leitung zu leben, liegt ein Weg des inneren Wachstums, auf dem der Heilige Geist uns Schritt für Schritt prägt.
Von Kindern zu Söhnen und Erben
Wenn Paulus in Römer 8 vom Ziel der Verherrlichung spricht, zeichnet er nicht nur eine ferne Zukunft, sondern entfaltet eine Bewegung Gottes mit uns. Menschen, die unter Verdammnis standen, werden gerechtfertigt, die Gerechtfertigten werden geheiligt, und die Heiligung läuft auf die Verherrlichung zu. In dieser Verherrlichung erblickt Paulus das, was er „volle Sohnschaft“ nennt – nicht als Zusatz zur Kindschaft, sondern als ihr gereiftes, voll entfaltetes Maß. Kinder Gottes sind wir in dem Augenblick, in dem Gott uns aus seinem Leben gebiert; Söhne Gottes werden wir, wenn dieses Leben in uns Gestalt gewinnt, unseren Sinn durchdringt, unseren Charakter umformt und uns in das Bild des Erstgeborenen verwandelt. Darum heißt es: „Denn alle, die durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“ (Röm. 8:14). Sohnsein ist hier kein bloßer Titel, sondern die Kennzeichnung derer, in denen der Geist des Lebens wirksam geworden ist.
Was ist das Ziel der Verherrlichung? Das Ziel der Verherrlichung ist die volle Sohnschaft der Kinder Gottes. Auf die Verdammnis folgt die Rechtfertigung, die Rechtfertigung dient der Heiligung, die Heiligung der Verherrlichung, und die Verherrlichung führt zur vollen Sohnschaft der Kinder Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft achtzehn, S. 215)
Kinder, Söhne, Erben – die Schrift verwendet diese Worte nicht beliebig. Ein Kind gehört seinem Vater, auch wenn es noch nichts versteht und nichts tragen kann. Ein Sohn, im Sinn der reifen Sohnschaft, trägt das Gepräge des Vaters und beginnt, Verantwortung zu übernehmen. Ein Erbe schließlich ist bereit, ein anvertrautes Erbe nicht nur zu empfangen, sondern mitzutragen. Paulus verbindet dieses Erbe ausdrücklich mit der Herrlichkeit: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mit ihm leiden, damit wir auch mitverherrlicht werden“ (Röm. 8:17). Die Herrlichkeit, von der hier die Rede ist, ist nicht lediglich Glanz über uns, sondern das nach außen Tretende dessen, was Gott innerlich in uns gewirkt hat. Gott gibt uns in Christus alles in der Geburt, doch er führt uns durch das Wachstum im Leben dahin, dass wir das Empfangene bewusst tragen, bewahren und ausdrücken. So darf niemand sich mit dem Gedanken beruhigen, „nur“ Kind zu bleiben. In Gottes Herzen liegt es, sein eigenes Wesen in uns zu entfalten, bis der Unterschied zwischen dem Erstgeborenen Sohn und den vielen Söhnen nicht mehr in der Art des Lebens, sondern nur noch in der Stellung liegt. Das macht Mut: Unser gegenwärtiges Reifen im Verborgenen ist nicht belanglos, sondern Vorbereitung auf eine Herrlichkeit, die wir einst mit Christus teilen werden.
Dass Gott uns zu Erben seiner Herrlichkeit machen will, stellt unser Leben in ein anderes Licht. Vieles, was uns begrenzt, beschneidet oder Unbequemes in uns ans Licht bringt, gehört zu diesem Weg der Sohnschaft. Er bleibt dennoch ein Weg der Gnade. Der Gott, der die Kinder zeugt, ist derselbe, der sie zur Reife bringt. Er nimmt nicht zurück, was er begonnen hat, sondern zieht uns durch seinen Geist tiefer in sein eigenes Leben hinein, bis der Tag kommt, an dem offenbar wird, was er in der Verborgenheit gewirkt hat. In dieser Perspektive dürfen selbst unscheinbare Schritte des Gehorsams, kleine innere Entscheidungen und stilles Ausharren unter seiner Hand in einem neuen Glanz erscheinen: Sie sind Bausteine dieser kommenden Herrlichkeit.
Denn alle, die durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes. (Röm. 8:14)
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mit ihm leiden, damit wir auch mitverherrlicht werden. (Röm. 8:17)
Wer sich als Kind Gottes weiß und zugleich spürt, wie wenig ausgereift sein inneres Leben oft ist, muss sich nicht abwerten, sondern darf diesen inneren Mangel als Einladung Gottes verstehen, tiefer in das Sohnsein hineinzuwachsen. Die Frage ist nicht, ob einige besonders Begabte zu Erben der Herrlichkeit werden, sondern ob wir dem Geist Raum geben, das geschenkte Leben in uns reifen zu lassen. Jede Situation, in der der Vater uns korrigiert, erzieht oder neu ausrichtet, trägt die leise Zusage in sich: Du sollst nicht nur dazugehören, du sollst mittragen; nicht nur von außen sehen, sondern aus meinem Wesen heraus teilhaben.
