Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Bekehrung des Saulus (3)

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Manchmal verändert ein einziger Augenblick ein ganzes Leben. Saulus von Tarsus, eben noch ein erbitterter Verfolger der Gemeinde, tritt nur kurze Zeit nach seiner Begegnung mit dem auferstandenen Herrn in den Synagogen auf und redet mit einer Klarheit und Kühnheit, die alle erstaunt. Die Frage drängt sich auf: Was hat dieser Mann in so kurzer Zeit vom Herrn Jesus erkannt, dass sein Denken, sein Reden und seine ganze Richtung so grundlegend erneuert wurden?

Dieser Eine: der Sohn Gottes und der Christus

In Damaskus setzt Saulus genau dort an, wo alle ihn kennen: als den fanatischen Gegner der Gemeinde. Man hatte ihn gefürchtet, man wusste von seinen Vollmachten, die Nachfolger Jesu zu fesseln. Eben dieser Mann tritt nun in den Synagogen auf und „verkündigte … Jesus …, dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Apostelgeschichte 9:20). Er spricht nicht von einem abstrakten Gotteserlebnis, nicht von einer inneren Erleuchtung, sondern von „diesem“ einen Jesus – dem Gekreuzigten, von den Führern Israels Verworfenem. In seinem Mund bekommt das kleine Wort „dieser“ ein großes Gewicht: Es bindet die Erinnerung an den verachteten Nazarener an das Bekenntnis, dass eben dieser der ewige Sohn Gottes ist, aus derselben Wesenheit wie der Vater, wahrer Gott aus Gott. Der ehemalige Verfolger legt damit die Wunde bloß: Das, was Israel verworfen hatte, war nicht nur ein Prophet, sondern der Sohn Gottes selbst.

Beim allumfassenden Christus gibt es zwei Hauptaspekte: den Aspekt Seiner Person und den Aspekt Seines Werkes. Diese beiden Aspekte sehen wir in 9:20 und 22, wo Saul vom Sohn Gottes und vom Christus spricht. Der Sohn Gottes bezeichnet die Person des Herrn, der Christus bezeichnet Sein Werk. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft siebenundzwanzig, S. 221)

Kurz darauf verdichtet sich seine Botschaft noch weiter: „Saulus wurde umso mehr gestärkt, und er … wies nach, dass dieser der Christus ist“ (Apostelgeschichte 9:22). Der Sohn Gottes – das ist die Frage der Person. Der Christus – das ist die Frage seines von Gott gegebenen Auftrags. Saulus hält beides zusammen: Wer ist Jesus, und wozu ist er von Gott gesandt? Als der Christus ist er der von Gott Gesalbte, Träger aller Verheißungen, derjenige, der durch Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft den ewigen Vorsatz Gottes zur Entfaltung bringt. In ihm verschränkt sich auf einzigartige Weise, wer Gott ist, mit dem, was Gott tut. Darum bleibt Glaube an Christus nie ein bloßes Für-wahr-Halten einer Lehre. Wer an ihn glaubt, vertraut der göttlichen Person, die vom Vater gesandt ist, und übergibt sich dem Werk, das dieser Gesandte bereits vollbracht hat und noch vollenden wird.

Die Juden in Jerusalem hatten schon vorher gespürt, was auf dem Spiel steht. Über Jesus heißt es im Johannesevangelium: „Darum nun suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er … Gott seinen eigenen Vater nannte und sich so selbst Gott gleich machte“ (Johannes 5:18). Dass Jesus Gott seinen eigenen Vater nannte, war kein frommer Sprachgebrauch, sondern Anspruch auf göttliche Wesensgleichheit. Derselbe Jesus, der diesen Anspruch erhob, stand später vor dem Hohenpriester auf die Frage hin, ob er „der Christus“ sei, „der Sohn Gottes“ (Matthäus 26:63–64). Person und Auftrag werden hier in denselben Titeln zusammengefasst, die Saulus in Damaskus aufgreift. Was zuvor als Gotteslästerung galt, wird jetzt von dem einstigen Verfolger als Wahrheit bekannt. Was seine früheren Überzeugungen zertrümmert, wird zugleich zum Fundament seines neuen Lebens.

