Die Stellung des Buches
Wer das Neue Testament liest, merkt schnell: Es ist kein buntes Nebeneinander von Geschichten und Briefen, sondern ein durchgehender Bericht von Gottes Handeln. Doch wo ordnet sich die Apostelgeschichte in diesem großen Ganzen ein? Sie steht zwischen den Evangelien und den Briefen – aber sie ist weit mehr als nur die historische Brücke dazwischen. An ihr entscheidet sich, ob wir Christus vor allem als den Jesus der Evangelien sehen oder auch als den verherrlichten Herrn, der heute im Himmel regiert und zugleich in den Gläubigen lebt.
Die besondere Stellung der Apostelgeschichte in der Bibel
Die Apostelgeschichte liegt nicht zufällig zwischen den Evangelien und den Briefen. Ihre Stellung ist wie eine Wirbelsäule im Leib des Neuen Testaments: unscheinbar, aber tragend, verbindend und gliedernd. Vor ihr hören wir in den Evangelien von allem, was Jesus auf der Erde „angefangen hat, zu tun und auch zu lehren“ – so heißt es in Apg. 1:1. Nach ihr sprechen die Briefe von der inneren Wirklichkeit dieses Christus in den Gläubigen und in den Gemeinden. Dazwischen steht ein Buch, das zeigt, wie der auferstandene und aufgefahrene Herr den Übergang gestaltet: vom sichtbaren Erscheinen zur unsichtbaren, aber wirklichen Gegenwart; von der persönlichen Nachfolge in Galiläa zum weltweiten Zeugnis in der Kraft des Geistes.
Die Apostelgeschichte steht zwischen den vier Evangelien und den Briefen, zu denen auch das Buch der Offenbarung gehört. Sie bildet daher eine Scheidelinie. Vor der Apostelgeschichte haben wir die vier Evangelien als Fortsetzung des Alten Testaments, nach der Apostelgeschichte die Briefe mit dem Buch der Offenbarung als Abschluss. Die Apostelgeschichte lässt sich mit der Wirbelsäule im menschlichen Körper vergleichen. Die Wirbelsäule teilt den menschlichen Körper in zwei Teile, in die rechte und in die linke Seite. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft eins, S. 3)
Damit wird deutlich: Die Apostelgeschichte ist nicht bloß eine Sammlung erbaulicher Geschichten oder ein chronologischer Steg zwischen zwei Lehren. Sie ist Offenbarung der himmlischen Seite des Evangeliums. Die Jünger hatten den Herrn gesehen, gehört, berührt; nun lernen sie Ihn kennen, der „in den Himmel aufgenommen und zur Rechten Gottes“ sitzt (Mk. 16:19), und erleben gleichzeitig, wie Er auf der Erde weiter handelt. Der erhöhte Christus wirkt, sendet, führt, richtet aus – aber Er tut es durch Menschen, die Er in Seinem Leib miteinander verbindet. Wer die Briefe liest, ohne diesen bewegten, lebendigen Hintergrund zu kennen, wird vieles nur als abstrakte Wahrheit hören. Die Apostelgeschichte füllt diese Worte mit Geschichte, mit Schweiß und Tränen, mit Trost und Durchbrüchen. Gerade darin liegt ihre ermutigende Kraft: Sie zeigt, dass unser Glaube nicht auf Papier bleibt, sondern sich im Alltag einer fehlerhaften, doch vom Herrn getragenen Gemeinde bewährt.
DEN ersten Bericht habe ich verfaßt, Theophilus, von allem, was Jesus angefangen hat, zu tun und auch zu lehren, (Apg. 1:1)
Der Herr wurde nun, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. (Mk. 16:19)
Die besondere Stellung der Apostelgeschichte ruft dazu auf, unser eigenes Glaubensleben nicht von den Evangelien loszulösen und auch nicht die Briefe in den Raum reiner Gedanken zu verschieben. Zwischen beidem steht der erhöhte Christus, der heute genauso real handelt wie damals. Wo wir unser Leben als Teil dieser Geschichte sehen, gewinnen unser Beten, unser Leiden und unser Dienst Tiefe: Wir stehen nicht am Rand, sondern mitten im Weg, auf dem der Herr Seine Gemeinde durch die Zeit führt. Diese Perspektive nimmt die Schwere der Verantwortung nicht, aber sie stellt sie unter ein großes, tröstliches Vorzeichen: Der, der begonnen hat, zu tun und zu lehren, führt Sein Werk weiter – auch durch schwache Menschen, auch in uns.
Vom verheißenen Samen zum verherrlichten Gott-Menschen
Wenn man den Bogen von 1. Mose bis zu den Evangelien spannt, sieht man, wie früh Gott die Linie Christi zieht. Gleich in der ersten großen Katastrophe der Menschheitsgeschichte, im Fall, spricht Gott von einem kommenden Samen: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen“ (1. Mose 3:15). Dieses Wort ist mehr als Gericht; es ist stille, aber entschiedene Hoffnung. Der, der hier angekündigt wird, tritt in die Geschichte nicht als abstrakte Idee, sondern als wirklicher Mensch, als Nachkomme einer Frau ein – und doch kommt er vom ewigen Gott her. In den Evangelien begegnet uns dieser Same in der Person Jesu: Gott, der sich in der Begrenzung eines menschlichen Leibes, einer menschlichen Biographie verbirgt und offenbart.
