Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Bedürfnis der sittlichen Menschen – die Wiederzeugung des Lebens (2)

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Viele würden sich selbst als anständig, verantwortungsbewusst und religiös interessiert beschreiben – so ähnlich wie Nikodemus. Und doch macht Jesus ihm deutlich, dass moralische Korrektheit nicht ausreicht, um in Gottes Wirklichkeit hineinzukommen. Zwischen einem kultivierten, aber natürlichen Leben und einem von Gott geborenen Leben liegt ein unsichtbarer, aber entscheidender Unterschied: die Wiederzeugung durch den Geist, die uns aus der Linie des Todes in die Linie des göttlichen Lebens versetzt.

Vom Fleisch geboren – vom Geist geboren

Jesus stellt Nikodemus eine einfache, aber scharfe Linie vor Augen: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). In diesen wenigen Worten trennt Er zwei ganze Welten. Das, was aus unserer natürlichen Herkunft stammt – Abstammung, Erziehung, Kultur, Charakter – gehört zur Sphäre des Fleisches. Es kann sich durch Erfahrung verfeinern, durch Disziplin verbessern, durch Bildung schärfer werden, aber es bleibt Fleisch. Selbst der beste Rahmen, in den man dieses natürliche Leben stellt, ändert seine innere Quelle nicht. Es ist wie Wasser, das sich in jeder Form anpasst und doch immer Wasser bleibt. Darum genügt keine Wiederholung der natürlichen Geburt, keine Kette von Neuanfängen – sie bringen immer nur denselben alten Menschen hervor.

Von Neuem geboren zu werden bedeutet nicht, noch einmal von unseren Eltern geboren zu werden, sondern von Gott, dem Geist, von Gott geboren zu werden, damit wir Sein göttliches Leben mit Seiner göttlichen Natur besitzen – ein Leben mit einer Natur, die sich völlig von unserem natürlichen Leben mit seiner Natur unterscheidet. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neun, S. 103)

Gott meint etwas anderes, wenn Er von Neugeburt spricht. Er zielt nicht auf eine Reparatur unseres alten Menschen, sondern auf das Einpflanzen eines völlig anderen Lebens. Damit dieses Leben uns erreichen kann, hat Er etwas in uns hineingelegt, das über Denken, Gefühl und Willenskraft hinausgeht: den menschlichen Geist – den inneren Menschen. Darauf spielt Paulus an, wenn er schreibt: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert“ (2.Kor 4:16). Hier eröffnet sich eine unsichtbare Tiefe in uns, die von Natur her zwar vorhanden, aber geistlich tot ist. In genau diesem Zentrum setzt Gottes Werk an: Wenn wir den Namen Jesu im Glauben ergreifen, berührt der Heilige Geist unseren Geist, macht ihn lebendig und überträgt uns das göttliche Leben. Neugeburt ist darum nicht ein psychologischer Umschwung, sondern eine innere Auferweckung.

In dieser Wiederzeugung entsteht etwas völlig Neues. Johannes sagt von denen, die Christus aufnehmen: sie wurden „weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt“ (Johannes 1:13). Hier handelt es sich nicht mehr um Abstammung nach dem Fleisch, sondern um eine neue Herkunft: Gott selbst wird unsere Quelle. Dieses neue Leben ist nicht einfach eine fromme Verstärkung unseres alten Charakters, sondern trägt die Natur dessen, von dem es kommt. Es ist das Leben Gottes, das in unserem Geist Wohnung nimmt. Wo dieses Leben einzieht, beginnt ein neuer innerer Mensch, still und verborgen, aber real, zu wachsen.

Damit wird auch das Verhältnis zwischen uns und dem Herrn radikal verwandelt. Paulus fasst es in einem knappen Satz zusammen: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). Der Geist Gottes verbindet sich mit unserem menschlichen Geist zu einem gemeinsamen, „vermischten“ Geist. Es bleibt eine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf, und doch entsteht eine untrennbare Einheit der Gemeinschaft. Aus dieser inneren Einheit fließt ein neues Leben nach außen: nicht als religiöse Pflicht, sondern als spontaner Ausdruck einer neuen Quelle. Wo früher das Fleisch – unser natürliches Leben – bestimmte, was wir wollten, dachten und suchten, beginnt nun der Geist zu bestimmen, was lebendig, was friedvoll, was echt ist.

Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)

Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. (2.Kor 4:16)

Neugeburt aus dem Geist bedeutet, aus der Logik der Selbstoptimierung in die Wirklichkeit eines geschenkten Lebens hinüberzutreten. Wer erkennt, dass Gott den inneren Menschen zur Wohnstätte Seines Lebens geschaffen hat, hört nach und nach auf, sich an der Oberfläche zu erschöpfen, und lernt, aus der Tiefe des mit Christus vereinten Geistes zu leben. Diese Einsicht ist nicht an einen spektakulären Moment gebunden; sie kann in stillen Stunden wachsen und das Herz Schritt für Schritt davon überzeugen, dass die eigentliche Hoffnung nicht im veredelten alten Menschen, sondern im täglich erneuerten inneren Menschen liegt.

Die verborgene Schlangennatur und der erhöhte Christus

In Nikodemus begegnet uns ein Mensch, der nach außen nahezu makellos wirkt: religiös gebildet, moralisch vorbildlich, gesellschaftlich geachtet. Doch Jesus spricht mit ihm, als wäre er ein verlorener Mensch unter Schlangenbissen. Damit berührt Er eine unbequeme Wahrheit: Unser Grundproblem ist nicht in erster Linie das, was wir tun, sondern das, was wir sind. Seit im Garten Eden die alte Schlange den Menschen verführte (1. Mose 3), ist in die ganze Linie Adams ein Gift eingedrungen – eine innere Färbung von Misstrauen gegen Gott, Selbstbehauptung und verborgener Rebellion. Dieses Gift kann sich hinter Höflichkeit, Korrektheit und Frömmigkeit verbergen und doch in der Tiefe aktiv bleiben. Darum ist jeder Mensch, so kultiviert er auch sein mag, ein von der Schlange gebissener Mensch.

Der Herr sagte zu Nikodemus: „Nikodemus, nach außen wirkst du wie ein Gentleman, aber du musst erkennen, dass du in Wirklichkeit eine Schlange bist. So sanft du auch erscheinen magst, in dir steckt eine schlangenartige Natur. Du bist vergiftet worden – in Adam bist du vergiftet worden. Als Adam von der Schlange vergiftet wurde, warst du in ihm. Du bist aus dieser vergifteten Natur geboren worden, und deshalb ist auch deine Natur schlangenartig.“ (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neun, S. 111)

Das Bild der ehernen Schlange in der Wüste macht diese Diagnose anschaulich. Das Volk Israel murrt, und „da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk, und sie bissen das Volk; und es starb viel Volk aus Israel“ (4.Mose 21:6). Die Menschen sterben nicht, weil sie theoretisch von Schlangen umgeben sind, sondern weil ihr Blut bereits vom Gift durchdrungen ist. Gottes Rettung besteht nicht in moralischen Appellen, sondern in einem erstaunlichen Zeichen: „Mache dir eine Schlange und tu sie auf eine Stange! Und es wird geschehen, jeder, der gebissen ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben“ (4.Mose 21:8). Die eherne Schlange sieht aus wie die Ursache des Todes, trägt aber kein Gift – sie ist das Bild des Gerichts über das Gift. Wer sie anschaut, bleibt am Leben, ohne irgendeine Leistung vorzuweisen.

Jesus greift dieses Bild auf, wenn Er sagt: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden“ (Johannes 3:14). Er ist zugleich das Lamm Gottes, das Sünde wegnimmt, und – in diesem Bild – wie eine Schlange ohne Gift. Der Hebräerbrief sagt von Ihm: Er wurde „in jeder Hinsicht genauso versucht … wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr. 4:15). Gott sandte Seinen Sohn „in Gestalt des Fleisches der Sünde“ (Röm. 8:3); Christus nahm die äußerliche Form unserer gefallenen Situation an, ohne innerlich vom Gift der Schlange vergiftet zu sein. Am Kreuz ließ Gott dieses Gift richten, indem Er Ihn, „der Sünde nicht kannte, … für uns zur Sünde machte“ (2.Kor 5:21). In Ihm wird unsere schlangenhafte Natur vor Gott verurteilt und in den Tod gegeben.

