Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Bedürfnis der Toten – die Auferweckung des Lebens (2)

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Manchmal erleben Gläubige sich eher wie Lazarus im Grab als wie lebendige Zeugen Christi: festgefahrene Muster, enttäuschte Hoffnungen und ein Gefühl innerer Ohnmacht. Gerade in solche Situationen hinein offenbart die Bibel einen Christus, der nicht nur ein wenig Hilfe anbietet, sondern als Auferstehung selbst in unsere Todeszustände eintritt und daraus Gottes gute Absicht mit uns und seiner Gemeinde hervorbringt.

Christus – nicht nur Leben, sondern Auferstehung

Wenn der Herr Jesus in Bethanien sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Johannes 11:25), öffnet sich ein Blick in eine Wirklichkeit, die weit über unsere gewohnte Vorstellung von „geistlichem Leben“ hinausgeht. Leben bedeutet zunächst, dass etwas existiert, atmet, sich bewegt. Auferstehung ist mehr: Sie ist Leben, das den Angriffen des Todes standhält und sie überwindet. Der Herr stellt sich nicht einfach als jemand vor, der Leben verteilt, sondern als die Person, in der der Tod seine letzte Grenze findet. Darum heißt es von Ihm: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde,“ (Philipper 3:10). Paulus erkennt: Wer Christus wirklich kennenlernen will, begegnet nicht nur einer stillen Quelle des Lebens, sondern einer Kraft, die mitten durch Tod und Leiden hindurchgeht und dahinter neues Leben hervorbringt.

Der Herr Jesus sagte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (11,25). Auferstehung ist höher als Leben. Für sich allein kann Leben nur Existenz haben, aber Auferstehung kann jeder Art von Angriff standhalten, sogar dem Angriff des Todes. Der Herr ist nicht nur Leben, sondern Er ist auch Auferstehung. Der Tod kann Ihn nicht festhalten, weil Er den Tod überwinden kann. Der Tod kann Ihn nicht behalten, weil Er nicht nur Leben ist - Er ist auch Auferstehung. Leben ist die Kraft zu existieren, aber Auferstehung ist die Kraft, alles zu überwinden, was gegen das Leben ist. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundzwanzig, S. 285)

Das Johannesevangelium erzählt von vielen Situationen, in denen Menschen an das Ende ihrer Möglichkeiten kommen: ein Nikodemus, der trotz Religion neu geboren werden muss, eine samaritische Frau, deren Lebensgeschichte zerrissen ist, ein Gelähmter, der jahrzehntelang vergeblich auf Heilung wartet, ein Blinder, der nichts sieht, und schließlich Lazarus, der im Grab liegt. In all dem wird sichtbar, wie der Mensch nichts als „Wasser des Todes“ beisteuert, während der Herr in der Kraft der Auferstehung göttliches Leben hervorbringt. Dieses Auferstehungsleben verbessert nicht einfach den vorhandenen Zustand; es setzt an, wo alles zu Ende ist. Weder Sünde noch Schuld, weder religiöse Härte noch innere Lähmung können Ihn festhalten. Das ist nicht nur ein Trost für eine ferne Zukunft, wenn die Toten auferstehen werden, sondern eine gegenwärtige Zusage: Jeder Todesgeruch in unserem Inneren, jede Hoffnungslosigkeit, jede geistliche Müdigkeit ist für Christus kein Endpunkt, sondern ein Ort, an dem Er sein Auferstehungsleben offenbaren will. Wer sich Ihm anvertraut, steht nicht auf dem Boden der eigenen Lebenskraft, sondern auf dem Boden einer Auferstehung, die stärker ist als alles, was gegen das Leben anläuft – heute schon verborgen, und doch einmal für alle sichtbar, wenn Er die Seinen leiblich auferweckt.

Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. (Joh. 11:25)

um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10)

Das Herz dieses Wortes liegt darin, dass Christus nicht nur der Anfang unseres Glaubenslebens ist, sondern dessen durchtragende und vollendende Kraft. Wo unser inneres Empfinden nach Tod schmeckt – in Beziehungen, in der eigenen Seele, im Gemeindeleben –, dort verschließt sich für Ihn keine Tür. Seine Selbstvorstellung „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ lädt dazu ein, unsere Blicke von der Schwäche des eigenen Lebens weg und auf Ihn hin zu richten, der den Tod schon hinter sich hat. Wer so auf Ihn vertraut, bleibt den Realitäten des Todes nicht erspart, wird aber von einer stärkeren Realität getragen: dem Auferstehungsleben, das den Tod nicht umgeht, sondern ihn durchschreitet und in Segen verwandelt.

Leben aus dem Tod statt religiöser Verbesserung

Die Verzögerung Jesu vor der Auferweckung des Lazarus wirkt auf den ersten Blick hart: Statt sofort zu kommen, bleibt Er noch zwei Tage, und als Er eintrifft, ist Lazarus schon vier Tage im Grab. Gerade dieses Warten legt jedoch ein Gesetz offen, nach dem Gott handelt. Martha hofft noch auf Heilung, auf ein Eingreifen, das den laufenden Prozess stoppt und den bisherigen Zustand rettet. Der Herr aber führt die Situation über den Punkt hinaus, an dem menschliche Hoffnung und religiöse Erwartung noch Sinn ergeben. An der Schwelle des Grabes lernt Martha eine andere Dimension kennen: Nicht nur einen Helfer, der die Krankheit repariert, sondern den, der mitten aus dem Tod heraus neues Leben schafft. So wird ihr Schmerz — wie schwer er auch ist — zum Raum, in dem sie hört: „Dein Bruder wird auferstehen“ (Johannes 11:23).

Warum wartete der Herr zwei Tage, anstatt sofort zu gehen, als Er die Nachricht von der Krankheit des Lazarus erhielt? Streng genommen wartete der Herr zwei Tage, weil Er nicht nur Menschen heilen, sondern vielmehr uns lebendig machen wollte. Der Herr heilt niemals gemäß unserem Verständnis; Er heilt, indem Er lebendig macht. … Nach dem alten Konzept bedeutet Heilung, dich zu reformieren oder zu verbessern. Aber der Herr kommt niemals, um dich zu verbessern oder dein Verhalten zu regulieren. Er kommt immer, um dich lebendig zu machen. Die einzige Absicht des Herrn ist, sich selbst dir als das lebendig machende Leben mitzuteilen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundzwanzig, S. 290)

In dieser Geschichte tritt hervor, dass Gott nicht auf dem Boden unserer alten Natur arbeitet. Unsere spontane Vorstellung von „Heilung“ ist oft: ein wenig besser werden, den Charakter verfeinern, problematische Seiten unserer Persönlichkeit unter Kontrolle bringen. Der Herr jedoch nimmt unser altes Wesen nicht als Material für sein Werk. Vor Ihm sind wir, je klarer wir uns selbst erkennen, eher wie die „Wasserkrüge“ in Kana, gefüllt mit Wasser, das den Geschmack des Todes trägt. Seine Antwort auf unsere Not ist nicht kosmetische Reparatur, sondern neue Schöpfung. Darauf weist Paulus, wenn er schreibt: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5:17). Der Weg dahin führt durch das Eingeständnis, dass wir uns selbst nicht retten, nicht aus eigener Kraft besser machen können. Gerade dann, wenn unsere Konzepte von Selbstverbesserung zerbrechen, öffnet sich die Tür, Christus als den zu erfahren, der durch sein Wort und durch den lebengebenden Geist das Alte ins Gericht bringt und aus geistlichem Tod neues Leben hervorbringt.

