Das Gebet des Lebens (3)
Manchmal spüren Christen deutlich, dass sie eigentlich zusammengehören – und erleben doch Trennung, Spannungen und unterschiedliche Wege. Jesu großes Gebet in Johannes 17 öffnet uns den Blick dafür, wie Gott selbst diese Kluft überwindet: nicht mit äußeren Strukturen, sondern indem er uns in seinem Leben, durch sein Wort und in seiner Herrlichkeit eins macht. Wer diese Linie erkennt, beginnt Gemeinschaft nicht nur als menschliches Miteinander zu sehen, sondern als ein geistliches Wunder, das aus dem Herzen des Dreieinen Gottes kommt.
Durch das heiligende Wort aus der Welt herausgerufen
Wenn Jesus in Johannes 17 für die Seinen betet, beschreibt Er eine Spannung: Seine Jünger sind in der Welt und doch nicht von ihr. Diese Spannung löst Er nicht durch Rückzug, sondern durch Heiligung: „Heilige sie in der Wahrheit; Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh. 17:17). Das Wort Gottes ist nicht bloß Information über Gott, sondern Träger Seiner Gegenwart und Seines Willens. Es begegnet uns als konstantes Wort – das aufgeschriebene Zeugnis der Schrift – und als augenblickliches Wort, das der Heilige Geist aus der Schrift heraus in unsere konkrete Situation hinein lebendig macht. Wo dieses Wort uns trifft, bleibt es nicht neutral: es stellt uns heraus, es ruft uns weg, es richtet uns neu aus.
Nachdem wir von Neuem geboren worden sind und nun Kinder Gottes sind, müssen wir durch das heilige Wort des Herrn von der Welt abgesondert werden. Das Wort des Herrn hat die heiligende Kraft, uns von der Welt zu trennen. Sobald wir durch das heilige Wort von der Welt abgesondert worden sind, werden wir in die Mitte gebracht, um die wirkliche Einheit zu verwirklichen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierzig, S. 481)
Die Bibel kennt dafür eine zweifache Heiligung. Zuerst die Stellung: Gott versetzt uns aus der Macht der Finsternis in das Reich des Sohnes Seiner Liebe, wie Gold, das vom Markt in den Tempel gebracht wird und dadurch an einen neuen Ort, eine neue Zugehörigkeit kommt. Johannes bringt diese Dimension auf den Punkt, wenn Jesus bezeugt, dass der Vater Ihm Vollmacht gegeben hat, „daß er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe“ (Johannes 17:2). Wer dieses Leben empfängt, steht nicht mehr unter dem Regime des satanischen Systems, sondern gehört rechtlich zu Gott. Doch der Vater bleibt nicht bei einer rechtlichen Zuordnung stehen. Er sucht unsere innere Wandlung: Denken, Motive, Wünsche sollen von demselben Licht berührt werden, das uns schon versetzt hat. Je mehr das Wort – als logos und als persönliches rhema – in uns Raum gewinnt, desto mehr verschieben sich unsere Wertungen: Früher Selbstverständliches verliert seinen Glanz, Gottes Wille gewinnt Gewicht.
So beginnt eine leise, aber tiefgreifende Loslösung. Das Wort deckt auf, was uns gefangen hält, und nährt zugleich ein neues Verlangen. Es entlarvt das Blendwerk der Welt, ohne uns in Bitterkeit zu treiben; es führt uns nicht zuerst in moralische Anstrengung, sondern in Gemeinschaft. „Denn aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ (Johannes 1:16). Wo wir aus dieser Fülle empfangen, wird die Anziehungskraft dessen, was uns von Gott wegzieht, schwächer, und die Freude an Ihm stärker. Heiligung ist dann nicht ein mühsamer Verzichtskatalog, sondern das Wachsen einer anderen Freude, eines anderen Geschmacks.
In dieser Bewegung bringt uns das Wort „in die Mitte“ – in die Nähe des Vaters und in ein neues Miteinander unter den Glaubenden. Wer von den Banden der Welt gelöst wird, bekommt Hände frei, um zu empfangen und zu geben; Herzen, die nicht mehr vom ständigen Vergleich beherrscht sind, können sich ohne Berechnung öffnen. Aus äußerem Nebeneinander wird geistliche Nähe, weil alle von demselben Wort genährt und von derselben Liebe bewegt werden. Es ist ein stilles Wunder, wenn Menschen, die vorher durch Interessen, Temperamente oder Verletzungen voneinander getrennt waren, sich unter dem Sprechen Gottes neu finden. Gerade so wächst eine Einheit, die nicht auf Druck beruht, sondern auf gemeinsam erfahrener Gnade. Wer das erlebt, spürt, wie die Schrift nicht nur alte Geschichten erzählt, sondern uns Schritt für Schritt „nach Hause“ führt – in ein Leben, in dem Gott und Sein Volk nicht mehr Randthemen, sondern die eigentliche Mitte sind.
