Die Auferstehung des Menschen-Erretters (4)
Viele Christen verbinden Auferstehung vor allem mit dem leeren Grab am dritten Tag. Doch das Neue Testament zeichnet ein viel tieferes Bild: Das Leben des Herrn Jesus auf der Erde war von Anfang an von Tod und Auferstehung durchzogen. Wer diese Linie versteht, erkennt, warum der auferstandene Christus heute als lebensspendender Geist in uns lebt und wie eng unsere eigene Alltagserfahrung mit Seiner Auferstehung verbunden ist.
Die Auferstehung beginnt mit dem Sterben
Auferstehung erscheint uns oft als ein punktuelles Ereignis: Christus liegt im Grab, und am dritten Tag bricht das neue Leben hervor. Die Schrift zeichnet jedoch ein tieferes Bild. Der Herr selbst spricht von sich als einem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, damit es viel Frucht bringt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12:24). In diesem Bild fallen Sterben und Wachsen, Tod und Auferstehung, nicht auseinander. Während das Korn sich im Dunkel der Erde zersetzt, bricht zugleich neues Leben hervor. Auf die Person Christi angewandt bedeutet das: Seine Auferstehung beginnt nicht erst, als der Stein vom Grab weggewälzt wird; sie durchzieht bereits Sein Sterben. Während Er sich hingibt, wirkt die Kraft des neuen Lebens.
An dem Bild vom Sterben und Wachsen eines Weizenkorns erkennen wir, dass Christus, während Er starb, zugleich auferstand. Wann begann die Auferstehung Christi? Wir sollten nicht sagen, sie habe drei Tage nach Seiner Kreuzigung begonnen. Dem Bild des sterbenden und wachsenden Weizenkorns entsprechend begann die Auferstehung Christi bereits, während Er starb. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiundsiebzig, S. 621)
Schon mit der Menschwerdung trat der Menschen-Erretter in diesen Weg hinein. Er kam nicht als unantastbarer Himmelsprinz, sondern als Kind in einer armen Familie, als Mensch, der Hunger, Müdigkeit, Ablehnung und Schwachheit kannte. Von Anfang an lebte Er „unter dem Tod“, das heißt: in einer beständigen Selbstverleugnung allem gegenüber, was nicht aus dem Vater war. Sein ganzes irdisches Leben war ein fortschreitendes Sterben gegenüber dem eigenen Anspruch, der eigenen Ehre, dem eigenen Willen – und gerade darin offenbarte sich die Auferstehungskraft Gottes. Als Er zu Martha sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in Mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11:25), macht Er deutlich, dass Auferstehung in Ihm keine entfernte Zukunft, sondern gegenwärtige Wirklichkeit ist. Wer sich mit Ihm verbindet, wird in dasselbe Muster hineingenommen: Dort, wo in uns ein Sterben geschieht, kann Sein Auferstehungsleben aufgehen. Das nimmt dem Sterben nicht den Ernst, aber es durchzieht es mit Hoffnung: Kein von Gott zugelassenes Sterben in unserem Leben ist sinnlos, denn im Verborgenen trägt es den Keim der Auferstehung, und der dreieine Gott ist bereit, diese verborgene Saat zur Frucht zu bringen.
Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12:24)
Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in Mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; (Joh. 11:25)
Die Auferstehung, in die Christus uns hineinzieht, beginnt genau dort, wo wir mit Ihm zu einem inneren Sterben bereit sind – nicht als nihilistischer Verzicht, sondern als vertrauendes Loslassen dessen, was Gott nicht mitnehmen kann. In solchen Momenten, die oft unscheinbar und innerlich verborgen sind, wirkt der lebenspendende Geist schon jetzt das neue Leben; darum darf jedes kleine Ja zu Gottes Weg von der Hoffnung getragen sein, dass Er selbst daraus Frucht in der Auferstehung hervorbringt.