Der Geist des Sohnseins und der Ruf „Abba, Vater“
Die Frage, ob wir wirklich Kinder Gottes sind, ist zu tief, um sie allein mit Worten oder Gefühlen zu beantworten. Darum bindet Gott unsere Gewissheit nicht an wechselnde Stimmungen oder an die Stärke unseres Verstandes, sondern an eine innere Wirklichkeit, die er selbst in uns legt. Paulus sagt: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern ihr habt einen Geist der Sohnschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater“ (Röm. 8:15). Hier berühren wir das Herz der Kindschaft: Der Heilige Geist kommt in unseren menschlichen Geist und macht ihn zu einem Geist des Sohnseins. Aus unserem Inneren heraus entsteht eine Anrede, die nicht lernen lässt wie eine Formel, sondern wächst wie eine Beziehung – „Abba, Vater“, die vertrauliche, kindliche Hinwendung zu Gott.
Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern ihr habt einen Geist der Sohnschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater. Wie haben wir diesen Geist der Sohnschaft empfangen? Durch den Geist des Sohnes Gottes, der in unseren Geist gekommen ist. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft achtzehn, S. 217)
Dieses innere Rufen ist oft unscheinbar, aber erstaunlich beständig. Es kann von tiefem Empfinden begleitet sein oder ganz leise im Hintergrund mitschwingen, wenn unser Bewusstsein von Fragen oder Kämpfen in Anspruch genommen ist. Paulus beschreibt es so: „Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8:16). Zwei Stimmen, die sich verbinden: der Heilige Geist, der uns an das erinnert, was Gott in Christus getan hat, und unser erneuerter Geist, der darauf antwortet. Auch wenn Anfechtung, Anklage oder Zweifel kommen, bleibt in der Tiefe dieses stille Wissen: Ich gehöre nicht mehr einem fernen Gott, sondern einem Vater, der mich in seinem Sohn angenommen hat. Wo dieses Zeugnis wirkt, verliert die Furcht ihren Boden, und der innere Abstand zu Gott schrumpft.
In dieser Perspektive wird deutlich, dass die Gewissheit der Kindschaft weniger in spektakulären Erfahrungen als in einer wachsenden Vertrautheit mit dem Vater besteht. Das Rufen „Abba, Vater“ kann mitten im Alltag aufsteigen, in einem Seufzer, in einem dankbaren Aufblick, in einem schlichten Satz. Wer diesem inneren Ruf nicht misstraut, sondern ihn als Werk des Geistes anerkennt, lernt, sich nicht an der eigenen Schwachheit festzuhalten, sondern an der Treue dessen, der uns gezeugt hat. So vertieft sich mit der Zeit das Bewusstsein: Ich stehe nicht mehr vor einem Richter, der mich messen will, sondern in dem Haus eines Vaters, der mich erzieht, formt und bewahrt. Diese Gewissheit trägt leise durch Tage, an denen vieles im Äußeren unklar bleibt, und gibt Mut, sich immer wieder neu auf Gott einzulassen.
Wenn Jesus in Matthäus 22 den Sadduzäern antwortet, erinnert er an die Worte Gottes aus 2. Mose und sagt: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Matthäus 22:32). Damit öffnet er einen Blick in das Herz Gottes: Er bindet sich an Menschen in einer Weise, die über den Tod hinausreicht. Wer durch den Geist „Abba, Vater“ ruft, steht unter dieser Zusage. Die Treue Gottes, die Abraham, Isaak und Jakob getragen hat, ist dieselbe Treue, in der er sein Zeugnis in unserem Geist lebendig erhält.
Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern ihr habt einen Geist der Sohnschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater. (Röm. 8:15)
Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm. 8:16)
Wer die eigene Zugehörigkeit zu Gott stets neu anzweifelt, darf lernen, weniger auf die Unruhe der Gefühle und mehr auf das leise, beharrliche Zeugnis des Geistes zu achten. Das spontane, manchmal unscheinbare Rufen „Vater“ aus der Tiefe ist kein Eindruck, den man sich einredet, sondern ein Werk des Geistes des Sohnes in uns. Es trägt durch Phasen, in denen vieles unklar ist, und erinnert daran, dass Gott sich an unsere Kindschaft gebunden hat. Diese Gewissheit führt nicht in Bequemlichkeit, sondern in eine stille Zuversicht, in der wir Gott nicht mehr als fremde Macht, sondern als nahen Vater wahrnehmen.
