Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters (4)

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Die Himmelfahrt Jesu wirkt für viele wie ein rätselhaftes Ereignis: Christus ist im Himmel, wir leben auf der Erde – wie soll das zusammengehören? Doch das Neue Testament entfaltet ein anderes Bild: Der erhöhte Herr ist nicht entfernt, sondern als Haupt eng mit seinem Leib verbunden und dient uns gleichzeitig als Hoherpriester. Wer diese unsichtbare Wirklichkeit im Glauben erfasst, bekommt eine neue Sicht auf Gemeinde, auf persönliche Lebensumstände und auf Gottes große Absicht mit seinem Volk.

Christus als Haupt und die Einheit von Haupt und Leib

Wenn die Schrift sagt, dass Christus als der Erhöhte das Haupt der Gemeinde ist, beschreibt sie nicht zuerst eine Ordnung, sondern eine lebendige Einheit. Paulus bezeugt, dass Gott Ihm „gegeben, Haupt über alles zu sein, der Gemeinde“ (Eph. 1:22). Das Haupt, das über alles gesetzt ist, ist zugleich das Haupt eines bestimmten Leibes: der Gemeinde. Damit ist der Blick weggeführt von einem Christus, der fern im Himmel thront und nur von außen lenkt. Der erhöhte Menschen-Erretter ist durch seinen Geist in seinem Leib gegenwärtig; das Haupt ist in seinem Leib und der Leib in seinem Haupt. So entsteht in Gottes Ökonomie eine Wirklichkeit, die alle Kategorien von Raum und Zeit übersteigt: derselbe Christus ist in den Himmeln und doch durch seinen Geist in den Gliedern auf der Erde, und doch ist es ein einziger, universaler Mensch vor Gott.

Durch Sein Wohnen in uns teilt Christus uns Seine unerforschlichen Reichtümer in unser Sein mit, so dass wir schließlich erfüllt werden bis zur ganzen Fülle Gottes. Dies macht uns zum Ausdruck Gottes, was das ist, was die Gemeinde sein sollte. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft neunundsiebzig, S. 666)

Darin liegt eine tiefe Würde und eine stille Ermutigung für das Glaubensleben: Unsere Stellung vor Gott ist nicht von uns selbst her, sondern in diesem Haupt begründet. Was auf den ersten Blick wie eine abstrakte Lehre erscheint, wird konkret, wenn Paulus von den „unerforschlichen Reichtümern Christi“ spricht, die ihm gegeben sind, „als das Evangelium zu verkünden“ (Eph. 3:8). Christus, das Haupt, wohnt durch seinen Geist in den Gliedern und teilt Schritt für Schritt seine Reichtümer aus. Je mehr die Gläubigen Ihn innerlich genießen – in der Stille, im Ringen, im gemeinsamen Leben der Gemeinde –, desto mehr füllt Gott sie mit seiner Fülle, wie es heißt: „damit ihr zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werdet“ (Eph. 3:19). So wird die Gemeinde nicht durch äußere Organisation, sondern durch inneres Erfülltwerden zur „Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph. 1:23).

Gerade in einer Zeit, in der vieles fragmentiert und zerrissen wirkt, leuchtet hier eine andere Sicht auf den Menschen und auf die Gemeinde auf. Wir sind nicht lose Einzelne, die versuchen, einem weit entfernten Herrn zu gefallen, sondern Glieder eines Leibes, der von einem lebendigen Haupt durchdacht, geleitet und mit Leben versorgt wird. Wo diese Wirklichkeit im Glauben ergriffen wird, entsteht ein sanfter, aber bestimmter Mut: Nicht wir müssen aus eigener Kraft das Werk Gottes tragen; wir dürfen uns von dem Haupt tragen lassen. Und indem wir uns in dieser Abhängigkeit üben, gewinnt Christus unter uns Gestalt, und die Gemeinde wird – trotz aller Schwachheit – zu einem erkennbaren Ausdruck dessen, der alles erfüllt. Dieses Bewusstsein befreit von Verkrampfung und Vergleich und öffnet einen weiten Raum: Raum, in dem der Erhöhte seine Fülle austeilen und durch gewöhnliche Menschen sein außergewöhnliches Leben sichtbar machen kann.

und Er hat alles Seinen Füßen unterworfen und hat Ihm gegeben, Haupt über alles zu sein, der Gemeinde, (Eph. 1:22)

die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Eph. 1:23)

Zu erkennen, dass Christus als das himmlische Haupt untrennbar eins mit seinem Leib ist, schenkt innere Entlastung und zugleich neue Aufmerksamkeit: Entlastung, weil die Gemeinde nicht von unserer Leistungsfähigkeit abhängt, sondern von seinem lebengebenden Hauptsein; Aufmerksamkeit, weil jedes kleine Glaubensleben Teil eines großen, von oben her geleiteten Körpers ist. Im Licht dieser Einheit können Konflikte, Unterschiede und eigene Begrenzungen anders gesehen werden – als Orte, an denen das Haupt seine Reichtümer zuteilt und seine Fülle sichtbar machen will. So wird die Himmelfahrt des Menschen-Erretters nicht zu einer fernen Vergangenheitstat, sondern zu einer im Heute erfahrbaren Wirklichkeit, in der Er als der Erhöhte uns verbindet, formt und in Gottes Fülle hineinwachsen lässt.

