Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters (3)
Viele Christen verbinden die Himmelfahrt Jesu vor allem mit einem historischen Ereignis: Christus fährt auf zum Vater, fern von unserer irdischen Wirklichkeit. Doch das Neue Testament zeichnet ein anderes Bild. Es spricht von einer lebendigen Verbindung zwischen dem im Himmel erhöhten Herrn und seiner Gemeinde – wie von einer unsichtbaren Kraftleitung, durch die alles, was Christus in seiner Auferstehung und Himmelfahrt erlangt hat, in sein Volk hineinwirkt. Inmitten einer zerfallenden, zerrissenen Welt stellt sich die Frage: Welche Bedeutung hat diese himmlische Realität für unser persönliches Glaubensleben und für Gottes großes Ziel mit der ganzen Schöpfung?
Die göttliche Übertragung vom erhöhten Christus zur Gemeinde
Wenn Paulus sagt, dass Gott Christus „Haupt über alles“ gemacht und Ihn „der Gemeinde“ gegeben hat, öffnet sich ein weiter Horizont der Himmelfahrt. Christus sitzt nicht einfach fern im Himmel, während die Gemeinde auf der Erde sich selbst überlassen bleibt. In Epheser 1.heißt es, dass Gott Christus „alles Seinen Füßen unterworfen und … Ihm gegeben [hat], Haupt über alles zu sein, der Gemeinde“ (Eph. 1:22). Die Erhöhung Christi ist also nicht nur eine Ehrung für Ihn, sondern zugleich eine Zuwendung für uns. Alles, was der Mensch-Erretter in seiner Auferstehung und Himmelfahrt empfangen hat, wird mit diesem unscheinbaren Zusatz „zur Gemeinde“ in eine Bewegung der Zuwendung verwandelt. Die Himmelfahrt wird zum Ursprung einer beständigen göttlichen Übertragung.
656 DIE AUFFAHRT (3) Schriftlesung: Eph. 1:22; 1:10; Kol. 1:18; Eph. 1:23; 3:19b; Hebr. 4:14; 7:26, 22; 8:6; 9:15-16; Offb. 1:13; 2:1 In dieser Botschaft kommen wir zu dem subjektiven Aspekt der Himmelfahrt des Menschen-Heilandes. Es ist nicht so leicht, vom subjektiven Aspekt der Himmelfahrt des Menschen-Heilandes zu sprechen, wie es ist, vom objektiven Aspekt zu sprechen. In Bezug darauf, dass die Himmelfahrt des Herrn für uns subjektiv ist, empfinde ich, dass mir der Ausdruck fehlt, um das auszusprechen, was der Herr uns gezeigt hat. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft achtundsiebzig, S. 656)
Diese Übertragung lässt sich nicht auf ein abstraktes Bild vom „Haupt“ reduzieren. Christus ist als Haupt nicht nur über dem Leib, sondern auch für den Leib: Sein Hauptsein ist die Quelle, aus der Leben, Richtung und Kraft in den Leib strömen. Kolosser 1.bezeugt: „und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“ (Kol. 1:18). Das Haupt, das in allen Dingen den ersten Platz einnimmt, ist dasselbe Haupt, das der Gemeinde gegeben ist. Zwischen der himmlischen Stellung Christi und dem irdischen Leben der Gläubigen verläuft eine unsichtbare, aber reale „Leitung“: die Wirkung des Heiligen Geistes. Was Gott in Christus getan hat – Ihn aus den Toten aufzuwecken, Ihn zu seiner Rechten zu setzen, Ihm alles zu unterwerfen – wirkt als Kraft in denen, die glauben. Wo ein Herz gereinigt ist, wo Schuld bekannt und falsche Bindungen gelöst werden, wo ein Mensch sich innerlich vor Gott öffnet, entsteht Raum, damit diese himmlische Übertragung ungehindert fließen kann.
Damit erhält die Himmelfahrt des Mensch-Erretters einen zutiefst persönlichen Klang. Sie ist nicht bloß ein Datum in der Heilsgeschichte, sondern der Hintergrund jeder stillen Stärkung, jedes neuen Lichts, jeder Treue in der Verborgenheit. Der erhöhte Christus ist der, der die Gemeinde inmitten einer zerrissenen Welt trägt, korrigiert und erneuert. Wer sich an Ihn bindet, bindet sich zugleich an seine siegreiche Stellung. So ist jeder Tag eine Einladung, aus der eigenen engen Perspektive wieder emporgehoben zu werden in den weiten Horizont seines Hauptseins: Wir gehören einem Herrn, der über alles gestellt ist und gerade deshalb seine ganze Fülle der Gemeinde zugewandt hat.
