Die Auferstehung des Menschen-Erretters (1)
Wenn über die Auferstehung Jesu gesprochen wird, denken viele zuerst an Traditionen, Festtage und Symbole – doch die Bibel führt uns viel tiefer. Sie zeigt, dass es hier nicht nur um ein wundersames Ereignis in der Vergangenheit geht, sondern um Gottes Antwort auf die Person und das Werk seines Sohnes. Zwischen der scharfen Verwerfung Jesu durch die religiösen Führer und der stillen, aber mächtigen Tat Gottes in der Auferstehung spannt sich ein gewaltiger Bogen: Wer hat am Ende recht – die Menschen, die Jesus verurteilten, oder Gott, der ihn aus den Toten auferweckte? Und was hat diese göttliche Entscheidung mit unserer eigenen Stellung vor Gott zu tun?
Gottes Rechtfertigung des Menschen-Erretters
Auf Golgatha schien das Urteil über Jesus endgültig gesprochen. Die religiösen Leiter hatten ihn als Gotteslästerer verurteilt, der römische Statthalter als gefährlichen Störer der Ordnung abgeurteilt, das Volk hatte „Kreuzige ihn!“ gerufen. Seine Person war diffamiert, sein Dienst diskreditiert, sein Anspruch, vom Vater gesandt zu sein, schien widerlegt. Der Menschen-Erretter hing am Kreuz wie ein gewöhnlicher Verbrecher, verschwand im Grab eines anderen, und die öffentliche Meinung schien eindeutig gegen ihn. Doch der Himmel schwieg nicht. Ohne Polemik, ohne Gegenpropaganda, einfach durch eine Tat, hob Gott das irdische Urteil auf: Er weckte den Gekreuzigten auf aus den Toten. So heißt es in der Pfingstpredigt: „den hat Gott auferweckt, nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde“ (Apg. 2:24). Das Kreuz war das Urteil der Menschen, die Auferstehung ist die Entscheidung Gottes.
Angenommen, der Menschen-Heiland wäre nicht auferstanden. Angenommen, Sein Leib wäre im Grab zurückgeblieben. Wäre dies der Fall, dann hätten die jüdischen Führer den Fall gewonnen. Gott jedoch hat Christus auferweckt und Ihn dadurch gerechtfertigt. Diese Art der Rechtfertigung war außergewöhnlich. Nachdem der Herr gekreuzigt und begraben worden war, hat Gott Ihn aus den Toten auferweckt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebzig, S. 599)
In der Apostelgeschichte wird dieses göttliche Gegenurteil immer wieder betont: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, wofür wir alle Zeugen sind“ (Apg. 2:32); und Petrus bekennt: „den Fürsten des Lebens aber habt ihr getötet, den Gott aus den Toten auferweckt hat, wovon wir Zeugen sind“ (Apg. 3:15). Die Auferstehung ist nicht nur ein Wunder unter vielen, sie ist Gottes öffentliche Rehabilitierung der Person Jesu. Gott erklärt vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt: Dieser, den ihr verwarfen, ist mein Gesandter; dieser Weg, den ihr verurteilt habt, ist mein Weg; dieses Leben, das ihr für vergeblich hieltet, ist mein Wohlgefallen. In der Auferstehung bestätigt der Vater, dass der Menschen-Erretter in seinem ganzen menschlichen Leben, in seinen Worten, seinen Zeichen und in seinem Sterben vollkommen im Einklang mit ihm stand. Wer sich an den Auferstandenen hält, stellt sich daher nicht auf die Seite einer religiösen Minderheitsmeinung, sondern auf die Seite des göttlichen Urteils. Das macht innerlich frei: Nicht der wechselhafte Zuspruch von Menschen entscheidet über den Wert von Christus und über unsere Bindung an ihn, sondern Gottes unwiderrufliche Bestätigung im leeren Grab. Gerade dort, wo Bewertungen, Missverständnisse und Urteile von außen schwer auf der Seele liegen, lädt die Auferstehung ein, sich an dieses eine Urteil zu klammern: Gott steht zu seinem Menschen-Erretter – und in ihm auch zu denen, die ihm vertrauen.
den hat Gott auferweckt, nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde. (Apg. 2:24)
Diesen Jesus hat Gott auferweckt, wofür wir alle Zeugen sind. (Apg. 2:32)
Die Auferstehung ruft dazu, die lauteste Stimme über Jesus – und damit auch über unser Leben in seiner Nachfolge – nicht bei Menschen, sondern bei Gott zu suchen. Wer sich vom göttlichen Urteil im auferweckten Christus bestimmen lässt, findet Haltung mitten in Widerspruch, Trost in Verkennung und leise Freude daran, dass letztlich nicht das irdische, sondern das himmlische Gericht über unserem Weg das letzte Wort haben wird.
