Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Zweck des Lebens

13 Min. Lesezeit

Viele Menschen fragen nach dem Sinn ihres Lebens und suchen nach Erfüllung in Beruf, Beziehungen oder frommer Aktivität. Das Johannesevangelium zeigt, dass Gottes Blick viel weiter geht: Er offenbart ein Ziel, das über unser persönliches Glück hinausgeht – Gott will sich ein Haus bauen, eine lebendige Wohnstätte aus Menschen, die durch das Leben Christi verwandelt, gereinigt und in der Kraft seiner Auferstehung zusammengefügt sind.

Leben mit Ziel: Vom Tod zum Leben – für das Haus Gottes

Wenn Johannes im zweiten Kapitel zuerst von der Verwandlung des Wassers in Wein und unmittelbar danach von der Reinigung des Tempels berichtet, legt er eine tiefe Linie frei. Wasser, das in steinernen Krügen bereitsteht für religiöse Waschungen, wird zu Wein, zu einer neuen, kräftigenden Freude. Gleich danach steht der Herr im Tempel und treibt alles hinaus, was das Haus des Vaters entstellt. So wird ein innerer Zusammenhang sichtbar: Das göttliche Leben kommt in eine Situation von Leere, Routine und Gesetzlichkeit hinein, verwandelt das Tote in etwas Lebendiges – und dieses verwandelnde Leben bleibt nicht bei einem inneren Erleben stehen, sondern drängt auf ein Ziel: den Bau der Wohnstätte Gottes. Was im Herzen des Einzelnen geschieht, ist untrennbar mit dem Haus verbunden, in dem Gott wohnen will.

86 Kreuz wurde Sein Leib in ein Grab gelegt und ruhte dort. Der Herr Jesus ging dann in den Tod hinein, machte eine Besichtigung des Schwarzen Hauses und kam in der Auferstehung wieder heraus. Als Jesus auferstand, erweckte Er selbst Seinen toten und begrabenen Leib. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sieben, S. 86)

Petrus fasst dieses Ziel in einem einzigen Bild zusammen, wenn es heißt: „werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus“ (1.Petrus 2:5). Lebendige Steine sind nicht lose verstreute Erfahrungen, sondern zueinander gefügte Menschen, in denen das Auferstehungsleben Gestalt gewonnen hat. Jede Berührung mit Christus, in der er inneren Tod in Leben verwandelt, ist daher mehr als persönliche Stärkung; sie ist ein Stück Baustoff, das in sein großes Bauwerk eingefügt wird. Darin liegt eine stille Ermutigung: Nichts von dem, was der Herr in deinem Inneren erneuert, bleibt privat oder bedeutungslos. Auch verborgene Kämpfe, in denen er alte Muster löst und neues Leben einpflanzt, gehören zu seinem Werk am Haus Gottes. So bekommt selbst mühsames Wachstum einen weiten Horizont: Es dient der Vorbereitung einer Wohnstätte, in der Gott mitten unter Menschen wohnt und sein Leben als Leib Christi sichtbar wird.

Das Johannesevangelium entfaltet diese Bewegung von der Neugeburt zur Gemeinschaft immer wieder neu. In der Begegnung mit Nikodemus spricht Jesus vom Geborenwerden aus Wasser und Geist; in den Abschiedsreden führt er seine Jünger in die innere Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott; im Gebet von Johannes 17 bittet er, dass alle eins seien, „damit die Welt glaube“. Die Linie bleibt dieselbe: Leben, das in den Tod hineinkommt und ihn in sich überwindet, und daraus hervorgehender Bau, eine Einheit, die nicht auf Willenskraft oder Organisation beruht, sondern auf gemeinsam geteiltem Leben. 1.Timotheus 3:15 nennt die Gemeinde „das Haus Gottes … die Säule und die Grundfeste der Wahrheit“. Wo Gott sein Haus baut, dort stützt dieses Haus seine Offenbarung; dort wird inmitten einer zerrissenen Welt sichtbar, dass er Leben ist und Leben schenkt.

