Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters (2)

13 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden mit der Himmelfahrt vor allem den Abschied Jesu von der Erde – ein Ereignis, das weit weg und eher abstrakt wirkt. Doch die Schrift malt ein anderes Bild: Der, der am Kreuz für uns starb und in Auferstehung lebt, ist zugleich in den Himmel erhoben, gekrönt und in sein himmlisches Amt eingesetzt worden. Gerade so ist Er uns ganz nah: als der, der in uns wohnt und über allem regiert. Wer diesen Zusammenhang erfasst, sieht die eigene Beziehung zu Christus in einem neuen Licht.

Der verherrlichte Menschen-Erretter in Auferstehung und Himmelfahrt

Wenn die Schrift von der Himmelfahrt des Menschen-Erretters spricht, beschreibt sie nicht einfach den letzten Akt einer langen Geschichte, sondern die feierliche Einsetzung des Sohnes in sein himmlisches Amt. Der Weg, der dorthin führt, ist weit: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1); durch Ihn „sind alle Dinge … entstanden“ (Johannes 1:3), und doch wurde dieses ewige Wort Fleisch und trat in unser menschliches Leben ein (Johannes 1:14). Er lebte als wahrer Mensch, ging den Weg des Kreuzes, stieg hinab in den Tod und trat in die Auferstehung ein. Erst dann, nachdem Er alles getragen, erduldet und überwunden hatte, wurde Er emporgehoben und vor den Thron gestellt. Hebräer 2:9 beschreibt diesen Augenblick so: „doch wir sehen Jesus, der wegen Seines Todesleidens ein wenig geringer gemacht worden ist als die Engel, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit Er durch die Gnade Gottes für alles den Tod schmecken sollte.“

In der vorhergehenden Botschaft sahen wir, dass die Himmelfahrt des Menschen-Heilandes Seine Inauguration in Sein himmlisches Amt durch den Prozess der Schöpfung, der Menschwerdung, des menschlichen Lebens, der Kreuzigung und der Auferstehung war. Der Menschen-Heiland wurde als Gott und Mensch, als der Schöpfer und ein Geschöpf und als der Erlöser, der Heiland und der lebensspendende Geist inauguriert, um Gottes Verwaltung auszuführen und Gottes neutestamentliche Ökonomie durchzuführen. In Bezug auf den objektiven Aspekt der Himmelfahrt Christi sahen wir, dass Er in Seiner Himmelfahrt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde (Hebr. 2:9), für Gottes Verwaltung auf den Thron gesetzt wurde (Hebr. 12:2) und zum Herrn gemacht wurde, um alles zu besitzen, und zum Christus, um Gottes Auftrag auszuführen (Apg. 2:36). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsiebzig, S. 648)

Die Himmelfahrt macht sichtbar, was in der Auferstehung schon Realität geworden war: Der Sohn ist als Gott und Mensch, als Schöpfer und Geschöpf, als Erlöser und Erretter in die Sphäre der höchsten Autorität erhoben worden. Hebräer 12:2. lässt uns in diese himmlische Szene schauen: „indem wir wegschauen und unseren Blick auf Jesus richten, den Urheber und Vollender unseres Glaubens, der für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und die Schande verachtete und Sich zur Rechten des Thrones Gottes niedergesetzt hat.“ Derselbe, der in Niedrigkeit unter uns ging, sitzt jetzt zur Rechten Gottes, nicht als abstrakte Idee, sondern als der konkrete, gekreuzigte und auferstandene Menschensohn. Und Apostelgeschichte 2:36 zieht die Konsequenz: „Das ganze Haus Israel wisse darum mit Gewissheit, dass Gott Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“

Wenn wir sagen, Christus lebe in uns, berühren wir daher eine Wirklichkeit, die unendlich weiter reicht als unser persönliches Empfinden von Trost oder Hilfe. In uns wohnt der, durch den alle Dinge geschaffen sind und in dem sie zusammengehalten werden; der, der den Weg des Gehorsams bis in den Tod gegangen ist; der, der in der Auferstehung das Leben in unzerstörbarer Kraft offenbart hat; und der, der in der Himmelfahrt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und über das ganze Universum eingesetzt wurde. Der Christus in uns ist der Christus in Auferstehung und in Himmelfahrt. Seine Gegenwart ist daher zugleich Quelle des Lebens und Ausübung göttlicher Verwaltung. Er trägt in sich den ganzen Weg Gottes – Schöpfung, Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt – und bringt diesen Reichtum in unser Inneres hinein.

