Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Bekehrung des Saulus (2)

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Manchmal genügt ein einziger Moment mit Gott, um ein ganzes Leben umzudrehen. Saulus, der gefährlichste Gegner der jungen Gemeinde, wird auf dem Weg nach Damaskus von einem Licht aus dem Himmel zu Boden geworfen und hört eine Stimme, die seine bisherige Welt auf den Kopf stellt. Plötzlich ist er blind, verstummt sein Aktivismus, und für drei Tage bleibt ihm nichts als die Gegenwart des auferstandenen Jesus – und das Gebet. Gerade in dieser Ohnmacht beginnt Gott, ihm Schritt für Schritt zu zeigen, wer Jesus wirklich ist und was der Leib Christi bedeutet.

Drei Tage im Dunkeln – wenn Gott unseren Glauben vertieft

Vor Damaskus verliert Saulus sein Augenlicht – und mit ihm die Selbstverständlichkeit seiner ganzen bisherigen Welt. Gerade noch „schnaubte“ er Drohung und Mord, sicher in seinem theologischen System und getragen von religiöser Autorität, da wird er zu Boden geworfen und von einem Licht aus dem Himmel umstrahlt (Apg. 9:3-4). „Saulus aber richtete sich von der Erde auf. Als sich aber seine Augen öffneten, sah er nichts“ (Apg. 9:8). Die äußeren Augen sind offen, das gewohnte Sehen funktioniert jedoch nicht mehr. Drei Tage lang bleibt er blind, nimmt keine Speise, keinen Trank zu sich (Apg. 9:9). Der Mann, der alles erklären konnte, hat plötzlich keine Argumente mehr – nur noch Dunkelheit und Schweigen.

Wir sollten uns bewusst machen, dass Saul drei Tage lang weder aß noch trank. Alles, was er tat, war zu beten. Während er betete, wurde ihm die Offenbarung über Christus gleichsam „wie im Fernsehen“ in sein Inneres eingespielt. Auf diesem himmlischen Bildschirm schaute Saul eine wunderbare Schau des Herrn. Nun hatte er keinen Zweifel mehr an der Auferstehung Christi. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft sechsundzwanzig, S. 213)

Doch in dieser Dunkelheit beginnt etwas Neues zu leuchten. Der Bericht fügt scheinbar beiläufig hinzu, was in Wahrheit der Wendepunkt seines Lebens ist: „Denn siehe, er betet“ (Apg. 9:11). Aus dem Mann der Auseinandersetzungen wird ein Mensch vor Gott. Wo seine religiöse Aktivität zum Stillstand kommt, öffnet sich ein innerer Raum, in den der auferstandene Christus selbst eintritt. In diese drei Tage legt Gott gleichsam den ganzen Inhalt des Evangeliums: Jesus der Nazarener, den Saulus als Betrüger bekämpft hatte, erweist sich ihm als der Herr der Herrlichkeit, als Jehova, der Mensch geworden, gelitten, gestorben, begraben, auferstanden und verherrlicht ist. Der Zweifel an der Auferstehung verliert jede Grundlage, weil Saulus nicht mehr über Berichte diskutiert, sondern mit dem Auferstandenen selbst konfrontiert ist.

So entsteht ein Glaube, der nicht aus Tradition, Kultur oder Überlieferung lebt, sondern aus Offenbarung. Wenn Gott unsere Aktivität unterbricht, entsteht für den alten Menschen eine schmerzhafte Leere, doch für das neue Leben öffnet sich ein Raum, in dem Christus Gestalt gewinnt. In dieser inneren Schule lernt Saulus das Evangelium als Wirklichkeit kennen, die ihn selbst überwältigt hat – eine Wirklichkeit, die er später nicht nur lehrt, sondern als gesehenes und erfahrenes Zeugnis weitergibt. Gerade die Zeiten, in denen äußerlich wenig geschieht, werden so zu den Stunden, in denen Gott unser Inneres mit der Realität seines Sohnes füllt.

Wer auf solche Wege zurückblickt, entdeckt darin oft eine verborgene Güte Gottes. Die Phasen, in denen vieles zerbricht, werden im Licht des Herrn zu den Tagen, in denen die Fundamente tiefer gelegt wurden. In der Dunkelheit vor Damaskus beginnt ein neues Sehen, das aus dem Verfolger einen Apostel macht. Das ermutigt, den stillen und unbequemen Stunden des Lebens nicht nur mit Ungeduld zu begegnen. Wo unsere eigenen Sicherheiten erlöschen, ist der auferstandene Christus nahe, um sich als der lebendige Inhalt unseres Glaubens zu offenbaren und unseren Weg von innen her neu auszurichten.

