Das Bedürfnis der Blinden in der Religion – das Sehen des Lebens und die Hütung des Lebens (1)
Religiöse Systeme können Menschen erstaunlich gut organisieren, Regeln formulieren und Traditionen bewahren – und doch bleibt das Herz oft dunkel. In der Geschichte des blindgeborenen Mannes wird sichtbar, wie tief geistliche Blindheit reichen kann, selbst mitten in eifrigem Gesetzeshalten. Zugleich offenbart Jesus sich dort als der, der Augen öffnet, Menschen aus der Enge der Religion herausführt und sie in ein Leben im Licht stellt.
Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens
Die Jünger sehen den blindgeborenen Mann und ihre erste Regung ist eine Frage nach Schuld: „Wer hat gesündigt?“ Sie denken in den Kategorien des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen aus 1. Mose – in der Logik von Ursache und Wirkung, richtig oder falsch, schuldig oder unschuldig. Es ist bemerkenswert, wie schnell das religiöse Herz moralische Erklärungen sucht und damit in der Linie von „Erkenntnis“ bleibt, die doch im Tod endet. In 1. Mose 2:17 heißt es: „doch von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn an dem Tag, an dem du davon isst, wirst du auf jeden Fall sterben!“ Wenn der Mensch seine Sicherheit im Einordnen von Gut und Böse sucht, entfernt er sich gerade darin von der Quelle des Lebens; er wird zutreffender, aber nicht lebendiger. Die Jünger spiegeln in ihrer Frage diese tief eingeprägte, aber tödliche Optik wider.
Diese Frage ist – wie die in 4:20–25 und 8:3–5 – eine Ja-oder-Nein-Frage und gehört damit zum Baum der Erkenntnis, der im Tod endet (1.Mose 2:17). Die Antwort des Herrn in 9:3 jedoch weist sie auf Gott hin, der der Baum des Lebens ist und im Leben endet (1.Mose 2:9). Wir haben gesehen, dass der Herr im Evangelium nach Johannes solche Fragen niemals mit Ja oder Nein, richtig oder falsch beantwortet. Das liegt daran, dass das Evangelium nach Johannes ein Buch des Lebens ist und nicht ein Buch der Erkenntnis des Guten und Bösen. Deshalb sagte der Herr, die Blindheit des Mannes sei dazu da, „damit die Werke Gottes an ihm offenbar würden“. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einundzwanzig, S. 247)
Jesus antwortet anders, als sie es erwarten. Er verweigert die einfache Ja-Nein-Antwort und lenkt den Blick weg von der moralischen Analyse hin zu Gott selbst: Die Blindheit ist da, „damit die Werke Gottes an ihm offenbar würden“. In dieser Wendung zeigt sich der andere Baum aus 1. Mose 2:9: „Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ Christus stellt sich mitten in eine Situation, die zum Anlass religiöser Diskussion werden könnte, als der Baum des Lebens hinein: Er fragt nicht zuerst, wer schuldig ist, sondern was Gott hier tun will. Das Evangelium nach Johannes entfaltet genau dies: Es ist nicht ein Buch, das uns noch feiner unterscheiden lehrt, sondern ein Buch, das uns zu einer lebendigen Beziehung mit der Person führt, die „Leben in Fülle“ gibt. Er selbst sagt: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es überfließend haben.“ (Joh. 10:10).
Daraus wird eine leise, aber entscheidende Unterscheidung sichtbar: Totes religiöses Denken kreist um Erklärungen, lebendiger Glaube hängt sich an eine Person. Die Linie der Sünde führt in Blindheit und schließlich in den Tod; die Linie des Lebens führt zu Christus, der nicht nur Antworten hat, sondern selber die Antwort Gottes ist. Unglaube bleibt in der Dunkelheit, weil er Gott misstraut und sich an die scheinbare Sicherheit eigener Bewertungen klammert. Glaube dagegen lässt die eigenen Deutungen los und überlässt sich dem, der mit Macht wirkt. So beginnt das neue Sehen: nicht, indem alle Fragen geklärt sind, sondern indem der Mensch sich von der Frage weg zu Christus hinwenden lässt.