Gottes Zustimmung zu Jesu allumfassendem Erlösungswerk
Das Erlösungswerk Jesu ist größer als ein einzelnes Ereignis am Kreuz. Es umfasst seine ganze Sendung: die Demütigung der Menschwerdung, das verborgene Wachsen in der Familie, das schlichte, aber gehorsame menschliche Leben, den Dienst in Wort und Tat, den Gehorsam bis zum Tod und schließlich die Auferstehung. Wenn die Schrift Jesus „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“ nennt (Johannes 1:29), dann sieht sie nicht nur den Augenblick seiner Kreuzigung, sondern den ganzen Weg, auf dem er sich dem Willen des Vaters zur Verfügung gestellt hat. Am Kreuz bündelte sich dieses Leben des Gehorsams: Dort trug er unsere Sünden, dort stellte er sich der Macht der Sünde, dem alten Menschen und dem, der „die Macht des Todes hat, das heißt dem Teufel“. Über diesen umfassenden Sieg heißt es: „damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel“ (Hebr. 2:14).
Das allumfassende Erlösungswerk Christi schließt auch Seine Menschwerdung ein. Es begann mit Seiner Menschwerdung und wurde in Seiner Auferstehung vollendet. Alles, was Christus während seiner dreiunddreißigundeinhalb Jahre auf der Erde tat, gehörte zu Seinem Erlösungswerk. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebzig, S. 596)
Doch ob dieses allumfassende Erlösungswerk wirklich ausreichend ist, entscheidet nicht unser wechselhaftes Empfinden. Der Maßstab ist die Antwort des Vaters. Indem Gott Jesus aus den Toten auferweckt, setzt er sein Siegel unter das Werk seines Sohnes: Die Forderung der göttlichen Gerechtigkeit ist erfüllt, der Anspruch der Sünde gebrochen, die Macht des Todes durchstoßen. Paulus fasst diese göttliche Bestätigung in einem dichten Satz: Christus „ist unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden“ (Röm. 4:25). Die Auferstehung ist Gottes „Ja“ zu dem Weg des Sohnes, sein unwiderrufliches Einverständnis mit der Vollständigkeit des Erlösungswerkes. Für den Glaubenden bedeutet das Befreiung von dem subtilen Druck, noch „etwas beitragen“ zu müssen, um Gottes Zustimmung zu sichern. In der Auferstehung erklärt Gott, dass an dem Werk des Menschen-Erretters nichts mehr ergänzt werden kann und nichts mehr ergänzt werden muss. Wer sich in dieses Ja Gottes hineinstellt, beginnt, mit mehr Gelassenheit, Dankbarkeit und innerer Freiheit zu leben – getragen von der Gewissheit, dass über seinem Leben nicht der Satz steht „noch nicht genug“, sondern das göttliche Wort: „Es ist vollbracht – und ich habe es bestätigt.“
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Joh. 1:29)
Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Hebr. 2:14)
Wo die Auferstehung als Gottes Gütesiegel auf dem Erlösungswerk Christi erkannt wird, vergeht langsam der innere Zwang, sich vor Gott permanent beweisen zu müssen. Aus dem Getriebenen, der ständig nachbessern will, wird ein Mensch, der aus der Zustimmung des Vaters im auferstandenen Sohn lebt: nicht passiv oder gleichgültig, sondern getragen von einer Ruhe, in der Hingabe, Gehorsam und Dienst Antwort auf ein bereits gesprochenes Ja sind.
Die Auferstehung als Beweis unserer Rechtfertigung
Zwischen dem Tod und der Auferstehung Jesu spannt Paulus eine feine, aber entscheidende Linie: Christus „ist unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden“ (Röm. 4:25). Bildhaft gesprochen: Am Kreuz wurde die unermessliche Schuld bezahlt, in der Auferstehung stellt Gott die quittierte Rechnung aus. Hätte der Menschen-Erretter im Grab bleiben müssen, wäre der Tod der stärkere geblieben, dann bliebe für uns die bange Frage offen, ob Gott das Opfer seines Sohnes wirklich angenommen hat. Dass der Vater ihn aber aus den Toten auferweckt, ist der göttliche Beweis: Der Preis ist vollständig bezahlt, kein Restbetrag bleibt offen. In dieser Perspektive wird deutlich, warum die Auferstehung unlösbar mit unserer Rechtfertigung verbunden ist. Der Tod Christi ist die Grundlage, die Auferstehung ist die göttliche Bestätigung, dass diese Grundlage trägt.
