Die Ausbreitung in Jerusalem, Judäa und Samaria durch den Dienst der Gruppe um Petrus (20)
Manchmal scheint es, als ob Widerstand und Verfolgung das Werk Gottes bremsen oder sogar zerstören würden. Die Apostelgeschichte zeigt jedoch ein ganz anderes Bild: Gerade dort, wo Druck von außen am größten ist, wächst die Gemeinde innerlich, wird aufgebaut und breitet sich aus. Der Dienst des Petrus in Judäa, Galiläa und Samaria macht deutlich, wie der Herr seine Gemeinde durch Frieden inmitten von Verfolgung, durch die Kraft des Heiligen Geistes und durch konkrete Führungen Schritt für Schritt weiterführt – bis hin zur Öffnung der Tür für die Nationen.
Die eine Gemeinde inmitten von Verfolgung
Die Notiz der Apostelgeschichte ist schlicht und zugleich überwältigend: „So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 9:31). Hinter diesem einen Satz steht eine dramatische Situation. Eben noch tobte die Verfolgung durch Saulus, viele waren geflohen, die junge Gemeinde war erschüttert. Äußerlich betrachtet hätte man zersplitterte Gruppen, verängstigte Einzelne und einen Rückzug ins Private erwarten können. Doch Lukas sieht tiefer: In Gottes Augen gibt es nicht viele Gemeinden, die um ihr Überleben kämpfen, sondern eine Gemeinde, die sich über drei Provinzen erstreckt und dennoch ein Leib ist. Die äußere Zerstreuung konnte die innere Einheit nicht auflösen.
Da sich die Gemeinde zu dieser Zeit nur auf die Provinzen Judäa, Galiläa und Samaria ausgedehnt hatte und das Wort „ganze“ alle Orte umfasst, an denen die Gemeinde existierte, wird „Gemeinde“ im Singular in einem universalen Sinn gebraucht. Die Gemeinde wird hier also in universaler Weise erwähnt, obwohl es in den verschiedenen Städten dieser drei Provinzen eine Anzahl von Gemeinden gegeben haben muss, die man im örtlichen Sinn Gemeinden nennen kann. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft achtundzwanzig, S. 228)
Hier wird sichtbar, wie Christus seine Gemeinde inmitten der Bedrängnis aufbaut. Der äußere Druck zwingt die Gläubigen nicht auseinander, sondern treibt sie näher zu ihrem Herrn und damit näher zueinander. Es ist bemerkenswert, dass Lukas nicht von Aktivismus oder klugen Strategien spricht, sondern von einem Wandeln „in der Furcht des Herrn“. Diese Furcht ist keine lähmende Angst, sondern ein waches Bewusstsein für die Gegenwart Christi, eine ehrfürchtige Ausrichtung auf ihn als den Herrn der Geschichte. So erfüllt sich, was Jesus verheißen hat: „Ich werde meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“ (Matthäus 16:18). Die Verfolgung wird nicht verschwiegen, aber sie wird relativiert durch den, der darüber steht.
Die Gemeinde „wurde erbaut“ – das ist die stille Gegenbewegung zu den Angriffen. Während der Druck von außen wächst, vertieft der Herr von innen her den Glauben. Die Gläubigen lernen, nicht auf die wechselnden politischen und religiösen Stimmungen zu schauen, sondern auf den, der sie als einen Leib zusammengefügt hat. Diese Einheit ist nicht das Ergebnis menschlicher Organisation, sondern das Werk des einen Geistes, von dem Paulus später sagt: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid zu einer Hoffnung eurer Berufung“ (Epheser 4:4). Was in Judäa, Galiläa und Samaria geschieht, ist ein Vorschein dieser Wirklichkeit: an verschiedenen Orten, unter unterschiedlichen Umständen, aber doch getragen von derselben inneren Lebensquelle.
Wer diese Perspektive aufnimmt, gewinnt einen anderen Blick auf die eigene Zeit. Auch heute gibt es Regionen, in denen Gemeinden bedrängt werden, und andere, in denen Gleichgültigkeit wie eine unsichtbare Verfolgung wirkt. Die Nachricht der Apostelgeschichte bricht leise, aber entschieden in solche Situationen hinein: Christus hat nicht aufgehört zu bauen. Wenn der Weg enger wird, ist es nicht das Ende seines Handelns, sondern oft eine Phase, in der das Fundament vertieft und die Liebe untereinander geklärt wird. Der Herr führt sein Volk so, dass es lernt, mehr auf seine Stimme als auf die Stimmen der Umgebung zu achten.