Wer sich von Jesus vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens führen lässt, bleibt nicht ohne Orientierung, aber diese Orientierung trägt ein anderes Gepräge. Sie entsteht nicht aus einer scharfen Einteilung der Anderen, sondern aus der Erfahrung, dass Gott in der eigenen Geschichte seine Werke offenbar macht. Wo Christus in unsere festgefahrenen Deutungen hineintritt, löst er die Starrheit der Urteile und eröffnet Räume der Hoffnung: Selbst eine Blindheit, die von Geburt an besteht, wird zur Bühne für das Handeln Gottes. Das ermutigt, die eigenen „Warum“-Fragen nicht absolut zu setzen, sondern sie an dem festzumachen, der durch sie hindurch Leben hervorbringen will. Wer so mit Christus geht, entdeckt Schritt für Schritt, dass die entscheidende Frage nicht lautet: Wer hat versagt?, sondern: Wie will Gott in dieser Lage sein Leben zeigen?
doch von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn an dem Tag, an dem du davon isst, wirst du auf jeden Fall sterben! (1.Mose 2:17)
Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)
Wenn die vertrauten Muster des Beurteilens nicht mehr tragen und die Fragen nach Schuld oder Unschuld im Kreis laufen, öffnet sich durch Jesus ein anderer Weg: Statt am Baum der Erkenntnis zu verharren, lädt er dazu ein, unter dem Baum des Lebens zu stehen – dort, wo nicht die Schärfe unserer Analysen, sondern die Nähe seiner Person zählt. Genau in den Situationen, in denen man am liebsten eindeutige Antworten hätte, kann sein sanftes „damit die Werke Gottes offenbar werden“ wie ein neues Licht aufgehen. Dann muss nicht jede Dunkelheit zuerst erklärt werden; sie darf zur Stelle werden, an der Gottes Leben überraschend sichtbar wird.
Wenn Wort und Menschlichkeit sich berühren: das Sehen des Lebens
Die Szene, in der Jesus Spucke mit Erde mischt und dem Blinden auf die Augen streicht, wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Doch gerade diese Geste öffnet einen tiefen Blick in das Geheimnis des Lebens, das er bringt. Der Mensch ist, wie 1. Mose erzählt, aus dem Staub des Erdbodens geformt; er ist „Ton“, vergänglich und begrenzt. Christus nimmt diese Erde auf und verbindet sie mit dem, was aus seinem Mund hervorgeht. Über das Wort heißt es: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ (Mt. 4:4). Und an anderer Stelle: „Die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.“ (Joh. 6:63). Bildlich gesprochen berührt hier das lebendige Wort, das Geist und Leben ist, die zerbrechliche Menschlichkeit – Erde und Spucke werden zu einem Brei, der die Blindheit nicht nur bedeckt, sondern zum Werkzeug der Heilung wird.
Der Lehm in 9,6 bedeutet, wie in Römer 9:21, die Menschheit. Der Mensch ist Lehm. Wir alle sind Lehm. Was ist der Speichel? Speichel bedeutet hier als etwas, „das aus dem Mund hervorgeht“ (Mt 4:4) des Herrn, Seine „Worte, die … Geist und Leben sind“ (Joh 6:63). Bildlich gesprochen ist der Speichel das Wort, das Geist und Leben ist, das aus dem Mund des Herrn hervorgeht. Das Wort, das aus dem Mund Christi hervorgeht, ist Geist. So bedeutet das Vermischen von Speichel mit dem Lehm das Vermischen der Menschheit mit dem lebendigen Wort des Herrn. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einundzwanzig, S. 250)
Damit wird deutlich: Christus wirkt nicht an uns vorbei; er verachtet die menschliche Schwachheit nicht, sondern nimmt sie auf, um sie zu durchdringen. Seine Worte sollen nicht außen an uns abperlen wie Regen an Stein, sondern sich mit unserer konkreten Menschlichkeit verbinden – mit unserer Geschichte, unseren Wunden, unseren Begrenzungen. Darum bleibt der Blinde nicht bei einem bloßen Hören stehen: Das vom Herrn geformte Gemisch kommt an seine Augen, an den Punkt seiner Not. Wo das Wort Gottes den Ort unserer Blindheit berührt, wird mehr als Erkenntnis vermittelt; es entsteht eine innere Salbung, eine leise, aber wirksame Verbindung zwischen Christus und unserem tiefsten Inneren.