Römer 4:25 sagt, dass Christus „um unserer Übertretungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist“. Der Tod Christi hat die gerechten Anforderungen Gottes vollständig erfüllt, sodass wir durch den Tod Christi von Gott gerechtfertigt werden können (Röm. 3:24). Seine Auferstehung ist der Beweis dafür, dass Gott mit Seinem Tod für uns zufrieden ist und dass wir aufgrund Seines Todes von Gott gerechtfertigt sind. In Ihm, dem Auferstandenen, sind wir von Gott angenommen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebzig, S. 601)
Darum verbindet Paulus im selben Zusammenhang Rechtfertigung und Gnade: „und werden umsonst gerechtfertigt durch Seine Gnade mittels der Erlösung, die in Christus Jesus ist“ (Röm. 3:24). „Umsonst gerechtfertigt“ heißt nicht billig, sondern: ohne eigenen Beitrag, allein auf der Grundlage dessen, was Christus getan hat und was Gott an ihm vollzogen hat. Der lebendige, auferstandene Christus ist gleichsam der sichtbare Garant unserer Annahme. Wer auf ihn schaut, sieht nicht nur den, der einst für uns starb, sondern den, in dem Gott sein Ja zu uns ausgesprochen hat. In Zeiten innerer Anklage, wenn alte Schuld oder neue Verfehlungen die Seele bedrücken, ist der auferstandene Herr mehr als eine tröstliche Erinnerung – er ist die lebendige Zusage Gottes, dass seine Forderungen in Christus erfüllt sind. Und gerade daraus erwächst eine stille, aber tragfähige Freude: Unsere Gerechtigkeit vor Gott hängt nicht an der Stabilität unserer Gefühle, sondern an der Unumstößlichkeit eines geöffneten Grabes und eines lebendigen Menschen-Erretters, der vor Gott und für uns lebt.
Die Folge ist eine Haltung, die weder in Selbstsicherheit noch in kleinmütiger Unsicherheit steckenbleibt. Wer die Auferstehung als Beweis seiner Rechtfertigung ergreift, lernt, nüchtern über sich selbst zu denken und zugleich kühn auf Christus zu blicken. Versagen verliert nicht seine Ernsthaftigkeit, aber es verliert die Macht, unser Verhältnis zu Gott zu definieren. Die Auferstehung stellt jeden Tag neu zwischen Gottes heiligem Anspruch und unsere unvollkommenen Antworten den Einen, der gestorben und auferweckt worden ist. In dieser Mitte wird das Vertrauen erneuert, die Freude genährt und die Bereitschaft gestärkt, wieder aufzustehen, weiterzugehen und zu wachsen – nicht, um sich Gerechtigkeit zu verdienen, sondern weil die Gerechtfertigten in der Kraft des Auferstandenen zu leben beginnen.
der unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist. (Röm. 4:25)
und werden umsonst gerechtfertigt durch Seine Gnade mittels der Erlösung, die in Christus Jesus ist, (Röm. 3:24)
Wer im auferstandenen Christus seine Rechtfertigung erkennt, lebt nicht mehr im Modus der ständigen Selbstverteidigung oder Selbstanklage, sondern in einer Beziehung, die von Gottes Zuspruch her bestimmt ist. Aus dieser Gewissheit heraus wird Umkehr möglich, ohne zu verzweifeln, und Gehorsam wird zur Antwort der Liebe auf eine bereits geschenkte Annahme – getragen von dem Wissen, dass derselbe, der für uns starb, jetzt als der Auferstandene unsere Gerechtigkeit ist.
Herr Jesus Christus, auferstandener Menschen-Erretter, danke, dass deine Auferstehung Gottes mächtige Antwort auf das Unrecht der Menschen und der klare Beweis für die Vollkommenheit deines Erlösungswerkes ist. Wo Anklage, Zweifel oder Schuldgefühle unser Herz bedrücken, darf dein leeres Grab lauter sprechen als jede innere Stimme und jede äußere Anklage. Himmlischer Vater, du hast deinen Sohn aus den Toten auferweckt und damit gezeigt, dass sein Opfer genügt; stärke unser Vertrauen, dass wir in ihm angenommen, gerechtfertigt und geliebt sind. Lass diese Gewissheit unsere Herzen trösten, unsere Identität prägen und unseren Alltag durchdringen, damit wir in der Kraft der Auferstehung hoffnungsvoll leben. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 70