In den Evangelien wird uns eine wunderbare Person enthüllt. Diese Person ist der ewige Gott, der im Alten Testament den Namen Jehovah trägt. Er ist der Schöpfer des ganzen Universums und des Menschen. In 1. Mose 3:15 weissagte Er, dass Er eines Tages ein Same der Frau werden würde. Diese Verheißung blieb unerfüllt bis zum Ablauf der ersten viertausend Jahre der Menschheitsgeschichte. Dann kam der Herr Jesus als der Same der Frau. Er kam als der eigentliche Gott, der im Schoß einer menschlichen Jungfrau empfangen wurde. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft eins, S. 5)
Sein Weg bleibt nicht bei einer vorbildlichen Lebensführung stehen. Die Evangelien führen konsequent zu Golgatha. Dort geschieht ein Tod, der weit über das menschlich Sichtbare hinausreicht. 1.Petrus 3:18 beschreibt ihn so: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit Er euch zu Gott hinführe, einerseits im Fleisch zu Tode gebracht, andererseits aber im Geist lebendig gemacht.“ Sein Sterben ist stellvertretend, versöhnend, richtend – ein Ende der alten Schöpfung, ein Bruch mit allem, was sich Gott entgegenstellt. Und aus diesem Tod geht Er in die Auferstehung hinüber, um, wie es in 1.Korinther 15:45 heißt, der „Leben gebende Geist“ zu werden. Wenn Er in den Evangelien schließlich die Jünger anhaucht und spricht: „Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh. 20:22), tritt eine neue Phase ein: Der verheißene Same ist nicht nur gekommen und hat triumphiert; Er gibt sich selbst den Seinen als inneres Leben. Die Apostelgeschichte setzt genau hier ein – sie zeigt, wie der verherrlichte Gott-Mensch, der Weg durch Tod und Auferstehung gegangen ist, nun als der lebendige Herr in und durch seine Gemeinde weiterwirkt.
Die Linie vom ersten Buch der Bibel bis zur Apostelgeschichte ordnet unseren Blick. Sie erinnert daran, dass Gottes Weg mit der Welt nicht von heute auf morgen entstand, sondern von Anfang an auf Christus hin zielte. Das macht uns nüchtern gegenüber schnellen Lösungen und gleichzeitig zuversichtlich: Alles Entscheidende ist in Christus schon geschehen. Sein Tod ist umfassend genug, um Schuld und Bindung zu tragen; seine Auferstehung ist kraftvoll genug, um neues Leben hervorzubringen. So darf der Glaube ruhig werden: Er ruht nicht in Zielen, die wir erreichen müssten, sondern in einem Weg, den Christus schon vollendet hat und den Er nun in uns und mit uns fortsetzt.
Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1. Mose 3:15)
Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit Er euch zu Gott hinführe, einerseits im Fleisch zu Tode gebracht, andererseits aber im Geist lebendig gemacht, (1.Petr. 3:18)
Vom verheißenen Samen zum verherrlichten Gott-Menschen spannt sich ein Bogen, der auch unsere persönliche Geschichte umfasst. In Momenten, in denen Schuld, Scheitern oder Dunkelheit laut werden, bleibt dieses stille, frühe Wort Gottes bestehen: Es wird einer kommen, der der Schlange den Kopf zermalmt. In Christus ist dieses Wort erfüllt, und in der Apostelgeschichte sehen wir die ersten Früchte dieser Erfüllung in Menschenleben. Wer sich innerlich an diesen Christus bindet, findet einen Halt, der älter ist als die eigene Vergangenheit und stärker als die eigene Gegenwart. Das gibt Mut, das eigene Leben als Teil einer viel größeren Geschichte zu sehen, in der Gott seinen Weg mit Sanftmut, Geduld und unerschütterlicher Treue weitergeht.
Christus: im Himmel auf dem Thron und in uns als Leben
Die Frage, wo Christus heute ist, berührt das Herz des Glaubens. Die Evangelien enden nicht an einem leeren Grab, sondern an einem geöffneten Himmel. Lukas berichtet: „Und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und wurde hinaufgetragen in den Himmel“ (Lk. 24:51). Matthäus fasst die Konsequenz dieser Erhöhung in die Worte: „Mir ist alle Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben“ (Mt. 28:18). Christus ist als verherrlichter Gott-Mensch auf dem Thron, eingesetzt mit Vollmacht, um die Geschichte zu leiten, seine Gemeinde zu bauen und die Heilsgeschichte zur Vollendung zu führen. In dieser himmlischen Stellung ist Er nicht untätig: Er sendet, beauftragt, regiert, tröstet, richtet aus.
