Die Auferstehung des Menschen-Erretters (6)
Viele Christen bekennen, dass Jesus lebt – aber was bedeutet es konkret, dass der auferstandene Menschen-Erretter heute in uns lebt? Zwischen der historischen Tatsache des leeren Grabes und unserem Alltag scheint oft eine große Lücke zu liegen. Die neutestamentliche Linie zeigt jedoch: In der Auferstehung wurde Christus nicht nur bestätigt, sondern verwandelt, um als lebengebender Geist in seine Erlösten einzuziehen, sie innerlich neu zu machen und durch sie hindurch zu leben.
Vom alten zum neuen Menschen: Die Auferstehung schafft eine neue Schöpfung
- Mose erzählt von der alten Schöpfung: Himmel und Erde, Pflanzen und Tiere, und schließlich der Mensch als Krone des Geschaffenen. Adam steht als erster Mensch an der Spitze dieser Ordnung; in ihm bündelt sich, was Gott gut genannt hatte – und was durch den Sündenfall tief verletzt wurde. Seitdem tragen wir in uns die Spur dieser alten Schöpfung: eine Größe, die an Gott erinnert, und eine Gebrochenheit, die von ihm wegdrängt. Doch die Auferstehung des Menschen-Erretters setzt mitten in diese Geschichte einen Schnitt. In der Auferstehung tritt Christus nicht nur als Sieger über den Tod hervor, sondern als Anfang einer anderen Wirklichkeit. Paulus fasst das in die Worte: „Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden.“ (2.Kor 5:17). Der Übergang vom alten zum neuen Menschen ist damit nicht zuerst eine moralische Verbesserung, sondern ein Schöpfungsakt Gottes in Christus.
Durch die Auferstehung wurde der Menschen-Heiland in den lebensspendenden Geist verwandelt. Dann trat Er in uns hinein, um uns, die alte Schöpfung, zu beleben, damit wir die neue Schöpfung werden. Dieser Ausdruck „die neue Schöpfung“ wird von Paulus in 2. Korinther 5:17 gebraucht: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden.“ Die alte Schöpfung schließt die Himmel, die Erde, Milliarden von Dingen und die Menschheit ein. Aber die neue Schöpfung schließt nur das auserwählte und erlöste Volk Gottes ein. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfundsiebzig, S. 634)
Diese neue Schöpfung beginnt, weil der auferstandene Christus zum lebengebenden Geist wurde und in Menschen hineinkommt. Der letzte Adam ist nicht nur Vorbild, sondern Ursprung eines neuen Menschengeschlechts. Petrus knüpft daran an, wenn er sagt: „Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,“ (1.Petrus 1:3). Wiedergeburt meint hier nicht eine religiöse Erneuerung aus eigener Kraft, sondern das Eingepflanztwerden eines neuen Lebens. Wie im unscheinbaren Samenkorn eine ganze Pflanze verborgen ist, so trägt der pneumatische Christus – der Christus als Geist – in sich den Keim der neuen Schöpfung. Wenn dieser Christus in einen Menschen einzieht, beginnt etwas leise zu treiben: ein neues Verlangen nach Gott, ein anderes Licht auf Schuld und Gnade, ein veränderter Blick auf den Nächsten. Oft geschieht das unscheinbar, mit Rückschlägen und Fragen, und doch bleibt der Grund gewiss: Nicht wir tragen die neue Schöpfung, sie trägt uns. Wer sich von dieser Wahrheit prägen lässt, darf sich auch inmitten eigener Unvollkommenheit als Teil von Gottes neuem Anfang verstehen – als jemand, an dem der Auferstandene sein schöpferisches Werk nicht aufgibt, sondern geduldig zur Reife führt.
Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden. (2.Kor 5:17)
Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Pet. 1:3)
Dass die Auferstehung des Menschen-Erretters eine neue Schöpfung hervorbringt, verwandelt den Blick auf die eigene Biographie. Vergangenes bleibt real, aber es verliert das letzte Wort. Der alte Mensch mit seiner Geschichte gehört zur alten Schöpfung; der neue Mensch lebt aus dem inwendigen Keim des auferstandenen Christus. Wer so auf sich schaut, lernt, innere Spannungen und Brüche nicht zu verdrängen, sondern sie in das größere Werk Gottes einzuordnen. Hoffnung erwächst dann nicht aus der Illusion eigener Stärke, sondern aus der Treue dessen, der begonnen hat, Neues zu schaffen. In dieser Hoffnung darf ein Mensch nüchtern über sich denken und zugleich mutig erwarten, dass der unscheinbare Anfang der neuen Schöpfung in ihm eines Tages in voller Klarheit sichtbar werden wird.
