Die Auferstehung des Menschen-Erretters (2)
Erfolg hat in unserer Welt ein Verfallsdatum: Spätestens am Grab scheint alles Erreichte zu zerbrechen. Die Bibel zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild von dem einen Menschen, dessen Weg nicht im Tod endet, sondern dessen Auferstehung jeden seiner Schritte bestätigt und in ein neues Licht stellt. Wer die Bedeutung dieser Auferstehung versteht, sieht nicht nur Jesus anders, sondern auch sich selbst, sein Sterben und seine Hoffnung.
Die Auferstehung als Siegel seines vollkommenen Werkes
Wenn ein Mensch stirbt, relativiert der Tod alles, was vorher groß erschien. Der Wohlstand des reichen Mannes mit den vollen Scheunen erweist sich im Angesicht der letzten Nacht als trügerische Sicherheit, weil sein Leben von Gott gefordert wird und seine Erfolge ihn nicht tragen können (Lukas 12:16–21). Bei Jesus ist die Richtung genau umgekehrt: Sein Tod ist nicht das Ende eines beeindruckenden Lebens, sondern der Wendepunkt, an dem Gott selbst eingreift und alles, was dieser Menschensohn lebte und litt, öffentlich beglaubigt. Darum bezeugt Petrus von Jesus als dem „Fürsten des Lebens“, dass die Menschen ihn töteten, „den Gott aus den Toten auferweckt hat, wovon wir Zeugen sind“ (Apostelgeschichte 3:15). Die Auferstehung ist keine nachträgliche Ehrenrettung seines Andenkens, sondern das göttliche Siegel auf die Realität jedes Wortes, jedes Gehorsamsschrittes, jedes Tropfens seines Blutes. Gott selbst stellt sich in der Auferweckung zu dem Weg, den Jesus als Mensch gegangen ist.
In der Tat wurde der Herr Jesus nicht getötet; Er hat Sein Leben selbst hingegeben. Dann ist Er auferstanden und hat Sein Leben wieder genommen. Daher war Seine Auferstehung der Erfolg des Menschen‑Erretters in all Seinem Wirken. Nichts von dem, was Er tat, war vergeblich. Alles, was Er tat, wurde durch Seine Auferstehung besiegelt und bestätigt. Hätte der Herr während Seines Lebens so vieles getan, wäre aber nicht von den Toten auferstanden, dann wäre Sein Verbleiben im Grab ein Zeichen des Scheiterns gewesen. Sein Auferstehen jedoch ist der Beweis Seines großen Erfolges in allem, was Er tat. Gott hat Christus zur Rechtfertigung und Bestätigung auferweckt. Der Herr selbst aber ist als Zeichen Seines Erfolges auferstanden. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsiebzig, S. 606)
So wird deutlich, weshalb Paulus schreiben kann, Christus sei „unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden“ (Römer 4:25). Am Kreuz nimmt er wirklich unsere Schuld auf sich; in der Auferstehung bestätigt Gott öffentlich: Dieses Opfer genügt, dieses Werk ist vollendet, diese Gerechtigkeit reicht. Zugleich bleibt wahr, was Jesus von sich sagt: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen“ (Joh. 10:18). In einem und demselben Geschehen wirken also zwei Perspektiven zusammen: als gehorsamer Mensch wird er vom Vater auferweckt; als ewiger Sohn nimmt er in göttlicher Vollmacht sein Leben wieder. Wenn der Auferstandene mit seinen Jüngern isst und trinkt und ihnen den Heiligen Geist einhaucht, ist das mehr als ein Beweis seiner Lebendigkeit: Es zeigt, dass nichts von seinem Werk im Grab geblieben ist. Sein Gehorsam trägt Frucht in neuen Menschen, sein Leiden wird zur Quelle eines neuen Lebensstroms. Wer auf diesen auferstandenen Menschen-Erretter sieht, darf innerlich aufatmen: Kein verborgener Schritt seines Weges war vergeblich, und darum ist auch kein ehrlicher Schritt des Glaubens, der sich an ihn hängt, verloren. In der Auferstehung steht über seinem Werk und über unserem Vertrauen dasselbe göttliche Wort: gültig – jetzt und für immer.