Aus dieser Sicht erhält auch der Alltag des Glaubens eine andere Färbung. Zeiten, in denen der Herr etwas in uns „abbricht“ und neu macht, sind nicht bloß individuelle Krisenbewältigung, sondern Baubewegungen an seinem Haus. Wo er innere Trockenheit durch frische Freude ersetzt, alte Bitterkeit durch einen neuen Geist der Vergebung, resignierte Routine durch lebendige Hoffnung, da werden uns nicht nur neue Kelche des „Weines“ geschenkt – da wird Stein für Stein in einen größeren Zusammenhang gestellt. Es kann tröstend sein zu wissen: Du bist nicht isoliert unterwegs, sondern Teil eines Bauplanes, den Gott nicht aus der Hand gibt. Sein Ziel ist eine Wohnstätte, in der er gerne bleibt. Und jede unscheinbare Verwandlung vom Tod zum Leben ist ein stiller Hinweis darauf, dass dieses Haus wächst – in dir, mit dir und weit über dich hinaus.

werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1.Petr. 2:5)

Falls ich mich aber verzögere, schreibe ich, damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und die Grundfeste der Wahrheit. (1.Tim. 3:15)

Wer sich vom Herrn im Inneren berühren lässt, steht mitten in einem größeren Geschehen: Der Eifer Gottes für sein Haus umfasst das persönliche Herz ebenso wie die Gemeinde. Deshalb darfst du deine Geschichte mit Christus nicht kleiner machen, als sie ist. Wo er dein Inneres aus der Erstarrung löst, Unversöhntes ans Licht bringt und in lebendige Hoffnung verwandelt, dort fügt er dich zugleich tiefer in den Leib Christi ein. Es lohnt sich, die eigene Biografie unter diesem Blickwinkel zu sehen: nicht als lose Folge geistlicher Erlebnisse, sondern als Weg, auf dem der Auferstandene dich zu einem lebendigen Stein seines Hauses formt. In dieser Perspektive verliert kein verborgenes Ringen seinen Sinn und kein leiser Schritt der Umkehr seine Würde, denn beides dient einem Ziel, das größer ist als du selbst – der Wohnstätte Gottes mitten in seiner Schöpfung.

Reinigung des Tempels: Christus eifert um das Haus seines Vaters

Als Jesus den Tempel betritt, trifft er nicht auf stille Anbetung, sondern auf lautes Handeln. Tiere werden verkauft, Geld wird gewechselt, Stimmen überbieten einander. Die äußere Form des Gottesdienstes steht, aber in der Mitte herrscht ein anderer Geist. Daraufhin macht der Herr sich eine Geißel aus Stricken und treibt Tiere und Händler hinaus, wirft Tische um und ruft: „Macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus!“ (Johannes 2:16). Der Evangelist erinnert an das Wort: „Der Eifer um dein Haus verzehrt mich“ (Johannes 2:17). Nicht Gleichgültigkeit, sondern leidenschaftliche Liebe zum Haus des Vaters treibt Jesus zu diesem scharfen Handeln. Gottes Haus ist zum Marktplatz geworden, und er duldet es nicht.

85 wieder aufzunehmen. Er konnte in den Tod hineingehen und wieder herauskommen. Der Herr schien zu sagen: „In gewissem Sinn seid ihr es, die Mich töten. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sieben, S. 85)

Paulus nimmt dieses Bild auf eine überraschende Weise auf, wenn er an die Gemeinde in Korinth schreibt: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor 3:16). Der Tempel ist nicht mehr nur ein Gebäude in Jerusalem, sondern die Versammlung der Glaubenden und sogar der einzelne Mensch in seiner Innerlichkeit. Damit rückt die Szene aus Johannes 2.ganz nah: Die Frage lautet nicht zuerst, wie es in irgendeinem fernen Heiligtum aussieht, sondern was sich in der Mitte unseres Herzens und im gemeinsamen Leben der Gemeinde angesammelt hat. Wo Gottes Haus ist, versucht der Feind, es mit fremden Dingen zu füllen – mit frommer Geschäftigkeit ohne Begegnung, mit subtilem Streben nach Einfluss, mit dem Wunsch, das Eigene unter geistlichem Vorzeichen zu sichern.