So wächst aus der doppelten Betonung „Sohn Gottes“ und „Christus“ eine klare Gestalt des Glaubens. Es ist nicht ausreichend, Jesus als großes religiöses Vorbild zu schätzen und sein Werk als eine Art tragische Gottesnähe zu ehren. Wo seine göttliche Person verwaschen wird, verliert auch sein Werk seine einzigartige Kraft. Umgekehrt wird dort, wo sein von Gott gegebener Auftrag relativiert wird, seine Gottheit zu einem blassen Hintergrund. Saulus zeigt einen anderen Weg: Er beugt sich vor dem Licht, das ihn zu Boden geworfen hat, und nennt „diesen Einen“ so, wie Gott ihn nennt. Darin liegt auch eine stille Ermutigung: Der Glaube wird fest, wo wir uns nicht an vagen religiösen Gefühlen festhalten, sondern an der wirklichen Person und dem wirklichen Werk des Herrn. Wer sich von dieser Wahrheit ergreifen lässt, findet einen Halt, der trägt, wenn frühere Sicherheiten zerbrechen, und entdeckt, dass hinter dem Namen Jesus der lebendige Sohn Gottes steht, der Christus Gottes, der seinen Weg mit uns treu zu Ende führt.

Und sogleich verkündigte er Jesus in den Synagogen, dass dieser der Sohn Gottes ist. (Apg. 9:20)

Und Saulus wurde umso mehr gestärkt, und er brachte die Juden, die in Damaskus wohnten, in Verwirrung, indem er nachwies, dass dieser der Christus ist. (Apg. 9:22)

Im Ringen um eine tragfähige Gewissheit im Glauben führt der Weg nicht an der Frage vorbei, wer Jesus wirklich ist und was er vor Gott bedeutet. Saulus hilft, die nebeneinanderstehenden Bilder des „menschlichen Jesus“ und des „fernen Gottessohnes“ zu einem biblischen Ganzen zu verbinden: Dieser eine Jesus ist der Sohn Gottes und der Christus. Wo wir ihn so betrachten, wird das Vertrauen auf ihn klarer und ruhiger; dann ruhen wir nicht auf Stimmungen, sondern auf der Treue dessen, den Gott als seinen Sohn bezeugt und als Christus eingesetzt hat – und darin liegt ein leiser, aber beständiger Trost für Herz und Gewissen.

Wahrer Gott und wahrer Mensch – der ewige Gott-Mensch

Die ersten Gemeinden standen nicht nur unter Druck von außen, sondern auch in der Auseinandersetzung um die Gestalt ihres Herrn. Man spürte, dass an der Frage, wer Jesus ist, alles hängt. Johannes warnt später vor Geistströmungen, die den wirklichen Christus verwischen: „Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott“ (1. Johannes 4:2). Nicht irgendein „Christus-Prinzip“ ist im Fleisch erschienen, sondern der ewige Sohn Gottes hat wirkliche menschliche Natur angenommen. Sein Leib war nicht Schein, sein Blut nicht Symbol. Er wurde wirklich Mensch, mit allem, was dazu gehört – Hunger, Müdigkeit, Leidensfähigkeit. Gerade so, und nicht anders, offenbart sich die Liebe Gottes in der Geschichte.

Der Herr Jesus ist sowohl menschlich als auch göttlich. Als göttlich-menschliche Person ist Er der Gott-Mensch. Der Herr ist derjenige, der einen doppelten Status hat – menschlich und göttlich. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft siebenundzwanzig, S. 223)

Aber die Schrift geht noch weiter: Sie bezeugt, dass der Sohn, der Mensch geworden ist, diese Menschheit nicht wieder abgelegt hat, als er verherrlicht wurde. Stephanus sieht den geöffneten Himmel und „Jesus zur Rechten Gottes stehen“ und nennt ihn „den Sohn des Menschen“ (Apostelgeschichte 7:56). Jesus selbst kündigt vor dem Hohenpriester an: „Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels“ (Matthäus 26:64). Die Sprache ist klar: Der, der wiederkommt, ist derselbe, der gelitten hat – der Sohn des Menschen. Seine wahre Menschlichkeit ist nicht ein vorübergehendes Gewand, sondern für immer mit seiner göttlichen Person verbunden.