Der Menschen-Erretter lebte, indem Er starb
Das Kreuz des Herrn hatte einen konkreten Tag in der Geschichte, aber sein Weg des Sterbens begann weit früher. Schon die Umstände Seiner Geburt – abseits der Zentren der Macht, in der Einfachheit eines Hauses von Handwerkern – zeigen, wie der Sohn Gottes in ein Dasein eintrat, das von Verzicht geprägt war. In Nazareth, verborgen vor den Augen der Welt, lebte Er unter der Begrenzung eines gewöhnlichen Menschenlebens. Gerade dort geschah etwas Entscheidendes: Er lebte, indem Er starb. Er ließ sich nicht von Ambitionen tragen, suchte keine eigenen Wege, sondern ordnete sich dem Willen des Vaters unter. „Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? Die Worte, die Ich zu euch sage, spreche Ich nicht von Mir Selbst aus, der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke“ (Johannes 14:10). Sein ganzes Leben war ein beständiges Nein zu sich selbst und ein Ja zu Gott.
Starb Er nur am Tag des Passahfestes? Das Neue Testament macht deutlich, dass Er unmittelbar nach Seiner Geburt zu sterben begann. Während all Seiner Jahre auf der Erde starb Er, um zu leben. In jedem Augenblick eines jeden Tages war Er im Sterben. Das bedeutet, dass Er, während Er im Haus eines armen Zimmermanns lebte, im Sterben war. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiundsiebzig, S. 622)
Dieses Sterben im Alltag kulminierte am Kreuz, wo Er in äußerster Weise alles hingab. Doch die Linie, die dorthin führte, war jahrzehntelanges, leises Sich-selbst-Verlieren vor Gott. Er lebte als Mensch, der Gott mehr fürchtete als jeden anderen, der kein eigenes Werk hatte, nicht seine eigenen Worte sprach, nicht seinen eigenen Willen durchsetzte und nicht seine eigene Herrlichkeit suchte. So wurde Sein Leben zu einem fortlaufenden „Sterben, um zu leben“ und einem „Leben durch Sterben“. In Ihm waren Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung untrennbar miteinander verwoben. Für die Glaubenden heißt das: Auch unser Weg mit Gott besteht nicht aus wenigen dramatischen Entscheidungen, sondern aus vielen unscheinbaren Momenten, in denen das alte, selbstbezogene Leben nicht mehr das letzte Wort behält. Je öfter wir innerlich vom eigenen Recht, vom eigenen Bild, von der eigenen Kontrolle loslassen, desto weiter öffnet sich Raum für die Auferstehungskraft Christi. Und mitten in den Mühen eines solchen Weges leuchtet die Zusage: „Noch eine kleine Weile und die Welt schaut Mich nicht mehr an, ihr aber schaut Mich an; weil Ich lebe, sollt auch ihr leben“ (Johannes 14:19). In diesem Wort liegt eine stille Ermutigung: Das verborgene Sterben, das unser Leben mit Christus durchzieht, ist nicht der letzte Ton – getragen von Seinem auferstandenen Leben, wird es zur Quelle einer tieferen, freieren und gottbezogenen Lebensweise.
Wenn wir das irdische Leben des Herrn als ein solches Sterben-zum-Leben betrachten, verändert sich auch der Blick auf unsere eigene Geschichte. Vieles, was wie bloßes Verlieren aussieht – verlorene Möglichkeiten, zerbrochene Pläne, abgenommene Kräfte –, kann in Ihm Teil dieser verborgenen Linie des Sterbens sein, in die Er uns hineinnimmt. Der innere Trost besteht darin, dass dieser Weg nicht im Nichts endet: „Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1. Petrus 1:3). Wo Er durch Seinen Geist unser altes Leben Schritt für Schritt zurücknimmt, wächst zugleich die lebendige Hoffnung, dass Er aus all dem Sterben einen Raum für Seine Auferstehung schafft – manchmal zunächst unsichtbar, aber im Licht Gottes schon jetzt real. So kann selbst das mühsame Heute, mit all seinen kleinen Kreuzwegen, im Verborgenen von einer tiefen Gewissheit durchzogen sein: Der Menschen-Erretter, der lebte, indem Er starb, ist derselbe, der in uns lebt und unser Sterben in Seinen Weg der Auferstehung hineinzieht.
Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? Die Worte, die Ich zu euch sage, spreche Ich nicht von Mir Selbst aus, der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke. (Joh. 14:10)
Noch eine kleine Weile und die Welt schaut Mich nicht mehr an, ihr aber schaut Mich an; weil Ich lebe, sollt auch ihr leben. (Joh. 14:19)
Das Bewusstsein, dass der Herr Jesus Tag für Tag im Sterben lebte, gibt den alltäglichen Spannungen und Verlusten unseres Lebens einen neuen Horizont: Sie müssen nicht bloß ertragen oder verdrängt werden, sondern dürfen als Orte verstanden werden, an denen Sein Weg in uns fortgesetzt wird; so kann sich leise eine Haltung formen, die weniger an der eigenen Durchsetzung hängt und mehr von der Zuversicht getragen ist, dass Christus gerade in den unscheinbaren Verzichtsbewegungen Sein Auferstehungsleben in uns vertieft.
Der dreieine Gott als lebenspendender Geist in uns
Die Auferstehung des Menschen-Erretters ist nicht nur ein Triumph über das Grab, sondern ein göttlicher Prozess der Umgestaltung. Durch die Menschwerdung hat Gott die Menschheit an Sich selbst angezogen; Er trat als wahrer Mensch in unsere Geschichte ein und trug ein echtes menschliches Leben mit all seinen Erfahrungen. In der Auferstehung wurden diese menschlichen Elemente – das vollkommene Menschsein des Herrn und die wirksame Kraft Seines allumfassenden Todes – in den Geist hineingenommen. So wurde der letzte Adam, von dem die Schrift spricht, „zu einem Leben gebenden Geist“ (1. Korinther 15:45). Es ist derselbe Jesus, der am Kreuz hing, derselbe, der von den Toten auferweckt und „zu Seiner Rechten niedergesetzt im Himmlischen“ wurde, „hoch über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Macht und Herrschaft“ (Epheser 1:20–21), der jetzt als lebenspendender Geist zu uns kommt.
In der vorhergehenden Botschaft wiesen wir darauf hin, dass durch die Menschwerdung die Menschheit zu Gott hinzugefügt wurde. Mit anderen Worten: Durch den Prozess der Menschwerdung legte Gott die Menschheit auf Sich. In ähnlicher Weise wurden im Prozess der Auferstehung bestimmte Elemente in den Geist hineingelegt. Insbesondere schließen diese Elemente das menschliche Leben des Herrn und Seinen allumfassenden Tod ein. Daher war die Auferstehung ein Prozess der Verwandlung, in dem diese Elemente in den allumfassenden, lebensspendenden Geist hineingelegt wurden. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiundsiebzig, S. 623)
Johannes 14 öffnet hier einen weiten Horizont. Der Sohn ist im Vater, der Vater ist im Sohn, und der Sohn kommt im Geist zu den Seinen. „An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin und ihr in Mir und Ich in euch“ (Johannes 14:20). Der Dreieine Gott bleibt nicht auf ferne Himmelssphären beschränkt, sondern wird im auferstandenen Christus nah wie die Luft, die uns umgibt. Dieser Geist ist nicht eine unpersönliche Kraft, sondern der verarbeitete dreieine Gott selbst – der Gott, der durch Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung gegangen ist und nun mit all dem Reichtum dieser Geschichte in uns wohnt. Wer den Namen des Herrn anruft, empfängt nicht einen Ausschnitt Gottes, sondern den Sohn mit dem Vater im Geist. So wird das Innere des Glaubenden – Geist, Seele und Leib – zum Wohnort dessen, den der Vater „Haupt über alles“ gegeben hat, „der Gemeinde, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Epheser 1:22–23).
