Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Ausbreitung in Kleinasien und Europa durch den Dienst der Gruppe um Paulus (5)

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Wenn wir an die Anfänge der weltweiten Ausbreitung des Evangeliums denken, sehen wir oft nur Reisen, Städte und äußere Ereignisse vor Augen. Doch hinter den Stationen der ersten Missionsreisen steht ein verborgener Faden: Gottes ewiger Plan, sich selbst in Christus als Gnade mitzuteilen. Gerade in der Arbeit der Gruppe um Paulus wird deutlich, wie Gott von der alten Ordnung des Gesetzes zu einer neuen Wirklichkeit der Gnade übergeht und wie Er Seine Diener führt, das gleiche Evangelium auf unterschiedliche Weise – einmal aus der Schrift, ein anderes Mal aus der Schöpfung – zu verkündigen.

Die Apostelgeschichte als Buch von Gottes ewiger Haushaltung

Wer die Apostelgeschichte aufmerksam liest, merkt bald, dass dieses Buch mehr ist als ein aneinandergereihter Bericht beeindruckender Taten. Hinter den Reisen, Bekehrungen, Verfolgungen und Wundern liegt eine unsichtbare Linie: Gott ordnet die Ereignisse so, dass Seine ewige Absicht vorangetrieben wird. Wenn es in Apostelgeschichte 14:1. heißt: „ES geschah aber zu Ikonium, daß sie zusammen in die Synagoge der Juden gingen und so redeten, daß eine große Menge, sowohl von Juden als auch von Griechen, glaubte“, dann ist das kein zufälliger Erfolg eines besonders begabten Predigers. Hier wird sichtbar, wie Gott Menschen aus verschiedenen Hintergründen in dieselbe Heilsspur stellt, weil Er in Christus etwas Größeres verfolgt, als nur einzelne Seelen zu retten: Er sammelt ein Volk, das Christus als Haupt hat und Seinen Leib ausdrückt.

In diesen Botschaften bezeichnet das Wort „Haushaltung“ vielmehr die göttliche Anordnung in Gottes ewiger Ökonomie. In der Apostelgeschichte gibt es sehr viel in Bezug auf diese göttliche Anordnung zu sehen. Die Apostelgeschichte ist daher ein Buch über Gottes Ökonomie. Viele Christen haben dieses Verständnis der Apostelgeschichte nicht. Die Apostelgeschichte handelt nicht einfach nur von Taten. Dieses Buch zeigt uns Gottes Haushaltung, Gottes Ökonomie, Gottes Anordnung in Seiner ewigen Ökonomie. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft neununddreißig, S. 332)

Die Schrift legt diese verborgene Linie offen, wenn sie von Gottes Plan spricht, „die Verwaltung der Fülle der Zeiten dahin zu bringen, alles unter einem Haupt zusammenzufassen in dem Christus, was in den Himmeln und was auf der Erde ist“ (Epheser 1:10). Die Apostelgeschichte zeigt die ersten Schritte dieser Zusammenfassung: Ausgehend von Jerusalem, durch Judäa und Samaria, bis an die Enden der Erde, wird Christus als Mittelpunkt von Gottes Haushaltung verkündigt. Zeichen und Wunder begleiten diese Bewegung, aber sie sind nicht ihr Herz; sie sind die Siegel Gottes unter der Predigt von Kreuz und Auferstehung. Das Herzstück ist, dass Gott in Christus ein neues Zeitalter eröffnet – eine göttliche Ordnung, in der nicht mehr das Gesetz, sondern die Gnade herrscht, nicht mehr nationale Grenzen, sondern der eine Leib Christi maßgeblich sind.

Darum entfaltet sich in den scheinbar zufälligen Wegen von Paulus und seiner Gruppe etwas, das nur aus der Perspektive Gottes wirklich verstanden werden kann. Er führt sie in Synagogen, auf Marktplätze, in Gefängnisse, vor Stadträte und Könige – nicht, weil die Umstände es so wollen, sondern weil Er Seine Haushaltung verwirklicht. Apg. 14:3. beschreibt dies treffend: „Sie verweilten nun lange Zeit und sprachen freimütig in dem Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab, indem er Zeichen und Wunder geschehen ließ durch ihre Hände.“ Selbst die Dauer ihres Aufenthalts und der Charakter ihrer Rede stehen unter der Leitung dessen, der Seine Gnade bezeugen will.