Aus dieser Sicht erhält unser Glaube eine andere Farbe. Wir vertrauen nicht einem begrenzten Helfer, sondern dem universalen Administrator von Gottes ewiger Ökonomie, der uns kennt, in uns wohnt und uns in seine Bewegung hineinzieht. Wenn er uns verändert, handelt nicht ein moralischer Lehrer an uns, sondern der erhöhte Herr, der mit Herrlichkeit gekrönt ist. Darin liegt eine stille, aber mächtige Ermutigung: Unser oft unscheinbares Christenleben ist verbunden mit dem Thron Gottes selbst. Der Weg durch Schwachheit und Begrenzung hindurch bekommt Halt durch den, der alles durchschritten hat und jetzt erhöht ist. Wer in diesem Licht auf seine Situation schaut, darf innerlich aufatmen: Über allem, was er nicht in der Hand hat, steht der Menschen-Erretter, der gekreuzigt, auferstanden und verherrlicht ist – und der gerade so in uns und durch uns Gottes ewigen Plan ausführt.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Alle Dinge sind durch Ihn entstanden, und ohne Ihn ist nicht eines entstanden von dem, was entstanden ist. (Joh. 1:3)

Zu erkennen, dass der Christus in uns der verherrlichte Menschen-Erretter in Himmelfahrt ist, löst den Glauben aus der Enge bloß subjektiver Empfindungen und stellt ihn unter den weiten Himmel von Gottes Verwaltung. Das macht unsere Schwachheiten nicht unreal, aber es stellt sie unter die Hand dessen, der den gesamten Weg gegangen ist und jetzt auf dem Thron sitzt. In diesem Bewusstsein können wir unsere Tage, unsere Entscheidungen und unser Ringen sehen: nie losgelöst von dem, der mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde und in derselben Person als der Lebendige in uns wohnt.

Christus in uns: Leben, Kraft und himmlische Autorität

Die Evangelien schlagen eine zarte Brücke zwischen der Auferstehung des Herrn und seiner Himmelfahrt. Johannes berichtet, dass der Auferstandene in den geschlossenen Raum der Jünger tritt und ihnen seinen Atem schenkt: „Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20:22). Hier erscheint Christus als der lebengebende Geist, der sein eigenes Auferstehungsleben in die Seinen hineinlegt. Dieses Leben ist nicht abstrakt, sondern trägt die ganze Geschichte seines Weges in sich – seine Liebe, seinen Gehorsam, seine Sanftmut, seine Standhaftigkeit unter Druck. In unserem inneren Menschen wohnt daher kein bloßes „Prinzip“, sondern eine Person, die durch Tod und Auferstehung gegangen ist und jetzt als Leben in uns wirksam ist.

Wir müssen erkennen, dass der Christus in der Auferstehung, der pneumatische Christus, in uns lebt. Nach Johannes 20:22 kam Christus in Seiner Auferstehung zu den Jüngern zurück, um Sich in sie hineinzuhauchen. Aber nach Markus 16, Lukas 24 und Apg. 1 fuhr der Herr in die Himmel auf, damit noch etwas Weiteres geschehen konnte. Wenn Seine Beziehung zu uns mit Seinem Sich-in-uns-Hineinhauchen geendet hätte, wäre es für Ihn schwierig, irgendetwas zur Vollendung von Gottes neutestamentlicher Ökonomie auszuarbeiten. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsiebzig, S. 648)

Doch die Schrift bleibt hier nicht stehen. Derselbe Herr, der die Jünger anhaucht, steigt nach Markus 16, Lukas 24 und Apostelgeschichte 1.in den Himmel auf und setzt sich zur Rechten Gottes. In dieser Himmelfahrt erhält Sein Wirken eine neue Dimension: Er ist nicht nur Quelle des Lebens in uns, sondern auch Träger der höchsten Autorität über uns. Wenn Paulus in Epheser 1.vom auferweckten und erhöhten Christus spricht, der „über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft“ gesetzt ist und als Haupt der Gemeinde gegeben wird, verdichtet er, was in der Auferstehung und Himmelfahrt geschehen ist. Der Christus in uns ist zugleich der Christus über uns: innen Leben und Kraft, außen und oben Herrschaft und Leitung.

