Das Gebet des Lebens (1)
Wenn Menschen Johannes 17 lesen, spüren viele eine besondere Tiefe, auch wenn sie nicht jedes Detail verstehen. Die Worte, die Jesus kurz vor seinem Tod betet, tragen einen völlig eigenen Ton: zugleich schlicht und doch unergründlich. Es ist, als würde man einem Gespräch innerhalb des Dreieinen Gottes lauschen. Hinter bekannten Stichworten wie „Einheit“ steckt eine viel tiefere Wirklichkeit: Gottes ewiger Vorsatz, sich selbst in Herrlichkeit zu offenbaren und mit Menschen eins zu werden, damit sein eigenes Leben sichtbar wird.
Die Verherrlichung des Sohnes – Gottes verborgenes Leben wird sichtbar
Wenn Jesus seine Augen zum Himmel erhebt und sagt: „Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche“ (Johannes 17:1), öffnet sich ein Einblick in das innerste Anliegen des Herzens Gottes. Verherrlichung ist hier nicht der Beginn eines Triumphzuges nach menschlichem Maßstab, sondern der Moment, in dem das verborgene Leben Gottes sichtbar wird. Schon als das Wort Fleisch wurde und „unter uns stiftshüttete“, war die Herrlichkeit Gottes in ihm gegenwärtig, aber in der Gestalt eines gewöhnlichen Menschen verhüllt. Es heißt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit“ (Joh. 1:14). Die Jünger sahen etwas, aber noch nicht die ganze Fülle. Das eigentliche „Aufdecken“ dieser Herrlichkeit stand noch bevor.
Gottes ewiger Vorsatz, Seine letztendliche Absicht, besteht darin, Sich zu offenbaren, Sich auszudrücken. Wie ich schon mehrfach betont habe, bedeutet Verherrlichung einfach Offenbarung. Verherrlicht zu werden heißt, offenbart und ausgedrückt zu werden. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft achtunddreißig, S. 457)
Jesus steht in Johannes 17 am Übergang. Vor ihm liegen Kreuz, Grab und Auferstehung. Er versteht diese Stunde als Geburtsstunde der Herrlichkeit. Wie ein Samenkorn, das in die Erde fällt, durch den Tod seine harte Schale verliert und in der Auferstehung seine innere Schönheit entfaltet, so geht der Sohn den Weg durch das Kreuz, damit das, was im Fleisch verborgen war, freigesetzt wird. Darum kann er sagen: „Die Stunde ist gekommen, dass der Sohn des Menschen verherrlicht werde“ (Johannes 12:23). In seinem Tod wird das egoistische, unabhängige Leben des alten Menschen gerichtet, in seiner Auferstehung tritt das göttliche Leben hervor, das von Ewigkeit im Sohn war. Weil der Vater sich ganz im Sohn verkörpert hat und der Sohn vollkommen im Vater ruht, bedeutet die Verherrlichung des Sohnes immer zugleich die Verherrlichung des Vaters (Joh. 13:31–32). Der Dreieine Gott tritt aus der Verborgenheit heraus, nicht um aus weiter Ferne bewundert zu werden, sondern damit Menschen sein Leben sehen, empfangen und daran Anteil gewinnen. In diesem Licht verliert der Weg des Kreuzes seinen Schrecken: Er wird zur Tür, durch die Gottes verborgene Schönheit in unser eigenes Leben hineinleuchtet. Wo wir uns von diesem Gebet Jesu berühren lassen, wächst eine stille Zuversicht, dass Gott auch in unseren Dunkelheiten darauf zielt, sein inneres Leben sichtbar zu machen – zuerst in uns, dann durch uns zur Ehre des Vaters.
Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)
Als er nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, so wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und er wird ihn sogleich verherrlichen. (Joh. 13:31-32)
Wer das Gebet „Vater, verherrliche deinen Sohn“ hört, darf seine eigenen Lebenswege neu deuten: Nicht als zufällige Abfolge von Höhen und Tiefen, sondern als Raum, in dem Gott sein verborgenes Leben zur Entfaltung bringen will. Schmerz, Verlust und Unscheinbarkeit verlieren nicht ihr Gewicht, aber sie sind nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort gehört dem Gott, der sich im Sohn durch Kreuz und Auferstehung offenbart hat. In dieser Gewissheit kann auch eine verborgene Lebenssituation zu einem Ort werden, an dem die Herrlichkeit Gottes langsam aufleuchtet – oft unscheinbar, aber real – und der Vater im Sohn auch in einem brüchigen menschlichen Leben sichtbar wird.