So wird die Geschichte von Lazarus zu einem Spiegel: Wo versuchen wir, Gott zu bitten, unsere alten Strukturen zu stabilisieren, anstatt Ihn als Auferstehungsleben willkommen zu heißen? Das leise, aber kraftvolle Wirken Christi zielt darauf, uns aus dem Bereich des „noch irgendwie funktionsfähigen“ alten Menschen herauszulösen und in eine andere Lebenssphäre zu versetzen – in die der Auferstehung, in der Er selbst unser Leben ist. Dieser Weg kann sich subjektiv wie Verlust und Ende anfühlen; doch gerade dort, wo unsere eigenen Optionen ausgeschöpft sind, beginnt sein schöpferisches Handeln. Es ist ein tiefes Trostwort, dass Er nicht gekommen ist, uns ständig wieder auf das alte Niveau zurückzuretten, sondern uns in ein neues Leben hineinzunehmen, das aus Gott ist und nicht aus uns.

Wer so auf Christus blickt, wird mit der Zeit anders auf Krisen, auf innere Erschöpfung und sogar auf persönliche Schuldgeschichte schauen. Nicht als Schauplatz endgültigen Scheiterns, sondern als Ort, an dem der Herr seine Auferstehungskraft offenbaren will. Wenn Er wartet, tut Er das nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Er mehr geben will, als wir zu erbitten wagen: nicht eine verbesserte Version unserer alten Natur, sondern Anteil an seinem eigenen Auferstehungsleben. In diesem Licht werden Phasen, in denen wir vor unserem eigenen Versagen erschrecken, zu Einladungen, tiefer in Christus hineinzuwachsen – weg von der Anstrengung, uns selbst zu optimieren, hin zu einem Leben, das in Ihm gründet und aus Ihm schöpft.

Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. (Joh. 11:23)

Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2.Kor 5:17)

Die Geschichte von Lazarus ermutigt, die eigene Ohnmacht nicht als Hindernis, sondern als Ansatzpunkt Gottes zu sehen. Wo der eigene Wille, sich zu ändern, an Grenzen stößt, wo alte Muster sich als stärker erweisen als alle Vorsätze, entsteht Raum für eine andere Hoffnung: dass Christus selbst sich uns als Auferstehungsleben mitteilt. Sein Ziel ist nicht, unsere alte Natur salonfähig zu machen, sondern uns Schritt für Schritt in das Gebiet der neuen Schöpfung hinüberzuführen. Wer diesem Handeln nicht ausweicht, sondern es im Glauben annimmt, findet gerade in den scheinbar „toten“ Bereichen seines Lebens Spuren eines Lebens, das nicht aus menschlicher Anstrengung, sondern aus der Gegenwart des Herrn selbst kommt.

Auferstehungsleben und der Aufbau von Gottes Haus

Die Auferweckung des Lazarus bleibt im Johannesevangelium nicht als isoliertes Wunder stehen. Sie wird zum Auslöser einer Entscheidung hinter den Kulissen: Die religiösen Führer beschließen, Jesus zu töten. Was als menschliche Intrige erscheint, wird von Gott in seinen Heilsplan aufgenommen. Mitten in dieser Versammlung spricht der Hohepriester Kaiphas ein Wort, das er selbst nicht versteht, das aber als Weissagung gedeutet wird: „Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern weil er in jenem Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit Er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (Joh. 11:51–52). So wird sichtbar, wie eng die persönliche Erfahrung von Auferstehung und der Aufbau von Gottes Haus verbunden sind: Dass Lazarus aus dem Grab gerufen wird, treibt den Weg Jesu ans Kreuz voran, und dieses Kreuz dient dazu, die Kinder Gottes aus der Zerstreuung in die Einheit zu rufen.

