Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Bedürfnis der Blinden in der Religion – das Sehen des Lebens und die Hütung des Lebens (2)

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Man kann mitten in religiösen Strukturen leben und dennoch innerlich hungrig und unfrei sein – wie ein Schaf, das zwar sicher eingezäunt ist, aber kein frisches Gras findet. Johannes 9 und 10 zeichnen genau dieses Bild: Ein blind Geborener wird durch Jesus sehend, wird jedoch von der religiösen Umgebung ausgeschlossen. Gerade aus diesem Spannungsfeld zwischen religiöser Sicherheit und lebendiger Gottesbeziehung heraus entfaltet Jesus das Gleichnis vom Schafhof, von der Tür, vom Hirten und von der Weide.

Vom Schafhof zur Weide: Christus als Tür und Weideplatz

Wenn Jesus im zehnten Kapitel des Johannes-Evangeliums von Schafhof und Weide spricht, setzt er nicht bei abstrakten Bildern an, sondern bei der Geschichte eines konkreten Menschen: des Blindgeborenen, der sehend geworden ist und dafür aus der Synagoge ausgestoßen wird. Was für die religiösen Leiter eine notwendige Grenzziehung ist, wird für Gott zum Weg: Der Mann verliert den geschützten Raum der Institution und findet den lebendigen Christus. Vor diesem Hintergrund entfaltet Jesus das Bild vom Schafhof. Der Hof ist der ummauerte Bereich, in dem die Herde über Nacht zusammengetrieben und bewacht wird. Er ist notwendig, aber er ist nicht die Heimat der Schafe. Ihre eigentliche Umgebung ist die offene Weide, der weite Raum, in dem sie Nahrung, Licht, Luft und Bewegung haben. So zeichnet Jesus die Geschichte des Volkes Israel: Das Gesetz war dieser Hof – von Gott gegeben, um zu schützen, zu bewahren, zurechtzubringen, aber nur „bis Christus – die wahre Weide – offenbar wurde“. Darauf weist Paulus hin, wenn er sagt: „Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte“ (Gal. 3:23). Verwahrt sein heißt hier nicht erfüllt sein, sondern zurückgehalten werden auf etwas Größeres hin.

Wenn du zum Beispiel das Ranch-Gebiet besuchst, wirst du entdecken, dass die Schafe die meiste Zeit nicht im Pferch bleiben. Die meiste Zeit des Jahres bleiben die Schafe auf der Weide. Die Weide ist der bleibende Ort, an dem sie sich aufhalten, aber der Schafhof ist lediglich ein vorübergehender Ort. Nur wenn die Weide nicht bereit ist, werden die Schafe im Pferch gehalten. Der Pferch wird vorübergehend benutzt, um die Schafe zu halten und zu schützen, bis die Weide bereit ist. Das veranschaulicht, dass Christus die Weide ist, der bleibende Ort, an dem die Kinder des Herrn bleiben sollen. Aber bevor Christus kam, bereitete Gott das Gesetz als den Schafhof, um Sein auserwähltes Volk vorübergehend zu halten und einzuschließen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zweiundzwanzig, S. 259)

Genau hier liegt die Tragik der Religion: Was als vorläufiger Schutz gedacht war, wird zum endgültigen Aufenthaltsort erklärt. Aus dem Hof wird ein Käfig, aus einem Zuchtmeister ein Ersatz für den Sohn. So konnte Paulus rückblickend sagen: „So waren auch wir, als wir Unmündige waren, unter die Elemente der Welt versklavt“ (Gal. 4:3). Der Hof, der bewahren sollte, beginnt zu fesseln, wenn er nicht mehr auf Christus hin durchsichtig bleibt, sondern an seine Stelle rückt. In diese Situation hinein spricht Jesus das befreiende Wort: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, so wird er gerettet werden, und er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Johannes 10:9). Er stellt sich als die einzige legitime Öffnung zwischen Hof und Weide vor. Durch ihn kamen die alttestamentlichen Gläubigen in den von Gott eingerichteten Bereich des Gesetzes hinein, durch ihn führt Gott jetzt aus allen geschlossenen Systemen hinaus in den weiten Raum der Gemeinschaft mit Christus. Die Weide ist nicht ein neues Regelwerk, kein optimiertes System, sondern eine Person: Christus selbst als dauerhafter Aufenthalts- und Versorgungsort. Wer bei ihm ist, ist nicht heimatlos, sondern angekommen. Im Zusammenspiel von Hof und Weide lernt der Glaube, Geschichte zu würdigen, ohne im Vergangenen stecken zu bleiben, und das Geschenk göttlicher Ordnung ernst zu nehmen, ohne sie an die Stelle des Gebers zu setzen.