Wer nun den erhöhten Christus im Glauben anschaut, erfährt mehr als eine Begnadigung für vergangene Taten. Es geschieht eine Befreiung in der Tiefe: Die absolute Herrschaft des Giftes, das unsere Natur prägte, wird gebrochen. Hebräer 2:14 beschreibt diese Dimension so: Christus hat „durch den Tod den vernichtet, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel“. Hier geht es nicht nur um subjektive Schuldgefühle, sondern um die objektive Macht des Bösen über unsere Natur. Wenn der Gekreuzigte und Auferstandene vor dem inneren Auge groß wird, löst sich die Identifizierung mit dem, was die Schlange aus uns gemacht hat, und eine neue Identität beginnt: nicht mehr Kind der alten Schlange, sondern Kind Gottes.

Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk, und sie bissen das Volk; und es starb viel Volk aus Israel. (4.Mose 21:6)

Und der HERR sprach zu Mose: Mache dir eine Schlange und tu sie auf eine Stange! Und es wird geschehen, jeder, der gebissen ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben. (4.Mose 21:8)

Die Erkenntnis der verborgenen Schlangennatur ist schmerzlich, aber heilsam. Sie bewahrt vor Selbsttäuschung und öffnet den Raum, in dem der erhöhte Christus nicht nur als Retter von Schuld, sondern als Befreier aus einer ganzen Existenzweise erfahren wird. Wer lernt, seine Hoffnung nicht auf das „edlere Fleisch“, sondern auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu setzen, entdeckt nach und nach, dass im Blick auf Ihn tatsächlich ein neues Leben Gestalt gewinnt – nicht als krampfhafte Leistung, sondern als Frucht der Tatsache, dass das Gift gerichtet und die Tür zu einer anderen Natur geöffnet ist.

Neu geboren für das Reich Gottes durch Glauben

Zwischen Nikodemus und Jesus steht unausgesprochen eine ernste Wahrheit: Vor Gott ist der Mensch nicht erst dann verloren, wenn er ganz unten angekommen ist, sondern schon, indem er zur alten Menschheit gehört. Wer „in Adam“ steht, steht unter einem Urteil, das tiefer reicht als das sichtbare Fehlverhalten. Darum sagt Johannes: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (Johannes 3:36). Der Zorn Gottes „bleibt“ – er ist nicht erst die Folge einer extremen Entgleisung, sondern ruht auf einer gefallenen Stellung, in die wir hineingeboren wurden. Christus ist in diese Welt gekommen, nicht um das Urteil zu vollenden, sondern um einen Ausweg zu öffnen, der tiefer reicht als jede moralische Besserung: Er führt aus der alten Menschheit in eine neue Sphäre, das Reich Gottes.

Das Königreich Gottes ist die Herrschaft Gottes. Es ist ein göttlicher Bereich, in den man eintreten kann, ein Bereich, der das göttliche Leben voraussetzt. Nur das göttliche Leben kann die göttlichen Dinge erfassen. Deshalb erfordert es Wiedergeburt mit dem göttlichen Leben, das Königreich Gottes zu sehen oder in es einzugehen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neun, S. 107)

Dieses Reich ist nicht zuerst ein zukünftiges Staatswesen, sondern eine gegenwärtige, unsichtbare Wirklichkeit. „Das Königreich Gottes ist die Herrschaft Gottes. Es ist ein göttlicher Bereich, in den man eintreten kann, ein Bereich, der das göttliche Leben voraussetzt. Nur das göttliche Leben kann die göttlichen Dinge erfassen.“ Deshalb sagt Jesus zu Nikodemus: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3:3), und wenig später: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen“ (Johannes 3:5). Sehen und Eingehen hängen an derselben Voraussetzung: Wiedergeburt. Ohne Neugeburt bleibt das Reich Gottes ein fremder Kontinent, von dem man vielleicht hört, dessen Luft und Sprache man aber nicht wirklich kennt; mit der Neugeburt beginnt man, in diesem Reich zu atmen.