Christus als Hoherpriester, der uns trägt und für uns sorgt

Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters bedeutet nicht nur Erhöhung zur Rechten Gottes, sondern auch seinen Eintritt in einen besonderen Dienst: den Dienst des großen Hohenpriesters. „Darum, weil wir einen großen Hohen Priester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns an dem Bekenntnis festhalten“ (Hebr. 4:14). Dieser Hohepriester ist nicht ein unnahbarer Kultbeamter, sondern einer, der zuvor selbst den Weg des Menschseins, der Versuchung und des Leidens gegangen ist. Hebräer 2.beschreibt es so: Er musste „in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde … um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen“ (Hebr. 2:17). In seiner Himmelfahrt hat Er diesen Dienst nicht abgelegt, sondern in seiner ganzen Vollendung angetreten.

Der Herr kam durch die Menschwerdung von Gott zu uns, und dann ging Er durch die Auferstehung und Himmelfahrt von uns zu Gott zurück, um unser Hoherpriester zu sein, der uns in der Gegenwart Gottes trägt und für all unsere Bedürfnisse sorgt (Hebr. 2:17-18; 4,15). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft neunundsiebzig, S. 669)

Das Bild des alttestamentlichen Hohenpriesters hilft, die Zuwendung dieses himmlischen Dienstes zu erfassen. 2. Mose 28 schildert, wie Aaron die Namen der Söhne Israels auf Steinen an den Schultern und auf der Brusttasche trug, „um sie beständig vor dem HERRN in Erinnerung zu bringen“ (2.Mose 28:29). So trägt der erhöhte Christus heute seine Erlösten: auf seinen Schultern, das heißt in der Kraft seiner Verantwortung, und auf seinem Herzen, in der Zartheit seiner Liebe. Sein priesterliches Tragen bedeutet: Niemand fällt Ihm aus der Hand, auch wenn Wege dunkel werden oder Fragen unbeantwortet bleiben. Hebräer 4 vertieft dies: „Denn wir haben nicht einen Hohen Priester, der nicht Mitgefühl mit unseren Schwachheiten haben könnte, sondern einen, der in jeder Hinsicht genauso versucht worden ist wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr. 4:15). Er kennt unsere Schwachheiten nicht theoretisch, sondern von innen her und kann darum „denen helfen, die versucht werden“ (Hebr. 2:18).

Die Fürsorge dieses Hohenpriesters ist zugleich zärtlich und souverän. Sie folgt nicht den kurzfristigen Wünschen des Menschen, sondern der Weisheit Gottes. Fragen nach Gesundheit, Lebensdauer, materieller Sicherung, nach dem Weg der Kinder und nach scheinbar unerhörtem Gebet werden im Licht dieser priesterlichen Sorge in einen größeren Horizont gestellt. „Darum vermag Er auch diejenigen bis zum Äußersten zu erretten, die durch Ihn zu Gott hinzutreten, da Er allezeit lebt, um fürbittend für sie einzutreten“ (Hebr. 7:25). Diese Fürbitte bedeutet nicht, dass uns jede Schwierigkeit erspart wird, sondern dass keine Schwierigkeit außerhalb seiner priesterlichen Hand liegt.

Gleichzeitig richtet sich der Dienst des Hohenpriesters nicht nur auf das individuelle Wohl, sondern auf Gottes Verlangen nach einem hell leuchtenden Zeugnis. In der Offenbarung erscheint der Sohn des Menschen „in der Mitte der Leuchter … an der Brust mit einem goldenen Gürtel umgürtet“ (Offb. 1:13) und sagt von sich, dass Er „in der Mitte der sieben goldenen Leuchter wandelt“ (Offb. 2:1). Hier verbindet sich das priesterliche Tragen der Gläubigen mit dem Pflegen der Gemeinden. Christus prüft, reinigt, korrigiert und stärkt, damit das Licht der Leuchter nicht erlischt, sondern klarer brennt. So sind persönliche Erfahrungen mit seinem Mitgefühl immer zugleich hineingenommen in seinen größeren Dienst: den Aufbau seines Leibes und das Leuchten der Gemeinden in einer verdunkelten Welt.

Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde in Bezug auf die Dinge, die Gott betreffen, um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen. (Hebr. 2:17)

denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden. (Hebr. 2:18)

Der Blick auf Christus als den himmlischen Hohenpriester verbindet Zartheit und Majestät: Zartheit, weil Er unsere Schwachheiten kennt, uns auf seinem Herzen trägt und in jeder Versuchung helfen kann; Majestät, weil Er als der durch die Himmel Gegangene souverän über unseren Wegen steht und zugleich das Licht der Gemeinden pflegt. Aus dieser doppelten Wirklichkeit wächst eine stille Gelassenheit: Nichts, was uns begegnet, entgleitet seiner priesterlichen Fürsorge, und nichts, was die Gemeinde betrifft, liegt außerhalb seines prüfenden und erhaltenden Dienstes. Wer so auf den Erhöhten schaut, muss sich selbst nicht mehr als letzter Garant seiner eigenen Geschichte oder der Geschichte der Gemeinde verstehen, sondern darf im Vertrauen gehen – getragen, korrigiert und bewahrt von dem, der immerdar lebt, um für uns einzutreten.

Christus als Ausführer des Neuen Testaments und das Ziel der Neuen Jerusalem

Wenn die Bibel vom neuen Bund spricht, öffnet sie eine doppelte Perspektive: Der Bund ist einerseits Gottes verbindliche Zusage, andererseits ein Testament, ein Vermächtnis. Jeremia 31 kündigt an: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund“ (Jer. 31:31). Dieser neue Bund wird im Hebräerbrief als „besserer Bund“ beschrieben, dessen Mittler Christus ist: „Jetzt aber hat Er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, wie Er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet worden ist“ (Hebr. 8:6). Durch seinen Tod hat Christus diesen Bund besiegelt, und gerade darin liegt der Übergang vom Bund zum Testament: Was verheißen war, ist in seinem Tod und seiner Auferstehung als Tatsache vollbracht und wird den Glaubenden als Erbe zugeteilt.

Ein Bund ist eine Vereinbarung mit gewissen Verheißungen, bestimmte Dinge für das Bundesvolk zu vollbringen, während ein Testament ein Wille ist mit bestimmten vollbrachten Dingen, die dem Erben vermacht werden. Der neue Bund, der mit dem Blut Christi vollendet wurde, ist nicht nur ein Bund, sondern ein Testament, mit allen Dingen, die durch den Tod Christi vollbracht worden sind und uns vermacht werden. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft neunundsiebzig, S. 673)

Hebräer 9 führt dies aus: „Und darum ist Er Mittler eines neuen Bundes, damit, da der Tod geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfangen“ (Hebr. 9:15). Und weiter: „Denn wo ein Testament ist, da muß notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat“ (Hebr. 9:16). Christus ist zugleich der, der das Testament durch seinen Tod in Kraft setzt, und der lebendige Ausführer seines eigenen Testaments in der Himmelfahrt. Als Bürge (Hebr. 7:22) und Mittler sorgt Er dafür, dass alles, was Er erworben hat – Vergebung, neues Leben, der innewohnende Geist, freier Zugang zu Gott und der Aufbau seines Leibes – nicht nur Wahrheiten auf dem Papier bleiben, sondern den Erben tatsächlich zugutekommt. Seine gegenwärtige himmlische Tätigkeit besteht darin, diese geistlichen Güter in die konkrete Geschichte der Glaubenden und der Gemeinden hineinzuwirken.

Damit erhält auch das Bild der Gemeinden als goldene Leuchter in der Offenbarung eine tiefere Farbe. Der Sohn des Menschen inmitten der Leuchter (Offb. 1:13) ist derselbe, der als Hoherpriester und Mittler des neuen Bundes im Himmel steht. Wenn Er die Gemeinden prüft, lobt, tadelt und erneuert, setzt Er sein Testament praktisch um: Er macht sein Volk fähig, das Licht des neuen Bundes zu tragen. Die inneren Erneuerungen, die Reinigung von falschen Sicherheiten, das Erwachen zu erster Liebe – all das sind Ausführungen der im Testament verankerten Gnade. So werden die Gemeinden nicht einfach zu religiösen Gemeinschaften, sondern zu Orten, an denen der Inhalt des neuen Bundes sichtbar wird: ein Volk, das Gott kennt, dessen Gesetz in die Herzen geschrieben ist und das aus der innewohnenden Gegenwart Gottes lebt.

Die Linie dieses neuen Bundes führt weiter als unsere persönliche Geschichte oder die einer einzelnen örtlichen Gemeinde. In der Himmelfahrt verbindet Christus den gegenwärtigen Vollzug seines Testaments mit dem Ziel der Neuen Jerusalem. In dieser Stadt, wie sie die Offenbarung beschreibt, ist das Werk des Bundes vollendet: Gott wohnt bei den Menschen, das Lamm ist das Licht, und die Völker wandeln in diesem Licht. Was heute unscheinbar beginnt – ein Wort, das im Herzen verankert wird, eine Gemeinde, die als Leuchter gereinigt wird, eine unsichtbare priesterliche Fürbitte –, gehört zu dieser großen Bewegung Gottes hin zur vollendeten Stadt. Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters spannt so einen Bogen von unserem Alltag bis zur ewigen Herrlichkeit.

Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund: (Jer. 31:31-34)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 79