Drei Stufen der Verherrlichung – Auferstehung, Gemeinde und Neue Jerusalem
Das Gebet Jesu in Johannes 17 spannt einen Bogen, der weit über die Stunden vor Golgatha hinausreicht. Wenn er für die Verherrlichung des Sohnes und damit des Vaters bittet, hat er nicht nur den Ostermorgen im Blick, sondern die ganze Geschichte der Offenbarung Gottes. Der erste große Umschlagpunkt ist die Auferstehung. In der Auferstehung tritt die Herrlichkeit des Sohnes hervor, die im Weg seiner Erniedrigung verborgen war. Der Auferstandene erklärt rückblickend: „Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk. 24:26). Durch das Grab hindurch wird sein Leben nicht vernichtet, sondern freigesetzt. Wie das Weizenkorn, von dem er gesprochen hatte, bringt es in der Auferstehung „viel Frucht“ (Joh. 12:24): Das Auferstehungsleben geht von einer Person in viele über, es wird teilbar, kommunizierbar, mitteilbar.
Das abschließende Gebet des Herrn galt der Verherrlichung des Dreieinen Gottes. Die Erfüllung, die Antwort auf dieses Gebet um die Verherrlichung des Dreieinen Gottes, verläuft in drei Stufen. Die erste Stufe war die Auferstehung des Herrn. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft achtunddreißig, S. 460)
Aus diesem Auferstehungsstrom entsteht die zweite Stufe der Verherrlichung: die Gemeinde. Der verherrlichte Christus drückt seine Herrlichkeit nicht mehr allein in einer sichtbaren Person auf der Erde aus, sondern im Leib aus vielen Gliedern. Gerade in der oft unscheinbaren und unvollkommenen Wirklichkeit des Gemeindelebens geschieht etwas Großes: Gottes Herrlichkeit wird inmitten menschlicher Schwachheit sichtbar. Darum kann Paulus schreiben: „Ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde und in Christus Jesus für alle Generationen in Ewigkeit. Amen“ (Eph. 3:21). Wo Geschwister einander tragen, vergeben, füreinander beten und sich gemeinsam an Christus freuen, erscheint – verborgen und doch wirklich – eine Schönheit, die nicht aus menschlicher Anstrengung stammt. Die Gemeinde wird zu einem lebendigen Gleichnis dafür, dass der Dreieine Gott sich nicht nur geoffenbart hat, sondern sich mitteilt und in Menschen Wohnung nimmt.
Die letzte, vollendete Stufe dieses Gebets ist die Neue Jerusalem. Was in der Auferstehung begonnen und in der Gemeinde als Prozess sichtbar wird, kommt dort zur Vollendung. Die Stadt wird beschrieben als eine Gestalt, „sie hatte die Herrlichkeit Gottes. Ihr Licht war wie ein überaus kostbarer Stein, wie ein Jaspisstein, so klar wie Kristall“ (Offb. 21:11). In ihrer Mitte steht das Lamm als Lampe, und Gott selbst ist das Licht, das sie erhellt (Offb. 21:23–24). Die vielen Erlösten aus allen Zeiten und Völkern bilden zusammen einen transparenten Raum, in dem kein Widerspruch mehr zur Herrlichkeit Gottes besteht. Was Jesus in Johannes 17 gebetet hat, ist dann nicht mehr nur Gegenstand des Glaubens, sondern das sichtbare, erfahrbare Klima der ganzen neuen Schöpfung.