Darum hat die Heilung des Blinden eine stille, aber kraftvolle Symbolik: Er verliert die Anerkennung des religiösen Systems, aber er gewinnt das Angesicht des Sohnes Gottes. Vor Jesus steht kein Mitglied einer Synagoge, sondern ein Mensch, der zu einer Weide geführt werden soll. Manche Brüche im Leben bekommen in diesem Licht einen neuen Klang. Wenn Wege sich schließen, Zugehörigkeiten brüchig werden, vertraute „Höfe“ nicht mehr tragen, liegt darin nicht nur Verlust. Es kann die Bewegung des guten Hirten sein, der seine Schafe aus dem engen Hof herausführt, damit sie ihn selbst als Weide entdecken. In seiner Gegenwart wird Schutz nicht mehr durch Mauern gewährleistet, sondern durch Nähe; Identität nicht durch Zugehörigkeitsausweise, sondern durch seine Stimme. So wächst eine stille Zuversicht: Auch wenn äußere Rahmen sich verändern, bleibt unser eigentlicher Aufenthaltsort unverrückbar – die Weide, die Christus selbst ist, die nicht vertrocknet und nicht verschlossen wird.

Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. (Gal. 3:23-25)

So waren auch wir, als wir Unmündige waren, unter die Elemente der Welt versklavt; (Gal. 4:3-5)

Wer sich mit der Enge religiöser oder geistlicher Formen konfrontiert sieht, darf in der Bewegung vom Schafhof zur Weide nicht zuerst einen Angriff auf das Vergangene erkennen, sondern die Einladung Gottes, von einem vorläufigen Schutzraum in einen bleibenden Lebensraum zu kommen. Christus als Tür und Weide bedeutet: Unsere Sicherheit liegt nicht mehr in der Stärke von Mauern, sondern in der Verlässlichkeit seiner Person; unsere Identität speist sich nicht aus Systemen, sondern aus der Stimme des Hirten. In dieser Sicht können Abschiede, Verluste oder das Hinausfallen aus vertrauten Strukturen einen hoffnungsvollen Unterton bekommen – sie markieren den Weg zu einer tieferen, freieren Gemeinschaft mit dem Herrn, in der Nahrung, Ruhe und Lebensversorgung nicht an Bedingungen geknüpft sind, sondern Ausdruck seiner beständigen Gegenwart sind.

Der gute Hirte: hingegebene Menschlichkeit und geschenktes göttliches Leben

In der Mitte von Johannes 10 führt Jesus einen feinen, aber entscheidenden Unterschied ein. Er sagt: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es überfließend haben“ (Johannes 10:10), und unmittelbar darauf: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte gibt Sein Leben für die Schafe hin“ (Johannes 10:11). Hinter dem einen Wort „Leben“ stehen im Urtext zwei verschiedene Begriffe. Das Leben, das er gibt, damit wir es in Fülle haben, ist das göttliche, unvergängliche Leben (zoe); das Leben, das er hingibt, ist sein menschliches, seelisches Leben (psuche). Damit öffnet Jesus einen Blick in das Geheimnis seiner Person: Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott, er trägt in sich sowohl die menschliche Lebensform, die sterben kann, als auch das göttliche Leben, das nicht zerstört werden kann. Am Kreuz verliert er nicht seine Gottheit, vielmehr wird seine Menschlichkeit in den Tod gegeben, damit die Schuld getragen, die Gottferne überwunden und der Weg frei wird, dass sein göttliches Leben uns mitgeteilt werden kann.

