Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Bedürfnis der sittlichen Menschen – die Wiederzeugung des Lebens (1)

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Viele Menschen leben verantwortungsvoll, achten auf Moral, engagieren sich in Kirche oder Gemeinde – und merken doch, dass in ihrem Inneren etwas Entscheidendes fehlt. Das Johannesevangelium beschreibt an neun sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten, wie tief die Not des Menschen wirklich reicht und wie umfassend Christus als das Leben dieser Not begegnet. Besonders die Begegnung Jesu mit Nikodemus legt frei, dass selbst der beste, frömmste und erfahrenste Mensch eine neue Geburt aus Gott braucht, nicht nur eine verfeinerte Version seines bisherigen Lebens.

Die verborgene Not moralischer Menschen

Nikodemus tritt uns in der Nacht entgegen – nicht als verworfener Sünder am Rand der Gesellschaft, sondern als einer der Besten unter seinem Volk. Er kennt die Schrift, er trägt Verantwortung, er bemüht sich redlich, Gottes Gebote zu achten. In ihm verdichten sich Bildung, Moral und Frömmigkeit. Gerade deshalb ist seine Begegnung mit Jesus so überraschend: Das Licht, das in diese Nacht hineinleuchtet, legt nicht zuerst seine Fehler bloß, sondern eine tiefere Leere, die sich durch alle neun Fälle in Johannes 3–11 zieht. Hinter dem moralisch respektablen Gewand bleibt er ein Mensch mit nur einem Leben: dem natürlichen, menschlichen Leben. Vor Gott ist die entscheidende Frage darum nicht, ob ein Mensch mehr an die Seite Nikodemus’ oder der samaritanischen Frau gehört, sondern ob in ihm ein anderes Leben begonnen hat – das Leben Gottes selbst.

Der Zustand der Menschen, die in diesen neun Fällen erwähnt werden, stellt den Zustand aller Menschen dar. Manche Menschen sind gut wie Nikodemus, während andere böse sind wie die samaritische Frau. Wieder andere, wie der junge Mann in Kapernaum, sind im Sterben. Die meisten sind schwach wie der Mann, der achtunddreißig Jahre krank war. Sie haben den Wunsch, Gutes zu tun, aber sie haben nicht die Kraft, diesen Wunsch zu erfüllen. Sie kennen die Religion, aber weil sie schwach sind, haben sie nicht die Macht, ihre Maßstäbe auszuleben oder ihre Vorschriften zu erfüllen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft acht, S. 92)

Jesus antwortet Nikodemus nicht mit Komplimenten für seine Ernsthaftigkeit und auch nicht mit einem verfeinerten Lehrplan für religiöse Verbesserung, sondern mit einem radikalen Satz: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3:3). Der Herr stellt damit die ganze Skala menschlicher Zustände – moralisch, unmoralisch, stark, schwach, krank, durstig, blind oder tot – unter ein gemeinsames Licht: Ohne Wiederzeugung bleibt der Mensch außerhalb des göttlichen Bereichs. Die Schrift fasst das nüchtern zusammen, wenn es über die, die Christus aufnahmen, heißt: „die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden“ (Johannes 1:13). Der moralische Mensch steht damit nicht besser da als der unmoralische, was seine grundlegende Not betrifft. Beide benötigen dieselbe Geburt aus Gott.

Das kann verletzend für den religiösen Stolz sein, zugleich aber liegt darin eine große Befreiung. Wenn sogar Nikodemus nicht durch Belehrung, Anstrengung oder Charakterformung in das Königreich Gottes eintreten kann, dann wird der ganze Druck des „Ich muss besser werden“ von den Schultern des Menschen genommen. Die Tür in Gottes Reich öffnet sich nicht mit dem Schlüssel der eigenen Leistung, sondern mit der Geburt aus einem anderen Ursprung. Wer das erkennt, darf aufatmen: Gott verlangt nicht, dass das alte Leben sich hinaufarbeitet, sondern er schenkt ein neues. In dieser Perspektive wird selbst die moralische Seriosität eines Nikodemus nicht entwertet, sondern an ihren rechten Platz gerückt – sie wird nicht die Ursache, sondern der Hintergrund dafür, dass die eigentliche Gabe hervortreten kann: Gottes eigenes Leben im Menschen.