den Fürsten des Lebens aber habt ihr getötet, den Gott aus den Toten auferweckt hat, wovon wir Zeugen sind. (Apg. 3:15)
der unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist. (Röm. 4:25)
Die Auferstehung Jesu befreit aus der heimlichen Angst, am Ende könnte sich alles Vertrauen als Illusion erweisen. Weil Gott sein Leben und Sterben bestätigt und versiegelt hat, ruht Glaube nicht auf frommem Wunschdenken, sondern auf einer bereits gesprochenen göttlichen Zustimmung. Wer mit seinem brüchigen Gehorsam, mit unvollkommenen Entscheidungen und halb verstandenen Schritten zu diesem auferstandenen Herrn kommt, findet in ihm den, dessen Weg vollständig gelungen ist. In der Gemeinschaft mit ihm wird das eigene Leben nicht automatisch glänzend, aber es bekommt eine neue Gewissheit: Was in seiner Hand liegt, endet nicht im Grab, sondern in der Bestätigung des Vaters. Diese Gewissheit trägt durch Tage, an denen nichts erfolgreich aussieht, und lässt hoffen, dass Gott eines Tages sichtbar zeigen wird, was er schon jetzt in der Verborgenheit durch die Kraft der Auferstehung gestaltet.
Der Sieg über Tod, Satan, Hades und das Grab
Tod, Satan, Hades und Grab erscheinen wie eine verschworene Macht, vor der jedes Menschenleben schließlich niederkniet. Unter normalen Bedingungen endet alles Menschliche im gleichen Schweigen: Körper zerfallen, Geschichten werden vergessen, Beziehungen werden durch den Tod auseinandergerissen. In der Auferstehung Jesu stößt diese Macht zum ersten Mal an eine Grenze, an der sie sich als begrenzt erweist. Von ihm heißt es, Gott habe ihn auferweckt, „nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde“ (Apg. 2:24). Der Tod hielt ihn fest wie eine Gebärende ihre Wehen – aber diese Wehen endeten nicht in endgültigem Verstummen, sondern in Geburt. Was der Tod umschließen wollte, entgleitet ihm und kommt in einer neuen Weise zum Vorschein: der Menschensohn in unzerstörbarem Leben.
Zweiter Timotheus 1:10 sagt, dass Christus „den Tod zunichte gemacht und Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“. Christus hat den Tod zunichte gemacht, indem Er ihn wirkungslos machte, durch Seinen teufelzerstörenden Tod (Hebr. 2:14) und Seine todverschlingende Auferstehung (1. Kor. 15:52-54). Im Evangelium wird uns die Offenbarung gebracht, dass Christus den Tod zunichte gemacht und uns ewiges, unzerstörbares Leben gebracht hat. Christus wurde offenbar, um den Tod zunichte zu machen und das ewige, unzerstörbare Leben hereinzubringen. Er hat den Tod nicht nur besiegt - Er hat ihn zunichte gemacht. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsiebzig, S. 607)
Dieses Geschehen ist nicht nur ein heroischer Einzelsieg. Hebräer 2:14 beschreibt, was am Kreuz und in der Auferstehung geschah: Christus nahm „in gleicher Weise an denselben Anteil“, an Blut und Fleisch, „damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel“. Der Tod ist also nicht einfach umgangen oder überlistet worden, sondern an seiner Wurzel getroffen: Die Macht, die ihn als Waffe gegen den Menschen einsetzte, ist entmachtet. Darum kann Paulus verkünden, dass der Tod verschlungen wurde in Sieg und sein Stachel verloren ist (1. Korinther 15:54). Wenn der Auferstandene in der Offenbarung als der Lebendige spricht: „Ich wurde tot, und siehe, ich bin lebendig in Ewigkeit; und ich habe die Schlüssel des Todes und des Hades“ (Offb. 1:18), ist das das Bild eines Herrschers, der die Türen des letzten Gefängnisses öffnen und schließen kann.