Johannes 3:16 fasst diese Bewegung Gottes zu uns hin in einem Satz zusammen: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Ewiges Leben bedeutet hier nicht nur endlose Dauer, sondern Anteil am Leben des Dreieinen Gottes selbst. Dieses Leben trägt aber nun den Stempel der Auferstehung und der Himmelfahrt: es ist das Leben dessen, der den Tod überwunden und den Platz zur Rechten Gottes eingenommen hat. Deshalb ist Christsein nie nur ein inneres Erleben, sondern immer zugleich Teilhabe an der himmlischen Bewegung des erhöhten Herrn. In uns erneuert, tröstet und stärkt Er; durch uns übt Er auf der Erde Seine Autorität aus, indem Sein Wille, Sein Maßstab und Sein Charakter Gestalt gewinnen dürfen.

Wenn wir unser eigenes Dasein aus dieser Spannung von innerer Nähe und himmlischer Erhöhung betrachten, wird der Alltag neu beleuchtet. Der in uns wohnende Christus trägt die Zartheit des Auferstandenen, der in einen verschlossenen Raum tritt und den Seinen Frieden bringt; zugleich trägt Er die Majestät dessen, der über alle Mächte gesetzt ist. Wo wir uns schwach wissen, ist Er als Leben da; wo wir uns vor Aufgaben, Entscheidungen oder Widerständen sehen, ist Er als Herr mit Autorität gegenwärtig. In dieser Verbindung von Leben und Herrschaft liegt eine stille Ermutigung: Kein Weg, den wir gehen, ist losgelöst von Seiner Kraft in uns und Seiner Autorität über uns. Gerade im Spannungsfeld aus innerer Bedürftigkeit und äußerem Anspruch erweist sich der erhöhte Menschen-Erretter als hinreichend – als die Quelle, aus der wir leben, und als der König, unter dessen mildem Joch unser Leben geborgen ist.

Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. (Joh. 20:22)

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3:16)

Die Einsicht, dass Christus in uns zugleich Auferstehungsleben und Himmelfahrtsautorität ist, schenkt dem Glauben eine neue Balance. Sie bewahrt davor, das Christsein entweder auf subjektive Erfahrungen zu verkürzen oder auf bloße Gehorsamsforderungen zu reduzieren. In der Begegnung mit dem Auferstandenen, der uns sein Leben einhaucht, und mit dem Erhöhten, der als Herr regiert, bekommt unser inneres Ringen wie auch unser äußeres Tun einen festen Bezugspunkt: Wir sind nicht uns selbst überlassen, sondern stehen unter der fürsorglichen Herrschaft dessen, der in uns lebt und über allem thront.

Tiefer sehen: Mit dem erhöhten Christus in lebendiger Beziehung leben

Der Umgang mit der Bibel kann sich anfühlen wie das Gleiten eines Eisläufers über einen zugefrorenen See. Die Oberfläche ist klar sichtbar, man nimmt Formen und Linien wahr, genießt vielleicht sogar die Bewegung – aber die Tiefe bleibt verborgen. Viele vertraute Verse kennen wir in dieser Weise. Sätze wie „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt …“ (Johannes 3:16) oder der Ruf des Herrn: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid …“ sprechen uns an, und doch bleiben sie leicht losgelöst von der Person und der himmlischen Stellung dessen, der sie spricht. Die Himmelfahrt des Menschen-Erretters lädt dazu ein, die „Eisdecke“ zu durchstoßen und unter die Oberfläche zu schauen: Wer ist der, der hier ruft, tröstet, verheißt? Es ist der, der durch Ihn geschaffene Welt trägt, Mensch wurde, durch Leiden vollendet wurde, den Tod entmachtete und jetzt zur Rechten Gottes sitzt.