Wer die Apostelgeschichte so liest, erkennt: Hinter jeder Ortsangabe, jeder Verfolgung und jedem scheinbaren Umweg arbeitet der Dreieine Gott an einer durchdachten Anordnung. Diese Sicht bewahrt davor, das christliche Leben nur als Abfolge frommer Aktivitäten zu verstehen. Es lädt ein, das eigene Leben in dieser größeren Geschichte zu verorten: Gott handelt nicht nur irgendwie, sondern gemäß Seiner ewigen Haushaltung. In dieser Erkenntnis wächst stille Zuversicht. Auch dort, wo Wege unverständlich sind oder Widerstände wachsen, bleibt gewiss: Der Herr ist dabei, Sein Wort der Gnade zu bezeugen und Menschen – uns eingeschlossen – in Seinen großen Plan hineinzunehmen.

ES geschah aber zu Ikonium, daß sie zusammen in die Synagoge der Juden gingen und so redeten, daß eine große Menge, sowohl von Juden als auch von Griechen, glaubte. (Apg. 14:1)

Sie verweilten nun lange Zeit und sprachen freimütig in dem Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab, indem er Zeichen und Wunder geschehen ließ durch ihre Hände. (Apg. 14:3)

Die Apostelgeschichte als Buch von Gottes ewiger Haushaltung ermutigt, das eigene Glaubensleben nicht isoliert, sondern im Zusammenhang von Gottes großer Ökonomie zu sehen. Wer erkennt, dass der Herr auch heute die Wege Seiner Zeugen lenkt, gewinnt Ruhe inmitten wechselnder Umstände und Mut, das Wort der Gnade freimütig zu bekennen, im Vertrauen, dass Gott selbst diesem Wort Zeugnis gibt.

Vom Wort des Gesetzes zum Wort der Gnade

Im Hintergrund der Ereignisse in der Apostelgeschichte steht eine leise, aber entscheidende Verschiebung: Gott führt von der alten Ordnung des Gesetzes in die neue Wirklichkeit der Gnade. In den Synagogen lag der Schwerpunkt auf dem, was Gott fordert; man las die Gebote, suchte die Vorschriften, ordnete das Leben nach Satzungen. Paulus aber spricht von „dem Wort seiner Gnade“ (Apg. 14:3) und macht deutlich, dass Gott nicht bei Forderungen stehengeblieben ist, sondern in Christus eine neue Haushaltung eröffnet. Dieses Wort der Gnade ist kein weicherer Ton neben dem harten Gesetz, sondern die Offenbarung, dass Gott selbst in Christus erfüllt, was Er fordert, und dem Menschen das Ergebnis schenkt.

Der Ausdruck „das Wort Seiner Gnade“ bezeichnet bestimmte haushalterische Punkte. In den Synagogen lasen die Juden das Alte Testament nicht, um das Wort von der Gnade des Herrn zu erkennen. Vielmehr lasen sie die Schriften, um das Wort von Gottes Gesetz zu erkennen, ein Wort, das zur alten Haushaltung, zur früheren göttlichen Anordnung in Gottes Ökonomie gehört. Aber das Wort von der Gnade des Herrn ersetzt das Gesetz. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft neununddreißig, S. 333)

Schon die ersten Kapitel der Bibel lassen etwas von dieser Gnade aufscheinen. Gleich nach dem Fall, mitten in Scham und Verstecken, ruft Gott den Menschen: „Wo bist du?“ (1. Mose 3:9). Dieses Wort ist mehr als ein Verhör; es ist die Einladung eines suchenden Gottes. Und in 1. Mose 3:15 heißt es: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen.“ Hier kündigt Gott nicht neue Gebote an, sondern einen Retter, den Same der Frau, der der Schlange den Kopf zermalmt. Gnade tritt in eine Situation hinein, in der der Mensch nichts mehr vorzuweisen hat.

