Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Thema des Buches

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Zwischen den Evangelien und den Briefen liegt ein Buch, das wie eine Wirbelsäule das ganze Neue Testament zusammenhält. Dort wird sichtbar, dass Jesus nicht nur am Kreuz gestorben und auferstanden ist, sondern auch dass Er als der erhöhte Herr seine Geschichte auf der Erde weiterschreibt – nicht mehr sichtbar im Fleisch, sondern durch Seinen Geist und durch ganz gewöhnliche Menschen. Wer versteht, was das eigentliche Thema dieses Buches ist, bekommt eine klare Sicht darauf, was Christus heute tut und welchen Platz die Gemeinden in Gottes Plan einnehmen.

Die Ausbreitung des auferstandenen Christus

Die Apostelgeschichte setzt nicht einfach die Geschichte der Evangelien fort, als ginge es nun um die Expansion einer Bewegung, die Jesus begonnen hat und die seine Nachfolger organisatorisch weiterführen. Am Anfang des Buches wird etwas anderes betont: „DEN ersten Bericht habe ich verfaßt, Theophilus, von allem, was Jesus angefangen hat, zu tun und auch zu lehren“ (Apg. 1:1). Die Evangelien erzählen also, was Jesus angefangen hat; die Apostelgeschichte erzählt, was derselbe Jesus fortsetzt. Der auferstandene Christus zieht sich nicht von der Bühne der Geschichte zurück, sondern tritt nur in eine andere Ausdrucksform ein. Er arbeitet nicht mehr sichtbar unter den Menschen, sondern unsichtbar in den Menschen, durch den Geist. Darum ist die „Ausbreitung“ Christi in der Apostelgeschichte nicht zuerst geographisch, sondern lebensmäßig: Sein Auferstehungsleben greift auf weitere Personen über, prägt sie innerlich und verbindet sie miteinander.

Die Evangelien stellen uns einen vollendeten Erlöser und Seine vollbrachte Erlösung vor. In der Apostelgeschichte sehen wir, wie sich der vollendete Erlöser und Seine vollbrachte Erlösung ausbreiten, um die Gemeinden hervorzubringen. In den Briefen geht es dann um die Auferbauung der Gläubigen und den Aufbau der Gemeinden. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zwei, S. 9)

Wenn man die Kapitel der Apostelgeschichte nacheinander liest, fällt auf, wie schlicht die äußeren Mittel sind: ein Petrus, der predigt, ein Stephanus, der Zeugnis gibt, ein Philippus, der einem äthiopischen Kämmerer die Schrift erklärt, ein Paulus, der in Synagogen und Häusern spricht. Hinter all dem steht aber der eine Handelnde, der erhöhte Herr, der sich selbst mitteilt. Er breitet nicht eine Idee aus, sondern seine Person. Markus fasst dies rückblickend so: „Jene aber gingen aus und predigten überall, während der Herr mitwirkte und das Wort durch die darauf folgenden Zeichen bestätigte“ (Mk. 16:20). Die Jünger reden, der Herr wirkt mit. Wo dieser Zusammenhang gesehen wird, verliert das Werk des Zeugnisses den Charakter eines menschlichen Projekts. Stattdessen wächst das Bewusstsein: Der auferstandene Christus dehnt seine Gegenwart aus, indem Er Menschen in seine Gemeinschaft hineinzieht und sie zu Trägern seines Lebens macht. In dieser Sicht liegt eine stille Ermutigung: Auch heute hängt die Frucht nicht an der Raffinesse unserer Methoden, sondern an der lebendigen Wirklichkeit seiner Ausbreitung – ein Grund, mehr auf Ihn zu vertrauen als auf unsere Möglichkeiten.