Saulus aber richtete sich von der Erde auf. Als sich aber seine Augen öffneten, sah er nichts. Und sie leiteten ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus. (Apg. 9:8)

Und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. (Apg. 9:9)

Zeiten der Unterbrechung sind in Gottes Hand keine Lücken, sondern Räume der Offenbarung, in denen unser Blick von uns selbst weg auf den auferstandenen Christus gelenkt und unser Glaube von bloßem Wissen zur geprägten Gewissheit wird.

„Warum verfolgst du mich?“ – Christus und sein Leib als ein gemeinsames „Ich“

Mit einem einzigen Satz stellt der Herr die ganze Wirklichkeit der Gemeinde in ein neues Licht: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg. 9:4). Der Verfolger war unterwegs, um Menschen festzunehmen – Jünger, Männer und Frauen, die „des Weges“ waren (Apg. 9:2). Doch der auferstandene Jesus identifiziert sich nicht lediglich als ihr himmlischer Schutzpatron, sondern als der, der selbst getroffen wird. Nicht: Warum verfolgst du meine Leute? Sondern: Warum verfolgst du mich? Der, der in der Herrlichkeit ist, spricht so, als ob jeder Schlag, der die Seinen trifft, sein eigenes Leben träfe.

Als der Herr Saul erschien, fragte Er ihn: „Warum verfolgst du Mich?“ Es war, als ob der Herr sagte: „Saul, dieses ‚Mich‘ schließt Mich persönlich und Meinen Leib als Ganzes ein. Persönlich bin Ich in den Himmeln, doch als Ganzes ist der Leib auf der Erde. Als du Meine Nachfolger verfolgt hast, hast du Meinen Leib verfolgt. Meinen Leib zu verfolgen bedeutet, Mich zu verfolgen.“ Daher ist das „Mich“ in 9:4 ein kollektives „Mich“, das den Herrn Jesus und alle Seine Gläubigen umfasst. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft sechsundzwanzig, S. 214)

Damit öffnet Gott Saulus einen Blick, der später sein ganzes theologisches Denken prägen wird: Christus ist nicht nur eine Person im Himmel, die Glaubende auf der Erde inspiriert, sondern das Haupt eines wirklichen Leibes. „Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder haben und die Glieder nicht alle dieselbe Funktion haben, so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, und einzeln Glieder voneinander“ (Röm. 12:4-5). Wenn der Herr sagt „mich“, schließt dieses Wort Ihn als Haupt und die Gläubigen als Leib untrennbar ein. Wer den Leib berührt, berührt Ihn selbst – zur Ehre oder zur Schmach.

In diesen drei Tagen des Gebets und der inneren Sicht wird Saulus klar: Er ist nicht nur einem Retter begegnet, der ihn persönlich erlöst, sondern dem Christus, der sich auf Erden durch seinen Leib ausdrückt. Wenn er den Namen des Herrn anruft und gerettet wird – „denn ‚wer immer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.‘“ (Röm. 10:13) –, wird er zugleich in diesen Leib hineingestellt. Christsein erscheint nicht länger als rein privates Arrangement zwischen der Seele und Gott, sondern als Hineingeborenwerden in einen Organismus, in dem Christus selbst in vielen Gliedern gegenwärtig ist.

Diese Sicht schützt vor der Versuchung, den Glauben in ein individualistisches Projekt zu verwandeln. Wo der Leib Christi nur noch als Option verstanden wird, gehen das Bewusstsein für die gegenseitige Zugehörigkeit und die Ehrfurcht vor dem, was die Gemeinde wirklich ist, verloren. Die Worte des Herrn vor Damaskus erinnern daran, wie kostbar jedes einzelne Glied ist. Wenn ein Glied leidet, leidet der ganze Leib; wenn eines geehrt wird, teilen alle die Freude (1.Kor 12:26). In dieser verbundenen Wirklichkeit liegen Trost und Herausforderung zugleich: Niemand ist bedeutungslos, und niemand steht außerhalb der Verantwortung für die anderen. Christus stellt sich so eng an die Seite der Seinen, dass Er ihr Leiden als sein eigenes bezeichnet – eine Nähe, die Mut macht, seinen Leib mit neuen Augen zu sehen und die eigene Geschichte als Teil seines großen „Ich“ zu verstehen.

und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich? (Apg. 9:4)

Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Er aber (sagte): Ich bin Jesus, den du verfolgst. (Apg. 9:5)

Wer Christus als das Haupt und die Gläubigen als seinen Leib wahrnimmt, lernt die Gemeinde nicht mehr von außen zu beurteilen, sondern als Raum zu achten, in dem Christus selbst berührt, verletzt oder geehrt wird – und findet darin neue Freude, Teil seines lebendigen „Wir“ zu sein.