In Vers 10 sagte der Herr: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Fülle haben“, und in Vers 11 sagte Er: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ In diesen zwei Versen werden zwei verschiedene griechische Wörter für Leben gebraucht. In Vers 10 ist das griechische Wort zoe, das Wort, das im Neuen Testament für das ewige göttliche Leben gebraucht wird. In Vers 11 ist das griechische Wort psuche, dasselbe Wort für Seele, das das seelische Leben bedeutet, das heißt das menschliche Leben. Diese zwei Verse zeigen, dass der Herr Jesus zwei Arten von Leben hat. Als Mensch hat der Herr das psuche-Leben, das menschliche Leben, und als Gott hat Er das zoe-Leben, das göttliche Leben. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zweiundzwanzig, S. 265)

Diese Unterscheidung bleibt nicht Theorie, sie formt die Gestalt der Herde. Aus seinem hingegebenen menschlichen Leben erwächst unsere Erlösung, aus seinem uns geschenkten göttlichen Leben erwächst unser neues Sein. Paulus beschreibt die Frucht so: „Denn Er Selbst ist unser Friede, der die beiden eins gemacht und die trennende Zwischenwand, die Feindschaft, niedergerissen hat“ (Eph. 2:14). Der gute Hirte sammelt nicht Gleichgesinnte um sich, sondern erlöst Feinde, Fremde und Getrennte, um sie in einem Leben zu vereinen, das sie alle nicht aus sich haben. „…damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte“ (Eph. 2:15) – so deutet Paulus, was Jesus in Johannes 10 mit dem Bild der „einen Herde“ und des „einen Hirten“ ausdrückt (Johannes 10:16). Wo Menschen nur aus ihrem natürlichen, seelischen Leben leben, entstehen Rangkämpfe, Empfindlichkeiten, Trennungen; wo das göttliche Leben Raum bekommt, wächst eine Einheit, die nicht gemacht, sondern geboren ist.

In der eigenen Erfahrung macht sich dieser Unterschied oft unscheinbar bemerkbar. Im natürlichen Leben reagieren wir aus verletzter Ehre, aus alten Geschichten, aus dem Bedürfnis, uns zu behaupten. Im göttlichen Leben, das Christus in uns gelegt hat, entsteht eine andere Bewegungsrichtung: Versöhnungsbereitschaft, Geduld, die Fähigkeit, den anderen als Teil derselben Herde zu sehen. So wird verständlich, warum die Herde im Neuen Testament nicht als Verein beschrieben wird, sondern als Leib, der von einem Leben durchströmt wird: „ein Leib und ein Geist … ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist“ (Eph. 4:4–6). Der gute Hirte führt uns Schritt für Schritt aus der Enge unseres eigenen Lebens in die Weite seines göttlichen Lebens. Darin liegt große Ermutigung: Wir sind nicht darauf angewiesen, unsere Gemeinschaft aus der Kraft unserer psuche zusammenzuhalten; wir dürfen damit rechnen, dass sein zoe inmitten aller Verschiedenheit eine Herde formt, die seinen Charakter widerspiegelt – geprägt von Hingabe, Friede und einer Liebe, die mehr trägt, als wir aus uns selbst tragen könnten.

So wird das Kreuz des Hirten zugleich zu unserer Hoffnung. Er hat sein menschliches Leben nicht widerwillig, sondern in freier Vollmacht hingegeben: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen“ (Johannes 10:18). Daraus erwächst eine stille Gelassenheit: Die Herde Jesu ist nicht dem Spiel menschlicher Kräfte ausgeliefert. Sie ruht auf einem vollbrachten Werk und wird von einem Leben gehalten, das den Tod bereits durchschritten hat. Wer sich in der Gemeinde Gottes mit Schwächen, Zerbrechlichkeit und Spannungen konfrontiert sieht, darf tief im Herzen mit dieser Quelle rechnen. In dem Maß, in dem wir uns dem guten Hirten öffnen, gewinnt sein göttliches Leben Gestalt in unserem Miteinander – nicht als plötzliche Perfektion, sondern als wachsendes Zeugnis dafür, dass einer unter uns lebt, der mehr vermag, als unsere natürliche Liebe und Treue je schaffen könnten.