Doch das Zeichen erzählt noch mehr. Nachdem Jesus die Augen salbt, kann der Mann noch nicht sehen. Im Gegenteil: Die Schicht auf seinen Augen wird zunächst dichter. Erst als er dem Wort Jesu folgt und sich im Teich Siloah wäscht, fällt diese Schicht ab, und sein Blick wird frei. So beschreibt die Geschichte den Weg, den Gott mit uns geht: Sein Wort erleuchtet uns, aber es führt uns zugleich an einen Ort, wo etwas von unserem alten, natürlichen Leben abgewaschen wird. Das Wasser erinnert an den Tod und die Auferstehung Christi, in die wir hineingenommen werden. „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Licht und Kreuz gehören zusammen: Die Augen öffnen sich, während das Alte untergeht.
Wo Wort und Menschlichkeit sich so berühren, entsteht ein neues Sehen: Wir bleiben nicht Zuschauer, die über geistliche Wahrheiten informiert werden, sondern Menschen, die sich von Christus hineinnehmen lassen in eine Bewegung – von der Blindheit hin zum Licht, vom Festhalten am Alten hin zum Loslassen in seinem Tod. Die Erinnerung an den blindgeborenen Mann kann trösten, wenn der Weg nicht sofort hell wird, obwohl Gottes Wort uns berührt hat. Manches wird erst klar, während wir unterwegs sind, während Gott Schicht um Schicht von unseren Augen nimmt. Mitten in diesem Prozess bleibt die Gewissheit: Der, der sein Wort an unsere Menschlichkeit legt, ist derselbe, der es vollendet und uns das Sehen des Lebens schenkt – ein Sehen, das mehr ist als Durchblick, nämlich Gemeinschaft mit ihm.
Er aber antwortete und sagte: Es steht geschrieben: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ (Mt. 4:4)
Der Geist ist es, der das Leben gibt, das Fleisch nützt nichts; die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. (Joh. 6:63)
Wenn das Wort Christi uns erreicht, bleibt es nicht bei der nüchternen Information über geistliche Dinge. Auch wo es zunächst eher wie eine zusätzliche Schicht auf unserem Erleben liegt und noch nicht alle Dunkelheit wegnimmt, ist darin schon die Berührung des Lebendigen mit unserer irdischen Wirklichkeit verborgen. Der Weg des blindgeborenen Mannes ermutigt, dieses Wirken nicht gering zu achten: Christus knüpft genau an dem an, was wir sind, und führt durch die unscheinbaren Schritte des Hörens, Gehens und Gewaschenwerdens hindurch zu einem klaren Blick. So wächst leise ein Vertrauen, dass selbst die undurchsichtigen Phasen Teil dieses Weges sind – getragen von dem, dessen Worte Geist und Leben sind.
Aus der religiösen Blindheit in die Hütung des Lebens
Die Heilung der Blindheit ist für den Mann im Johannesevangelium nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn einer Auseinandersetzung. Je klarer er sieht, desto deutlicher tritt die Blindheit der religiösen Leiter zutage. Sie hinterfragen, relativieren, bedrohen und stoßen ihn schließlich aus der Synagoge hinaus. Was sich zuerst wie ein Unglück ausnimmt, erweist sich als eine Linie, die durch die ganze Schrift geht: Wo Gott wirklich Licht schenkt, gerät dieses Licht in Konflikt mit einer Religiosität, die sich selbst genügt. Es ist kein Zufall, dass Paulus als Saulus zuerst „Drohun und Mord gegen die Jünger des Herrn“ schnaubt (Apg. 9:1) und die Gemeinde verwüstet, bis ihn „ein Licht aus dem Himmel“ umstrahlt (Apg. 9:3). Die Begegnung mit dem lebendigen Christus deckt auf, wie sehr religiöser Eifer von Blindheit geprägt sein kann – und wie verwandelnd sein Licht ist, wenn es einen Menschen trifft.