Heilige sie in der Wahrheit; Dein Wort ist Wahrheit. (Joh. 17:17)
wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, daß er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe. (Joh. 17:2)
Wenn das heiligende Wort Gottes unser Inneres erreicht, verliert die Welt nicht über Nacht, aber doch spürbar ihre definierende Macht. Daraus erwächst eine Freiheit, die nicht hart macht, sondern verbindlich: Man muss nicht mehr überall mitlaufen, um sich lebendig zu fühlen, und entdeckt zugleich, wie reich das gemeinsame Leben im Volk Gottes ist, wo das Sprechen des Herrn Raum hat.
Eins im Dreieinen Gott – gesandt in eine feindliche Welt
Das Gebet Jesu bleibt nicht bei der Absonderung stehen. Mitten in Seiner Fürbitte sagt Er: „Wie Du Mich in die Welt gesandt hast, habe auch Ich sie in die Welt gesandt“ (Johannes 17:18). Heiligung ist nicht Flucht, sondern Sendung. Der Sohn wird vom Vater in die Welt gesandt, nicht allein, sondern im Einssein mit Ihm: Er lebt aus dem Vater, spricht, was Er vom Vater hört, und tut, was Er den Vater tun sieht. So bezeugt Er: „Der Sohn kann nichts von Sich Selbst aus tun, außer was Er den Vater tun sieht“ (Johannes 5:19). In derselben Weise werden die Glaubenden gesandt: nicht als Einzelkämpfer mit einem fernen Auftrag, sondern als Menschen, die in die Welt hineingehen, während sie im Sohn und im Vater geborgen sind.
Vers 18 sagt: „Wie Du Mich in die Welt gesandt hast, habe auch Ich sie in die Welt gesandt.“ Der Vater sandte den Sohn in die Welt und gab Sich Selbst dem Sohn als Leben und als alles. In derselben Weise sendet der Sohn die an Ihn Glaubenden in die Welt und gibt Sich Selbst ihnen als ihr Leben und ihr Alles. Der Sohn sendet uns, die Glaubenden, in derselben Weise, wie der Vater Ihn gesandt hat. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierzig, S. 482)
Das bedeutet, dass Christsein nicht vor allem eine geographische Distanz zur Welt ist, sondern ein anderer Boden mitten in ihr. Jesus bittet ausdrücklich nicht darum, dass die Seinen aus der Welt genommen werden, sondern dass sie in ihr bewahrt bleiben und aus einer anderen Quelle leben. Der Boden dieser Sendung ist der Dreieine Gott selbst: „damit sie alle eins seien; wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir, daß auch sie in Uns seien“ (Johannes 17:21). Einheit beginnt damit, dass wir gemeinsam in diesem „In Uns“ wohnen. Wo unser inneres Leben aus der Gemeinschaft mit dem Vater, durch den Sohn, im Heiligen Geist gespeist wird, können Meinungsverschiedenheiten uns nicht mehr so leicht auseinander treiben. Was uns verbindet, ist dann nicht Identität der Interessen oder Traditionen, sondern das geteilte Leben Gottes.
Gesandt sein in eine feindliche Welt heißt deshalb: Wir tragen eine andere Atmosphäre hinein. Wo Gottes Wort uns von unheiligen Verstrickungen löst, werden wir nicht weltfremd, sondern innerlich frei, in Situationen zu stehen, ohne ihr Produkt zu sein. Das zeigt sich nicht nur in großen Entscheidungen, sondern im Alltag: im Umgang mit Macht, Erfolg, Anerkennung, Vergnügen, in der Art, wie wir mit Angst und Schuld umgehen. Jesus lehrt uns beten: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern befreie uns von dem, der böse ist. Denn Dein ist das Königreich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ (Mattheus 6:13). Wer so betet, rechnet damit, dass mitten in widersprüchlichen Verhältnissen eine andere Kraft wirkt – nicht unsere Stärke, sondern die bewahrende Macht Gottes.
