Das Wort des Lebens
lebensstudium

Einleitung und Vorbereitung (1)

13 Min. Lesezeit

Zwischen der sichtbaren Gegenwart Jesu auf der Erde und der dynamischen Ausbreitung des Evangeliums in der Apostelgeschichte liegt eine unscheinbare, aber entscheidende Übergangszeit. In diesen Tagen nach der Auferstehung formt der Herr seine Jünger, klärt ihr Verständnis der Schrift und gewöhnt sie an eine neue Art seiner Gegenwart. Wer diese Vorbereitung versteht, begreift besser, wie Gott Menschen für seinen Dienst rüstet – damals wie heute.

Die Apostelgeschichte als Fortsetzung des Wirkens Jesu

Am Anfang der Apostelgeschichte öffnet Lukas einen neuen Band derselben Geschichte. Er erinnert Theophilus daran, dass er schon einen „ersten Bericht“ verfasst hat, „von allem, was Jesus angefangen hat, zu tun und auch zu lehren“ (Apg. 1:1). Allein dieses Wort „angefangen“ ist wie ein Schlüssel: Das Evangelium nach Lukas war nicht der abgeschlossene Lebenslauf eines großen Lehrers, sondern der Auftakt eines Handelns, das weitergeht. In der Apostelgeschichte handeln die Apostel, sie sprechen, reisen, leiden, beten – und doch sind sie nicht die eigentlichen Hauptpersonen. Hinter ihren Wegen steht derselbe Herr Jesus, der im Evangelium Menschen rief, heilte, aufrichtete und lehrte. Nun ist er der Auferstandene, der erhöhte Herr, der durch den Heiligen Geist seine Geschichte fortsetzt. Wo Lukas im Evangelium Jesus auf den Straßen Galiläas beschreibt, zeigt er in der Apostelgeschichte Jesus auf den Wegen seiner Zeugen, in den Gassen Jerusalems, im Gefängnis zu Philippi und im Haus eines Hauptmanns in Cäsarea.

Die Apostelgeschichte ist die Fortsetzung des Evangeliums nach Lukas. Das wird deutlich, wenn man 1:1–2 mit Lukas 1:1–4 vergleicht. Die Worte „ersten Bericht“ in Apostelgeschichte 1:1 beziehen sich auf das Evangelium nach Lukas als einen „Bericht … der Reihe nach“ (Lk. 1:3), den Lukas an Theophilus geschrieben hat. In Apostelgeschichte 1:2 heißt es, dass der Herr Jesus „den Aposteln, die er Sich auserwählt, durch den Heiligen Geist Befehl gegeben hatte“. Der auferstandene Christus ist der lebengebender Geist geworden (1.Kor. 15:45), und doch hat Er auch in der Auferstehung durch den Heiligen Geist gehandelt (Joh. 20:22). (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft drei, S. 18)

Diese Sicht verändert, wie die Bibel gelesen wird. Die Schrift wird nicht zu einer Sammlung abgeschlossener Epochen – hier Jesu Wirken, dort die Taten der Apostel –, sondern zu einer einzigen durchgehenden Heilsgeschichte Gottes, die von 1. Mose bis zur Offenbarung läuft und ihren Schwerpunkt in Christus hat. Am Ende der Apostelgeschichte heißt es über Paulus, er habe „das Königreich Gottes verkündigt und die Dinge über den Herrn Jesus Christus mit allem Freimut, ungehindert lehrte“ (Apg. 28:31). Der Name Jesu steht also noch immer auf der Titelseite, auch wenn Paulus spricht. So lernt der Leser, die vielen Wege und Stimmen der Schrift auf einen Mittelpunkt hin zu hören: Christus selbst, der handelt, leitet, tröstet und baut – damals und heute. Wer so liest, entdeckt das leise, aber durchdringende Zeugnis: Die Geschichte Jesu ist nicht vorbei. Sie setzt sich fort, wo immer sein Wort gehört und seinem Geist Raum gegeben wird. Diese Einsicht kann viel Ruhe schenken in der eigenen Gegenwart: Zwischen all den Brüchen und Widersprüchen der Geschichte bleibt einer derselbe, der den roten Faden hält und die Seinen durch alle Zeiten hindurch begleitet.