DEN ersten Bericht habe ich verfaßt, Theophilus, von allem, was Jesus angefangen hat, zu tun und auch zu lehren, (Apg. 1:1)

Jene aber gingen aus und predigten überall, während der Herr mitwirkte und das Wort durch die darauf folgenden Zeichen bestätigte. (Mk. 16:20)

Wer die Apostelgeschichte so liest, entdeckt darin nicht nur Vorbilder, sondern Spuren des gegenwärtig handelnden Herrn. Das befreit von der Angst, man müsse das Werk Christi mit eigener Kraft fortsetzen, und lädt zu einer nüchternen, aber hoffnungsvollen Gelassenheit ein: Der, der sich damals ausbreitete, ist derselbe, der heute seine Wege findet. Es lohnt sich, die eigene Sicht auf Gemeinde und Dienst immer neu an dieser Wahrheit auszurichten, damit hinter all unserem Tun die leise Gewissheit steht: Christus selbst breitet sich aus – und nichts ist stärker als sein Auferstehungsleben.

Christus handelt in seiner Himmelfahrt – durch den Geist, durch Zeugen

Zwischen dem Ende der Evangelien und dem Beginn der Apostelgeschichte steht die Himmelfahrt. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, Christus entferne sich von der Erde und überlasse nun den Jüngern die Verantwortung. Lukas zeichnet jedoch ein anderes Bild. Noch vor seiner Aufnahme in den Himmel begegnet Jesus seinen Jüngern „durch viele unwiderlegbare Beweise als lebendig“, und es heißt, dass Er „einen Zeitraum von vierzig Tagen hindurch erschien und die Dinge über das Königreich Gottes sprach“ (Apg. 1:3). Der Herr bereitet sie nicht darauf vor, ohne Ihn zurechtzukommen, sondern darauf, mit Ihm in einer neuen Weise zu leben: Er ist verborgen, aber gegenwärtig; entrückt, aber wirksam. Seine Himmelfahrt ist nicht Rückzug, sondern Thronbesteigung – der Beginn einer Herrschaft, in der Er sein Werk in größerer Weite fortsetzt als jemals zuvor.

In Seiner Himmelfahrt ist der Herr sehr aktiv. Wir sollten niemals denken, der aufgefahrene Christus sitze passiv auf dem Thron, beobachte die beklagenswerte Lage auf der Erde und sei darüber enttäuscht. Nein, in Seiner Himmelfahrt ist Christus in sehr positiver Weise tätig. Als der Aufgefahrene tut Er jetzt vieles. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zwei, S. 10)

Diese Fortsetzung geschieht „durch den Geist“ und „durch Zeugen“. Jesus kündigt an: „Doch ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, und ihr werdet Meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde“ (Apg. 1:8). Die Kraft des Zeugnisses entspringt nicht der inneren Entschlossenheit der Jünger, sondern dem Kommen des Heiligen Geistes, der die Gegenwart des erhöhten Christus in ihnen verwirklicht. Gleichzeitig bleibt der Herr nicht ohne menschliche Stimmen: Er gebraucht Frauen und Männer, die ihn als den Gekreuzigten, Auferstandenen und Erhöhten erfahren haben und nun von dem sprechen, was sie gesehen und berührt haben. So wird jede Szene der Apostelgeschichte zu einem Doppelgeschehen: sichtbar handeln Menschen, unsichtbar lenkt der erhöhte Herr; sichtbar wird gesprochen, unsichtbar bezeugt der Geist. Wer das erkennt, beginnt die eigene Zeit als eine Fortsetzungsgeschichte zu sehen – nicht im Sinn einer neuen Bibel, wohl aber im Sinn desselben Christus, der seine Zeugen und seinen Geist auch heute nicht voneinander trennt.

