Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Ausbreitung in Kleinasien und Europa durch den Dienst der Gruppe um Paulus (6)

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Wenn Menschen zum Glauben an Christus finden, stellt sich schnell die Frage, wie dieses junge Leben inmitten von Widerständen, religiösen Traditionen und inneren Kämpfen bestehen und wachsen kann. Die erste Missionsreise von Paulus und Barnabas zeigt eine beeindruckende Spur: Sie verkündigen nicht nur das Evangelium, sondern kehren zurück, festigen die jungen Gläubigen und richten ein tragfähiges Gemeindeleben unter der Herrschaft des lebendigen Christus auf. Gerade in den Stationen Lystra, Ikonion und Antiochia wird sichtbar, wie der auferstandene Herr sein Reich mitten in einer feindlichen Umgebung ausbreitet.

Die Seelen der Jünger festigen – Glaube, der den ganzen Menschen erfasst

Als Paulus und Barnabas nach Lystra, Ikonion und Antiochia zurückkehren, suchen sie nicht zuerst nach neuen Aufgaben oder Eindrücken, sondern nach den inneren Zuständen derer, die zum Glauben gekommen waren. In Apostelgeschichte 14:22 heißt es, dass sie „die Seelen der Jünger festigten und sie ermahnten, im Glauben auszuharren“. Damit richtet sich ihr Dienst nicht nur an den Geist, in dem der Mensch Gott empfängt, sondern an die ganze innere Person – an Denken, Fühlen und Wollen. Der Herr will nicht nur einen Augenblick unseres Bekehrungserlebens, sondern die langsame Durchdringung unserer inneren Struktur, bis unser Inneres tragfähig wird für eine dauerhafte Nachfolge.

Apostelgeschichte 14:22 sagt, dass Paulus und Barnabas „die Seelen der Jünger festigten und sie ermahnten, im Glauben auszuharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen“. Ihre Sorge galt hier nicht den Geistern der Jünger, sondern ihren Seelen. Die Seele des Menschen besteht aus seinem Verstand, seinem Gefühl und seinem Willen. Die Seelen der Jünger zu festigen bedeutet, sie in ihrem Verstand zu festigen, damit sie den Herrn und die Dinge, die Ihn betreffen, erkennen und verstehen (1.Kor. 2:16; Phil. 3:10), in ihrem Gefühl, damit sie den Herrn lieben und ein Herz für das Interesse des Herrn haben (Mk. 12:30; Röm. 16:4), und in ihrem Willen, damit sie stark sind, beim Herrn zu bleiben und die Dinge zu tun, die dem Herrn gefallen (Apg. 11:23; Kol. 1:10; 1.Thess. 4:1). (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft vierzig, S. 340)

Im Bereich des Denkens bedeutet dies, dass unser Verstand Schritt für Schritt von der Erkenntnis Christi geformt wird. Paulus beschreibt sein eigenes Verlangen so: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Phil. 3:10). Er will nicht bei Informationen über Jesus stehen bleiben, sondern in einer Einsicht leben, die ihn selbst verwandelt. Wo der Sinn Christi unser Denken prägt, lernen wir, Gottes Wege zu beurteilen, ohne bei jeder Wendung zu wanken. Zweifel und innere Unruhe verlieren ihre Macht, weil Gedanken und Überzeugungen nicht mehr zufällig, sondern vom Herrn her geordnet sind.

Auch unsere Gefühlswelt bleibt in dieser Festigung nicht außen vor. Der Herr spricht: „und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Stärke!“ (Mk. 12:30). Glauben ist nie nur ein kaltes Für-wahr-Halten; die Seele wird dort gefestigt, wo Liebe, Freude und Schmerz an Christus gebunden werden. In der frühen Gemeinde gab es Menschen, „die für mein Leben ihren eigenen Hals aufs Spiel gesetzt haben“ (Röm. 16:4). Eine solche Hingabe entspringt nicht einem Moment der Begeisterung, sondern einem innerlich gewachsenen Band der Liebe, das schwere Entscheidungen trägt und auch Verluste in Kauf nimmt, ohne zu verbittern.