Damit ist der Tod für diejenigen, die zu Christus gehören, nicht mehr der unberechenbare Gegner, der ihnen das letzte Wort entreißt. Er bleibt eine ernste Realität und ein schmerzhafter Einschnitt, aber er ist nicht mehr Herr. Sein Schrecken verliert seine absolute Macht, weil hinter ihm nicht mehr ein finsteres Nichts, sondern der auferstandene Herr steht, der durch diese Tür hindurchgegangen ist und sie von innen her aufgeschlossen hat. Wer auf ihn vertraut, lebt zwar noch im Bereich der Vergänglichkeit, steht aber unter der Autorität dessen, der den Tod schon hinter sich hat. Aus dieser Perspektive bekommt auch das Warten auf die Vollendung eine andere Farbe: Es ist nicht das Bangen, ob der Sieg jemals groß genug sein wird, sondern das geduldige Leben in einem bereits entschiedenen Kampf. Die Auferstehung hat die Front aus Tod, Satan, Hades und Grab gebrochen; in dieser Gewissheit darf selbst die eigene Sterblichkeit zum Ort werden, an dem die Treue des Lebendigen sichtbar wird.
den hat Gott auferweckt, nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde. (Apg. 2:24)
Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Hebr. 2:14)
Die Nachricht von der entmachteten Herrschaft des Todes verändert den Ton, in dem ein Mensch über seine Zukunft und über das Sterben spricht. Wo bisher nur das drohende Ende im Blick war, steht nun eine Person vor Augen, die durch dieses Ende hindurchgegangen ist und lebt. Das nimmt dem Leiden nicht seine Schwere, aber es verlegt den Schwerpunkt: Nicht der Tod definiert, was aus einem Leben wird, sondern Christus, der darüber Herr ist. In dieser Sicht wird Trauer nicht klein geredet, und zugleich erhält sie einen stillen Unterton der Hoffnung, weil der, der die Schlüssel des Todes hat, auch über den Moment hinaus gegenwärtig bleibt. Unter dieser Herrschaft des Auferstandenen darf das eigene Leben – mit allen Grenzen, Krankheiten und Brüchen – zu einem Weg werden, auf dem die Macht des Todes Schritt für Schritt an Einfluss verliert und die Kraft seines unvergänglichen Lebens zugleich an Tiefe gewinnt.
Verherrlichte Menschheit und die Geburt des Erstgeborenen
Jesus beschreibt sich selbst als Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12:24). In diesem Bild liegen Tod und Wachstum dicht beieinander. Ein Korn, das in der Hand bleibt, bewahrt zwar seine Form, aber sein verborgenes Leben bleibt eingeschlossen. Erst wenn es in die Erde gelegt wird, wenn die Hülle aufbricht und das Korn äußerlich zerfällt, wird deutlich, was in ihm angelegt ist: ein Leben, das hinaustreibt, Halme bildet und schließlich als volle Ähre sichtbar wird. Diese Ähre ist nicht etwas völlig anderes als das Korn, sondern die Entfaltung dessen, was immer schon in ihm war – eine Art Verherrlichung durch sichtbares Werden.
Nach Seinem eigenen Wort in Johannes 12:24 war der Herr Jesus ein Weizenkorn, das in die Erde fiel und starb. Aber während Er in der Erde starb, wuchs Er auch. Schließlich „blühte“ Er in der Auferstehung auf und brachte viele Körner hervor. Diese Körner sind Seine Verherrlichung. Weizen, der auf einem Feld wächst, ist die Verherrlichung all der Weizenkörner, die in dieses Feld gesät wurden. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsiebzig, S. 608)
So trägt der Sohn Gottes in seiner Menschwerdung die Gestalt eines einfachen Menschen, mit allen Begrenzungen unserer menschlichen Natur, jedoch ohne Sünde. Er ist wirklich einer von uns, und gerade in dieser Niedrigkeit bleibt seine göttliche Herrlichkeit zunächst verborgen. Durch seinen Tod am Kreuz wird die äußere Hülle seiner irdischen Existenz zerbrochen, und in der Auferstehung tritt hervor, wer er in Wahrheit ist: der verherrlichte Gott-Mensch, dessen Leben nicht mehr der Vergänglichkeit unterliegt. In diesem Zusammenhang spricht Jesus: „Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche Deinen Sohn, damit der Sohn Dich verherrliche“ (Johannes 17:1). Die Auferstehung ist die Antwort des Vaters auf dieses Gebet: Die Menschheit Jesu wird in die Herrlichkeit der Gottheit aufgenommen, ohne aufhören Mensch zu sein.