Wir müssen sehen, dass Jesus Christus im Alten Testament geweissagt und vorgebildet wurde, dass Er im Schoß einer Jungfrau empfangen wurde, dass Er von einer Jungfrau geboren wurde, um der Gott-Mensch zu werden, dass Er ein Leben lebte, in dem Er die göttlichen Eigenschaften in Seinen menschlichen Tugenden ausdrückte, dass Er durch den Tod hindurchging und in die Auferstehung eintrat und dabei zum erreichenden Geist wurde, und dass Er in der Auferstehung Sich Selbst als der lebengebender Geist in Seine Jünger hineinhauchte. Nachdem Er ihnen dann geboten hatte, auf Ihn zu warten, damit Er Sich Selbst als den Geist vom Thron Gottes her wirtschaftlich über sie ausgießen könne, fuhr Er in die Himmel auf. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft eins, S. 7)
Gleichzeitig zeigt das Neue Testament eine zweite, ebenso reale Seite. Der, der im Himmel erhöht ist, ist in der Auferstehung als Leben gebender Geist in die Seinen gekommen. Johannes bezeugt, dass der Auferstandene die Jünger anhaucht und ihnen das Leben des Geistes schenkt, und Paulus fasst es zusammen, wenn er von Christus spricht, der in den Gläubigen lebt. Man kann sagen: Wesensmäßig ist Christus in den Gläubigen als ihr Leben; wirtschaftlich – in Seiner Regierungs- und Dienstfunktion – ist Er im Himmel auf dem Thron. Die Apostelgeschichte führt diese beiden Linien zusammen. Der erhöhte Herr sendet die „Verheißung des Vaters“ (Lk. 24:49), gießt den Heiligen Geist aus und wirkt von oben her, während Er zugleich in den Seinen wohnt und durch sie redet, leidet, liebt und siegt. Dadurch wird Glauben kein innerlicher Rückzug und auch keine distanzierte Bewunderung eines fernen Himmelskönigs, sondern eine lebendige Beziehung zu Dem, der zugleich in uns und über uns ist.
Diese doppelte Wirklichkeit Christi schenkt dem Glaubensleben eine heilsame Spannung. Einerseits darf die Nähe Christi ganz schlicht erfahren werden: in Gebet und Stille, in der Kraft, die mitten in der Schwachheit aufleuchtet, im Trost, der nicht von außen übergestülpt, sondern von innen her geschenkt wird. Andererseits bleibt der Blick nach oben geöffnet: Unser Leben ist eingebunden in eine Geschichte, die von einem Thron her gelenkt wird. Entscheidungen, Wege und auch Umwege stehen nicht im luftleeren Raum. So wächst eine Haltung, die zugleich vertrauensvoll und wachsam ist: Christus in uns macht uns frei, und Christus über uns trägt uns. In diesem Bewusstsein wird der Alltag – mit seinen kleinen Freuden und seinen schweren Stunden – zum Ort, an dem sich die Apostelgeschichte fortschreibt, leise, oft unspektakulär, aber in der Kraft des verherrlichten Herrn.
Und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und wurde hinaufgetragen in den Himmel. (Lk. 24:51)
Und Jesus kam und sprach zu ihnen und sagte: Mir ist alle Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben. (Mt. 28:18)
Zu wissen, dass Christus zugleich im Himmel und in uns ist, verändert die Art, wie Herausforderungen, Aufgaben und auch Grenzen wahrgenommen werden. Wo nur die eigene Kraft im Blick steht, werden Aufträge des Herrn schnell zu Lasten, und wo nur die Ferne des Himmels betont wird, droht das Herz kalt zu werden. Die Apostelgeschichte erinnert daran, dass beides zusammengehört: Der, der alle Vollmacht hat, wohnt in dem, der oft kaum weiterweiß. Das macht nicht stark im eigenen Sinn, sondern ruhig in Ihm. Aus dieser Ruhe heraus entsteht ein mutiger, zugleich demütiger Lebensstil, der damit rechnen kann, dass Christus heute noch handelt – im Verborgenen des Herzens und im Weiten seines Reiches.
Herr Jesus Christus, verherrlichter Gott-Mensch, danke, dass Du heute auf dem Thron im Himmel regierst und zugleich in Deinem Volk als Leben wohnst. Öffne unsere Augen, damit wir Dich nicht nur als den Jesus der Evangelien kennen, sondern auch als den auferstandenen und aufgefahrenen Herrn, der durch Deinen Geist in Deiner Gemeinde wirkt. Stärke unseren Glauben, damit wir die Geschichte in der Apostelgeschichte als lebendiges Muster für Dein heutiges Handeln verstehen und darin Deinen weisen Plan erkennen. Lass uns inmitten aller Unsicherheit unserer Zeit in der Gewissheit ruhen, dass Du souverän regierst und Deine gute Absicht mit Deiner Gemeinde und mit jedem Einzelnen vollendest. Fülle uns mit Hoffnung und Anbetung über Deine Größe und Nähe, bis wir Dich einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 1