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen. (Joh. 3:3)

die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden. (Joh. 1:13)

Wer sich selbst in Nikodemus wiederfindet – gewissenhaft, bemüht, vielleicht schon lange religiös unterwegs –, darf aus dieser Begegnung mit Jesus eine stille, aber tiefgehende Ermutigung schöpfen. Die eigentliche Not ist nicht, noch ein wenig besser zu werden, sondern sich von Gott zeigen zu lassen, dass Er ein neues Leben schenken will. In dem Maß, in dem diese Einsicht unser Herz prägt, verliert der Vergleich mit anderen seine Macht, und ein stilles Vertrauen wächst: Selbst dort, wo unsere Moral am weitesten reicht, beginnt Gottes Weg erst mit der Wiederzeugung. Darin liegt eine große Hoffnung – für den sichtbar unmoralischen Menschen ebenso wie für den sichtbaren Vorzeigemoralisten.

Wiederzeugung – Gottes Leben zusätzlich zu unserem Leben

Wenn Jesus von der neuen Geburt spricht, öffnet er Nikodemus den Blick für eine Wirklichkeit, die über Moral und Religion hinausreicht: Es geht um ein zweites, anderes Leben. Das erste Leben haben wir durch unsere Eltern empfangen; es ist das Leben der alten Schöpfung, begrenzt durch Vergänglichkeit, geprägt von Schwäche – selbst dann, wenn es nach außen hin beeindruckend moralisch erscheint. Das zweite Leben kommt aus einer anderen Quelle. Es ist das göttliche Leben, das aus Gott selbst zu uns kommt, wenn Er uns „aus Gott“ zeugt. Die Schrift fasst diesen Gedanken zusammen: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben“ (Johannes 1:12). Wiederzeugung bedeutet: Wir bleiben Menschen, aber wir tragen zusätzlich das Leben Gottes in uns.

Weil wir Menschen sind, haben wir alle ein menschliches Leben. Die Frage ist nicht, ob dieses menschliche Leben gut oder schlecht ist. Ganz gleich, welche Art menschlichen Lebens wir führen – solange wir das göttliche Leben nicht haben, müssen wir wiedergeboren werden. Wiedergeboren zu werden bedeutet einfach, neben unserem menschlichen Leben auch das göttliche Leben zu haben. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft acht, S. 98)

Schon Adam stand im Garten Eden genau vor dieser Frage. Mitten unter allen Bäumen stand der Baum des Lebens (1. Mose 2:9). Noch bevor vom Sündenfall die Rede ist, zeigt Gott den Menschen als ein Gefäß, das mehr enthalten soll als das geschaffene Leben. Nicht der Fall machte Gottes Leben nötig, sondern Gottes ewiger Vorsatz war von Anfang an, den Menschen mit Seinem eigenen Leben zu erfüllen. In diesem Licht wird deutlich: Von Gott geboren zu werden ist nicht nur eine Reparaturmaßnahme nach der Katastrophe, sondern die Verwirklichung dessen, wozu der Mensch ursprünglich geschaffen wurde. Der Apostel Petrus beschreibt dieses Ziel, wenn er sagt, dass wir „Teilhaber der göttlichen Natur“ werden (2. Petrus 1:4).

Wiederzeugung ist darum keine moralische Veredelung, sondern eine Lebensübertragung. Sie verändert nicht zuerst unsere äußeren Umstände, sondern unseren innersten Ursprung. Wer an Christus glaubt, empfängt nach dem Zeugnis des Evangeliums „ewiges Leben“ (Johannes 3:15–16) – ein Leben, das weder aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches stammt, sondern aus Gott. Das nimmt dem alten Leben nichts von seiner Menschlichkeit, aber es relativiert seine Ansprüche: Es ist nicht mehr der letzte Maßstab. In der stillen Tiefe des Herzens entsteht eine neue Gewissheit: Ich bin nicht nur ein Mensch, der versucht, Gott zu gefallen; ich bin ein von Gott Geborener, getragen von Seinem eigenen Leben. Aus dieser Gewissheit wächst eine sanfte, aber starke Zuversicht für den Weg mit Ihm.