Gleichzeitig geschieht in der Auferstehung etwas Neues in seiner Beziehung zu uns. Der ewige einziggeborene Sohn Gottes, der von Ewigkeit her nur die göttliche Natur hatte, wird in der Auferstehung als Mensch von Gott „geboren“ und so der Erstgeborene unter vielen Brüdern. Petrus preist Gott, „der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1. Petrus 1:3). Was am Weizenkorn nur Bild war, wird nun in Menschen Wirklichkeit: Durch die Auferstehung Christi setzt Gott ein neues Menschengeschlecht in die Welt, Menschen, die nicht nur Geschöpfe sind, sondern durch Wiedergeburt Anteil an Gottes eigenem Leben erhalten. Sie bleiben menschlich, aber sie tragen als von Gott Geborene die göttliche Natur in sich, wie es auch in 2. Petrus 1:4 bezeugt wird.
Dass Christus der Erstgeborene genannt wird, bedeutet: Er ist nicht allein geblieben. Ihm folgen viele, die in seinem Bild umgestaltet werden, Menschen, in denen menschliche Natur und göttliches Leben miteinander verbunden sind. Überall dort, wo die Gemeinde als Gemeinschaft dieser „vielen Körner“ sichtbar wird, zeigt sich ein Vorgeschmack auf das reife Feld, in dem der Sohn des Menschen verherrlicht ist. Diese Verherrlichung ist nichts Abstraktes; sie spiegelt sich in konkreten Menschen, deren Hoffnung nicht mehr an die engen Grenzen des alten Lebens gebunden ist, sondern an den, der sie in seiner Auferstehung mit hinaufgenommen hat. Inmitten eines Alltags, der oft unscheinbar bleibt, darf so eine stille Freude wachsen: Der Erstgeborene steht bereits in der Herrlichkeit, und in seinem Licht reift langsam, aber sicher, was Gott in seinen Geschwistern begonnen hat.
Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12:24)
Diese Dinge sprach Jesus, und Seine Augen zum Himmel aufhebend sagte Er: Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche Deinen Sohn, damit der Sohn Dich verherrliche; (Joh. 17:1)
Die Vorstellung, dass der auferstandene Christus als verherrlichter Gott-Mensch beim Vater steht und zugleich als Erstgeborener eine ganze Familie von Gott-Geborenen repräsentiert, schenkt eine neue Würde auch den unspektakulären Bereichen des Lebens. Was äußerlich klein und brüchig wirkt, ist in seinem Licht Teil einer größeren Bewegung: der Reifung vieler Körner zu einem Feld, das seine Herrlichkeit widerspiegelt. Die eigene Identität hängt dann nicht mehr vorrangig an wechselnden Leistungen oder Eindrücken, sondern an der Zugehörigkeit zu diesem Erstgeborenen. So kann das Bewusstsein wachsen, dass der Weg durch Schwachheit und Unscheinbarkeit hindurch nicht das Gegenteil von Verherrlichung ist, sondern der Boden, auf dem die Frucht seiner Auferstehung heranwächst. In dieser Sicht werden auch leise Schritte des Vertrauens kostbar, weil sie in die große Geschichte eingebettet sind, in der Gott seinen Sohn im Herzen vieler Brüder und Schwestern verherrlicht.
Herr Jesus Christus, auferstandener Menschen-Erretter, danke, dass deine Auferstehung jedes Werk deines Kreuzes bestätigt, den Tod entmachtet und unsere menschliche Schwachheit in deine göttliche Herrlichkeit hineinzieht. Du bist der Erstgeborene unter vielen Brüdern, und in dir bekommen auch wir Anteil an einem Leben, das der Tod nicht mehr überwinden kann. Richte unseren Blick neu auf deine vollbrachte Erlösung, wenn Angst vor Sterben, Schuld oder Zukunft unser Herz bedrückt, und lass die Kraft deiner Auferstehung unsere Hoffnung, unsere Freude und unser Vertrauen auf den Vater lebendig machen. Fülle dein Volk mit der Gewissheit, dass nichts und niemand deine Siegesbahn rückgängig machen kann, und lass uns aus dieser Gewissheit in deiner Gegenwart geborgen und getröstet leben. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 71