Schließlich gehört zur Festigung der Seele auch ein gestärkter Wille. Barnabas „ermahnte alle, mit Herzensentschluß bei dem Herrn zu verharren“ (Apg. 11:23). Wille im biblischen Sinn ist nicht sture Selbstbehauptung, sondern ein inneres Ja zum Herrn, das auch dann bestehen bleibt, wenn Gefühle schwanken und Gedanken angefochten sind. In Kolosser 1:10 wird dieses Ja mit einem Lebensweg verbunden: „um des Herrn würdig zu wandeln, um Ihm in allen Dingen wohlzugefallen“. Der Wille wird durch ständiges Ausrichten auf das, was dem Herrn gefällt, geklärt und gefestigt. So wächst ein innerer Rückgrat-Glaube, der nicht bei der ersten Gegenströmung einknickt.

festigten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben auszuharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen. (Apg. 14:22)

um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10)

Die innere Festigung, von der die Apostelgeschichte berichtet, bleibt auch heute der verborgene Kern eines tragfähigen Christenlebens. Wo der Herr unser Denken klärt, unsere Gefühle auf sich bündelt und unseren Willen auf sein Wohlgefallen ausrichtet, entsteht ein stiller, aber tiefer Glaube, der sowohl Freude als auch Bedrängnis tragen kann, ohne zu zerbrechen.

Im Glauben bleiben und durch Trübsale in das Reich Gottes eingehen

Zu Beginn ihres Dienstes in der Region hatten Paulus und Barnabas den Gläubigen zugesprochen, „beharrlich bei der Gnade Gottes zu bleiben“ (Apg. 13:43). Gnade meint hier den dreieinen Gott, der sich in Christus den Menschen schenkt, um genossen zu werden. Wenn sie später zurückkehren, weiten sie diese Perspektive: jetzt ermahnen sie die Jünger, „im Glauben auszuharren“ und fügen hinzu, „dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen“ (Apg. 14:22). Die Gnade bleibt der Raum des Empfangens; der Glaube wird als tragende Struktur sichtbar, die den gesamten Inhalt der neutestamentlichen Offenbarung über Christus umfasst. Paulus spricht von dieser Wirklichkeit, wenn er schreibt, dass der Christus und sein Werk „allen Heiden bekannt gemacht worden ist für den Gehorsam des Glaubens“ (Röm. 16:26). In diesem objektiven Glauben zu bleiben bedeutet, sich innerlich von der Person und dem Werk Christi bestimmen zu lassen, statt den Glauben auf wechselhafte Stimmungen oder aktuelle Eindrücke zu reduzieren.

Im Glauben auszuharren ist schwieriger, als in der Gnade Gottes auszuharren. Wie in 6:7 ist der Glaube in 14:22 der objektive Glaube. Er bezieht sich auf das, woran die Gläubigen in Bezug auf die Person und das Werk Christi glauben. Die gesamte Offenbarung des Neuen Testaments über Christus und Sein Erlösungswerk gilt als der Glaube der neutestamentlichen Ökonomie Gottes (Röm. 16:26). Wenn wir verstehen, was der Glaube ist, werden wir erkennen, dass im Glauben auszuharren eine tiefere Sache ist, als in der Gnade auszuharren. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft vierzig, S. 341)

Wo der Glaube so verstanden wird, verliert das Evangelium seinen oberflächlichen Charakter. Glaube ist dann nicht bloß das Gefühl, dass „es schon gut geht“, sondern die Zustimmung zu Gottes offenbartem Weg in Christus – zu seinem Kreuz, seiner Auferstehung, seiner Herrschaft. Dieses Bleiben im Glauben wird gerade dort herausgefordert, wo äußere Umstände und innere Kämpfe dem entgegenzustehen scheinen. Darum verbinden Paulus und Barnabas den Aufruf zum Ausharren mit der nüchternen Aussage, dass „viele Bedrängnisse“ auf dem Weg in das Königreich Gottes liegen. Bedrängnis ist in dieser Sicht nicht ein störender Zufall, sondern der Schauplatz, an dem sich zeigt, ob unser Halt wirklich auf der objektiven Glaubenswirklichkeit ruht oder auf sichtbaren Sicherheiten.