Auch dort, wo die Spuren des Sündenfalls tief sind, bleibt der Charakter der Wiederzeugung derselbe. Sie ist nicht an den Grad unserer moralischen Zerrüttung gebunden, sondern an den Reichtum dessen, der uns neues Leben schenkt. Gerade das macht sie so tröstlich: Niemand kann sich durch seine Vergangenheit disqualifizieren, und niemand kann sich durch seine Moralität über sie erheben. Glauben an Christus heißt, sich für dieses zusätzliche Leben öffnen – ein Leben, das uns nicht nur rettet, sondern uns mit Gott selbst verbindet und uns in sein Königreich hineinführt.

So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben, (Joh. 1:12)

Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)

Wer sich nach einem tieferen Zugang zu Gott sehnt, darf aus dieser Sicht der Wiederzeugung eine neue Ruhe gewinnen. Vor Gott zählt nicht, wie viel religiöses Wissen oder moralische Disziplin angesammelt wurde, sondern ob sein eigenes Leben in uns begonnen hat. Wo diese Erkenntnis das Herz durchdringt, verwandelt sich die Beziehung zu Gott: aus dem Bemühen, Ihm von außen her gerecht zu werden, in ein vertrauensvolles Leben aus der inneren Quelle, die Er selbst in uns gelegt hat. Das macht demütig, aber auch froh – denn was Gott als neues Leben in uns begonnen hat, wird Er nicht leichtfertig fallenlassen.

Von der Verbesserung zur Beendigung und Neugeburt

Nikodemus kommt zu Jesus wie zu einem Lehrer, der ihm hilft, ein bereits gutes Leben weiter zu verfeinern. In diesem Wunsch nach Verbesserung spiegelt sich das Herz vieler ernsthafter Menschen wider: Sie suchen nach mehr Licht, nach klareren Geboten, nach stärkeren Impulsen zur Selbstdisziplin. Doch die Antwort Jesu setzt anders an. Statt einer gründlicheren Unterweisung stellt Er Nikodemus vor die Notwendigkeit einer neuen Geburt: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Königreich Gottes hineingehen“ (Johannes 3:5). Damit führt Jesus ihn von der Linie der Erkenntnis auf die Linie des Lebens. Nicht ein besser informiertes altes Leben ist gefragt, sondern ein von Gott begonnenes neues Leben.

Nikodemus betrachtete Christus als einen Lehrer, der von Gott gekommen war. Das zeigt, dass er vielleicht dachte, er brauche bessere Lehren, um sich selbst zu verbessern. Aber die Antwort des Herrn im folgenden Vers enthüllte ihm, dass seine Not darin bestand, von neuem geboren zu werden. Von neuem geboren zu werden bedeutet, mit dem göttlichen Leben wiedergeboren zu werden, einem Leben, das ein anderes ist als das menschliche Leben, das durch die natürliche Geburt empfangen wurde. Daher war seine wirkliche Not nicht bessere Lehren, sondern das göttliche Leben. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft acht, S. 99)

Das Bild vom „Wasser und Geist“ ist eng mit dem Zeugnis der Schrift verbunden. Wasser steht – im Dienst Johannes des Täufers – für das Begräbnis und die Beendigung des alten Menschen; Geist steht – im Dienst Jesu – für die Belebung und Begrünung des neuen Menschen durch das Auferstehungsleben Gottes. Schon in 1. Mose 2.begegnen wir diesem Doppelbild in anderer Gestalt: der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und der Baum des Lebens. Der eine steht für die Linie der Selbstverbesserung durch Wissen und Unterscheidung, der andere für die Linie des Lebens, in der der Mensch sich von Gott erfüllt sein lässt. Jakobus fasst Gottes Handeln in einem schlichten Satz: „Nach seinem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir gewissermaßen eine Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien“ (Jakobus 1:18).