Der pneumatische Christus: Der Dreieine Gott wohnt in den Glaubenden
In den Evangelien begegnet uns Christus als der eine Mensch unter Menschen: sichtbar, hörbar, greifbar. Nach seiner Auferstehung wird seine Gegenwart nicht schwächer, sondern anders. Im Obersaal kündigt er an: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit, nämlich den Geist der Wirklichkeit … ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird.“ (Johannes 14:16–17). Kurz darauf fügt er hinzu: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen; Ich komme zu euch.“ (Joh. 14:18). Der, der da spricht, macht eines deutlich: Wenn der Geist kommt, kommt er selbst. Und wenn er kommt, kommt der Vater mit, denn „Ich und der Vater sind eins.“ (Johannes 10:30). In der Gestalt des Geist-Beistands wohnt der Dreieine Gott selbst im Innern der Glaubenden.
Johannes 14:16-20 offenbart, dass der Christus in der Auferstehung jetzt in uns lebt. In den Versen 16 und 17 sagt der Herr Jesus: „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn erkennt; ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfundsiebzig, S. 636)
So entsteht das Geheimnis des pneumatischen Christus: Der Christus, der geschichtlich unter uns lebte und am Kreuz starb, begegnet uns in der Auferstehung als lebengebender Geist. Paulus kann darum sagen: „Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2.Korinther 3:17). Es geht nicht um zwei verschiedene Wirklichkeiten, sondern um eine und dieselbe Person in unterschiedlicher Weise: der Sohn, der im Namen des Vaters kommt, als Geist, der in uns wohnt. Für den Glaubenden bedeutet das: Gottes Nähe ist nicht auf besondere Orte oder Augenblicke beschränkt. Der inwohnende Geist ist eine stille, beständige Gegenwart – manchmal tröstend, manchmal warnend, oft leise, aber beharrlich. Durch ihn gewinnt die Schrift Tiefe, durch ihn wird Gebet mehr als ein Monolog, durch ihn entsteht Verbundenheit mit anderen Gläubigen, die weit über Sympathie hinausgeht. Wer sich dieser inwendigen Gegenwart des Dreieinen Gottes bewusst wird, darf im Alltag mit einer zarten, aber tragfähigen Gewissheit leben: Nicht ein fernes Ideal, sondern der gegenwärtige Herr selbst trägt, korrigiert und führt.
application_de”: “Die Wohnstatt des pneumatischen Christus im Herzen des Glaubenden lässt das Leben unter einem neuen Vorzeichen erscheinen. Einsamkeit, Unübersichtlichkeit und die Erfahrung eigener Begrenztheit verlieren ihren absolut bedrängenden Charakter, weil im Innersten ein Anderer Anteil nimmt und Gegenwart schenkt. Wo dieses Bewusstsein wächst, entsteht eine stille Freiheit, Entscheidungen nicht aus nackter Selbstbehauptung zu treffen, sondern im Licht des inwohnenden Geistes zu prüfen. So wird der Alltag zum Raum der Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott: unscheinbar, oft ohne große Gefühle, und doch getragen von der Verheißung, dass der Herr, der den Tod überwunden hat, sein Werk in den Seinen von innen her weiterführt und sie nicht als Waisen zurücklässt.
und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit, nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht anschaut und Ihn nicht kennt; ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird. (Joh. 14:16-17)
Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2.Kor 3:17)
Die Wohnstatt des pneumatischen Christus im Herzen des Glaubenden lässt das Leben unter einem neuen Vorzeichen erscheinen. Einsamkeit, Unübersichtlichkeit und die Erfahrung eigener Begrenztheit verlieren ihren absolut bedrängenden Charakter, weil im Innersten ein Anderer Anteil nimmt und Gegenwart schenkt. Wo dieses Bewusstsein wächst, entsteht eine stille Freiheit, Entscheidungen nicht aus nackter Selbstbehauptung zu treffen, sondern im Licht des inwohnenden Geistes zu prüfen. So wird der Alltag zum Raum der Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott: unscheinbar, oft ohne große Gefühle, und doch getragen von der Verheißung, dass der Herr, der den Tod überwunden hat, sein Werk in den Seinen von innen her weiterführt und sie nicht als Waisen zurücklässt.
Leben in der Kraft der Auferstehung: Sterben mit Christus, leben durch ihn
Die Gegenwart des auferstandenen Christus im Innern bleibt nicht theoretisch. Sie drängt danach, im gelebten Alltag Gestalt zu gewinnen. Das Neue Testament beschreibt dieses geprägte Leben immer wieder als ein „Wandeln im Geist“. „Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen.“ (Galater 5:16). Und: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln.“ (Galater 5:25). Im Hintergrund steht die Dynamik der Auferstehung: Der Geist, in dem wir leben, ist die Kraft des auferstandenen Christus selbst. In dieser Sphäre zu gehen, bedeutet, sich nicht mehr ausschließlich von den unmittelbaren Impulsen des alten Menschen bestimmen zu lassen, sondern innerlich an einer anderen Quelle anzudocken.