Wenn wir diese Sendung im Licht des Gebets Jesu sehen, verliert sie ihren bedrückenden Charakter. Es ist nicht die Aufgabe einer kleinen religiösen Gruppe, sich selbst in einer feindlichen Umwelt zu behaupten. Es ist der Weg eines Leibes, der vom Haupt in allem versorgt wird. „Und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde“ (Kolosser 1:18). Aus dieser Verbindung heraus wird es möglich, in beruflichen, gesellschaftlichen und familiären Kontexten zu stehen, ohne seine inneren Koordinaten zu verlieren. Mehr noch: Gerade dort, wo die Spannung zwischen Welt und Evangelium schmerzlich spürbar wird, kann die Einheit im Dreieinen Gott Gestalt gewinnen. Man trägt einander, man ringt gemeinsam um Wege, man steht miteinander im Gebet. So wird die Gemeinde inmitten einer zerrissenen Welt zu einem leisen, aber deutlichen Zeichen dafür, dass ein anderes Leben, eine andere Einheit, ein anderes Königreich real sind.
Wie Du Mich in die Welt gesandt hast, habe auch Ich sie in die Welt gesandt. (Joh. 17:18)
Dann antwortete Jesus und sagte zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Der Sohn kann nichts von Sich Selbst aus tun, außer was Er den Vater tun sieht, denn was auch immer jener tut, diese Dinge tut in gleicher Weise auch der Sohn. (Joh. 5:19)
In der Sendung, von der Johannes 17 spricht, liegt eine tiefe Entlastung: Die Welt bleibt schwierig, ja feindlich, aber die Initiative liegt nicht bei uns. Der Vater hat gesandt, der Sohn sendet weiter, und wir gehen nicht mit leeren Händen, sondern mit Ihm selbst als unserem Leben und unserem Alles. Wer so gesandt ist, muss sich nicht verkrampft abgrenzen, sondern darf in einer neuen Freiheit mitten in der Welt stehen und doch von einem anderen Zentrum her leben.
In der göttlichen Herrlichkeit – Sohnschaft und Ausdruck Gottes
Am Höhepunkt des Gebets in Johannes 17 spricht Jesus von einer Herrlichkeit, die Er empfangen und weitergegeben hat: „Und die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, habe Ich ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie Wir eins sind“ (Johannes 17:22). Diese Herrlichkeit ist nicht zuerst ein sichtbares Strahlen, sondern eine Beziehung: die Sohnschaft, die aus dem Leben und der Natur des Vaters hervorgeht. Der Sohn hat das Leben und die Natur Gottes; dadurch ist Er der ewige Sohn und die Offenbarung des Vaters. In Ihm wohnt „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2:9), und Er ist „die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz“ (Hebräer 1:3). Wenn Jesus sagt, dass Er diese Herrlichkeit den Glaubenden gegeben hat, meint Er: Das Leben, das Ihn zum Sohn macht, wird in vielen Söhnen gegenwärtig – und mit diesem Leben eine neue Fähigkeit, Gott gemeinsam sichtbar zu machen.
Was ist die Herrlichkeit, die der Vater dem Sohn gegeben hat? Es ist die Sohnschaft mit dem Leben und der göttlichen Natur des Vaters (5:26), um den Vater in Seiner Fülle auszudrücken (1:18; 14:9; Kolosser 2:9; Hebräer 1:3). Der Herr Jesus hat das Leben und die Natur Gottes; das macht Ihn zum Sohn Gottes und zur Offenbarung Gottes. Daher ist die Herrlichkeit, die Gott dem Sohn gegeben hat, das Leben und die Natur Gottes, durch die der Sohn zum Ausdruck und zur Offenbarung Gottes wird. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierzig, S. 486)
Herrlichkeit und Einheit gehören in diesem Gebet untrennbar zusammen. Je mehr das Leben des Sohnes in uns Gestalt gewinnt, desto mehr verliert unser eigenes Ich seine zentrale Stellung. Die Sohnschaft führt nicht in religiösen Stolz, sondern in eine neue Art von Demut: Man weiß sich reich beschenkt und erkennt zugleich, dass alles Empfangene von Anfang bis Ende Gnade ist. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27) – das ist nicht nur ein Trostwort für schwierige Tage, sondern die Beschreibung eines Prozesses, in dem Christus in uns Raum gewinnt und unser Verhalten, unsere Sicht, unseren Umgang miteinander formt. Wo Er zum Maß wird, relativieren sich eigene Rechte, Ansprüche und Profile. Streit um Anerkennung, Konkurrenz im Dienst, das Bedürfnis, sich durchzusetzen, verlieren an Schärfe, weil ein anderes Ziel größer wird: dass Gott durch alle gemeinsam gesehen und geehrt wird.