Die Leitung des Geistes durch das innere Empfinden des Lebens
Die Leitung des Geistes erscheint uns leicht als etwas Spektakuläres: eine Stimme, ein Zeichen, ein besonderer Hinweis. Römer 8 richtet den Blick jedoch nach innen. Nachdem Paulus gesagt hat, dass wir nicht mehr nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln sollen, fügt er hinzu: „Denn die Gesinnung des Fleisches ist Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden“ (Röm. 8:6). Hier liegt ein Schlüssel: Der Geist führt, indem er in uns ein bestimmtes Empfinden des Lebens wirkt – ein Bewusstsein von Leben und Frieden, oder umgekehrt von innerem Erlöschen und Unfrieden. Die Söhne Gottes erkennen die Richtung des Geistes nicht zuerst an äußeren Umständen, sondern an diesem inneren Klima, das er in ihnen schafft.
Wie können wir die Führung des Geistes haben? Weder durch Beten noch durch das Achten auf Zeichen oder Hinweise. Wir haben die Führung des Geistes, indem wir gemäß dem Geist wandeln. Die Führung des Geistes kommt nicht aus äußeren Dingen und hängt nicht von ihnen ab. Die Führung des Geistes ist eine Folge des inneren Lebens. Ich würde sagen, sie entspringt dem inneren Empfinden des Lebens, dem Bewusstsein des göttlichen Lebens in uns. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft achtzehn, S. 220)
Dieses innere Empfinden des Lebens begleitet unseren täglichen Wandel, oft unspektakulär, aber verlässlich. Es kann geschehen, dass eine Möglichkeit sich günstig anbietet, Menschen uns zustimmen und Gründe sich logisch anhören, und doch bleibt innerlich etwas schwer, trocken, ohne Salbung. In anderen Situationen mag äußerlich wenig dafür sprechen, und dennoch spüren wir eine leise Freude, Freiheit und inneren Zuspruch. Dieses Empfinden ist nicht identisch mit Laune oder Neigung; es ist Ausdruck dessen, dass „der Geist des Lebens in Christus Jesus“ uns von innen her prägt (vgl. Röm. 8:2). Wer lernt, dieses Empfinden ernst zu nehmen, beginnt zu verstehen, was es bedeutet, „nach dem Geist zu wandeln“ – nicht getrieben von Druck, nicht geführt von Angst, sondern innerlich ausgerichtet auf das, was Leben und Frieden trägt.
Wenn Jesus in der Wüste versucht wird, weist er die Versuchung zurück, sich von einem spektakulären Zeichen leiten zu lassen. Als der Versucher ihn auffordert, sich vom Tempel zu stürzen, und sogar die Schrift zitiert, steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen“ (Matthäus 4:6), antwortet der Herr aus einem inneren Einssein mit dem Willen des Vaters und verweigert sich diesem Spiel mit der Schrift. Damit zeigt er eine Haltung, die auch für uns wegweisend ist: Nicht jedes äußere Wort, nicht jede offene Tür, nicht jede scheinbare Bestätigung bedeutet schon die Führung Gottes. Entscheidend ist, ob der Geist des Lebens in uns bejaht, was wir tun, und ob sich das Siegel des Friedens auf unsere Schritte legt.
Die Leitung des Geistes macht uns nicht unfehlbar, aber sie formt in uns eine wachsende Sensibilität. Wo wir diesem inneren Empfinden folgen, auch wenn es uns manchmal gegen den Strich geht, hinterlässt der Geist Spuren von Leben: erneute Frische im Gebet, Versöhnungsbereitschaft, Sanftmut, eine Freiheit von Zwang. Wo wir es übergehen, mag äußerlich zunächst alles funktionieren, und doch merken wir, dass die innere Quelle versickert. Gerade diese Erfahrung gehört zur Reifung in der Sohnschaft. Die Erben der Herrlichkeit sind Menschen, die gelernt haben, die stillen Hinweise des Geistes höher zu achten als den Lärm der Meinungen und die Verlockung des Sichtbaren.
Denn die Gesinnung des Fleisches ist Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden. (Röm. 8:6)
Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8:2)
Wer nach der Führung Gottes sucht, muss nicht auf besondere Zeichen warten, sondern darf das innere Empfinden des Lebens ernst nehmen, das der Geist in ihm wirkt. Wo sich Leben und Frieden einstellen, gewinnt der Weg ein stilles Ja Gottes; wo sie fehlen, macht derselbe Geist aufmerksam, bevor wir uns verheddern. In diesem sensiblen Hören wächst ein Lebensstil, der nicht von Angst getrieben ist, sondern vom Vertrauen, dass der Geist in den alltäglichen Entscheidungen gegenwärtig ist. So verwandeln sich gewöhnliche Tage zu Stationen eines Weges, auf dem der Vater seine Kinder zu Söhnen und Erben der Herrlichkeit heranbildet.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 18