Der Dieb kommt nicht, außer um zu stehlen und zu schlachten und umzubringen; Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es überfließend haben. (Joh. 10:10)

Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte gibt Sein Leben für die Schafe hin. (Joh. 10:11)

Die Verbindung von hingegebener Menschlichkeit und geschenktem göttlichen Leben im Dienst des guten Hirten gibt der Gemeinschaft der Glaubenden einen realistischen und zugleich hoffnungsvollen Ton. Realistisch, weil sie anerkennt, dass unser natürliches Leben begrenzt, verletzlich und konfliktanfällig ist; hoffnungsvoll, weil sie erwartet, dass das in uns wohnende göttliche Leben tatsächlich Frieden stiften und Menschen zu einem neuen Menschen zusammenfügen kann. Wer sich so verstanden weiß, muss weder die eigene Schwachheit leugnen noch die Brüchigkeit der Gemeinschaft dramatisieren, sondern darf unter der Oberfläche aller Spannungen auf den stillen, aber wirksamen Dienst des Hirten vertrauen. Sein Kreuz hat die Grundlage gelegt, sein Leben bewahrt und erneuert – aus dieser Gewissheit kann eine Herde heranwachsen, die nicht durch äußere Homogenität beeindruckt, sondern durch eine Einheit, die offensichtlich nicht aus menschlicher Herkunft, sondern aus der Gegenwart Christi stammt.

Geborgen im Doppelgriff: ewiges Leben in der Hand des Sohnes und des Vaters

Die Zusagen Jesu als Hirte fallen nicht in eine friedliche, harmonische Umgebung. Johannes berichtet, wie seine Worte Anstoß erregen, wie die religiösen Führer sich bedroht fühlen und ihn wegen Gotteslästerung steinigen wollen, weil er sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10:30). In diesem Spannungsfeld, mitten in der Ablehnung, spricht Jesus einige der zärtlichsten und zugleich kräftigsten Worte über die Sicherheit seiner Schafe: „Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (Johannes 10:28). Ewiges Leben ist hier mehr als eine Verlängerung unserer Existenz in die Zukunft. Es ist die Qualität des Lebens, das der Sohn mit dem Vater teilt – „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ heißt es über den Sohn Gottes (1.Joh. 5:20). Gerade weil dieses Leben nicht aus der Welt stammt, kann es auch von ihr nicht ausgelöscht werden. Es ist die innerste Begründung unserer Bewahrung: Was Gott aus seiner eigenen Lebensfülle schenkt, bricht nicht unterwegs ab.

In 10:28-29 sagt der Herr: „Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.“ Das ewige Leben ist für das Leben der Gläubigen. Sowohl die Hand des Sohnes als die Hand der Macht als auch die Hand des Vaters als die Hand der Liebe sind für den Schutz der Gläubigen. Das ewige Leben wird niemals ausgehen, und die Hände des Sohnes und des Vaters werden niemals versagen. So sind die Gläubigen ewig gesichert und werden niemals verloren gehen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zweiundzwanzig, S. 267)

Zu dieser inneren Sicherheit tritt das Bild der beiden Hände. Jesus spricht nicht nur von seiner Hand, sondern auch von der Hand des Vaters: „Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen“ (Johannes 10:29). Die Ausleger haben oft darauf hingewiesen, dass sich hier zwei Aspekte verdichten: die Hand des Sohnes als Hand der Macht und die Hand des Vaters als Hand der Liebe. In beiden sind die Schafe geborgen. Nicht weil sie stark greifen, sondern weil sie gehalten werden. Damit wird eine tiefe Spannung im Glaubensleben angesprochen: Nach außen können Gläubige aus Systemen ausgestoßen, kritisiert, missverstanden oder verfolgt werden; nach innen aber liegen sie in einem doppelten Griff, der nicht nachlässt. Johannes erzählt weiter, dass Jesus sich dem Zugriff seiner Gegner entzieht und hinübergeht an den Jordan, dorthin, wo Johannes zuerst getauft hatte, und dass viele dort zu ihm kommen und glauben (Johannes 10:39–42). Äußerlich zieht er sich zurück; tatsächlich tritt er in den Raum hinein, in dem der Neue Bund seinen Anfang nahm. Er wechselt den Ort der Wirksamkeit, nicht aber die Treue seiner Hände.