und Er hat alles Seinen Füßen unterworfen und hat Ihm gegeben, Haupt über alles zu sein, der Gemeinde, (Eph. 1:22)
und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)
Die Betrachtung des erhöhten Christus als Haupt über alle Dinge „zur Gemeinde“ ermutigt dazu, das eigene Glaubensleben nicht von unten her zu deuten – von Erfahrungen, Stimmungen oder Erfolgen –, sondern von oben her: von der Stellung Christi, in die Gott Ihn gesetzt hat. Wo dieses Bewusstsein wächst, verliert das, was uns niederdrückt, an absolutem Gewicht. Die Himmelfahrt wird dann zum stillen Gegenpol all unserer Überforderung: Über uns steht einer, dem alles unter die Füße gelegt ist, und sein Hauptsein ist nicht gegen, sondern für uns da. Im Vertrauen auf diese Übertragung entsteht ein nüchterner, aber freier Mut: Wir sind nicht die Quelle der Kraft, wir sind an die Quelle angeschlossen.
Christus in uns: Anteil an Auferstehung und Himmelfahrt
Die erhöhte Stellung Christi wäre für uns unerreichbar, wenn sie nur außerhalb von uns verbliebe. Das Evangelium bezeugt jedoch eine innere Nähe: Der, der die Himmel durchschritten hat, ist zugleich der, der in den Gläubigen wohnt. Hebräer 4 spricht von „einem großen Hohen Priester, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes“ (Hebr. 4:14). Derselbe Jesus ist durch den Geist als lebengebende Person in unser Inneres gekommen. In Ihm sind seine Menschheit, seine Gottheit, sein menschliches Leben, sein Kreuz, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt untrennbar verbunden. Wohnt Er in einem Menschen, so wohnt nicht nur Vergebung in ihm, sondern auch eine reale Teilhabe an Auferstehung und Himmelfahrt.
665 erwartet die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden, nicht freiwillig, sondern um Dessen willen, der sie unterworfen hat, in der Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst von der Knechtschaft des Verderbens befreit werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt.“ Hier sehen wir, dass die ganze Schöpfung wegen ihres Verderbens stöhnt und seufzt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft achtundsiebzig, S. 665)
Damit wird die Himmelfahrt zu einer inneren Dynamik. Sie zeigt sich nicht zuerst in spektakulären Erfahrungen, sondern in einem geistlichen Auftrieb mitten im Gewöhnlichen. Wo der Geist Christi in uns Raum gewinnt, verliert das, was uns fesselt, seine Selbstverständlichkeit. Innere Dunkelheiten behalten nicht mehr das letzte Wort, alte Muster werden durchbrochen, ein neuer Maßstab tritt ein. Paulus beschreibt diesen Horizont, wenn er von der Erkenntnis der Liebe Christi spricht, „damit ihr zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werdet“ (Eph. 3:19). Erfüllung mit der Fülle Gottes ist nichts anderes als die Wirkung des im Himmel erhöhten Christus in einem irdischen Menschen. Wir bleiben leiblich auf der Erde, aber geistlich sind wir an Christus in den Himmeln gebunden; aus dieser Verbundenheit fließt eine stille, tragende Kraft.
In der Spannung von äußerer Schwachheit und innerer Erhöhung wächst ein tiefes Vertrauen: Niederlagen definieren nicht mehr endgültig unsere Geschichte, weil der, der in uns wohnt, den Tod bereits endgültig hinter sich gelassen hat. Die Himmelfahrt Christi wird dann zu einer täglichen Quelle leiser Hoffnung. Sie enthebt uns nicht den Kämpfen, aber sie gibt ihnen eine andere Richtung: nicht mehr das Kreisen um das, was wir nicht können, sondern das Sich-Stützen auf den, der erhöht ist und doch in uns lebt. So wird das Herz still und weit: getragen von einer Kraft, die nicht aus uns stammt, und doch unser eigenes Leben durchdringt.
Darum, weil wir einen großen Hohen Priester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. (Hebr. 4:14)
und die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi zu erkennen, damit ihr zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werdet. (Eph. 3:19)
Die innere Gegenwart des erhöhten Christus ist ein Trost besonders dort, wo das eigene Leben brüchig und begrenzt erlebt wird. Sie lädt ein, die eigene Schwachheit nicht zu verleugnen, sondern sie in der Gewissheit zu tragen, dass in uns eine andere Wirklichkeit wirksam ist als nur unsere Kraft. Aus dieser Gewissheit wächst ein nüchterner Glaube: Nicht weil wir stark sind, sondern weil der in uns wohnende Herr den Tod und die Tiefe überwunden hat, ist ein neues, stilles Ja zum Alltag möglich. In diesem Ja beginnt die Himmelfahrt Christi, in uns Gestalt zu gewinnen.