Das Königreich Gottes selbst erscheint im Neuen Testament als eine Lebenswirklichkeit, die mitten in der Geschichte schon aufgebrochen ist. Jesus sagt: „Denn siehe, das Königreich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17:21). In den Gleichnissen vom Sämann und vom wachsenden Samen (Mk. 4:3, 26) wird dieses Reich als Same beschrieben, der in die Erde der menschlichen Herzen fällt, verborgen wächst und schließlich Frucht bringt. Johannes 3:5 bindet den Eintritt in dieses Reich an eine neue Geburt „aus Wasser und Geist“. Das Reich ist also nicht in erster Linie ein äußerer Raum, sondern der auferstandene Christus selbst als göttliches Leben in den Seinen, das sich zu einem Herrschaftsraum Gottes entfaltet.

Wo dieses Reich heute Gestalt gewinnt, zeigt sich dies im Gemeindeleben. Paulus fasst es zusammen: „denn das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm. 14:17). Inmitten von Bedrängnissen, Missverständnissen und Spannungen entsteht dort ein Vorgeschmack des kommenden Reiches, wo Menschen unter der sanften, aber entschiedenen Herrschaft Christi leben. Die Trübsale, von denen die Apostel sprechen, wollen diesen Weg gerade unterbrechen: durch Angst, Resignation oder die Versuchung, den Anspruch des Reiches zu relativieren. Doch wenn Christus uns durch Leiden trägt, führt Er uns nicht aus seinem Reich heraus, sondern tiefer in die Wirklichkeit seiner Gegenwart hinein.

Als aber die Synagogenversammlung sich aufgelöst hatte, folgten viele der Juden und der anbetenden Proselyten dem Paulus und Barnabas, die zu ihnen sprachen und ihnen zuredeten, beharrlich bei der Gnade Gottes zu bleiben. (Apg. 13:43)

festigten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben auszuharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen. (Apg. 14:22)

Im Spannungsfeld von Gnade, Glauben und Bedrängnis zeigt sich, wie tief Christus in unserem Inneren verankert ist. Wo wir den Glauben als feste, von der Schrift geprägte Wirklichkeit verstehen und uns in den Trübsalen an den herrschenden Christus halten, bekommen selbst schwierige Wegstrecken einen neuen Klang: Sie werden zu Phasen, in denen die unsichtbare Wirklichkeit des Reiches Gottes in unserem Leben deutlicher aufleuchtet.

Gesunde Gemeindeleitung und Gnade – die Kirche als Ausdruck des Reiches

Auf dem Rückweg ihrer Reise verlassen Paulus und Barnabas die Gemeinden nicht einfach sich selbst. Apostelgeschichte 14:23 berichtet: „Als sie ihnen aber in jeder Gemeinde Älteste gewählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.“ Die äußere Struktur – Älteste, die leiten und hüten – und das innere Vertrauen – die Übergabe an den Herrn – gehören untrennbar zusammen. Die Ältesten werden nicht als Verwalter einer religiösen Organisation vorgestellt, sondern als reife Brüder, die unter der unmittelbaren Herrschaft Christi stehen und die Herde in dieser Herrschaft führen sollen.

Apostelgeschichte 14:23 sagt: „Als sie ihnen aber in jeder Gemeinde Älteste gewählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.“ Die griechischen Wörter, die mit „in jeder Gemeinde“ wiedergegeben werden, enthalten die Präposition kata in distributivem Gebrauch – gemäß Gemeinde. Der Ausdruck „in jeder Gemeinde“ in 14:23 entspricht „in jeder Stadt“ in Titus 1:5. Der Vergleich dieser Ausdrücke zeigt nicht nur, dass der Zuständigkeitsbereich einer örtlichen Gemeinde die Stadt ist, in der sie sich befindet, sondern auch, dass es in einer Stadt nur eine Gemeinde geben sollte. Das Ältestentum einer örtlichen Gemeinde sollte die gesamte Stadt umfassen, in der sich diese Gemeinde befindet. Ein solches einzigartiges Ältestentum in einer Stadt bewahrt die einzigartige Einheit des Leibes Christi vor Schaden. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft vierzig, S. 346)