Für den Weg der Glaubenden hat das eine stille, aber weitreichende Konsequenz. Die Sicherheit der Schafe hängt nicht an der Stabilität religiöser Ordnungen, nicht an der Anerkennung durch bestehende Systeme und auch nicht an der eigenen Unerschütterlichkeit, sondern an der Verlässlichkeit dessen, der sie in seine Hand genommen hat. Das bedeutet nicht, dass Angriffe, Krisen oder Zweifel verschwinden. Aber sie haben nicht das letzte Wort über unsere Zugehörigkeit. Der Glaube wird dadurch nicht unrealistisch, sondern widerstandsfähig: Er rechnet damit, dass das ewige Leben in uns bleibt, auch wenn wir durch trockene, unübersichtliche oder bedrohliche Phasen gehen, und dass die Hände des Sohnes und des Vaters nicht versagen, selbst wenn wir unsere eigene Hand kaum mehr ausstrecken können.

Wer so auf Christus als Hirten blickt, entdeckt inmitten von Unsicherheit eine Geborgenheit, die nicht laut auftritt, aber den inneren Grund legt. Die Zusage, nicht aus seiner Hand gerissen werden zu können, ist kein Freibrief zur Gleichgültigkeit, sondern eine Quelle der Ruhe. Sie entlastet von der Angst, durch einen Fehltritt, eine Krise oder eine fremde Macht endgültig verloren zu gehen, und sie öffnet den Raum, in dem Vertrauen wachsen kann. In diesem Raum wird es möglich, auch schmerzliche Brüche, Missverständnisse oder Ablehnung in einem größeren Horizont zu sehen: Nicht als Beweis dafür, dass Gott uns verlassen hätte, sondern als Situationen, in denen sich zeigen kann, dass seine Hände tatsächlich tragen. So wird das Bewusstsein des „Doppelgriffs“ – der Hand des Sohnes und der Hand des Vaters – zu einer leisen, aber tragfähigen Freude: Getragen zu sein von dem, der größer ist als alle, und dessen ewiges Leben nicht versiegt.

Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen. (Joh. 10:28-29)

Ich und der Vater sind eins. (Joh. 10:30)

Die Verheißung des „Doppelgriffs“ – der Hand des Sohnes und der Hand des Vaters – schenkt eine tiefgehende innere Sicherheit, die gerade dann trägt, wenn äußere Sicherheiten schwinden oder religiöse Anerkennung brüchig wird. Sie lädt dazu ein, die eigene Geborgenheit nicht aus Zustimmung, Erfolg oder Stabilität von Strukturen zu beziehen, sondern aus der Treue dessen, der ewiges Leben gibt und es nicht wieder zurücknimmt. In dieser Sicht können Konflikte, Ablehnung oder Unsichtbarkeit ihren zerstörerischen Stachel verlieren: Sie sind nicht mehr das Maß unserer Identität. Stattdessen wächst eine stille Freiheit, Wege zu gehen, die der Hirte weist, ohne ständig um den eigenen Halt fürchten zu müssen – im Vertrauen darauf, dass seine Hände nicht loslassen und sein Leben nicht versiegt.


Herr Jesus Christus, guter Hirte, danke, dass du uns aus engen religiösen Höfen herausgerufen hast und dich selbst als lebendige Weide für unsere Seele gibst. Du hast dein menschliches Leben für uns hingegeben, damit wir in deinem ewigen Leben geborgen sind und als eine Herde unter deiner Leitung leben dürfen. Vater, wir preisen dich für die starke Hand des Sohnes und die liebende Hand des Vaters, in denen unser Leben festgehalten ist, auch wenn menschliche Sicherheiten wanken und Widerstand aufkommt. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein Leben genügt, um uns zu nähren, zu verändern und miteinander zu verbinden, und erfülle uns neu mit der Freude, bei dir zu sein. Lass uns aus der Fülle deines Lebens leben und in dieser Gewissheit ruhig werden, dass nichts uns aus deiner Hand reißen kann. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 22