Die Zunahme Christi und der unergründliche Christus
Manche Verse im dritten Kapitel des Johannesevangeliums wirken auf den ersten Blick wie nebensächliche Randnotizen: Orte, Gefängnis, Diskussionen um Scharen von Menschen. Doch gerade dort öffnet sich ein tiefer Einblick in Gottes Herz: Christus soll zunehmen, alles auf sich ziehen und eine Braut gewinnen, die ganz aus seinem Leben besteht. Wer diese Linie erkennt, sieht Wiedergeburt, Gemeinde und das persönliche Glaubensleben in einem neuen Licht.
Die Zunahme Christi: Von der eigenen Gefolgschaft zur Braut des Bräutigams
Wenn Johannes der Täufer sagt: „Er muss zunehmen, ich aber abnehmen“, öffnet sich ein Blick in das Herz Gottes, der weiter reicht als die Frage nach persönlicher Demut. Johannes stand im Zentrum einer großen Bewegung, Menschen kamen in Scharen zu ihm, sein Dienst war von Gott bestätigt. Gerade deshalb war die Versuchung nahe, neben Christus als zweite geistliche Figur mit eigener Gefolgschaft zu bestehen. Sein Wort markiert den inneren Schritt weg von der Rolle des Brennpunkts menschlicher Aufmerksamkeit hin zur Freude des Freundes des Bräutigams, der hört, wie die Stimme des Bräutigams alles auf sich zieht. In diesem Sinn gehört jede echte Nachfolge nicht einem Diener, sondern dem Bräutigam selbst.
Die meisten Christen, besonders die meisten christlichen Lehrer, legen Vers 30 falsch aus. Was bedeutet es, dass Christus zunehmen und du abnehmen sollst? Es bedeutet, dass du dich von der Szene und davon, die Nachfolge zu haben, zurückziehen musst und Christus erlauben musst, die einzige Gestalt auf der Szene zu sein und alle Nachfolge zu haben. Die ganze Nachfolge sollte zu Christus gehen; nichts davon sollte zu Johannes dem Täufer oder zu irgendjemand anderem gehen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zehn, S. 120)
Gott verfolgt nicht das Ziel, viele starke geistliche Persönlichkeiten mit eigenen Kreisen aufzubauen, sondern eine einzige Braut für den einen Christus hervorzubringen. Johannes 3.macht deutlich, dass die „Zunahme Christi“ darin besteht, dass alle, die dem Bräutigam zugeführt werden, zu seiner Braut werden. So wie es in 1. Korinther 6:17 heißt: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“, so werden die Nachfolger Christi innerlich mit ihm verbunden, nicht mit einem menschlichen Leiter verschmolzen. Dort, wo Christus die Mitte bildet, wo Namen, Ansprüche und Profile zurücktreten und der Dreieiner Gott in der Kraft seines Geistes Raum erhält, wird die Braut vorbereitet. Diese Braut ist keine abstrakte Idee; sie nimmt Gestalt an, wenn Gemeinschaft nicht um Personen kreist, sondern um den, der alles in allem erfüllt. Es ist eine stille, aber starke Ermutigung: Je mehr wir zulassen, dass Christus an Bedeutung gewinnt und unser eigenes Gewicht in den Hintergrund tritt, desto klarer leuchtet das eigentliche Ziel Gottes auf – eine geliebte Braut, die Ihn widerspiegelt und seine Gegenwart in dieser Welt bezeugt.
Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)
Die Bewegung weg von einer eigenen Gefolgschaft hin zur Braut des Bräutigams befreit das Herz. Sie löst den Druck, etwas darstellen zu müssen, und öffnet einen Raum, in dem Christus zunehmen kann – in Beziehungen, in Diensten, in örtlichen Gemeinden. Wo Er die Mitte ist, werden Menschen nicht gebunden, sondern zu Ihm hin freigesetzt. Dort entsteht eine Atmosphäre, in der echte Hingabe und tiefe Freude wachsen, weil es nicht mehr darum geht, wer sichtbar ist, sondern darum, dass der Bräutigam seine Braut vor sich sieht.