Die Bibel auf oberflächliche Weise zu lesen, kann damit verglichen werden, auf dem Eis zu laufen, das einen tiefen See bedeckt: Der Schlittschuhläufer bricht das Eis nicht auf, um zu sehen, was unter der Oberfläche ist. Wenn wir die Bibel lesen, mögen wir auf dem „Eis“, der Oberfläche, des Wortes „schlittschuhlaufen“. Wir durchbrechen nicht die Oberfläche, gehen nicht in die Tiefen hinab und sehen nicht, was dort offenbart ist. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsiebzig, S. 650)

Hebräer 12:2. ermutigt uns, „wegzuschauen und unseren Blick auf Jesus zu richten, den Urheber und Vollender unseres Glaubens“, der das Kreuz erduldete und sich „zur Rechten des Thrones Gottes niedergesetzt“ hat. Wenn wir die Schrift im Licht dieser erhöhten Stellung Christi lesen, verändert sich unser Zugang. Verheißungen stehen dann nicht mehr isoliert für sich, sondern sind Ausdruck der Stimme dessen, der Herr und Christus gemacht wurde. Jede Zusage, jede Ermahnung, jede Tröstung kommt von dem Administrator der göttlichen Ökonomie, der die Geschichte lenkt und zugleich in unserem Geist wohnt. So entsteht eine lebendige Beziehung: Wir treten im Gebet nicht vor einen fernen religiösen „Helfer“, sondern vor den, der den Thron einnimmt und doch in uns wohnt – der erhöhte, verherrlichte Menschen-Erretter.

Diese Sicht schärft nicht nur unser Bibelverständnis, sondern prägt auch die Weise, wie wir Gemeinschaft mit Christus leben. Wer Ihn nur als historischen Jesus oder als inneren Tröster sieht, wird leicht in Einseitigkeit geraten. Die Erkenntnis seiner Himmelfahrt bewahrt davor: Der, mit dem wir reden, trägt die Male des Kreuzes, die Kraft der Auferstehung und die Würde der Himmelfahrt. Sein Wort in der Schrift ist darum nie klein: selbst unscheinbare Verse stehen in Verbindung mit der himmlischen Regierung, die Er ausübt. Wenn solch ein Bewusstsein sich in uns vertieft, bekommt das Gebet einen anderen Ton – weniger bedrängtes Kreisen um die eigenen Gefühle, mehr ruhiges Sich-ausrichten auf den, der regiert und zugleich in uns wirkt.

Gerade darin liegt ein leiser Trost für den Weg des Glaubens. Die Bibel wird nicht zur Sammlung fernstehender Informationen, sondern zum Ort der Begegnung mit dem erhöhten Christus. Und das eigene Leben erscheint nicht mehr als lose Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse, sondern als Weg, auf dem der verherrlichte Menschen-Erretter seinen Plan verwirklicht – mit uns und durch uns. Wer so lernt, unter der Oberfläche der bekannten Worte den erhöhten Herrn zu erkennen, darf inmitten wechselnder Umstände eine wachsende Gewissheit erfahren: Über mir steht der, der alle Stationen des Weges gegangen ist; in mir lebt derselbe als lebengebender Geist. Diese Doppelgewissheit trägt still, lädt zum Vertrauen ein und lässt hoffen, dass sein gutes Werk an uns und durch uns ans Ziel kommen wird.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (John 3:16)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, wir beten Dich an als den, der gekreuzigt, auferstanden und in den Himmel erhoben ist, bekrönt mit Herrlichkeit und Ehre. Öffne unseren inneren Augen, damit wir Dich nicht nur als den kennen, der uns vergibt, sondern als den, der mit Leben, Kraft und Autorität in uns lebt und über allem regiert. Richte unser Herz auf Deine himmlische Herrschaft aus und lass uns in der Ruhe und Zuversicht leben, dass Du als der erhöhte Herr Gottes Plan vollenden wirst – auch in unserem persönlichen Leben. Stärke unseren Glauben, dass nichts zu klein und nichts zu groß ist für Deine durch Himmelfahrt bestätigte Macht, und erfülle uns mit Hoffnung, wenn wir vor Dir stehen. In Deiner Gegenwart wissen wir, dass kein Weg vergeblich und keine Träne verloren ist, weil Du alles unter Deine Füße gebracht hast. Dir sei alle Ehre in der Gemeinde, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 77