Solange wir in der Gegenwart leben, stehen wir zwischen Auferstehung und Neues Jerusalem. Wir leben aus einer Verherrlichung, die schon geschehen ist, und gehen auf eine zu, die noch aussteht. In diesem Spannungsfeld bewahrt die Sicht auf die drei Stufen der Verherrlichung vor Entmutigung und Überforderung. Die Gemeinde muss nicht aus eigener Kraft glänzen; sie darf sich dem Auferstehungsleben anvertrauen, das Christus schon ans Licht gebracht hat. Und sie darf gewiss sein, dass der Weg der Geschichte nicht in Dunkel ausläuft, sondern in einer Stadt, die im Licht Gottes steht. Wer sich von dieser Perspektive prägen lässt, sieht das unscheinbare Heute im Licht der kommenden Herrlichkeit – und entdeckt in schwacher Gegenwart immer wieder leise Spuren des Gebets, das Jesus damals gesprochen hat und das Gott unaufhaltsam erfüllt.
Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen? (Lk. 24:26)
Ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde und in Christus Jesus für alle Generationen in Ewigkeit. Amen. (Eph. 3:21)
Die drei Stufen der Verherrlichung lenken den Blick weg von momentanen Eindrücken hin zu Gottes langem Atem. Persönliche Krisen, Gemeindekonflikte oder weltweite Erschütterungen verlieren dadurch nicht ihre Schwere, aber sie stehen nicht mehr allein im Raum. Hinter ihnen steht der Christus, der in der Auferstehung bereits verherrlicht wurde, der seine Herrlichkeit heute durch seine Gemeinde ausdrückt und der eines Tages in der Neuen Jerusalem alles durchdringen wird. Aus dieser Hoffnung wächst eine stille Treue: im Kleinen mit Christus zu gehen, im Unvollkommenen seine Spuren zu suchen und die eigene Geschichte als Teil jenes großen Weges zu verstehen, auf dem Gott sein Gebet um Verherrlichung bis zur Vollendung bringt.
Ewiges Leben – Gott erkennen und als Gabe des Vaters leben
In der Mitte seines Gebets spricht Jesus über das Herzstück seines Auftrags: „Gleichwie Du Ihm Vollmacht über alles Fleisch gegeben hast, damit Er allen ewiges Leben gebe, die Du Ihm gegeben hast“ (Johannes 17:2). Ewiges Leben ist hier nicht zuerst eine Verlängerung der Zeit, sondern eine besondere Art von Leben. Denn gleich darauf erklärt Jesus: „Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Johannes 17:3). Dieses Leben trägt in sich die Fähigkeit, Gott zu erkennen. So wie jedes natürliche Leben seine eigenen Wahrnehmungen und Möglichkeiten hat, besitzt das göttliche Leben die Kraft, Gott selbst wahrzunehmen, ihn zu verstehen und auf ihn zu antworten. Ewiges Leben bedeutet: Gottes eigenes Leben kommt in einen Menschen hinein, damit dieser Mensch Gott nicht nur über ihn reden hört, sondern ihn von innen her erkennt.
Vers 2 sagt: „Gleichwie Du Ihm Vollmacht über alles Fleisch gegeben hast, damit Er allen ewiges Leben gebe, die Du Ihm gegeben hast.“ Dieser Vers zeigt das Werk des Herrn. Der Sohn hat die Vollmacht des Vaters über die ganze Menschheit, damit Er ewiges Leben gibt – nicht der ganzen Menschheit, sondern nur denen, die der Vater Ihm gegeben hat, den Auserwählten des Vaters. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft achtunddreißig, S. 466)
Darum ist das Erkennen Gottes im Neuen Bund nicht mehr primär ein äußerer Unterricht, sondern eine innere Wirklichkeit. In Hebräer 8:11 heißt es über diesen Bund: „Und nicht werden sie ein jeder seinen Mitbürger und ein jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! Denn alle werden mich kennen, vom Kleinen bis zum Großen unter ihnen.“ Das bedeutet nicht, dass jede Belehrung überflüssig geworden wäre, sondern dass das Fundament des Erkennens ein anderes ist: In den neutestamentlichen Gläubigen wohnt das Leben, das Gott kennt. Paulus drückt dieselbe Bewegung so aus: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Phil. 3:10). Je mehr das göttliche Leben Raum gewinnt, desto persönlicher, tiefer und reifer wird die Erkenntnis Gottes. Ewiges Leben ist darum nicht nur Zusage für die Zukunft, sondern eine gegenwärtige Dynamik, die den inneren Menschen umgestaltet.