Bemerkenswert ist die Verbindung von „in jeder Gemeinde“ mit der neutestamentlichen Linie „in der Gemeinde, die in Antiochien war“ (Apg. 13:1) oder „die Gemeinde, die in Jerusalem war“ (Apg. 8:1). Eine Gemeinde entspricht einer Stadt; ihr Ältestentum umfasst die ganze Stadt. Diese Schlichtheit schützt die praktische Einheit des Leibes Christi. Wo eine Stadt von mehreren voneinander getrennten und konkurrierenden Gemeindestrukturen überzogen wird, verliert die sichtbare Kirche leicht den Charakter eines Leibes und wird zu einem Nebeneinander von Teilen. Die apostolische Praxis zeigt demgegenüber eine Ordnung, in der Vielfalt von Gaben und Diensten in der Einheit einer örtlichen Gemeinde eingebettet ist, deren Älteste gemeinsam Verantwortung tragen.

Während Paulus und Barnabas so ordnen, bleibt ihnen bewusst, dass jede Struktur nur dann Leben bringt, wenn sie von Gnade durchtränkt ist. Als sie nach Antiochien zurückkehren, heißt es: „von da segelten sie ab nach Antiochien, von wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie erfüllt hatten“ (Apg. 14:26). Am Anfang stand das Anbefohlenwerden der Gnade; am Ende steht das Zeugnis dessen, was Gott getan hat. In 1. Korinther 15:10 fasst Paulus diese Erfahrung zusammen: „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen.“ Leitung in der Gemeinde ist in diesem Licht kein Herrschen aus eigener Kraft, sondern ein Dienst, der aus empfangener Gnade lebt und auf dieselbe Gnade verweist.

Wo die Gemeinde zusammenkommt, um zu hören, „was Gott mit ihnen getan und daß er den Nationen eine Tür des Glaubens aufgetan habe“ (Apg. 14:27), tritt der eigentliche Akteur des Gemeindelebens hervor: nicht Paulus, nicht Barnabas, nicht die Ältesten, sondern Gott selbst. Die Gemeinde wird als Raum sichtbar, in dem der auferstandene Christus gegenwärtig handelt, Türen öffnet, Menschen gewinnt und seinen Ratschluss vorantreibt. In einem solchen Gemeindeleben zeigt sich das Königreich Gottes konkret als ein Bereich, in dem Gottes Wille Gewicht hat, seine Gerechtigkeit und sein Friede spürbar werden und Freude im Heiligen Geist den Ton angibt.

Als sie ihnen aber in jeder Gemeinde Älteste gewählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren. (Apg. 14:23)

Es waren aber in Antiochien, in der dortigen Gemeinde, Propheten und Lehrer: Barnabas und Simon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene und Manahen, der mit Herodes, dem Vierfürsten, auferzogen worden war, und Saulus. (Apg. 13:1)

Gesunde Gemeindeleitung und erfahrene Gnade gehören zusammen, wenn die Gemeinde mehr sein soll als eine religiöse Versammlung. Wo reife Leitung die Einheit des Leibes schützt und zugleich alles auf den handelnden Christus zurückführt, kann selbst eine kleine örtliche Gemeinde zu einem glaubwürdigen Abbild des Reiches Gottes werden – unscheinbar nach außen, aber getragen von der Gegenwart des auferstandenen Herrn.


Herr Jesus Christus, du auferstandener und verherrlichter König, danke, dass du dich selbst als Same des göttlichen Lebens in unsere Herzen gesät hast und dein Reich mitten in Schwachheit und Bedrängnis aufrichtest. Stärke unser Denken, unsere Gefühle und unseren Willen, damit wir im Glauben verwurzelt bleiben und dich immer tiefer als die Gnade Gottes und als die lebendige Wirklichkeit des Reiches erfahren. Segne dein Volk in den Gemeinden unserer Städte mit geistlicher Reife, treuer Leitung und einem Gemeindeleben, das von Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist geprägt ist, damit dein Leib erbaut und dein Name verherrlicht wird. Lass uns unter deiner sanften Herrschaft leben und in allen Umständen in die volle Freude an dir hineingezogen werden, bis wir in deiner ewigen Königsherrschaft bei dir vollendet sind. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 40