Auffällig ist, womit Jesus reinigt: Er nimmt keine himmlische Waffe, sondern macht „eine Geißel aus Stricken“ (Johannes 2:15). Alltägliches Material in der Hand des Sohnes Gottes wird zum Werkzeug, das die Ordnung im Haus des Vaters wiederherstellt. Übertragen bedeutet das: Der Herr bedient sich gewöhnlicher Menschen und Umstände, um sein Volk zu läutern. Ein Wort eines Kindes, das uns entlarvt, eine Spannung in einer Beziehung, eine plötzliche Begrenzung im Beruf, eine Irritation in der Gemeinde – es kann sein, dass hier Stricke geflochten werden. Was uns als Bloßstellung, Verlust oder Ärger entgegentritt, kann in Wirklichkeit Ausdruck seines Eifers für sein Haus sein. Nicht, weil er uns kleinmachen will, sondern weil er Raum schaffen möchte, in dem seine Gegenwart ungehindert wohnen kann.

So wird Reinigung zu einem Zeichen der Nähe Gottes, nicht seiner Distanz. Der, der den Tempel räumt, ist derselbe, der später sein eigenes Leben hingibt, um aus Feinden Kinder und aus Einzelnen lebendige Steine zu machen. Wenn er Unstimmiges ans Licht bringt, ist das kein Beweis, dass er sich von uns abwendet, sondern dass er noch etwas mit uns vorhat. Selbst schmerzhafte Prozesse können in dieser Sichtweise getragen werden: Nicht alles, was wackelt, ist Untergang; manches ist das Umwerfen von „Tischen“, auf denen sich längst eine falsche Währung breitgemacht hat. In diesem Licht wird der Eifer Christi um das Haus des Vaters zur stillen Ermutigung – er investiert sich, damit sein Tempel nicht zum Kaufhaus verkommt, sondern ein Ort bleibt, an dem Gott gerne verweilt und Menschen frei atmen können.

Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, auch die Schafe und die Ochsen; und die Münzen der Wechsler schüttete er aus, und die Tische warf er um; (Joh. 2:15)

und zu den Taubenverkäufern sprach er: Nehmt dies weg von hier, macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus! (Joh. 2:16)

Es kann entlastend sein, die unbequemen Seiten des eigenen Lebensweges unter dem Blick des Tempelreinigers zu betrachten. Wo der Herr verborgene Motive aufdeckt, eingefahrene Muster stört oder liebgewonnene Sicherheiten erschüttert, spricht darin nicht zuerst ein kaltes Urteil, sondern der Eifer des Sohnes um die Würde des Hauses des Vaters. In dir persönlich wie in der Gemeinde will er die Mitte wieder frei machen für die Gegenwart Gottes. Wer das erkennt, muss sich nicht vor jeder inneren Unruhe fürchten. Sie kann ein Hinweis sein, dass Christus nicht aufgehört hat, um sein Haus zu ringen – und dass er dich nicht aufgegeben hat, sondern dich tiefer in die Freiheit seines Hauses hineinführen möchte.

Auferstehung und Bau: Der Leib Christi als wachsende Wohnstätte Gottes

Als die Juden von Jesus ein Zeichen seiner Vollmacht fordern, antwortet er mit einem Satz, der provoziert und missverstanden wird: „Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten“ (Johannes 2:19). Sie denken an das steinerne Gebäude, an dessen Bau sechsundvierzig Jahre gearbeitet worden ist. Johannes kommentiert nüchtern: „Er aber sprach über den Tempel seines Leibes“ (Johannes 2:21). Der wahre Ort der Gegenwart Gottes ist nicht mehr aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut: der Leib des Sohnes. In seiner Person berühren sich Himmel und Erde; in ihm „stiftshüttete“ das Wort unter uns (Johannes 1:14). Dieser Leib wird am Kreuz zerstört, doch damit ist Gottes Bauplan nicht gescheitert – er tritt in eine neue Phase ein.

84 Sage nicht, dass die Situation bedauerlich ist. Das ist nur eine Seite des Bildes. Preise den Herrn, dass es in den vergangenen zwanzig Jahrhunderten immer noch eine andere Seite gegeben hat. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sieben, S. 84)

Petrus preist den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, „der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1.Petrus 1:3). In der Auferstehung richtet der Vater nicht nur den Leib Jesu auf; er schafft eine neue Ordnung des Lebens. Der auferstandene Christus bleibt nicht allein: Er wird zum Haupt eines Leibes, der aus vielen besteht. Alle, die ihm vertrauen, werden in sein Auferstehungsleben hineingenommen, werden mit ihm „zusammen auferweckt“ (Epheser 2:6) und bilden gemeinsam den Leib Christi. Derselbe Geist, der den Leib Jesu aus dem Grab holte, ist es, der die Gemeinde als Wohnstätte Gottes wachsen lässt. Was auf Golgatha als Niederreißen erscheint, wird in der Auferstehung zur Grundlegung eines weit größeren Tempels.