Wiedergeburt: Vom alten Adam zur Zunahme Christi
Wiedergeburt ist nicht nur Gottes Antwort auf unsere Schuld, sondern sein Weg, unsere Zugehörigkeit zu verändern. Durch unsere erste Geburt stehen wir in der Linie Adams, geprägt von einem Leben, das sich um sich selbst dreht und unter der Macht der Sünde steht. In der neuen Geburt pflanzt Gott sein eigenes Leben in uns ein. Wir werden nicht bloß bessere Menschen, sondern andere Menschen, Menschen aus einer neuen Herkunft. Das Evangelium ruft nicht nur aus der Ferne zu moralischer Besserung, es teilt göttliches Leben aus und stellt uns in eine neue Geschichte – in die Geschichte Christi.
An seinen Worten können wir sehen, dass alle wiedergeborenen Nachfolger Christi Seine Zunahme sind. Die Zunahme in Vers 30 ist die Braut in Vers 29, und die Braut dort ist eine lebendige Zusammensetzung aller wiedergeborenen Menschen. Das bedeutet, dass in diesem Kapitel über die Wiedergeburt die Wiedergeburt nicht nur darin besteht, das göttliche Leben in die Gläubigen hineinzubringen und die satanische Natur in ihrem Fleisch zunichtzumachen, sondern auch darin, sie zur gemeinschaftlichen Braut für Christi Zunahme zu machen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zehn, S. 121)
Die Schrift zeigt dieses Geheimnis von Anfang an. In 1. Mose 2:22–23 heißt es: „Und die Rippe, die Jehovah Gott vom Menschen genommen hatte, baute Er zu einer Frau und brachte sie zum Menschen. Und der Mensch sagte: Diese ist dieses Mal Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Eva ist nicht etwas Zusätzliches neben Adam, sondern aus ihm und für ihn, seine Ergänzung und seine Vermehrung. So ist die Gemeinde, die aus der Wiedergeburt hervorgeht, die Zunahme Christi – seine Braut, hervorgebracht aus seinem Leben und zu ihm hin geformt. Jeder Wiedergeborene trägt dieses Geheimnis in sich: Man ist nicht mehr nur Zuwachs Adams, sondern Bestandteil der Zunahme Christi. Im Licht der Offenbarung trägt das Neue Jerusalem genau diese Prägung: „Und ich sah die Heilige Stadt, das Neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, wie eine für ihren Mann geschmückte Braut bereit gemacht“ (Offb. 21:2). So wird Wiedergeburt zu etwas Großem: Sie nimmt uns nicht nur das Alte, sie führt uns in eine lebendige Zugehörigkeit hinein, in der wir gemeinsam zu einer Braut zusammengefügt werden, die Christus entspricht. Das schenkt dem Glaubensleben Würde und Richtung: Jeder kleine Schritt im Leben aus Christus ist ein Baustein in dieser Braut, ein stilles Wachstum, durch das die Zunahme Christi sichtbar wird.
Und die Rippe, die Jehovah Gott vom Menschen genommen hatte, baute Er zu einer Frau und brachte sie zum Menschen. (1.Mose 2:22)
Und ich sah die Heilige Stadt, das Neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, wie eine für ihren Mann geschmückte Braut bereit gemacht. (Offb. 21:2)
Wer Wiedergeburt so versteht, entdeckt sein Leben neu. Vergebung ist ein kostbarer Anfang, aber sie öffnet den Weg in eine viel größere Wirklichkeit: Wir gehören nicht mehr der alten Ordnung Adams, sondern sind in Christus verwurzelt. Das schenkt Hoffnung in inneren Kämpfen und Spannungen: Über allem steht Gottes Absicht, aus unserem Leben etwas Braut-Gemäßes zu formen. In jeder Schwachheit bleibt diese Berufung bestehen – wir sind für die Zunahme Christi geschaffen, und sein Leben in uns trägt die Kraft, diese Berufung auch zu erfüllen.