In dieser Sicht liegt eine leise, aber tragende Ermutigung. Das Werk des Herrn ist nicht auf die wenige Jahre seines irdischen Lebens begrenzt geblieben und auch nicht an die Kraft einer Generation großer Gestalten gebunden. Es ruht auf dem, der zur Rechten Gottes sitzt und dennoch mitten unter den Seinen wirkt. Das kann Mut machen, wenn die eigenen Möglichkeiten klein erscheinen und die Umgebung widerständig bleibt: Der erhöhte Christus ist nicht der abwesende Beobachter, sondern der Handelnde; der Geist ist keine fromme Idee, sondern sein gegenwärtiges Wirken; Zeugen sind keine Helden, sondern Menschen, durch die Er spricht. Wo diese Einsicht im Herzen Wurzel fasst, verwandelt sich der Blick auf die eigene Situation: Die Begrenzungen bleiben real, doch darüber legt sich die ruhige Zuversicht, dass der Herr der Geschichte seine Kapitel noch nicht beendet hat.

denen Er Sich auch nach Seinem Leiden durch viele unwiderlegbare Beweise als lebendig dargestellt hatte, indem Er ihnen einen Zeitraum von vierzig Tagen hindurch erschien und die Dinge über das Königreich Gottes sprach. (Apg. 1:3)

Doch ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, und ihr werdet Meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde. (Apg. 1:8)

Wer den erhöhten Christus so im Licht der Apostelgeschichte betrachtet, findet eine neue Freiheit im Dienst und im Alltag des Glaubens. Die Frage verschiebt sich weg von der eigenen Leistungsfähigkeit hin zu der einfachen, aber tiefen Wirklichkeit: Wir gehören dem, der regiert und der durch seinen Geist wirkt. Aus dieser Gewissheit wächst eine Haltung stillen Vertrauens – eine Bereitschaft, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen, ohne den Ausgang erzwingen zu wollen, weil der Herr selbst der eigentliche Fortsetzer seines Werkes bleibt.

Gemeinden – die Frucht der Ausbreitung und Ausdruck des Königreichs Gottes

Wo der auferstandene und erhöhte Christus sich ausbreitet, bleibt das nicht unsichtbar. Es entsteht ein konkreter, gemeinschaftlicher Ausdruck: Gemeinden. Sie werden in der Apostelgeschichte nicht als religiöse Vereine beschrieben, sondern als Ergebnis des Wirkens Gottes. Eine knappe, aber dichte Zusammenfassung lautet: „So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes“ (Apg. 9:31). Frieden, Aufbau, Furcht des Herrn, Trost des Geistes und Wachstum – all das sind keine Produkte menschlicher Planung, sondern Folgen der Tatsache, dass Christus sich in den Menschen ausbreitet. Man könnte sagen: Wo Er in ihnen wohnt, prägt Er nicht nur ihr persönliches Leben, sondern fügt sie zu einem gemeinsamen Leib zusammen.

Ausbreitung ist eine Sache der Hervorbringung. Sich auszubreiten bedeutet daher, hervorzubringen. Die Ausbreitung des auferstandenen Christus in Seiner Himmelfahrt bringt die Gemeinden hervor. Die Gemeinden sind das Hervorgebrachte des auferstandenen Christus in Seiner Himmelfahrt. Daher sind die Gemeinden das Hervorgebrachte der Ausbreitung Christi. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zwei, S. 11)

Diese Gemeinden sind mehr als Treffpunkte von Gleichgesinnten. In ihnen wird das gegenwärtige Königreich Gottes greifbar. Am Anfang der Apostelgeschichte wird berichtet, dass der auferstandene Jesus „die Dinge über das Königreich Gottes“ sprach (Apg. 1:3), und später lesen wir, dass Philippus „das Evangelium vom Königreich Gottes und vom Namen Jesu Christi“ verkündete (Apg. 8:12). Das Königreich Gottes ist also keine bloße Zukunftshoffnung, sondern eine Wirklichkeit, die in der Gegenwart Raum gewinnt – und die Gemeinden sind der Ort, an dem diese Herrschaft Christi sichtbar Gestalt annimmt. Sie leben mitten in Bedrängnis und Unvollkommenheit, doch gerade dort wird die Regierungsweise Gottes erfahrbar: in der gemeinsamen Unterordnung unter den Herrn, im Miteinander der Glieder, im Aufbau, der aus dem Trost des Heiligen Geistes kommt.