Dieses Muster zieht sich durch die Geschichte der Kirche. Verfolgung, Spaltung, äußere Schwäche – vieles sieht nach Zerstörung aus. Und doch bleibt wahr, was der Herr gesagt hat: Die Mächte des Todes werden seine Gemeinde nicht überwältigen. Zerstört werden kann nur, was aus bloß menschlicher Energie und religiöser Selbstbehauptung gebaut ist. Wo jedoch der Auferstandene selbst baut, dort überdauert sein Werk Angriffe und Krisen. Das bedeutet nicht, dass Strukturen unangreifbar wären, aber dass das Leben, das er einpflanzt, sich von keiner Macht dauerhaft unterdrücken lässt. Auch persönlich lässt sich diese Linie erkennen: Phasen, in denen alles bricht und Altes nicht mehr trägt, können sich im Rückblick als Orte erweisen, an denen der Herr einen „alten Tempel“ abgerissen hat, um sein Auferstehungsleben tiefer zu verankern.

Aus dieser Sicht kann selbst das, was derzeit wie Verlust, Rückschritt oder Trockenheit wirkt, einen anderen Klang bekommen. Vielleicht zieht der Herr gerade jetzt etwas zurück, das bisher Halt gegeben hat, um Raum für eine andere Art von Halt zu schaffen – die Verbundenheit mit ihm als dem Auferstandenen und mit seinem Leib. Epheser 2:21–22 beschreibt diesen Prozess: „in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst; in welchem auch ihr mit aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist.“ Es ist ein Wachsen und Mit-aufgebaut-Werden, das nicht in unserer Verfügung steht, aber unsere Zustimmung sucht. In der Gewissheit, dass der, der den Tempel seines Leibes in drei Tagen aufgerichtet hat, auch heute sein Haus vollenden wird, gewinnt der Weg durch Bruch und Neuanfang einen stillen Trost: Kein ehrlicher Schritt mit Christus geht im Sand verloren. Er baut weiter – in seiner Auferstehungskraft, oft verborgen, aber unaufhaltsam.

Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten. (Joh. 2:19)

Er aber sprach über den Tempel Seines Leibes. (Joh. 2:21)

Wo das eigene Leben oder das sichtbare Gemeindeleben von Brüchen gezeichnet ist, ist die Versuchung groß, nur den Verlust zu sehen. Die Worte Jesu über den niedergerissenen und wieder aufgerichteten Tempel laden ein, den Blick zu weiten: Gottes Bau geschieht in der Kraft der Auferstehung, und diese Kraft zeigt sich oft genau dort, wo natürliche Sicherheiten zerbrechen. Dass du heute Fragen, Spannungen oder unerwartete Veränderungen erlebst, bedeutet nicht, dass der Bau stockt. Es kann gerade das Feld sein, auf dem der Herr einen tieferen Grund legt. Seine Zusage, den Tempel aufzurichten, den Menschenhand niedergerissen hat, trägt auch durch unübersichtliche Zeiten. In dieser Hoffnung darfst du erwarten, dass der Leib Christi nicht nur bestehen, sondern gerade durch die Erfahrungen des Todes hindurch zu einer immer dichteren Wohnstätte Gottes wird.


Herr Jesus Christus, danke, dass dein Leben nicht nur unsere persönliche Not berührt, sondern uns in den großen Plan des Vaters hineinzieht, sein Haus auf dieser Erde zu bauen. Wo dein Licht zeigt, dass in unserem Herzen und im gemeinsamen Leben Dinge Raum eingenommen haben, die dich verdrängen, lass deine sanfte, aber entschiedene Reinigung geschehen und erfülle uns neu mit deiner Gegenwart. Dort, wo Zerstörung, Entmutigung oder Verwirrung zu sehen sind, lass uns im Glauben erkennen, dass du in der Kraft deiner Auferstehung etwas Tieferes und Beständigeres aufrichtest, als wir es selbst bauen könnten. Stärke deine Gemeinde, dass sie als Leib Christi wächst, in Liebe zusammengefügt wird und ein klarer Ausdruck deiner Wohnung unter den Menschen ist. Der Friede Gottes bewahre Herz und Gedanken und Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 7