Der unergründliche Christus: Wort und Geist ohne Maß für seine Gemeinde
Der Christus, den das Johannesevangelium vor Augen malt, sprengt jede enge Vorstellung von einem religiösen Lehrer unter vielen. Er ist der, der „von oben kommt“ und „über allen“ steht (Johannes 3:31), gleichzeitig aber als Sohn des Menschen mitten in die Begrenztheit unserer Geschichte eintritt. In Johannes 3:13 heißt es: „Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ Hier begegnet uns der unergründliche Christus: gegenwärtig auf der Erde und zugleich in der himmlischen Sphäre, überall den Horizont menschlicher Möglichkeiten übersteigend. Dieser Christus ist nicht nur der Anfang unseres Glaubens, sondern die unausschöpfliche Quelle, aus der die Gemeinde lebt.
Diese Verse offenbaren einen grenzenlosen Christus. Er war der kleine Jesus, der in einer Krippe geboren wurde und in Nazareth im Haus eines armen Zimmermanns aufwuchs. Er hatte keine äußere Schönheit und keine Anziehungskraft, und Er war sehr begrenzt. Dennoch ist Er allumfassend und unermeßlich. Er ist höher als die Himmel und weiter als das Universum. Er ist alles, und alles ist für Ihn. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zehn, S. 125)
Seine Gegenwart in der Gemeinde ist daran erkennbar, dass Wort und Geist nicht knapp bemessen, sondern ohne Maß ausgeteilt werden. Über ihn wird gesagt: „Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Worte Gottes, denn Er gibt den Geist nicht nach einem Maß“ (Johannes 3:34). Wo Christus als Haupt Raum hat, ist das Wort nicht bloß Thema von Vorträgen, sondern lebendige Ansprache, die Herzen aufschließt, korrigiert, tröstet und ausrichtet. Der Geist wirkt nicht punktuell wie ein gelegentlicher Impuls, sondern wie eine stille, durchdringende Salbung, die Gebet, Lobpreis und gegenseitigen Dienst trägt. Solch eine Gemeinde muss sich nicht durch äußere Merkmale beweisen; sie wird daran erkannt, dass Christus zunimmt – in der Liebe untereinander, in der Klarheit des Zeugnisses, in der inneren Freiheit des Lebens aus Gott. „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in Seine Hand gegeben“ (Johannes 3:35); wer in dieser Hand steht, tritt aus dem Feld des Zorns heraus in den Raum des ewigen Lebens. Diese Wirklichkeit beginnt nicht erst in der kommenden Welt, sie dringt jetzt schon in das Leben der Glaubenden ein. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Der Christus, dem wir gehören, ist unergründlich reich, und seine Austeilung an seine Gemeinde kennt keine Grenzen. Wo seine Worte uns finden und sein Geist uns berührt, ist das ein leiser, aber verlässlicher Hinweis: Er selbst ist mitten unter uns tätig.
Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist. (Joh. 3:13)
Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Worte Gottes, denn Er gibt den Geist nicht nach einem Maß. (Joh. 3:34)
Im Licht des unergründlichen Christus verliert geistliche Enge ihren Anspruch. Das Leben der Gemeinde hängt nicht an menschlicher Brillanz oder organisatorischer Stärke, sondern an dem, der den Geist ohne Maß gibt. Diese Sicht bewahrt vor Resignation und vor Stolz zugleich: Resignation, weil seine Fülle größer ist als unsere Schwachheit; Stolz, weil alle Frucht aus seiner Hand kommt. So wächst eine stille Dankbarkeit und eine neue Erwartung: Der Herr ist bereit, sich noch weiter auszuteilen, sein Wort lebendig und seinen Geist wirksam werden zu lassen – weit über das hinaus, was wir uns vorstellen können.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 10