Dass der Weg in dieses Reich nicht über Leistung, sondern über Glauben führt, fasst Johannes prägnant: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben“ (Johannes 1:12). Glauben ist hier nicht nur ein Für-wahr-Halten, sondern ein Hineintreten: hinein in die Person Christi, hinein in das, was Er durch Kreuz und Auferstehung vollbracht hat. Der letzte Adam ist „zu einem Leben gebenden Geist“ geworden (1.Kor 15:45); als solcher begegnet Er uns nicht außen in erster Linie als religiöse Forderung, sondern innen als Quelle eines neuen Lebens. Wer Ihm so glaubt, steht nicht mehr unter dem alten Urteil, sondern in der Sphäre Seiner Gnade, in der sein Status als Kind Gottes feststeht.

Dieses neue Leben bleibt nicht abstrakt. Gottes Reich wird erfahrbar, indem Seine Herrschaft im Inneren Gestalt gewinnt. Paulus beschreibt das Werk des Geistes so, dass „die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“ (Röm. 8:4). Der Heilige Geist verbindet sich mit unserem wiedergeborenen Geist und bildet in diesem inneren Menschen eine stille, aber bestimmte Stimme. Oft weiß ein wiedergeborener Mensch vor jeder äußeren Belehrung in seinem Inneren, was zu Christus passt und was nicht. Es ist nicht mehr primär das äußere Gesetz, das drückt, sondern die innere Salbung, die lenkt und Raum für das Leben schafft. Das Reich Gottes zeigt sich darin, dass Gottes Leben unser Denken, Wollen und Handeln durchzieht und inmitten einer alten Welt schon die Atmosphäre der kommenden Welt trägt.

Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm. (Joh. 3:36)

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. (Joh. 3:3)

Neu geboren zu sein für das Reich Gottes heißt, sich im Glauben von einer alten Zugehörigkeit zu lösen und in eine neue Wirklichkeit hineingestellt zu wissen. Diese Wirklichkeit ist unsichtbar, aber wirksam: Sie macht den Glaubenden nicht überheblich, sondern innerlich geborgen und lernbereit. Wer das Reich als Herrschaft des göttlichen Lebens im eigenen Inneren erkennt, beginnt, seine Tage nicht nur nach äußerem Gelingen, sondern nach innerer Übereinstimmung mit Christus zu deuten. Darin liegt ein stiller Trost und eine anhaltende Ermutigung: Auch dort, wo vieles unvollendet bleibt, ist das Entscheidende schon geschehen – die Tür ins Reich ist durch die Wiedergeburt geöffnet, und Gottes eigenes Leben trägt durch die Spannungen dieser Zeit hindurch in die Vollendung Seiner Herrschaft.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht nur unsere sichtbaren Sünden getragen hast, sondern auch die tiefe Vergiftung unseres Herzens ans Licht bringst und am Kreuz gerichtet hast. Du wurdest erhöht wie die eherne Schlange, um die Macht der alten Schlange zu brechen und uns Dein eigenes göttliches Leben zu schenken. Vater, wir preisen Dich, dass Du uns in unserem inneren Menschen neu geboren hast und uns in das Reich Deines Sohnes der Liebe versetzt. Stärke unseren Geist, damit wir aus diesem neuen Leben leben, Deine sanfte Herrschaft in uns lieben und immer mehr aus der Linie des Todes in die Linie des Lebens hineingezogen werden. Lass Dein Licht unsere verborgenen Bereiche erhellen, damit alles, was noch aus der alten Natur stammt, durch Dein Leben überwunden wird. Bewahre uns in der Freude, dass wir Deine Kinder sind, und erfülle uns mit Hoffnung auf das vollendete Werk, das Du in uns vollbringen wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 9