Dieses Ziel findet in der Schrift sein Vollbild im Neuen Jerusalem. Dort gibt es keine konkurrierenden Programme mehr, keine Trennungen durch Lehren oder Traditionen, keine Selbstbehauptung. Die Stadt „hatte die Herrlichkeit Gottes. Ihr Licht war wie ein überaus kostbarer Stein, wie ein Jaspisstein, so klar wie Kristall“ (Offenbarung 21:11). Was leuchtet, ist nicht die Summe menschlicher Leistungen, sondern der Dreieine Gott, der in einem vollendeten Volk Wohnung genommen hat. Diese Zukunft ist nicht nur ein fernes Trostbild, sie wirft ihr Licht zurück in unsere Gegenwart. Wo wir uns dem Wirken der Herrlichkeit Gottes öffnen, beginnt etwas von dieser Klarheit bereits jetzt sichtbar zu werden: Beziehungen werden transparent, Motive ehrlicher, das Miteinander weniger berechnend.
So ist die Herrlichkeit, von der Jesus spricht, eine tief tröstende und zugleich herausfordernde Wirklichkeit. Sie sagt uns: Du bist nicht dazu bestimmt, dein Leben aus eigener Kraft zu ordnen und dein Ich religiös aufzupolieren. Du bist dazu bestimmt, in eine Sohnschaft hineinzuwachsen, in der Gottes eigenes Leben dich prägt. Und sie lädt ein, Einheit nicht zuerst als Aufgabe zu betrachten, die man mühsam organisieren muss, sondern als Frucht dieser gemeinsamen Teilhabe an der göttlichen Natur: „damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2. Petrus 1:4). Wo dieser Anteil Wirklichkeit wird, erwacht eine stille, aber starke Sehnsucht: dass nicht mehr wir im Mittelpunkt stehen, sondern der, dessen Herrlichkeit uns zusammengefügt hat. Wer das im Ansatz erfährt, spürt: Die Vollendung „in eins“ ist keine unerreichbare Idee, sondern der Weg, auf den Gott sein Volk mit Geduld und großer Freundlichkeit führt.
Und die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, habe Ich ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie Wir eins sind. (Joh. 17:22)
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, (Kol. 2:9)
Die Herrlichkeit, die der Vater dem Sohn gegeben hat, macht unser Christsein weit und zugleich schlicht: Wir müssen nicht glänzen, um Gott Ehre zu machen; wir dürfen Ihn leuchten lassen. Wo Christus als „Hoffnung der Herrlichkeit“ in uns Raum gewinnt, entsteht eine Einheit, die nicht durch Vereinheitlichung erzwungen ist, sondern aus geteilter Sohnschaft wächst – und gerade darin wird der Dreieine Gott inmitten einer zerrissenen Welt erfahrbar.
Vater, wir danken Dir, dass Du uns durch das Gebet Deines Sohnes in Dein Herz schauen lässt und dass Deine Absicht nicht eine äußerliche Ordnung, sondern eine lebendige Einheit in Deinem eigenen Leben ist. Wo wir noch von der Welt gebunden, von uns selbst beherrscht und von eigenen Vorstellungen erfüllt sind, berühre uns durch Dein heiliges Wort, heilige uns an Leib, Seele und Geist und ziehe uns tiefer in Dich hinein. Herr Jesus, Du hast uns Dein Leben, Dein Wort und Deine Herrlichkeit gegeben; lass diese Gaben in uns wirksam werden, damit Deine Liebe und Dein Glanz stärker sind als jede Trennung und jede Dunkelheit. Heiliger Geist, präge uns so mit der Liebe des Vaters und mit dem Leben des Sohnes, dass unser Miteinander ein Vorgeschmack auf die herrliche Stadt ist, in der Du für immer alles in allen sein wirst. Richte entmutigte Herzen auf, heile zerbrochene Beziehungen und schenke eine wachsende Freude darüber, gemeinsam Deinen Namen zu tragen und Deine Herrlichkeit zu spiegeln. In dieser Hoffnung und in dieser Zuversicht vertrauen wir uns Dir an. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 40