Gottes Weg ist deshalb nicht die Optimierung des alten Menschen, sondern seine Beendigung und Neubeginn in Christus. Das bedeutet nicht, dass alles Menschliche ausgelöscht würde, wohl aber, dass es seinen Anspruch, der Träger des Lebens zu sein, verliert. Wiederzeugung heißt, einzugestehen, dass selbst das moralisch hochstehende Leben Nikodemus’ vor Gott an eine Grenze kommt, die es aus eigener Kraft nicht überschreiten kann. In Christus erklärt Gott dieses alte Leben als beendet und schenkt im Glauben ein neues. Wer dies annimmt, erfährt die Errettung nicht als Projekt der Selbstvervollkommnung, sondern als eine Bewegung Gottes zum Menschen hin: Er selbst pflanzt sein Auferstehungsleben in unser Inneres.

Aus dieser Sicht verändert sich auch der Blick auf die weiteren Fälle in Johannes: die Heilung des Schwachen, die Sättigung der Hungrigen, die Öffnung der Augen eines Blindgeborenen, die Auferweckung des Toten. Sie sind nicht bloß einzelne Wunder, sondern Entfaltungen dessen, was in der Wiederzeugung grundlegend geschieht. Die volle Errettung wächst aus dem Samen der neuen Geburt hervor. Das kann schmerzlich sein, weil es Abschied von liebgewonnenen Formen der Selbstbehauptung bedeutet; zugleich eröffnet es einen Weg, der nicht auf unsere Stabilität angewiesen ist, sondern auf die Treue dessen, der neues Leben geschenkt hat. Darin liegt eine stille, aber tiefe Freude: Gottes Werk an uns besteht nicht darin, das Alte zu polieren, sondern das Neue zu nähren, bis es sich in seinem Licht entfalten kann.

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Königreich Gottes hineingehen. (Joh. 3:5)

Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)

Aus dem Wechsel von Selbstverbesserung zu Wiederzeugung wächst eine andere Art, mit sich selbst und mit Gott umzugehen. Das alte Leben mit all seinen Anstrengungen wird nicht mehr zum heimlichen Maßstab, sondern zum Hintergrund, vor dem Gottes neues Leben sichtbar wird. In dieser Sicht darf man die eigenen Grenzen ernster nehmen und zugleich gelassener werden: Sie markieren nicht das Scheitern des göttlichen Plans, sondern den Raum, in den hinein Gott sein Auferstehungsleben entfaltet. So wird die Wiederzeugung zur Quelle leiser Hoffnung – nicht, weil wir uns endlich im Griff haben, sondern weil der, der uns neu geboren hat, auch die Kraft zu einem neuen Leben in sich trägt.


Herr Jesus Christus, du kennst sowohl unsere moralische Stärke als auch unsere verborgene Leere und Schwachheit. Danke, dass du nicht gekommen bist, um uns nur besser zu belehren, sondern um uns dein eigenes göttliches Leben zu schenken. Wo wir uns auf unser gutes Verhalten stützen, öffne uns die Augen für unser viel tieferes Bedürfnis nach Wiederzeugung. Wo wir uns als schwach, gebunden, hungrig oder innerlich tot erleben, lass uns dich als das Leben erkennen, das jede unserer Lebenslagen erfüllt und verwandelt. Vater, wir danken dir, dass du uns in Christus das Recht gibst, deine Kinder zu sein, und dass dein Geist in uns ruft und uns in dein Königreich hineinführt. Stärke in uns das Vertrauen, dass deine Kraft größer ist als unsere Geschichte und dass dein neues Leben in uns wachsen und reifen wird bis in die Ewigkeit. Bewahre unsere Herzen auf der Linie des Lebens, damit wir heute und an jedem neuen Tag aus der Fülle deines Sohnes leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 8