Wenn der Menschen-Erretter als lebenspendender Geist in uns wohnt, bekommt das Wort „Auferstehung“ einen zutiefst persönlichen Klang. Sie ist dann nicht nur ein zukünftiges Ereignis am Ende der Zeiten, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit, die in der Tiefe unseres Wesens wirksam ist. Der Geist, der in uns Wohnung genommen hat, trägt die Spuren des menschlichen Lebens Jesu und die Kraft Seines vollbrachten Todes. Darum kann Er in unseren Schwachheiten mitfühlen, und zugleich vermag Er, unser Inneres mit der Energie der Auferstehung zu durchdringen. In Momenten der Erschöpfung, der inneren Dunkelheit, der scheinbaren Ausweglosigkeit bleibt Er in uns derselbe, der das Grab hinter sich gelassen hat. Die Beziehung zum dreieinen Gott wird so von einer äußeren Religiosität zu einem lebendigen Inneinander: Er in uns, wir in Ihm. Aus dieser Nähe wächst eine stille Zuversicht: Der, der alles in allem erfüllt, hat sich nicht gescheut, in unser begrenztes Leben einzuziehen, um uns Schritt für Schritt in das Muster Seiner eigenen Auferstehung hineinzunehmen.
In dieser Perspektive erhält auch unser gemeinsames Glaubensleben einen neuen Brennpunkt. Die Gemeinde ist nicht zuerst eine Organisation von Menschen, die sich um christliche Anliegen versammeln, sondern der Leib dessen, der als lebenspendender Geist in allen Glaubenden zugleich wohnt und wirkt. Wo wir uns als solche wahrnehmen, die denselben Christus in uns tragen, kann eine andere Kultur des Miteinanders entstehen – weniger bestimmt von bloß menschlichen Vorstellungen, mehr geprägt von der stillen Wirksamkeit des Geistes, der Leben gibt. Es mag äußerlich unscheinbar bleiben, aber im innersten Kern ist es der auferstandene Herr selbst, der seine Auferstehung in uns weiterführt. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Keiner, der Ihm vertraut, bleibt auf sich gestellt; der Dreieine Gott ist in Christus näher gekommen, als wir es je erdenken könnten – nicht nur neben uns, sondern in uns, um aus unserem oft brüchigen Leben ein Gefäß Seiner Auferstehungsfülle zu machen.
So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)
die Er in Christus wirken ließ, als Er Ihn von den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten niedersetzte im Himmlischen, hoch über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Macht und Herrschaft und jedem Namen, der genannt wird, nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch in dem, das kommen soll; und Er hat alles Seinen Füßen unterworfen und hat Ihm gegeben, Haupt über alles zu sein, der Gemeinde, die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Eph. 1:20-23)
Die Erkenntnis, dass der auferstandene Christus als lebenspendender Geist in uns wohnt, lädt ein, die Nähe Gottes weniger in äußeren Stimmungen und mehr in dieser stillen, verlässlichen Gegenwart zu verankern; so kann mitten in den Spannungen des Alltags eine leise Gewissheit wachsen, dass der Dreieine Gott uns von innen her trägt, verwandelt und in sein Auferstehungsleben hineinzieht, auch wenn unsere äußige Situation unverändert scheint.
Herr Jesus Christus, Du bist die Auferstehung und das Leben – danke, dass Dein Weg des Sterbens und der Auferstehung nicht nur eine Geschichte vergangener Tage ist, sondern die Quelle unseres Lebens heute. Vater, wir preisen Dich, dass Du in Christus und durch den Geist zu uns gekommen bist und nun selbst in unserem inneren Menschen wohnst. Lass Dein Auferstehungsleben in allen Bereichen unseres Daseins wirksam werden, in unserer Schwachheit, in unseren Verletzungen und in allem, was in uns zu Ende geht. Dreieiner Gott, erfülle unser Denken, Fühlen und Wollen, damit inmitten von Verlust und Sterben neues Leben aus Dir hervorbricht. Stärke in uns die Gewissheit, dass nichts, was mit Dir stirbt, vergeblich ist, sondern in Deiner Auferstehung aufgehoben und verwandelt wird. In dieser Hoffnung wollen wir geborgen sein und aus Deiner Nähe Trost und Mut schöpfen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 73