Ein Gesandter tut niemals seinen eigenen Willen; er tut den Willen eines anderen. Als ein Gesandter musst du arbeiten und handeln als ein Gesandter. Ein Gesandter tut nichts gemäß seinem eigenen Willen, sondern alles gemäß dem, der ihn sendet. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einundzwanzig, S. 254)
Der ausgestoßene Mann bleibt nicht lange allein. Jesus sucht ihn, findet ihn und führt ihn einen Schritt weiter, als die Heilung der Augen es schon getan hat: Er offenbart sich ihm als der Sohn Gottes. Aus einem Mann, der nur sagen konnte: „Einer namens Jesus hat mich geheilt“, wird jemand, der vor dem Menschensohn niederfällt und ihn anbetet. Die äußere Zugehörigkeit zur religiösen Gemeinschaft ist zerbrochen, aber es entsteht eine innere Zugehörigkeit zu Christus selbst. Hier berührt sich das neunte Kapitel mit dem zehnten: Der, der die Augen öffnet, ist derselbe, der als guter Hirte seine Schafe aus einem engen Schafhof herausführt, um sie auf weite Weide zu bringen. Er gibt ihnen nicht nur Licht, sondern hütet ihr Leben – „und Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden auf keinen Fall verloren gehen in Ewigkeit, und niemand wird sie Meiner Hand entreißen.“ (Joh. 10:28).
In dieser Spannung geschieht zugleich Gericht: Wer seine Blindheit eingesteht, empfängt Sehkraft; wer behauptet, schon zu sehen, bleibt in seiner Blindheit verfangen. Die Worte Jesu bringen ans Licht, was im Herzen verborgen ist. So wird auch verständlich, warum sein Werk nicht nur tröstet, sondern trennt. Er führt aus einer Religion heraus, die sich an Regeln und Traditionen klammert, ohne das Leben zu kennen, hinein in eine Beziehung, in der die Stimme des guten Hirten zählt. „Der Geist des Herrn ist auf Mir, weil Er Mich gesalbt hat, um den Armen das Evangelium zu verkünden; Er hat Mich gesandt, um den Gefangenen Befreiung zu verkündigen und den Blinden Wiedererlangung des Augenlichts…“ (Lk. 4:18). Wo dieses Wort Wirklichkeit wird, lösen sich alte Sicherheiten, aber es erwächst eine tiefere Geborgenheit in seiner Hand.
Gerade darin liegt Trost für alle, deren Weg mit Christus sie in Spannungen mit ihrer religiösen Umwelt geführt hat. Die Geschichte des ehemals Blinden macht deutlich: Ausgestoßenwerden kann in Gottes Händen zur Einladung werden, vom System zur Person zu wechseln – vom Vertrauen auf menschliche Ordnung zum Vertrauen auf den guten Hirten, der sucht, findet und trägt. Das Licht, das er schenkt, tut manchmal weh, weil es Illusionen zerbricht; doch es öffnet die Augen für eine Hütung, die stärker ist als Ablehnung und Missverständnis. Wer in dieser Hütung lebt, entdeckt nach und nach, dass nichts, was unter seiner Hand verloren geht, wirklich Verlust bleibt, wenn dafür sein lebendiges Sehen und seine treue Bewahrung an die Stelle toter Formen treten.
Als er aber hinzog, geschah es, daß er Damaskus nahte. Und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel; (Apg. 9:3)
„Der Geist des Herrn ist auf Mir, weil Er Mich gesalbt hat, um den Armen das Evangelium zu verkünden; Er hat Mich gesandt, um den Gefangenen Befreiung zu verkündigen und den Blinden Wiedererlangung des Augenlichts, um die Unterdrückten in die Freiheit zu entlassen, (Lk. 4:18)
Wo das Licht Christi uns aus vertrauten, aber engen religiösen Formen herausführt, kann sich das zunächst wie Verlust anfühlen. Die Spur des blindgeborenen Mannes zeigt jedoch, dass genau dort, wo äußere Zugehörigkeiten brüchig werden, die Hand des guten Hirten umso spürbarer wird. Er sucht nicht die Angepassten, sondern die Bedürftigen, nicht die, die meinen, schon zu sehen, sondern jene, die sich von ihm die Augen öffnen lassen. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Auch wenn der Weg mit ihm durch Konflikte und Abschiede führen mag, bleibt seine Hütung verlässlich – getragen von dem, der Augen aufschließt und Herzen an sich bindet.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 21