So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes. (Apg. 9:31)
Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades sollen sie nicht überwältigen. (Mt. 16:18)
Wo der Blick durch äußere Spannungen und Bedrängnisse verengt wird, eröffnet diese Sichtweise einen weiteren Horizont: Christus hält seine Gemeinde als einen Leib zusammen und gebraucht sogar Druck, um Vertrauen, Einheit und innere Klarheit zu vertiefen.
Tröstende Gegenwart des Heiligen Geistes
Die gleiche Stelle, die von Frieden und Aufbau spricht, nennt eine zweite unscheinbare, aber entscheidende Quelle der Kraft: „… und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 9:31). Das Wachstum der Gemeinde wird nicht an Zahlen, Programmen oder äußeren Erfolgen festgemacht, sondern an der unsichtbaren, tröstenden Gegenwart des Geistes Gottes. Verfolgung und innerer Zuspruch stehen unmittelbar nebeneinander. Gerade weil die Gläubigen Bedrängnis erlebten, war der Trost des Geistes keine fromme Zierde, sondern lebensnotwendig. Trost meint hier mehr als eine momentane Erleichterung; er umfasst Stärkung, Ermutigung, Ausrichtung auf Christus.
Nach 9:31 ging die Gemeinde auch im Trost des Heiligen Geistes ihren Weg. Das zeigt, dass die Gemeinde unter den Verfolgungen Bedrängnis erlitt, in denen sie den Herrn fürchtete und den Trost des Heiligen Geistes genoss. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft achtundzwanzig, S. 229)
Jesus hatte seinen Jüngern zugesagt: „Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit … Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen; ich komme zu euch“ (Johannes 14:16–18). Was er vor seinem Weggang angekündigt hatte, erfüllt sich nun konkret in der leidenden Gemeinde. Der Geist ist nicht nur die Kraft zum Zeugnis, wie es an Pfingsten sichtbar wurde, sondern ebenso der stille Begleiter, der in den Herzen das Bewusstsein weckt: Ihr seid nicht verlassen. In der Sprache des Neuen Testaments ist er Beistand, Tröster, Anwalt – einer, der zur Seite gerufen wird, wenn die eigenen Kräfte an eine Grenze kommen.
Der Trost des Geistes bleibt nicht abstrakt. Er verbindet sich mit dem Wort und mit dem Gebet. Die erste Gemeinde blieb „in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apostelgeschichte 2:42). Auf diesem Boden kann der Geist seine tröstende und ermutigende Wirkung entfalten: Er erinnert an die Zusagen Christi, legt den Blick auf den erhöhten Herrn frei und lässt inmitten von Tränen eine Freude aufkeimen, die nicht aus den Umständen stammt. So wächst eine Atmosphäre der Hoffnung, in der Verletzungen nicht verdrängt, sondern in der Gegenwart Gottes gehalten werden dürfen, und in der Mutlose allmählich wieder aufgerichtet werden.
Wenn Lukas schreibt, die Gemeinde sei „im Trost des Heiligen Geistes“ vorangegangen, beschreibt er eine Lebenshaltung. Die Gläubigen rechnen damit, dass der Geist konkret in ihre Situation hineinspricht, ihnen Weisung gibt, Wege öffnet oder verschließt. Man sieht das im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte: Der Herr begegnet Saulus, ruft Ananias beim Namen, spricht durch Visionen zu Cornelius und Petrus. Hinter all dem steht dieselbe tröstende Gegenwart: Gott ist nicht fern, sondern nah, mitten in der Unruhe, und führt sein Volk Schritt für Schritt. So wird der Trost des Geistes selbst zum Motor der Ausbreitung des Evangeliums.
So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes. (Apg. 9:31)
Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen; ich komme zu euch. (Joh. 14:16-18)
In Phasen von Druck, Entmutigung oder innerer Müdigkeit darf neu bewusst werden, dass das Wachstum des Glaubens nicht aus eigener Spannkraft kommt, sondern aus dem stillen, tragenden Trost des Heiligen Geistes, der mitten in der Schwachheit die Gegenwart Christi erfahrbar macht.
Petrus als Türöffner für die Nationen
Mit Apostelgeschichte 9 verschiebt sich der Blick von Jerusalem in die weitere Umgebung. „Es geschah aber, dass Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten“ (Apostelgeschichte 9:32). Dort begegnet ihm ein gelähmter Mann namens Äneas, den er mit den schlichten Worten anspricht: „Äneas! Jesus Christus heilt dich. Steh auf und mach dir selbst dein Bett! Und sogleich stand er auf“ (Apostelgeschichte 9:34). Auf den ersten Blick ist dies eine einzelne Heilung, eine unter vielen. Doch Lukas fügt hinzu: „Und es sahen ihn alle, die zu Lydda und Saron wohnten; die bekehrten sich zum Herrn“ (Apostelgeschichte 9:35). Die Kraft Christi berührt nicht nur ein Leben, sondern eine ganze Region und schiebt Petrus gewissermaßen weiter in Richtung der Küstenstädte.