So öffnet sich der Blick auf ein großes Geheimnis: In Jesus verbindet sich der Schöpfer mit einem Stück Schöpfung, ohne seine Gottheit zu verlieren. Er bleibt, seiner Wesensart nach, wahrer Gott und wird zugleich wahrer Mensch; er bleibt, seiner Person nach, eine Einheit. Darum kann er in der Vision für Nathanael zugesagt werden als der Mittler zwischen Himmel und Erde: „Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf dem Sohn des Menschen auf- und niedersteigen“ (Johannes 1:51). Hier greift Jesus die alte Geschichte aus 1. Mose auf, in der Jakob eine Leiter sieht, deren Fuß die Erde und deren Spitze den Himmel berührt (1. Mose 28:12). Zwischen Jakobs Steinlager und dem geöffneten Himmel stellt Gott selbst die Verbindung her. Christus deutet dieses Bild auf sich: Er ist die wahre Leiter, der ewige Gott-Mensch, in dem sich Gottes Himmel und unsere Erde berühren.

In diesem Licht gewinnt auch unser Vertrauen eine neue Tiefe. Wer Jesus nur als Gott denkt, rückt ihn unendlich weit weg von der Erfahrung menschlicher Schwachheit. Wer ihn nur als Menschen sieht, verliert den Trost seiner göttlichen Macht und Treue. Als der ewige Gott-Mensch ist er beides: Er kennt die Feinheiten unserer inneren Kämpfe, weil er Mensch ist, und er trägt uns in ihnen, weil er Gott ist. Sein Blut hat als wirkliches, geschaffenes Blut Sühne bewirkt, doch der Wert dieses Blutes beruht auf der Würde der göttlichen Person, die es vergossen hat. So wird sein Menschsein zur Brücke, nicht zum Hindernis. Wer sich diesem Herrn anvertraut, tritt nicht vor einen unnahbaren Thron, sondern auf die Spur einer Leiter, die Gott selbst aufgerichtet hat – und darf ahnen, dass dieser Weg nach oben nicht abreißt, weil der, der ihn eröffnet hat, selbst unser Bruder nach dem Fleisch und unser Herr nach der Gottheit ist.

Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott, (1.Joh. 4:2)

Und Er sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf dem Sohn des Menschen auf- und niedersteigen. (Joh. 1:51)

Wer lernt, Christus als den ewigen Gott-Menschen zu betrachten, gewinnt einen glaubwürdigen Trost: Die Distanz zwischen Gottes Majestät und unserer Zerbrechlichkeit liegt nicht mehr in unserer Verantwortung, sie zu überbrücken. In Jesus hat Gott selbst die Brücke geschlagen, und er zieht sie nicht wieder zurück. So kann ein Herz, das sich oft zwischen Ehrfurcht und Angst, Nähe und Fremdheit zu Gott hin- und hergerissen sieht, Ruhe finden – in der Gewissheit, dass im Himmel einer ist, der unsere Menschlichkeit nicht abgelegt hat und doch mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt ist.

Ein lebendiges Muster für mutiges Zeugnis

Die Bekehrung des Saulus ist ein Ereignis von atemberaubender Wucht – grelles Licht, eine Stimme vom Himmel, der Fall des stolzen Mannes in die Blindheit. Doch auffällig ist, wie nüchtern die Apostelgeschichte dann von seinem ersten Weg als Jünger berichtet: „Nachdem er Speise genommen hatte, kam er zu Kräften. Er war aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus“ (Apostelgeschichte 9:19). Vor dem öffentlichen Zeugen steht die stille Zeit unter Brüdern. Der Mann, der eben noch eigenmächtig über Leben und Tod entschieden hatte, lässt sich nun von einfachen Jüngern aufnehmen, korrigieren, begleiten. In dieser verborgenen Gemeinschaft wächst ein neuer Mensch heran, dessen Kraft nicht mehr in Drohungen und Gewalt liegt, sondern im Wort von Christus.