Ein auserwähltes Gefäß – wenn Gott unser Leben zu einem Träger Christi macht

Als Ananias vor Angst zögert, diesem gefährlichen Mann zu begegnen, spricht der Herr ein überraschendes Wort: „Der Herr aber sagte zu ihm: Geh hin, denn dieser ist Mir ein auserwähltes Gefäß, um Meinen Namen vor Heiden und Könige und vor die Söhne Israels zu tragen“ (Apg. 9:15). In den Augen der Gemeinde ist Saulus noch der Verfolger, in den Augen Gottes ist er bereits ein Gefäß, sorgfältig ausgewählt und vorbereitet. Ein Gefäß arbeitet nicht, es wird gefüllt; es rühmt sich nicht seiner Leistung, sondern seines Inhalts.

In 9:15 sehen wir, dass Saul von Tarsus ein auserwähltes Gefäß war. Wenn wir die Schrift lesen, achten wir vielleicht nicht genügend auf das Wort „Gefäß“, einen wichtigen geistlichen Begriff. Ein Gefäß ist ein Behälter und unterscheidet sich daher von einem Werkzeug oder einer Waffe. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft sechsundzwanzig, S. 217)

Wenn man Saulus’ Lebensweg betrachtet, bekommt dieses Bild Tiefe. Sein jüdischer Hintergrund, seine pharisäische Strenge, seine Kenntnis der Schrift, seine Vertrautheit mit griechischer Kultur und römischer Welt – all das formt die „Gestalt“ dieses Irdengefäßes. Aber die eigentliche Würde liegt nicht im Gefäß selbst, sondern in dem, was hineinkommt. Paulus wird später schreiben: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Überschwänglichkeit der Kraft Gott sei und nicht aus uns“ (2.Kor 4:7). Der Schatz ist Christus selbst; das Gefäß ist der Mensch, begrenzt, schwach, aber von Gott erwählt, um diesen Schatz zu tragen.

Bemerkenswert ist, dass der Herr sein Wort über Saulus nicht direkt zu Saulus, sondern zu Ananias sagt. Der Verfolger wird nicht im stillen Kämmerlein in seinen Dienst eingesetzt, sondern durch ein Glied des Leibes bestätigt. „Ananias aber ging hin und kam in das Haus; und er legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus“ (Apg. 9:17). Die Hände der Gemeinde legen sich auf dieses neue Gefäß; der Heilige Geist wird in einem äußeren, dienstbezogenen Sinn gegeben; das Wort „Bruder“ umschließt den einstigen Gegner. Das auserwählte Gefäß findet seinen Platz nicht neben oder über dem Leib, sondern inmitten der Geschwister.

Wenn Paulus später von „Gefäßen der Barmherzigkeit“ spricht, die Gott „zur Herrlichkeit zuvorbereitet hat“ (Röm. 9:23), weitet er das, was er persönlich erlebt hat, auf alle Gläubigen aus. In einem „großen Haus“ gibt es verschiedene Gefäße zu verschiedenen Zwecken (2.Tim. 2:20), doch allen gemeinsam ist dies: Sie sollen Träger Christi sein. Gott sucht nicht zuerst brillante Werkzeuge, die für Ihn arbeiten, sondern Menschen, die sich von Ihm erfüllen lassen und durch die Er sich selbst austeilt. Dienst wird dann nicht zu einem Projekt, das wir aus eigener Kraft bewältigen, sondern zu einem Ausfließen dessen, womit Er uns gefüllt hat.

Der Herr aber sagte zu ihm: Geh hin, denn dieser ist Mir ein auserwähltes Gefäß, um Meinen Namen vor Heiden und Könige und vor die Söhne Israels zu tragen; (Apg. 9:15)

Ananias aber ging hin und kam in das Haus; und er legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus (Apg. 9:17)

Im Licht von Saulus’ Berufung als auserwähltes Gefäß gewinnt das eigene Leben eine stille Würde: Nicht unsere Form und Leistung, sondern der Schatz Christi in uns ist entscheidend – und gerade darin, Ihn tragen zu dürfen, liegt die tiefe Ermutigung, den persönlichen Weg vertrauensvoll in der Hand des Herrn zu sehen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 26