Dass Lukas Evangelium und Apostelgeschichte ausdrücklich miteinander verbindet, bewahrt vor einer falschen Trennung von „damals“ und „jetzt“. Der Jesus, der Menschen persönlich anspricht, Mahl hält mit Zöllnern und sich den Schwachen zuwendet, ist genau der, der in der Apostelgeschichte Gemeinden sammelt und durch sie wirkt. Er hat seine Art nicht geändert, nur seine Weise der Gegenwart: Vorher sichtbar in einem Leib, jetzt gegenwärtig durch seinen Geist im Leib der Gemeinde. Darum ist die Apostelgeschichte mehr als ein Übergangsbuch; sie ist ein Fenster in die andauernde Gegenwart Christi in seiner Kirche. Wenn Lukas von den vierzig Tagen spricht, in denen Jesus „die Dinge über das Königreich Gottes sprach“ (Apg. 1:3), dann spannt er einen Bogen bis zum Ende des Buches, wo Paulus eben dieses Königreich verkündigt. Zwischen diesen beiden Punkten entfaltet sich eine fortschreitende Geschichte des gleichen Königs.

Wer sich auf diese Lesart einlässt, wird im eigenen Glaubensleben neu ausgerichtet. Der Glaube wird nicht nur zur Bewunderung einer großen Vergangenheit, sondern zur Begegnung mit einem gegenwärtig handelnden Herrn. Es wird leichter, die eigene Biografie in die große Linie der Schrift einzuordnen: derselbe, der Abraham rief, Israel durch das Meer führte und Petrus nach einem Fall wieder aufrichtete, trägt auch das Leben heute. Die erste Seite der Apostelgeschichte macht Mut, inmitten der eigenen Unübersichtlichkeit mit einem Gott zu rechnen, der seine Geschichte nicht abbricht. Wo er „angefangen hat zu tun und zu lehren“, dort will er auch vollenden. Diese Gewissheit kann still und doch kraftvoll Vertrauen wecken, dass kein Abschnitt des eigenen Weges außerhalb der Hände des Herrn steht, der sich nicht scheut, seine Geschichte mit unvollkommenen Menschen weiterzuschreiben.

DEN ersten Bericht habe ich verfaßt, Theophilus, von allem, was Jesus angefangen hat, zu tun und auch zu lehren, (Apg. 1:1)

denen Er Sich auch nach Seinem Leiden durch viele unwiderlegbare Beweise als lebendig dargestellt hatte, indem Er ihnen einen Zeitraum von vierzig Tagen hindurch erschien und die Dinge über das Königreich Gottes sprach. (Apg. 1:3)

Die Apostelgeschichte als Fortsetzung des Wirkens Jesu lädt dazu ein, die eigene Lebensgeschichte nicht als lose Folge zufälliger Ereignisse, sondern als Teil eines größeren Erzählbogens zu sehen, den Christus selbst spannt, und in dem er heute ebenso gegenwärtig ist wie in den Tagen der ersten Jünger.

Christus bereitet seine Jünger in Auferstehung vor

Die Jünger hatten Jahre mit Jesus verbracht, seine Worte gehört, seine Wunder gesehen, an seiner Seite gelebt. Und doch zeigt die Zeit nach seiner Auferstehung, wie unvollständig ihre Vorbereitung noch war. Zwischen Ostermorgen und Pfingsten geschieht darum etwas Entscheidendes: Der Herr unterrichtet sie ein zweites Mal – nicht mehr von außen, sondern von innen her. Johannes berichtet, wie Jesus zu den Jüngern trat, „in sie hinein hauchte“ und sprach: „Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20:22). Hier beginnt eine andere Art von Lehre: Nicht nur Gedanken werden vermittelt, sondern Leben. Der auferstandene Christus teilt ihnen sein eigenes göttliches Leben mit, er wird zum „lebengebenden Geist“ (1. Korinther 15:45) und schafft sich so in ihnen einen Ort.

Als Er im Fleisch war, war es Ihm nicht völlig möglich, Petrus zu lehren, weil Er nicht in ihn hineingehen konnte. Er konnte Petrus zwar zurechtweisen und korrigieren, aber Er hatte keine Möglichkeit, ihn zu regenerieren, neu zu schaffen und in ihm zu wohnen. Mit anderen Worten: Bei Petrus und den anderen Jüngern hatte der Herr Jesus in Seinem Fleisch keine Möglichkeit, Sich Selbst zu vermehren. Dass der Herr Sich Selbst vermehrt, bedeutet, dass Er Sich Selbst anderen als Leben mitteilt. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft drei, S. 21)