Auch die Berufung Abrahams wird nicht als gesetzliche Forderung eingeführt, sondern als freies Zusagewort: „Und Ich werde dich zu einer großen Nation machen, und Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen; und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12:2). Gott bindet sich einseitig an ein Versprechen; Er setzt eine Geschichte der Gnade in Gang, die weit über Israel hinausreicht, bis zu allen Familien der Erde. Später fasst Jesaja diese Linie zusammen, wenn er Gottes Einladung überliefert: „Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben! Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, (getreu) den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David“ (Jesaja 55:3). Hinter diesen „Gnadenerweisen“ steht Christus, der Auferstandene, der als Erstgeborener Sohn Gottes die Fülle des göttlichen Lebens bringt.

Wenn Paulus in den Synagogen predigt, legt er genau diese Spur frei. Er zeigt, dass der, der als Same der Frau verheißen war, der in Abrahams Segen und in Davids Bund vorausgesagt wurde, nun in Jesus von Nazareth erschienen ist, gestorben und auferstanden ist. Er zeigt, dass Gott in Ihm nicht nur eine neue Lehre gegeben, sondern eine neue Wirklichkeit eröffnet hat: das Zeitalter der Gnade. Das Gesetz bleibt als Zeugnis bestehen, doch es hat seine Stellung als Mittelpunkt der Haushaltung verloren. An seine Stelle ist das „Wort seiner Gnade“ getreten – das lebendige Zeugnis, dass Gott in Christus alles getan hat, was zur vollständigen Errettung nötig ist.

Sie verweilten nun lange Zeit und sprachen freimütig in dem Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab, indem er Zeichen und Wunder geschehen ließ durch ihre Hände. (Apg. 14:3)

Und Jehovah Gott rief dem Menschen zu und sprach zu ihm: Wo bist du? (1. Mose 3:9)

Der Übergang vom Wort des Gesetzes zum Wort der Gnade schenkt eine tiefere Ruhe im Glauben: Gott erwartet nicht, dass Menschen Sein Gesetz aus eigener Kraft erfüllen, sondern Er hat in Christus alles vollbracht und schenkt diese Fülle in Gnade. Wer das erkennt, lernt, nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus empfangener Gnade zu leben und Gehorsam als Antwort auf Gottes großzügiges Handeln zu verstehen.

Weise Evangeliumsverkündigung: Christus aus Schrift und Schöpfung

In der Apostelgeschichte begegnet uns Paulus nicht nur als mutiger Zeuge, sondern auch als geistlich weiser Verkündiger. Er trägt ein einziges Evangelium, doch er entfaltet es unterschiedlich – je nachdem, wen er vor sich hat. Den Juden, die mit den Schriften vertraut sind, zeigt er Christus aus den Verheißungen des Alten Testaments; den Heiden, die diese Geschichte nicht kennen, öffnet er zuerst die Augen für den Schöpfer. Beides geschieht in derselben göttlichen Haushaltung, aber auf unterschiedlichen Zugangswegen. So wird der Inhalt nicht angepasst, wohl aber die Anknüpfungspunkte.

Wir müssen die Bedeutung des Ausdrucks „das Wort Seiner Gnade“ in Apostelgeschichte 14:3 erfassen. Dieser Ausdruck ist ein starkes Anzeichen für einen Wechsel der Haushaltung, für eine Veränderung von Gottes Anordnung in Seiner Ökonomie. In Kapitel dreizehn beruhte Paulus’ Predigt an die Juden hauptsächlich auf der Offenbarung im Alten Testament über Christus. Seine Predigt in Kapitel vierzehn hingegen richtet sich an die Heiden. Wenn wir dieses Kapitel betrachten, werden wir Paulus’ Weisheit im Predigen des Evangeliums an die Heiden sehen. Seine Predigt an die Heiden in diesem Kapitel gründet sich nicht auf die Offenbarung des Alten Testaments über Christus, sondern auf Gottes Schöpfung. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft neununddreißig, S. 337)