Zugleich offenbart das Gebet Jesu, wie Gott die Glaubenden sieht. Sie sind Menschen, über die der Sohn „Vollmacht über alles Fleisch“ hat, und zugleich sind sie solche, „die Du Ihm gegeben hast“. Das heißt: Hinter jedem Glaubenden steht eine Wahl des Vaters. In Matthäus 11:27 heißt es: „Alles ist Mir von Meinem Vater übergeben worden, und niemand erkennt den Sohn völlig außer dem Vater; und niemand erkennt den Vater völlig außer dem Sohn, und wem der Sohn Ihn offenbaren will.“ Die Initiative liegt beim Vater, die Offenbarung beim Sohn, das Erkennen geschieht durch das ewige Leben im Inneren. Wer an Christus glaubt, ist in diesem Licht weder Zufallsprodukt noch geistlicher „Restbestand“, sondern ein vom Vater Ausgewählter und dem Sohn Anvertrauter. Selbst dort, wo ein Mensch sich selbst wenig zutraut oder an seinem Glauben zweifelt, bleibt diese göttliche Sicht bestehen.
Diese Sicht hat weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit sich selbst und mit anderen Gläubigen. Wer sich selbst im Licht dieses Gebets sieht, muss sich nicht mehr über Leistung, Begabung oder sichtbaren Erfolg definieren. Die eigene Würde liegt darin, vom Vater geliebt, vom Sohn getragen und vom Geist mit Gottes Leben erfüllt zu sein. Und wer andere Geschwister so anschaut, erkennt: Auch der schwer zugängliche Bruder, die missverstandene Schwester, der stille, unscheinbare Mensch in der letzten Reihe ist ein vom Vater gegebener Schatz, Träger des ewigen Lebens. Wo diese Wahrnehmung wächst, verändert sich das Klima einer Gemeinde. Misstrauen, Geringschätzung und Ungeduld verlieren Boden; es entsteht Raum für Wertschätzung, Geduld und stille Hoffnung füreinander. So wird das, wovon Jesus betet, konkret: Das Leben, das Gott kennt, prägt nicht nur die persönliche Frömmigkeit, sondern durchzieht Beziehungen, Entscheidungen und die gemeinsame Suche nach Gottes Willen mit einem anderen Ton.
Gleichwie Du Ihm Vollmacht über alles Fleisch gegeben hast, damit Er allen ewiges Leben gebe, die Du Ihm gegeben hast. Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. (Joh. 17:2-3)
Und nicht werden sie ein jeder seinen Mitbürger und ein jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! Denn alle werden mich kennen, vom Kleinen bis zum Großen unter ihnen. (Heb. 8:11)
Die Worte Jesu über das ewige Leben laden ein, den eigenen Glauben nicht in erster Linie als Weg von Pflichten zu sehen, sondern als Weg mit einem inwohnenden Leben. Wo die Frage „Kenne ich Gott genug?“ uns verunsichert, darf die andere Wahrheit zur Ruhe führen: In Christus hat Gott uns ein Leben geschenkt, das ihn kennt. Dieses Leben wächst, ringt, lernt und bleibt treu, auch wenn unsere Gefühle schwanken. In derselben Ruhe lässt sich auch auf andere Gläubige schauen. Sie müssen nicht erst eine bestimmte Reife erreichen, um wertvoll zu sein; sie sind wertvoll, weil sie vom Vater dem Sohn gegeben sind. In dieser Haltung wird Gemeinde zu einem Ort, an dem das göttliche Leben Raum findet – nicht perfekt, aber real – und in dem das Gebet Jesu um das ewige Leben als Kenntnis Gottes Schritt für Schritt Gestalt annimmt.
Vater, wir danken dir für deinen Sohn, in dem deine ganze Herrlichkeit verborgen war und der durch Kreuz und Auferstehung verherrlicht wurde. Du hast uns in deiner Gnade ausgewählt und Jesus als kostbare Gabe anvertraut und uns dein ewiges Leben geschenkt, das dich erkennen kann. Lass dieses Leben in uns frei wirken, damit inmitten aller Schwachheit dein Licht in der Gemeinde sichtbar wird und der Sohn durch uns verherrlicht wird. Richte unseren Blick auf die Schönheit deines Werkes – heute in deinem Volk und eines Tages vollendet in der Neuen Jerusalem –, damit Hoffnung und Anbetung unsere Herzen bestimmen. Dir sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 38