Damit verändert sich auch das Verhältnis von Lehrer und Schüler. Als Jesus im Fleisch bei ihnen war, konnte er korrigieren, ermahnen, erklären – Petrus erinnern, Johannes ermahnen, Jakobus zurechtweisen. Aber er blieb der Äußere, der neben ihnen stand. In der Auferstehung nimmt er Wohnung in ihnen und beginnt, von innen her zu formen, was er zuvor gelehrt hat. Die vierzig Tage, in denen er ihnen erscheint, wieder verschwindet, ihnen Mahl hält und noch einmal „die Dinge über das Königreich Gottes sprach“ (Apg. 1:3), sind wie eine Übergangszeit: Die Jünger lernen, mit einem Herrn zu leben, der nicht mehr nur vor ihnen steht, sondern in ihnen wohnt und zugleich als der Erhöhte über allem regiert. Seine scheinbaren Kommen und Gehen schulen sie darin, auf ihn zu vertrauen, auch wenn er ihren Augen entzogen ist, und seine leise Führung im Inneren ernster zu nehmen als jede sichtbare Sicherheit.

In dieser besonderen Schulungszeit korrigiert der Herr auch ihre Vorstellungen vom Reich Gottes. Die Jünger fragen nach der politischen Wiederherstellung Israels, nach Zeitpunkten und äußeren Veränderungen. Jesus antwortet, es sei nicht ihre Sache, solche Zeitpunkte zu wissen, und lenkt ihren Blick auf die Kraft, die kommen wird: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, und ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg. 1:8). Das Reich Gottes, von dem er spricht, ist weniger ein geordnetes System als eine wirksame Herrschaft Gottes, die Herzen ergreift und Menschen in eine neue Beziehung zu diesem König stellt. Indem er ihnen sein Leben gibt, macht er sie zugleich zu Trägern dieses Reiches. Die Vorbereitung der Jünger ist deshalb nicht in erster Linie eine Organisationsschulung, sondern eine tiefgreifende Umstellung ihrer inneren Mitte: weg von eigenen Erwartungen, hin zum Leben des Königs in ihnen.

Wer auf Christus vertraut, steht damit in derselben Bewegung. Auch heute ist echte geistliche Reife nicht zuerst eine Frage der Jahre im Glauben oder der Menge des aufgenommenen Wissens. Sie wächst daraus, dass der auferstandene Herr als lebengebender Geist Raum im Inneren gewinnt, dass seine Gegenwart nicht nur bekannt, sondern vertraut wird. Die vierzig Tage zwischen Auferstehung und Himmelfahrt werfen ein sanftes Licht auf die Wege, die er mit seinen Jüngern heute geht: geduldig, wiederholend, korrigierend, tröstend und doch immer mit dem Ziel, sie von innen her zu befestigen. Es kann Mut machen, die eigenen Unreife- und Unverständniszeiten unter dieses Vorzeichen zu stellen: Der Herr hat seine Art, uns vorzubereiten, und er tut es nicht mit Druck von außen, sondern indem er sich selbst gibt. Wo er so Raum bekommt, beginnt ein stilles, aber nachhaltiges Wachstum, das nicht an äußeren Umständen hängt, sondern an seiner treuen Gegenwart.

Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. (Joh. 20:22)

So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)

Die Vorbereitung der Jünger durch den auferstandenen Christus macht deutlich, dass wahre Zurüstung nicht in erster Linie aus neuen Informationen besteht, sondern aus der vertieften Wirklichkeit seiner innewohnenden Gegenwart, die Gedanken ordnet, Motive reinigt und Schritt für Schritt in seine Weise des Denkens und Handelns hineinzieht.

Unsere Abhängigkeit von Offenbarung und Gebet

In der Obergemachszene der Apostelgeschichte tritt eine bemerkenswerte Spannung hervor: Auf der einen Seite stehen Menschen, die die Schrift kannten, mit Jesus gegangen waren und seine Worte gehört hatten; auf der anderen Seite wartet ein Auftrag, der ihre bisherigen Einsichten übersteigt. Petrus ist ein Beispiel für diese Spannung. Er konnte mit großer Klarheit bekennen: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, und Jesus antwortete ihm, dass nicht Fleisch und Blut, sondern der Vater im Himmel ihm dies offenbart habe. Kurz darauf dachte derselbe Petrus so menschlich über den Weg des Kreuzes, dass Jesus ihn zurechtweisen musste. Die Apostelgeschichte zeigt, wie dieser Petrus weitergeführt wird: Er steht auf, legt Psalmworte aus und erkennt in der Schrift das, was der Heilige Geist „durch den Mund Davids vorhergesagt hat“ (Apg. 1:16). Die Buchstaben waren ihm nicht neu; neu war das Licht, in dem er sie sah.