Das Ziel der Übertragung: Aufhauptung aller Dinge in Christus
Gottes Übertragung von allem, was Christus in seiner Himmelfahrt empfangen hat, an die Gemeinde hat ein weitreichendes Ziel. Sie dient nicht nur dem inneren Trost einzelner, sondern steht im Horizont eines universalen Planes. Epheser 1.beschreibt diesen Plan als Ökonomie Gottes „zur Ökonomie der Fülle der Zeiten, um in Christus alle Dinge aufzuhaupten, die Dinge in den Himmeln und die Dinge auf der Erde, in Ihm“ (Eph. 1:10). Aufhauptung bedeutet, dass alles Zersplitterte, Verlorene und Zerrissene unter einem Haupt zusammengeführt wird – nicht durch äußeren Zwang, sondern durch die ordnende und versöhnende Herrschaft Christi.
664 die Haushaltungen Gottes in allen Zeitaltern sind vollendet worden. Wir haben stark betont, dass Gott Christus zum Haupt über alle Dinge gemacht hat. Durch alle Haushaltungen Gottes in allen Zeitaltern werden alle Dinge in Christus zusammengefasst werden in dem neuen Himmel und der neuen Erde. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft achtundsiebzig, S. 664)
Die Welt, wie sie erlebt wird, ist von Zerfall und Unordnung geprägt. Paulus spricht davon, dass „die ganze Schöpfung bis jetzt zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt“ (Röm. 8:22). In diese seufzende Schöpfung stellt Gott den Christus als Haupt und die Gemeinde als seinen Leib. In ihr beginnt die kommende Ordnung schon sichtbar zu werden. Wo die Gemeinde unter der Hauptschaft Christi lebt, wird sie zu einem Raum, in dem Gottes neue Ordnung leise aufleuchtet: Versöhnung statt dauernder Spaltung, gegenseitige Lebensversorgung statt Konkurrenz, ein geordnetes Miteinander unter dem einen Haupt statt selbstgenügsamer Einzelwege. So ist die Gemeinde nicht Selbstzweck, sondern Werkzeug: Durch ihren vom Geist gewirkten Leib-Charakter bereitet Gott die Aufhauptung aller Dinge vor.
Schließlich weist die Himmelfahrt des Mensch-Erretters über die Geschichte hinaus. Sie trägt die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde in sich, in denen Christus als Haupt in allem sichtbar sein wird und alle Dinge versöhnt und geordnet sind. Die Gemeinde lebt zwischen diesen Zeiten: Sie gehört noch in die alte Schöpfung und ist doch Trägerin der kommenden Ordnung. In dieser Spannung liegt eine stille Würde. Gerade dort, wo ihr Zeugnis unscheinbar ist, wird der kommende Christus sichtbar – in der Weise, wie Gläubige sich Ihm als Haupt anvertrauen und sich einfügen lassen in den Leib. Aus dieser Haltung wächst eine Hoffnung, die nicht aus der Weltlage gespeist ist, sondern aus dem erhöhten Herrn, der alles aufhaup-ten wird.
application_de”: “Die Aussicht, dass Gott in Christus alle Dinge aufhaup-ten wird, schenkt dem Leben der Gemeinde eine weite Perspektive. Sie entlarvt die Versuchung, sich im Kleinen zu verlieren oder das Ganze der göttlichen Ökonomie aus dem Blick zu verlieren. Wer die Gemeinde als Leib unter dem einen Haupt wahrnimmt, beginnt, das eigene Teil im Licht dieses großen Zieles zu sehen: unscheinbar und doch eingebunden in ein Werk, das auf die Versöhnung und Ordnung aller Dinge zielt. Diese Sicht kann leise, aber nachhaltig ermutigen, dranzubleiben – auch wenn vieles zerstreut wirkt –, weil derjenige, der jetzt schon Haupt der Gemeinde ist, einmal sichtbar Haupt über alles sein wird.
zur Ökonomie der Fülle der Zeiten, um in Christus alle Dinge aufzuhaupten, die Dinge in den Himmeln und die Dinge auf der Erde, in Ihm, (Eph. 1:10)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, erhöhter Mensch-Erretter, wir beten Dich an als den, der über alle Dinge zum Haupt gesetzt ist und der doch in uns wohnt. Danke, dass Du alles, was Du in Deiner Auferstehung und Himmelfahrt erlangt hast, nicht für Dich behältst, sondern es in Liebe an Deine Gemeinde überträgst. Reinige unsere Herzen und Wo unsere Erfahrung klein, unser Glaube schwach und unsere Sicht begrenzt ist, stärke uns durch Deinen Geist im inneren Menschen und richte unseren Blick neu auf Deine erhöhte Stellung. Lass uns im Alltag etwas von der Kraft Deiner Auferstehung und der Ruhe Deiner Himmelfahrt schmecken und so zu einem stillen Zeugnis Deiner Herrschaft inmitten einer zerrissenen Welt werden. Und wenn die Schöpfung seufzt und die Geschichte unüberschaubar erscheint, bewahre uns in der Hoffnung, dass Du alle Dinge unter ein Haupt zusammenführen wirst und Deine gute Ordnung siegen wird. Der Friede des erhöhten Christus bewahre Herzen und Gedanken aller, die Dir gehören, bis wir Deine Herrlichkeit vollkommen schauen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 78