In 9:32–43 sehen wir jedoch, dass Petrus weiterhin im Blickfeld ist, und diese Verse beschreiben die Ausbreitung seines Dienstes. Sein Dienst hat sich von Jerusalem bis nach Lydda ausgedehnt. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft achtundzwanzig, S. 230)
Äneas in Lydda und die Jüngerin Tabea in Joppe markieren Wegpunkte auf einer größeren Route. In Joppe, der Hafenstadt, wird Tabea, die „reich an guten Werken und Almosen“ war, krank und stirbt (Apostelgeschichte 9:36–37). Petrus wird gerufen, betet, spricht zu ihr: „Tabea, steh auf!“, und sie öffnet die Augen (Apostelgeschichte 9:40). Die Folge: „Es wurde aber durch ganz Joppe hin bekannt, und viele glaubten an den Herrn“ (Apostelgeschichte 9:42). Gleichzeitig bleibt Petrus „viele Tage in Joppe bei einem Gerber Simon“ (Apostelgeschichte 9:43). Gerade dieser unscheinbare Aufenthaltsort wird im nächsten Kapitel zum Ausgangspunkt einer entscheidenden Vision: Von hier aus ruft Gott Petrus nach Cäsarea zu Cornelius, einem römischen Hauptmann.
Die Wunder in Lydda und Joppe sind deshalb mehr als machtvolle Zeichen; sie sind Teil einer Vorbereitung. Der Herr führt Petrus Schritt für Schritt von der jüdisch geprägten Umgebung Jerusalems in den Raum, in dem die heidnische Welt präsent ist. Lydda liegt auf der Straße nach Joppe, Joppe ist das Tor zum Meer, und Cäsarea ist das Zentrum der römischen Verwaltung in der Region. So entfaltet sich die Verheißung, die zu Beginn der Apostelgeschichte gegeben wurde: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apostelgeschichte 1:8). Petrus wird zum Türöffner für diesen nächsten Abschnitt der Ausbreitung des Evangeliums.
Dabei ist bemerkenswert, auf welche Weise Gott ihn vorbereitet. Nicht durch eine plötzliche programmatische Ansage, sondern durch konkrete Begegnungen, durch das Erleben der rettenden und quickmachenden Kraft Christi an Juden in der Peripherie. In Lydda erfährt Petrus: Jesus Christus ist gegenwärtig und handelt; in Joppe erlebt er, wie der Herr eine Frau, die vielen Armen gedient hat, ins Leben zurückruft und dadurch eine ganze Stadt berührt. Erst dann, auf dem Boden dieser Erfahrungen, öffnet Gott ihm den Blick für die Heiden und sprengt seine bisherigen Grenzen. So werden persönlicher Dienst und heilsgeschichtlicher Plan ineinander verwoben.
ES geschah aber, daß Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten. (Apg. 9:32)
Und Petrus sprach zu ihm: Äneas! Jesus Christus heilt dich. Steh auf und mach dir selbst dein Bett! Und sogleich stand er auf. (Apg. 9:34)
Wenn sich einzelne Wege bruchstückhaft und zufällig anfühlen, erinnert der Weg des Petrus nach Lydda und Joppe daran, dass Christus auch unscheinbare Stationen nutzt, um Herzen zu weiten und uns für neue Schritte seines Königreiches vorzubereiten – oft viel weiter, als wir es in dem Moment ahnen.
Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du Deine Gemeinde auch inmitten von Widerstand und Unsicherheit treu baust und bewahrst. Stärke in uns die heilsame Furcht vor Dir, damit wir nicht von Menschenfurcht bestimmt werden, sondern von Vertrauen auf Deine Macht und Liebe. Heiliger Geist, erfülle uns neu mit Deinem Trost, richte unsere Herzen auf Christus aus und schenke uns inneren Frieden, wo Umstände uns bedrängen. Vater, lass uns Deine souveräne Führung erkennen, so wie Du Petrus und Saul geleitet hast, und gebrauche unser Leben in Deinem großen Plan, Menschen aus allen Völkern in Dein Königreich zu rufen. Lass Hoffnung und Zuversicht in uns wachsen, weil Du derselbe bist, der damals in Judäa, Galiläa und Samaria wirkte, und heute in Deiner Gemeinde weiter wirkst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 28