Wir müssen die Bibel immer wieder lesen. Das bedeutet, dass wir das geschriebene Wort kennen und davon erfüllt sein müssen. Dann sollten wir beten: „Herr, zeige mir, was Du in allen Büchern des Neuen Testaments zu sprechen beabsichtigst.“ Wenn du so betest, wird nach und nach Licht kommen. Um die Worte des Neuen Testaments genauer zu verstehen, ist es hilfreich, Griechisch zu lernen. Wir sollten jedoch nicht meinen, dass eine ausgezeichnete Kenntnis des Griechischen ausreicht, um die Bibel zu erkennen. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft drei, S. 20)

Damit berührt die Schrift einen empfindlichen Punkt des geistlichen Lebens: Bloße Kenntnis der Bibel, sogar genaue Kenntnis der Sprachen und Zusammenhänge, reicht nicht aus, um Gottes Gedanken wirklich zu erfassen. Sie ist notwendig, aber nicht genügend. Der Herr führt in wahre Einsicht, indem er das Herz öffnet, nicht nur den Verstand. Darum ist für die Jünger vor Pfingsten nicht Betriebsamkeit angesagt, sondern Ausharren. Es heißt, dass sie „beharrlich mit Einmütigkeit im Gebet“ blieben (Apg. 1:14). Sie hatten von Jesus den Auftrag und die Verheißung, sie kannten die Schriften, und doch warten sie. In diesem Warten geschieht mehr, als man sieht: Ihre Aufmerksamkeit löst sich vom eigenen Planen und Berechnen und richtet sich auf Gottes Initiative. Die Schrift, die sie kannten, wird unter der Hand des Heiligen Geistes zur lebendigen Stimme.

Das Zusammenspiel von Wort und Geist kommt besonders deutlich zum Ausdruck, wenn man an das erinnert, was über das Lesen der Bibel gesagt ist: Das geschriebene Wort soll vertraut sein, im Gedächtnis wohnen, der Inhalt eingeprägt sein. Aber es bleibt eine Bitte nötig, die über bloße Informationsaufnahme hinausgeht: „Herr, zeige mir, was Du zu sprechen beabsichtigst.“ Dadurch wird deutlich, dass nicht der Leser über die Schrift verfügt, sondern sich der Schrift anvertraut und dem Geist Gottes. Ohne dieses gebetete Lesen droht selbst eine sorgfältige Bibelarbeit an der Oberfläche zu bleiben. Mit ihm öffnet sich ein Raum, in dem das gleiche Wort, das schon oft gelesen wurde, plötzlich eine Tiefe und Richtung gewinnt, die zuvor verborgen war.

Die Szene im Obergemach und der Weg der Jünger ermutigen, die eigene Beziehung zur Schrift neu zu betrachten. Wo das Wort Gottes und das Gebet einander durchdringen, entsteht eine geistliche Wahrnehmung, die nüchtern und zugleich lebendig ist: Die Texte bleiben Texte, Geschichtsdaten bleiben Daten, und doch beginnen sie zu sprechen, zu trösten, zu korrigieren. So wächst eine stille Abhängigkeit, die nicht in Unsicherheit, sondern in Vertrauen mündet: Der Herr, der seinen Jüngern damals Schritt für Schritt Einsicht schenkte, verschließt sich auch heute nicht. Die Erkenntnis, dass wahre Einsicht Geschenk ist, entlastet von dem Druck, alles selbst durchschauen zu müssen, und öffnet für ein Leben, das sich von Gott sagen lässt, was dran ist – zur rechten Zeit, in der rechten Weise.

Diese alle blieben beharrlich mit Einmütigkeit im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit Seinen Brüdern. (Apg. 1:14)

Ihr Brüder, es mußte die Schrift erfüllt werden, die der Heilige Geist durch den Mund Davids vorhergesagt hat über Judas, der denen, die Jesus festnahmen, Wegweiser geworden ist. (Apg. 1:16)

Die Kombination aus gründlicher Vertrautheit mit der Schrift und einem betenden, auf den Geist Gottes ausgerichteten Herzen weist einen Weg zu einer Erkenntnis, die nicht im Kopf stecken bleibt, sondern zur Orientierung, Korrektur und Stärkung im konkreten Leben wird und in der Erfahrung reift, dass Gott selbst sein Wort im richtigen Moment lebendig macht.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 3