Saul war ein Verfolger, doch er wandte sich dem Herrn zu und wurde zu einem Gefäß, das Christus enthält und Ihn anderen dient. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft siebenundzwanzig, S. 220)

Dann aber bricht die neue Richtung seines Lebens mit großer Klarheit hervor: „Und sogleich verkündigte er Jesus in den Synagogen, dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Apostelgeschichte 9:20). Aus dem Verfolger wird ein Zeuge, dessen Botschaft nicht um seine eigene Erfahrung kreist, sondern um die Person des Herrn. Er predigt nicht seine Geschichte, sondern den, der seine Geschichte in die Hand genommen hat. Das bleibt nicht ohne Wirkung: „Alle, die ihn hörten, waren erstaunt und sagten: Ist dieser nicht der, der in Jerusalem die verwüstete, die diesen Namen anrufen?“ (Apostelgeschichte 9:21). Gerade der Kontrast macht seine Verkündigung glaubhaft. Das, was Saulus zuvor bekämpft hatte, bekennt er nun öffentlich; der Hass ist nicht einfach verschwunden, er hat sich in Anbetung verwandelt.

Die Konsequenzen lassen nicht auf sich warten: „Als aber viele Tage verflossen waren, ratschlagten die Juden miteinander, ihn umzubringen“ (Apostelgeschichte 9:23). Der, der einst die Christengemeinden mit Gewalt bedrohte, wird nun selbst zum Bedrohten. Die Tore der Stadt werden bewacht, Tag und Nacht (Apostelgeschichte 9:24). Der Ausweg wirkt auf den ersten Blick ernüchternd unspektakulär: „Die Jünger aber nahmen ihn bei Nacht und … ließen ihn in einem Korb hinunter“ (Apostelgeschichte 9:25). Kein Engel befreit ihn sichtbar, keine übernatürliche Machtdemonstration öffnet Tore. Stattdessen ein Korb an einer Mauer – ein Bild der Schwachheit, ja fast der Blöße. Der zukünftige Apostel der Heiden beginnt seinen Dienst nicht auf der Bühne, sondern im Schatten der Stadtmauer.

Auch in Jerusalem stößt seine neue Stellung nicht sofort auf Vertrauen: „Als er aber nach Jerusalem gekommen war, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen; und alle fürchteten sich vor ihm, da sie nicht glaubten, daß er ein Jünger sei“ (Apostelgeschichte 9:26). Die Vergangenheit klebt ihm an, und die Gemeinde ist vorsichtig. Dass Saulus nicht am Rand stehen bleibt, verdankt er einem, der seinen Namen trägt: Barnabas, der „Sohn des Trostes“. „Doch Barnabas nahm sich seiner an und führte ihn zu den Aposteln“ (Apostelgeschichte 9:27). Er schildert, wie Saulus den Herrn gesehen und freimütig in Damaskus geredet hat. So wird aus dem isolierten Bekehrten ein Bruder in der Mitte der Gemeinde. Mutiges Zeugnis und treue Fürsprache greifen ineinander: Der Herr formt seine Zeugen nicht als Einzelkämpfer, sondern im Geflecht konkreter Beziehungen.

Und nachdem er Speise genommen hatte, kam er zu Kräften. Er war aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. (Apg. 9:19)

Und sogleich verkündigte er Jesus in den Synagogen, dass dieser der Sohn Gottes ist. (Apg. 9:20)

Das Vorbild des Saulus macht deutlich, dass kraftvolles Zeugnis nicht von der Abwesenheit von Schwachheit lebt, sondern davon, dass Christus inmitten der Schwachheit Gestalt gewinnt. Die Erinnerung an den Korb an der Mauer, an die Furcht der Jünger und an die Fürsprache des Barnabas befreit von der Vorstellung, nur geradlinige, starke Lebensläufe könnten dem Herrn dienen. So wächst eine leise, aber reale Zuversicht: Der Herr schreibt auch mit verkrampfter Handschrift lesbare Zeilen – und gerade dort, wo der Weg unscheinbar und angefochten ist, kann seine Gnade für andere sichtbar und glaubhaft werden.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 27