Wer Gemeinde so versteht, sieht in ihr nicht zuerst eine Leistungsveranstaltung, sondern die Frucht eines göttlichen Lebensprozesses. Aus dem einen Christus wächst durch Ausbreitung eine vielgestaltige, aber zusammengehörige Wirklichkeit hervor. Das kann den Blick auf die eigene Gemeinde verändern – weg von der nüchternen Bestandsaufnahme ihrer Schwächen hin zu der ehrfürchtigen Wahrnehmung: Hier zeigt sich, trotz aller Brüche, etwas vom gegenwärtigen Königreich Gottes. Diese Sicht ernüchtert und tröstet zugleich. Sie ernüchtert, weil sie die Gemeinde immer an Christus misst und nicht an menschlichen Vorstellungen von Erfolg. Sie tröstet, weil sie die Gemeinde nicht auf ihre Schwachheit reduziert, sondern in ihr das Werk des auferstandenen Herrn erkennt, der sein Reich bereits jetzt mitten in einer unruhigen Welt aufrichtet.

In dieser Spannung zu leben – zwischen Sichtbarkeit und Verheißung, zwischen brüchiger Realität und göttlicher Gegenwart – gehört zum Wesen der Gemeinden, wie die Apostelgeschichte sie schildert. Gerade darin liegt eine stille Ermutigung: Die eigene Erfahrung von Gemeinde muss nicht ideal sein, um wahrer Ausdruck des Königreichs Christi zu sein. Entscheidend ist, dass Er selbst der Mittepunkt bleibt, dass sein Wort Raum hat und sein Geist tröstet und aufbaut. Wo dies geschieht, trägt die Gemeinde, so unscheinbar sie auch erscheint, etwas von der Würde und Hoffnung des kommenden Reiches in sich – eine Hoffnung, die im Alltag Halt gibt und dazu einlädt, die Gemeinschaft der Heiligen als Geschenk seiner Ausbreitung zu betrachten.

So hatte denn die Gemeinde durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Trost des Heiligen Geistes. (Apg. 9:31)

Als sie aber dem Philippus glaubten, der das Evangelium vom Königreich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, sowohl Männer als auch Frauen. (Apg. 8:12)

Wer Gemeinde als sichtbare Frucht der Ausbreitung Christi und als Ausdruck seines gegenwärtigen Königreichs erkennt, lernt sie mit anderen Augen zu sehen. Enttäuschungen und Begrenzungen verschwinden dadurch nicht, aber sie erhalten einen neuen Rahmen: Mitten in allem Unfertigen ist der auferstandene Herr am Werk, baut auf, tröstet und regiert. Aus dieser Einsicht kann eine stille Dankbarkeit und eine erneuerte Bereitschaft erwachsen, sich in die Gemeinschaft einzufügen und sie mitzutragen – nicht aus Pflichtgefühl, sondern im Bewusstsein, Teil dessen zu sein, was Christus selbst in dieser Zeit hervorbringt.


Herr Jesus Christus, wir beten Dich an als den auferstandenen und erhöhten Herrn, der nicht stillsteht, sondern heute noch durch Deinen Geist wirkt. Danke, dass Deine Ausbreitung nicht von unserer Stärke abhängt, sondern von Deiner Macht und Deinem unvergänglichen Leben in uns. Stärke unseren Glauben, damit wir Dich in Deiner Himmelswirklichkeit sehen und unsere Tage aus der Gewissheit leben, dass Du regierst und Deine Gemeinde baust. Lass Deine Gegenwart in unseren Gemeinden spürbar werden, damit Dein Königreich inmitten von Schwachheit und Begrenzung sichtbar wird und Menschen Hoffnung finden. Fülle uns neu mit Deinem Geist, damit unser Zeugnis durchdrungen ist von Deinem Leben und Deine Geschichte mit dieser Welt weitergeschrieben wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 2