In Antiochia in Pisidien erinnert Paulus seine jüdischen Zuhörer an die Geschichte Israels, führt sie durch die Linien Abrahams, Davids und der Propheten und zeigt dann, dass Gott diese Verheißungen in Jesus erfüllt hat. Die Botschaft gipfelt in der Verkündigung der Auferstehung, durch die Jesus „heute“ als Sohn Gottes bestätigt und als Träger der „Gnadenerweise Davids“ eingesetzt ist. In dieser Predigt sind Schriftzitate wie tragende Balken; sie tragen das Gewicht der Botschaft, weil die Hörer ihre Autorität anerkennen. Die Juden werden so eingeladen, ihre eigene Geschichte neu zu deuten – im Licht des auferstandenen Christus.

Ganz anders ist die Situation in Lystra. Nachdem ein Gelähmter geheilt wurde, reagieren die Heiden nicht mit dankbarer Hinwendung zum wahren Gott, sondern mit heidnischer Begeisterung und wollen Paulus und Barnabas Opfer bringen. Paulus setzt hier nicht bei den Verheißungen an, die seine Hörer nicht kennen, sondern bei dem, was sie täglich vor Augen haben: der Schöpfung. Er ruft ihnen zu, sie sollen sich abwenden „von diesen nichtigen Dingen zu dem lebendigen Gott, der den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hat und alles, was in ihnen ist; der in den vergangenen Generationen alle Nationen ihre eigenen Wege gehen ließ, obwohl er sich selbst nicht unbezeugt gelassen hat, indem er euch Gutes tat und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gab und eure Herzen mit Nahrung und Freude erfüllte“ (vgl. Apg. 14:15–17). Schöpfung, Fürsorge, Freude – das sind hier die Türen, durch die das Evangelium eintritt.

In beiden Fällen bleibt der Kern derselbe: Es geht um den lebendigen Gott, der in Christus nahegekommen ist. Doch die Wege, wie dieser Gott vorgestellt wird, unterscheiden sich. Bei den Juden ist es der Christus der Verheißungen und Schriften; bei den Heiden der Gott, dessen Güte sie täglich erfahren, ohne Ihn zu kennen. Die Schöpfung wird so zum Gleichnis, das auf Christus hinweist, und die Schrift wird zum Spiegel, in dem Christus erkennbar wird. Paulus lehrt damit nicht eine doppelte Botschaft, sondern zeigt, dass Gottes Gnade fähig ist, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen – ohne den Inhalt des Evangeliums zu verwässern.

Und als sie in Salamis waren, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Sie hatten aber auch Johannes zum Diener. (Apg. 13:5)

sprach er mit lauter Stimme: Stelle dich gerade hin auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher. (Apg. 14:10)

Die weise Evangeliumsverkündigung des Paulus, der Christus einmal aus der Schrift und ein andermal aus der Schöpfung entfaltet, ermutigt zu einer Verkündigung, die inhaltlich fest und zugleich im Zugang beweglich ist. Wer Christus als Kern bewahrt und zugleich die Lebenswelt der Zuhörer ernst nimmt, wird entdecken, dass Gottes Gnade viele Türen kennt, durch die sie Herzen erreicht.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du der Mittelpunkt von Gottes ewiger Haushaltung bist und dass Dein Wort der Gnade schon von Anfang an in der Schrift verborgen war. Du hast Dich nicht nur in den Verheißungen an Israel, sondern auch in der Schöpfung allen Völkern bezeugt und suchst bis heute Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation auf. Stärke unseren Glauben an Deine gute Führung in der Geschichte, und erfülle uns mit Deiner Weisheit, damit wir Dich in Wort und Leben klar bezeugen. Lass uns Deine Gnade tiefer erkennen als Antwort auf jede Not, jeden Fall und jede innere Leere und unsere Herzen mit der Freude Deiner Gegenwart füllen. Du bist der lebendige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und unser Leben erhält; in Deinen Händen ist auch unsere Zukunft geborgen. Dir vertrauen wir uns neu an und preisen Dich für Deine treue Gnade. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 39