Das Neue Testament fordert uns auf, im Geist zu wandeln (Gal. 5:16.25). Im Geist zu wandeln bedeutet einfach, in der Auferstehung zu wandeln. Um dies zu erfahren, müssen wir uns selbst verleugnen, damit Christus in uns leben kann. Wenn wir sterben, lebt Christus. Christus lebt in uns durch unser Sterben. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfundsiebzig, S. 639)
Jesus selbst deutet dieses innere Geheimnis mit dem Bild vom Weizenkorn: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12:24). Im Bild gesprochen: Solange die harte Schale des Ich mit ihren Ansprüchen, Sicherungen und Rechthabereien unangetastet bleibt, bleibt das in uns wohnende Auferstehungsleben eingeschlossen. Wo aber Situationen, Konflikte oder bewusste Entscheidungen diese Schale aufbrechen, gewinnt das verborgene Leben Christi Raum. Das kann sich darin zeigen, dass man lieber auf Rechtbehalten verzichtet als eine Beziehung zu zerstören, dass man in Schwachheit Hilfe annimmt, statt sich zu verhärten, oder dass man in der eigenen Verletzlichkeit Gottes Weg bejaht. Solche Momente fühlen sich selten triumphal an; oft sind sie von innerem Sterben begleitet. Und doch geht von ihnen Frucht aus: eine Geduld, die man sich nicht zuschreibt, ein Trost, den man anderen weitergeben kann, ein Frieden, der sich nicht aus den Umständen erklärt. So wird der Alltag zu dem Feld, auf dem die Kraft der Auferstehung konkret erfahrbar wird – leise, aber wirksam.
application_de”: “Leben in der Kraft der Auferstehung heißt, die Spannungen des täglichen Daseins nicht zu verdrängen, sondern sie als Orte zu sehen, an denen das Leben Christi sich Bahn brechen will. Die Einladung, durch den Geist zu wandeln, stellt die vertrauten Reflexe des alten Menschen nicht schlagartig ab, sie relativiert aber ihren Anspruch. Mit jeder Entscheidung, in der das eigene Ich nicht das letzte Wort behält, wächst der Raum, in dem der auferstandene Herr seine Sanftmut, seine Wahrhaftigkeit und seine Liebe durch einen Menschen hindurch ausstrahlt. Daraus erwächst ein nüchterner, aber tragender Mut: Das eigene Scheitern verliert seine Endgültigkeit, weil hinter dem sichtbaren Leben ein anderes Leben steht, das schon den Tod überwunden hat und auch die kommenden Tage zu tragen vermag.
Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen. (Gal. 5:16)
Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)
Leben in der Kraft der Auferstehung heißt, die Spannungen des täglichen Daseins nicht zu verdrängen, sondern sie als Orte zu sehen, an denen das Leben Christi sich Bahn brechen will. Die Einladung, durch den Geist zu wandeln, stellt die vertrauten Reflexe des alten Menschen nicht schlagartig ab, sie relativiert aber ihren Anspruch. Mit jeder Entscheidung, in der das eigene Ich nicht das letzte Wort behält, wächst der Raum, in dem der auferstandene Herr seine Sanftmut, seine Wahrhaftigkeit und seine Liebe durch einen Menschen hindurch ausstrahlt. Daraus erwächst ein nüchterner, aber tragender Mut: Das eigene Scheitern verliert seine Endgültigkeit, weil hinter dem sichtbaren Leben ein anderes Leben steht, das schon den Tod überwunden hat und auch die kommenden Tage zu tragen vermag.
Herr Jesus Christus, du auferstandener Menschen-Erretter, ich danke dir, dass du nicht fern geblieben bist, sondern als lebengebender Geist in mein Herz gekommen bist. Du kennst meine Schwachheit, meine Angst und meine inneren Grenzen, und doch hast du beschlossen, gerade dort deine Auferstehungskraft wirksam werden zu lassen. Lass das Leben der neuen Schöpfung in mir wachsen, wo ich mich noch an die Muster der alten Schöpfung klammere, und erfülle meinen Alltag mit der stillen Gewissheit, dass du in mir lebst. Vater, lehre mich durch deinen Geist, dem eigenen Ich zu sterben, damit das Leben deines Sohnes mehr Raum gewinnt und deine Herrlichkeit in einem gewöhnlichen Leben sichtbar wird. Wo Hoffnung zerbrochen scheint, lass deine Auferstehung als neue Hoffnung aufgehen, und wo Schuld drückt, lass die Freiheit und Freude deiner Vergebung durchbrechen. Stärke alle, die dir gehören, im Bewusstsein, dass sie nicht allein sind, sondern dass der Dreieine Gott selbst in ihnen wohnt und sie bis zum Ziel bewahren wird. In dieser Zuversicht vertraue ich mich dir neu an und ruhe in deiner Liebe. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 75