In dem folgenden Vers heißt es: „Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern weil er in jenem Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit Er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (11:51–52). Die hier erwähnte Wendung „die Kinder Gottes in eins versammelte“ macht deutlich, dass nicht nur der Tod, sondern auch das Auferstehungsleben des Herrn dem Aufbau der Kinder Gottes dient. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundzwanzig, S. 294)

Gottes Blick reicht weiter, als wir ihn gewöhnlich fassen. Wenn Er in einem einzelnen Leben Auferstehung wirkt, hat das immer eine gemeindliche, ja universale Dimension. Die Kraft, die einen Lazarus aus dem Grab ruft, ist dieselbe, die den Leib Christi aufbaut. Petrus greift diesen Gedanken auf, wenn er die Glaubenden anspricht: „Auch ihr selbst, als lebendige Steine, werdet aufgebaut als ein geistliches Haus“ (1. Petrus 2:5). Lebendige Steine sind solche, die aus dem Tod heraus ins Leben gerufen wurden und nun zu einem Haus gefügt werden, in dem Gott wohnt. Das bedeutet: Persönliche Todeserfahrungen – zerbrochene Pläne, enttäuschte Erwartungen, Krisen auch im Gemeindeleben – sind in der Hand Gottes Werkstoffe für etwas Größeres. Wo Christus als Auferstehungsleben Raum bekommt, entsteht nicht nur individuelle Erneuerung, sondern eine neue Qualität von Miteinander, eine Einheit, die nicht aus organisatorischer Vereinheitlichung, sondern aus gemeinsam erfahrener Auferstehung kommt.

Auch heute gebraucht Gott äußeren Widerstand, Missverständnisse, ja sogar religiöse Härte, um seine Kinder tiefer in die Wirklichkeit der Auferstehung hineinzuführen. Nicht jeder Konflikt ist von Ihm gewollt, aber nichts entgleitet seiner Hand. Was aus menschlicher Sicht zerstörerisch wirkt, kann in Christus zu einem Mittel werden, das die Glaubenden näher zueinander und näher zu Ihm führt. Wenn Menschen aneinander scheitern, wenn Strukturen zusammenbrechen, wenn scheinbar lebendige Werke sterben, bleibt das nicht das letzte Wort. In der Stille danach kann der Herr neu anfangen und ein geistliches Haus bauen, das weniger auf menschliche Stärke und mehr auf seine Gegenwart gegründet ist.

In dieser Perspektive verlieren persönliche und gemeinschaftliche Todeserfahrungen nicht ihre Schwere, aber sie bekommen einen anderen Horizont. Wer sein Leben und das Leben der Gemeinde im Licht des Auferstehungslebens Christi sieht, darf damit rechnen, dass kein Weg durch das Dunkel vergeblich ist. Gottes Ziel bleibt, seine zerstreuten Kinder zu sammeln und sie zu einem Haus aufzubauen, in dem Er sich wohlfühlt. Wo Menschen sich von Christus aus inneren und äußeren Toden herausrufen lassen, wächst eine Gemeinschaft, in der der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, sondern zum Hintergrund wird, vor dem die Kraft der Auferstehung umso heller aufscheint.

Relevante Schriftstellen: Joh. 11:45-52, 1.Kor 5:7, Eph. 2:14-22, 1.Petr. 2:4-5.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, du bist nicht nur das Leben, sondern die Auferstehung, die jede Macht des Todes überwindet. Wo wir in uns selbst am Ende sind, bist du bereit, dein Auferstehungsleben neu in uns zu offenbaren. Stärke in uns das Vertrauen, dass du nicht kommst, um unsere alte Natur zu verbessern, sondern um uns aus dem Tod in dein eigenes Leben hinüberzuführen. In unseren persönlichen Schwächen und in allen Spannungen deines Volkes lass uns sehen, wie dein souveränes Wirken alles gebraucht, um deine Kinder zu sammeln und dein Haus zu bauen. Schenke uns durch deinen Geist und dein Wort eine frische Erfahrung deiner Auferstehungskraft, die Hoffnung weckt, Fesseln löst und deinen Namen verherrlicht. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 24